Oh boy!

Vor einigen Tagen starb Hugh Hefner und als ich davon las, kam mir eigentlich nur in den Sinn, dass er ganz schön hohes Alter erreicht hatte. Trotz meines großen Interesses an Sexualität und Pornografie, haben mir die Bilder im Playboy nie irgendwas gegeben. Weder träumte ich davon, selbst mal nackt mit Weichzeichner und total niedlich und sauber-nackt fotografiert zu werden noch fand ich das in irgendeiner Form als Zuschauerin interessant. Jedes Mal wenn ich das Magazin in die Hand bekam und durchblätterte fand ich es langweilig. Ähnlich ging es mir mit Hugh Hefner. Für mich war er ein alter Mann im Schlafanzug, der nicht mein Typ ist und offensichtlich einen sehr eng eingegrenzten Frauengeschmack hat.

Nach seinem Tod las ich von Leuten, die Hefner als sexuellen Befreier feierten. Mir kam das etwas komisch vor. Frauen nackt zu fotografieren und immer nur Frauen unter 30 Jahren als Geschlechtspartnerin auszuwählen, schien mir nicht sonderlich befreit oder gar innovativ.

Ich stieß aber auch auf andere Texte. Zum Beispiel auf einen von Suzanne Moore, der Hefner gedroht hatte, sie zu verklagen, weil sie ihn als Zuhälter bezeichnet hatte. Julie Bindel bezeichnet Hefner in ihrem Text als Sexualtäter und Jessica Valenti legt dar, wie Hefner nicht die sexuelle Revolution startete, sondern davon profitierte. Susan Brownmiller bezeichnet ihn sogar als ihren Feind.

Mein Bild von Hefner entwickelte sich von egal zu „das muss schon ein sehr großes Arschloch“ gewesen sein. Im Playboy die Bilder einer nackt posierenden 10jährigen Brooke Shields zu drucken, ist meiner Meinung nach Kinderpornografie. Viele Berichte von den Frauen, die bei ihm gelebt haben, zeichnen ebenfalls das Bild eines äußerst unangenehmen Menschen. Kurzum: kaum hatte ich mich ein wenig mit dem Thema beschäftigt, fragte ich mich welcher Mensch mit einem funktionierenden Verstand könnte auf die Idee kommen, dass Hefner irgendwas Gutes für die sexuelle Revolution und/oder Frauen gemacht haben könnte.

Dann las ich ein Interview mit Camille Paglia. Jede Antwort in diesem Interview passt so gut in unsere Zeit, in der wir uns ständig fragen: „Das kann der/die doch nicht wirklich so gesagt haben und schon gar nicht wirklich glauben?!“. Jede Idiotie wird mit einer Inbrunst rausposaunt, so als wäre Nachdenken, Durchdenken und Reflektieren ein unnötiger Zeitvertreib.

Camille Paglia ist Professorin und Autorin und zugegebenermaßen wohl auch umstritten. Wie viel zu viele Leute scheint sie sich in der Rolle des reaktionären Enfant Terribles ganz wohlig zu fühlen.

Hefner reimagined the American male as a connoisseur in the continental manner, a man who enjoyed all the fine pleasures of life, including sex. Hefner brilliantly put sex into a continuum of appreciative response to jazz, to art, to ideas, to fine food. This was something brand new. Enjoying fine cuisine had always been considered unmanly in America. Hefner updated and revitalized the image of the British gentleman, a man of leisure who is deft at conversation — in which American men have never distinguished themselves — and the art of seduction, which was a sport refined by the French.

Nach dem was ich über Hefner gelesen habe, gab es wohl das Ritual, dass er in seinem Schlafzimmer auf verschiedenen Bildschirmen Pornos schaute, während seine Freundinnen entweder ihn oder sich gegenseitig „befriedigten“. Paglia selbst sagt, sie war nie auf einer seiner Partys gewesen aber meiner Meinung nach lebt sie eine ganz andere Fantasie, als die, die Hugh Hefner gelebt hat. Nach einem Wochenplan mit meinen Mitbewohnerinnen knutschen, während sich der einzige Kerl im Raum Pornos anschaut, ist nicht das was ich mir unter dem Sexleben mit einem Connaisseur vorstelle. Übrigens, die Frauen in der Mansion durften wohl keine Kohlenhydrate zu sich nehmen, soviel zu Thema „fine dining“.

Frage: What do you think about the fact that Trump’s childhood hero and model of sophisticated American masculinity was Hefner?

Antwort: Before the election, I kept pointing out that the mainstream media based in Manhattan, particularly The New York Times, was hopelessly off in the way it was simplistically viewing Trump as a classic troglodyte misogynist. I certainly saw in Trump the entire Playboy aesthetic, including the glitzy world of casinos and beauty pageants. It’s a long passé world of confident male privilege that preceded the birth of second-wave feminism. There is no doubt that Trump strongly identified with it as he was growing up. It seems to be truly his worldview.

But it is categorically not a world of unwilling women. Nor is it driven by masculine abuse. It’s a world of show girls, of flamboyant femaleness, a certain kind of strutting style that has its own intoxicating sexual allure — which most young people attending elite colleges today have had no contact with whatever.

Hat sie das wirklich gesagt? Ich möchte nicht tausende Argumente vorbringen, warum Trump sehr wohl ein Sexist ist, dazu wird und wurde aber schon viel geschrieben. Vielmehr frage ich mich, warum habe ich es nie genossen, wenn „Gentlemen“ mir an den Arsch gegriffen haben? Schließlich hat das ja nichts mit Misogynie oder Mechanismen zur strukturellen Unterdrückung von Frauen zu tun. Frauen zu hübschen Tanzaffen zu machen ist zum einen nach wie vor Realität und zum anderen nichts, auf das ich nicht auch gut verzichten könnte. Man sollte sagen, was für ein großes Glück es ist, dass junge Menschen in einem Elitecollege so einem Mist nicht mehr ausgesetzt sind. Aber ich glaube ohnehin, dass Paglia hier mal wieder in einer eigenen Fantasie fernab der Realtät schwelgt. Womöglich fände sie eine stilvolle Sexparty mit Tänzerinnen in Federboas, die in Pools springen super. Aber wie so viele Sexfantasien funktionieren sie nur, so lange man erregt ist. Danach und davor muss man einfach versuchen, mit seinen Mitmenschen klar zu kommen. Außerhalb des sexuellen Kontextes hat ein kleines Patschehändchen eben keinen Grund an den Po zu greifen.

The unhappy truth is that the more the sexes have blended, the less each sex is interested in the other. So we’re now in a period of sexual boredom and inertia, complaint and dissatisfaction, which is one of the main reasons young men have gone over to pornography. Porn has become a necessary escape by the sexual imagination from the banality of our everyday lives, where the sexes are now routinely mixed in the workplace.

Wie soll ich es Paglia sagen? Auch 2017 haben Menschen noch Sex, nicht wenige davon sogar vielfältigen, spannenden, guten, befriedigenden und oft auch mit wechselnden Partnern. Mich würde wirklich interessieren, welche Studie sie ihrer Aussage zugrunde legt. Außerdem ist mir an der Antwort etwas unklar: Warum nutzen heute nur junge Männern Pornografie? Hugh Hefner war über 90 als er starb. Er hat über Dekaden Pornografie hergestellt und unter die Leute gebracht. Hat also Hefner in den 50ern schon erkannt, dass Frauen nun auch arbeiten gehen und den Männern keine andere Lösung bleibt, als sich in die Welt der Pornografie zu flüchten? Ist er für Paglia der Urvater männlichen Eskapismus?

And American women don’t know what they want any longer. In general, French women — the educated, middle-class French women, I mean — seem to have a feminine composure, a distinct sense of themselves as women, which I think women in America have gradually lost as they have won job equality in our high-pressure career system.

An dieser Antwort mag ich den Elitismus (nicht die dumme französische Frau, sondern nur die studierte Französin) und die Tatsache, dass Paglia wohl nicht so oft in Europa war. Dann wüsste sie, dass Französinnen sehr viel arbeiten und selbst mit Kindern sehr schnell und fast immer in Vollzeit in ihren Job zurückkehren. Ihre Männer müssten also unentwegt in Pornos fliehen, weil Frauen und Männer in Frankreich ständig und routiniert am Arbeitsplatz aufeinandertreffen.

We can see that what has completely vanished is what Hefner espoused and represented — the art of seduction, where a man, behaving in a courtly, polite and respectful manner, pursues a woman and gives her the time and the grace and the space to make a decision of consent or not.

Nach allem was ich über Hefner gelesen habe, läuft mir ein kalter Schauer über den Rücken, wenn ich mir vorstelle, dass er mich verführen will. Aber abgesehen von der Person Hefner, nichts von dem was ich im Playboy jemals gelesen habe, schien mir auf das Verführen von Frauen ausgelegt. Verführung hat doch damit zu tun, jemanden sein Begehren zu zeigen, rauszufinden ob es auf Gegenseitigkeit beruht und in einem zweiten Schritt sich gegenseitig einen ekstatischen Spaß zu bereiten. Aber eine Poolparty mit wenigen Männern und vielen Frauen mit Hasenohren hat doch so viel mit Verführung zu tun wie eine Bahnhofstoilette mit einem Boudoir.

What possible romance or intrigue or sexual mystique could survive such a vulgar and debased environment as today’s residential campus social life?

Man könnte meinen, Paglia würde über die Playboy Mansion sprechen aber sie meint tatsächlich das aktuelle Collegeleben. Ich lache hart.

Yes. Women’s sexual responses are notoriously slower than men’s. Truly sophisticated seducers knew that women have to be courted and that women love an ambiance, setting a stage.

Es mag sein, dass es Menschen gibt, die mehr oder weniger Zeit, mehr oder weniger Intimität benötigen, um sich sexuell zu begeistern. Aber ich kann es einfach nicht mehr hören, wenn dieses Verhalten geschlechtsspezifisch zugeordnet wird. Es ist totaler Blödsinn.

Young women are being taught that men have all the power and have used it throughout history to oppress women. Women don’t seem to realize how much power they have to crush men! Strong women have always known how to control men.

Das ultimative Argument gegen jede Form von Gleichberechtigung und Feminismus. Frauen sind manipulativen, damit haben sie ohnehin schon die Weltmacht müssen sie nun gar nicht offiziell einfordern. Nope, Danke, den vergifteten Trank weise ich zurück und fordere Gleichberechtigung. Ich möchte mir Gleichberechtigung nicht erschleichen, sie steht mir zu.

And it’s kind of a double whammy — when women are able to produce movies that bring in big bucks on the international stage, that’s when woman directors will get more chances. But women can certainly cut their teeth by making really important, low-budget films. I want to see them! Show us. Show us the quality of your mind and your work, okay? At a certain point, it’s counterproductive when you’re claiming that someone else always has to open doors for you.

Das nächste große Argument. Der Markt wird es schon richten, wenn die Welt Werke (Filme, Bücher usw) von Frauen sehen will, dann gäbe es einen Markt dafür. Frauen sollen nicht weinen, sondern einfach mal machen, wenn sie scheitern ist nicht das System, sondern sind sie selbst verantwortlich. Katharina Herrmann hat hierzu einen ganz großartigen Text über Frauen in der Literatur geschrieben. Den kann man genauso gut auf die Filmbranche anwenden und sie widerlegt jede einzelne Silbe Paglias.

There are all kinds of complex currents in men’s relationship to women that feminism refuses to acknowledge. The main one is men’s often very unstable or ambivalent relationship with their mothers.

Oh dear. Was für ein Männerbild und diese Annahme, dass Männer nicht in der Lage sein können, ihr Leben selbstverantwortlich zu leben. Meiner Tochter werde ich übrigens den Tipp geben, um Männer, die ihre Probleme auf andere abwälzen, einen sehr großen Bogen zu machen.

I think feminism is wildly wrong when it portrays men as the oppressor, when in fact men, as I have argued in my books, are always struggling for identity against the enormous power of women.

Sagte er, während er seine Frau verprügelte.

So furchtbar das Interview mit Camille Paglia ist, so wunderbar fasst es auch zusammen, was derzeit schief läuft. Die Forderungen nach Gleichberechtigung werden auf perfide Art und Weise ausgehebelt. Der Mann wird als doppeltes Opfer darstellt. Auf der einen Ebene als Opfer der ohnehin starken und manipulativen Frau und zum anderen als Oper der neuen Struktur, die ihn ihn abstumpfen lässt und zum portosüchtigen Monster macht. Die Frau leidet angeblich darunter, weil der Mann sich nicht mehr fest binden möchte und weil die Sexualität zwischen Frau und Mann zu Fastfood verkommt.

Das Problem ist, dass Männer wie Frauen Menschen sind. Damit einher geht die Tatsache, dass beide Geschlechter für ihr Verhalten verantwortlich sind. Die Mutter als Ausrede für schlechtes Verhalten heranzuziehen zeigt, eine fehlende geistige Reife und Faulheit. Das sind dann keine Connaisseure oder Verführer, sondern Männern die ganz offenbar ihr Leben nicht im Griff haben. Vielen Dank gehen Sie weiter, von mir bekommen sein weder Verständnis noch Mitleid.

Jens Spahn plant in der nächsten Legislaturperiode Geburten

Als ich 10 Jahre alt war, zog ich mit meinen Eltern von Aachen aufs Land. Meine Mutter hatte für uns einen schönen alten Bauernhof gefunden und umgebaut. Wichtig bei der Suche nach einem Haus war die Distanz zum Arbeitsplatz meines Vaters gewesen. Er musste innerhalb von wenigen Minuten im Krankenhaus sein können. Zwei Wochen im Monat hatte mein Vater Hintergrunddienst. Abends, nachts und am Wochenende trug er dann immer sein Krankenhaustelefon oder später sein Handy mit sich. Wenn es Komplikationen gab, rief man ihn an und egal ob er gerade schlief, mit uns zu Abend aß, fern sah oder im Garten saß, innerhalb von kürzester Zeit saß er im Auto und fuhr los. Mehr als 20 Jahre war mein Vater Chefarzt der Gynäkologie eines städtischen Krankenhauses. Um die unfreundlichen Arbeitszeiten und den Stress, der mit akuten Krankheiten und Komplikationen einhergeht, mitzumachen, muss man seinen Job wirklich mögen. Das gilt im übrigen für das gesamte Krankenhauspersonal, das oft nicht mal besonders gut bezahlt wird.

In den 90er Jahren fand ein Wandel in den Krankenhäusern statt. Die Ausgaben im Gesundheitssektor wurden in Frage gestellt und die flächendeckende Gesundheitsversorgung war nicht mehr der Hauptfokus. Mein Vater wusste, dass seine Station geschlossen werden könnte, wenn am Ende des Jahres nicht genug Entbindungen gezählt wurden. Als mein Vater anfing, gab es im Landkreis mit 250.000 Menschen auf 627,99 km2 ingesamt drei Krankenhäuser mit Entbindungsstationen, heute sind es nur noch zwei. Die nächste Station, die auf Neonatologie spezialisiert ist, liegt 50km entfernt im Klinikum einer größeren Stadt. In einigen Teilen des Kreises fahren einige Mütter lieber in eine niederländische Nachbarstadt, weil das schneller ist, als die 20 minütige Fahrt zum nächsten deutschen Krankenhaus im Kreis.

Daran musste ich heute denken, als ich einen Text von Mother Hood e.V. las. Am 18. August hatten sich am Wahlkampfstand der CDU in Worms Dr. Pia Müller und Daniela Koch mit Jens Spahn über die aktuellen Probleme in der Geburtshilfe (Kreißsaalschließungen, Personalmangel in den Kliniken, große Lücken in der Hebammenversorgung) unterhalten. Als ich heute den Bericht – in Form eines offenen Briefs – über das Gespräch las, wusste ich nicht, ob ich lachen oder weinen soll.

Jens Spahn sollte sich mit dem Thema Gesundheit und medizinische Versorgung eigentlich ganz gut auskennen. Zwischen 2009 und 2015 war er Gesundheitspolitischer Sprecher der CDU/CDU-Bundestagsfraktion. Er schreibt:

„(Ich) konnte in dieser Funktion einige wichtige Reformen mitgestalten. Wichtig ist, dass wir den Patienten in den Mittelpunkt stellen, oftmals sind die Diskussionen in diesem zentralen Politikfeld leider sehr abstrakt.“

In dem offenen Brief, der sich auf drei Aussagen von Spahn im Laufe des Gesprächs bezieht, klingt das ganz anders. Hier möchte ich kurz auf Spahns Reaktion auf Twitter hinweisen. Dort schreibt er, dass seine Äußerungen aus dem Zusammenhang gerissen worden seien und wohl auch aus dem Gedächtnis falsch zitiert wurden.

Interessant wäre, wenn Jens Spahn seine Postionen zu dem Thema nochmal selbst darstellen würden. Bis jetzt ist das nicht passiert. Ich gehe daher erstmal davon aus, dass Pia Müller und Daniela Koch seine Aussagen richtig wiedergegeben haben.

„Die Politik kann nicht verantwortlich für eine flächendeckende Versorgung mit Geburtshilfe sein. Kliniken sind unabhängig und müssen wirtschaftlich arbeiten.“

Jens Spahn ist offensichtlich ein sehr großer Freund neoliberaler Ansätze. Zunächst wurde die Krankenversorgung durch politische Entscheidungen privatisiert und jetzt wird die Verantwortung dafür zurückgewiesen. In Spahns Welt entscheidet der Markt über die Gesundheit und das Wohl der Menschen. Was für ein abwegiger Gedanke es ihm scheint, dass Politik im Sinne der Menschen eines Landes handeln könnte. Die Wirtschaftlichkeit eines Krankenhausbetriebs steht für Spahn über der Gesundheit der Menschen.

Ich frage mich, ob der Spahn, der sich gegen Fahrverbote ausspricht, auch folgendes sagen würde:

„Die Politik kann nicht verantwortlich für ein flächendeckendes Straßennetz sein. Straßen sind unabhängig und müssen wirtschaftlich arbeiten.“

Aber im Umgang mit Menschen ist einem Spahn vor allem wichtig, dass er seinen Kaffee in Landessprache bestellen kann. Immerhin erläutert er im Gespräch wohl auch, warum die Politik nicht für eine flächendeckende Versorgung mit Geburtshilfe verantwortlich sein möchte:

„Wissen Sie, was es kostet, eine flächendeckende [wohnortnahe] Versorgung aufrecht zu erhalten?“

Eine gute Versorgung von schwangeren Frauen und ihren Babys ist einfach zu teuer. Dafür müssen wir Verständnis haben. Für Herrn Spahn stehen die Patientinnen/Menschen genau so lange im Mittelpunkt bis es Geld kostet, dann steht der Markt im Mittelpunkt. Es scheint mir, als hätte Jens Spahn überhaupt kein Interesse an Menschen. Es geht ihm nicht darum, dieses Land lebenswerter oder sozialer zu machen. Er möchte schlicht kein Geld für die Menschen ausgeben, die ihn wählen, lächelt aber freundlich dabei und kämpft gegen Fahrverbote.

Aber man sollte nichts mit Bosheit erklären, das man nicht auch mit Dummheit begründen kann. Ein weiteres Zitat von Spahn lässt vermuten, dass er einfach keine Ahnung hat von dem, was er tut (er war ja mal gesundheitspolitischer Sprecher).

„Eine Geburt passiert ja nicht plötzlich und auch nicht alle zwei Wochen. Da kann man schon mal bereit sein weiter zu fahren.“

Wo anfangen?

Mein Vater lebte in der Nähe des Krankenhauses, weil Zeit ein essentieller Faktor bei einer Geburt sein kann. Wenn etwas schief läuft, ist das für alle Beteiligten eine sehr große Scheiße. Zeitliche Verzögerungen haben fatale Folgen. Wenn das Kind auch nur kurze Zeit unter Sauerstoffmangel leidet, kann es sein ganzen Leben lang davon beeinflusst sein. Blutungen bei der Mutter sind ebenfalls nicht zu unterschätzen und können – wenn nicht zeitnah behandelt – zum Tod führen. Es hat seinen Grund, weshalb es Zeiten gab, in denen viele Mütter und auch viele Kinder unter der Geburt gestorben sind.

Ich habe zwei Kinder geboren und durfte im Rahmen dieser Erlebnisse einen Großteil der medizinischen Geburtshilfepalette kennenlernen. Mein Sohn kam nach 24 Stunden per Kaiserschnitt zur Welt, meine Tochter kam auch Dank der Hilfe einer großartigen Beleghebamme spontan und rasant im CTG-Zimmer zur Welt. In beiden Fällen war ich froh, in Hamburg zu leben und mit dem Taxi nur ein paar Minuten zum Krankenhaus fahren zu müssen.

Für Menschen wie Spahn möchte ich kurz beschreiben, wie sich eine Geburt anfühlt: wie Fisting ohne Gleitcreme während man eine heftige Magen-Darm-Grippe hat und zwar über Stunden. Die Chuzpe zu haben, einer werdenden Mutter zu sagen, dass sie bereit sein soll etwas weiter zu fahren, ist in Anbetracht dessen, was sie ohnehin unter der Geburt durchmachen muss, so unsäglich dämlich, zynisch und dumm, dass ich Spahn gern meine Plazenta als Gruß aus der Küche servieren möchte. Wie soll eine Schwangere denn unter Wehen einige Kilometer Auto fahren? Was ist wenn der Partner auf der Arbeit ist und sie allein zu Hause ist? Soll sie einfach mal mit dem Taxi 50km zum nächsten Krankenhaus fahren unter Wehen? Der Taxifahrer wird sich bedanken, wenn die Fruchtblase platzt oder die Presswehen einsetzen, von Komplikationen möchte ich gar nicht erst sprechen. Und selbst wenn es die Möglichkeit eines Krankentransports geben sollte, dieser ersetzt nicht die Möglichkeiten in der Geburtshilfe. Was ist, wenn es dem Baby nicht gut geht? Schon mal mit einem Baby, das wegen Sauerstoffmangel blau anläuft eine größere Strecke im Auto gefahren?

Aber wie gesagt, wahrscheinlich ist Spahn gar nicht böse, sondern nur unwissend und inkompetent. Antje Schrupp schrieb hierzu auf Facebook:

Andererseits ist es kein Wunder, dass Parteien über Probleme, für die sie keine Lösung haben, auch nicht reden. Da ist es fast schon nett von Jens Spahn, dass er so unbekümmert einfach ausspricht, was in diesen Köpfen Sache ist.

Die Themen Carearbeit, Familie, Frauen und Kinder zählen nach wie vor zum „Gedöns“. Aussagen wie diese zeigen, dass diese Themen als irrelevant angesehen werden. So als würden die Wählerstimmen von den betroffenen Menschen gar nicht zählen. Jens Spahn lebt in einer Welt, in der das Thema Gesundheit für Mütter und Kinder egal ist. Verletzungen, Traumata, Tod und bleibende Schäden werden hingenommen, weil ja nunmal kein Geld da ist und die Politik angeblich überhaupt nicht dafür verantwortlich ist.

Aber das ist die Politik. Ich erwarte, dass Familienpolitik auch beinhaltet, das Wohl von Frauen und Kindern unter der Geburt zu berücksichtigen. Oder um es mit Spahns (leicht abgewandelten Worten) zu sagen:

„Wie merkwürdig und auch fremd im eigenen Land dürften sich die fühlen, die wie meine Eltern nie sicher gebären konnten: Sie kommen in ihre Hauptstadt und lernen das erste Mal flächendeckende Versorgung mit Geburtshilfe kennen.“

Originalzitat

Nachtrag vom 2.9.2017: Jens Spahn hat mit einem Brief an Mother Hood e.V. reagiert. Ich hoffe, dass die darin erwähnten Pläne und Maßnahmen umgesetzt und erfolgreich sein werden.

Sichtbarkeit einfordern

Diana Weis schrieb vor kurzem im Zeit-Magazin:

Die wirklich wichtige Frage, die sich Frauen an ihrem 40. Geburtstag stellen müssen, ist deshalb: Willst du das Aschenputtel sein oder eine der bösen Stiefschwestern? Willst du andere ewig auf dir rumtrampeln lassen, in der vagen Hoffnung, dass irgendein Prinz in deinem Schuh die Gestalt deiner wertvollen Seele erblickt? Oder nimmst du dein Schicksal lieber selbst in die Hand und pfeifst auf eine Natürlichkeit, die ohnehin nie eine war? […] Mit 40 Jahren haben Frauen noch viel vor sich. Es gibt Dinge, die wir noch erledigen müssen. Botox kann uns dafür wappnen. Wir sind noch nicht bereit für die Unsichtbarkeit.

Ich mochte den Text, weil es einige Aspekte des weiblichen Alterns und unserer Gesellschaft analysierte, die ich spannend, klug und richtig finde. Befremdlich finde ich allerdings die Schlussfolgerungen. Damit meine ich nicht die Nutzung von Botox, sondern die Kapitulation und die damit einhergehende Anpassung.

Witzigerweise erwähnt Diana Weis in der Metapher gar nicht die böse Stiefmutter. Dabei repräsentiert sie eigentlich den Kern dessen, was im Text steht. Die Stiefmutter hat erkannt, dass ein sozialer Aufstieg ihrer Töchter nur durch eine Hochzeit mit dem Prinzen möglich ist. Sie kämpft aber dagegen nicht an, sondern passt sich an und versucht nach den gesetzten Spielregeln für ihre Töchter eine bestmöglich Partie zu suchen. Sie weiß, dass sie das Interesse des Prinzen nur über die Attraktivität ihrer Töchter erreichen kann. Also muss sie ihre Stieftöchter bestmöglich präsentieren und notfalls sogar auf Täuschungen zurückgreifen. Sie weiß, dass der Handlungsspielraum von Frauen extrem eng ist. Der Wert einer Frau beziffert sich in ihrer Attraktivität und ihr Aufstieg ist an eine Beziehung mit einem möglichst einflussreichen Mann gekoppelt.

Und auch wenn Aschenputtel zunächst wie eine Antithese zu einem gängigen Schönheitsideal wirkt, ist sie im Grunde nichts anderes als ein schmutziger Diamant. Auch hier verliebt sich der Prinz erst, als Aschenputtel sich ihm herausgeputzt zeigen kann. Die Botschaft ist nicht, dass die Liebe überall hinfallen kann, sondern dass nur für echte schöne Frauen ein sozialer Aufstieg möglich ist.

In der Welt von Diana Weis hat sich also seit mehr als 200 Jahren – als die Brüder Grimm Aschenputtel in ihre Märchensammlung aufnahmen – nicht viel geändert. Die Fragen, die ich mir stelle sind: ist es wirklich so wie Weis beschreibt und wenn ja, warum sollte ich das so hinnehmen?

Wobei mir nicht ganz klar wurde, ob Weis meint, dass eine Frau ab 40 allgemein unsichtbar wird oder nur für Männer. Allgemein müssen Frauen nämlich nicht erst 40 Jahre alt werden, um unsichtbar zu sein. Gemäß dieser Studie werden Frauen bereits ab 30 Jahren im Fernsehen sukzessive unsichtbarer. Wenn also Maria Furtwängler einem Claus Kleber erklären muss, dass es keine Umerziehung ist, wenn man anhand einer wissenschaftlichen Studie feststellt, dass Frauen (nicht nur) im Fernsehen unterrepräsentiert sind, offenbart das, wie unerwünscht Frauen im öffentlichen und medialen Raum sind.

Die Studie hat ebenfalls analysiert: „Wenn Frauen gezeigt werden, kommen sie häufiger im Kontext von Beziehung und Partnerschaft vor.“ Frauen sind also nicht Experten oder Moderatoren, sondern Beziehungsmasse. Damit sind wir dann wieder bei der bösen Stiefmutter, die bereits erkannt hat, dass sich eine Frau nur in einer Beziehung – mit dem Prinzen – weiterentwickeln kann.

Insofern definiert sich Weis ganz klar auch über die Beziehung zu Männern. Sie spritzt sich lieber Botox als zu riskieren, dass sich kein Prinz mehr für sie interessiert. Diese Schlussfolgerung halte ich für fatal. Was für ein Ausmaß an Unterwerfung und Resignation offenbare ich, wenn ich mit einer Nadel voller Nervengift in der Stirn sage: „Es geht leider nicht anders. Wenn Du in unserer Welt wahrgenommen werden willst, musst Du den Männern gefallen.“

Fatal ist dieser Ansatz auch, weil das Botox nur an der Oberfläche eines großen Problems kratzt. Ich glaube ja, dass der größte Trick des Patriarchats ist, Frauen eine Verknappung der Ressource Mann vorzugaukeln. Als Frau ist es – unabhängig von Alter, Form usw – recht einfach, ein paarungswilliges Männchen zu finden. Um zu verhindern, dass Frauen zu viel Spaß dabei haben – so wie z.B. in dem Schweden, das Paulina Porizkova beschreibt – werden diffuse Mythen wie Monogamie, große Liebe und besonders begehrenswerte Männer geschaffen. Denn einen Mann abschleppen kann jede, aber einen Prinzen ein Leben lang zu halten, das ist die eigentliche Aufgabe einer Frau.

Das geht soweit, dass wir Frauen glauben, in einem Konkurrenzkampf um die besten Männer zustehen. Wir lesen uns Frauenzeitschriften durch, in denen wir angeleitete werden, Männer optimal zu befriedigen, wir halten unsere Körper schlank und straff, wir spritzen uns Botox und das alles weil unser Wert nur in Zusammenhang mit der Wertigkeit unseres Prinzen – der bei uns bleibt – gesehen wird.

Relevant ist hier vor allem die ökonomische Komponente. Der Prinz hat den Reichtum, das Aschenputtel nur ihre Schönheit. Patricia Cammarata hat sich neulich den 2. Gleistellungsbericht etwas genauer angeschaut. Dabei hat sie folgendes Zitat aus dem Bericht herausgestellt:

Studien deuten allerdings darauf hin, dass die Partnerinnen und Partner ihre Ressourcen keineswegs zur Verwendung „in einen Topf werfen“; vielmehr sieht es danach aus, als wirkten beim Ausgabeverhalten familieninterne Entscheidungsstrukturen und ökonomische Verhandlungspositionen (Beblo 2012: 193; Beblo/Beninger 2013; siehe auch Rees 2017).

Anders ausgedrückt, wer das Geld hat, entscheidet auch. Das heißt, Frauen sind unsichtbar, weil ihre wirtschaftliche Kraft geringer ist. Ältere Frauen betrifft das umso mehr, denn sie haben oft jahrelang unentgeltlich die Familienarbeit geleistet und häufig in Teilzeit deutlich weniger verdient.

Sollten wir hieran etwas ändern wollen, kann die Antwort jedenfalls nicht lauten, Botox zu spritzen. Vielmehr geht es darum, Sichtbarkeit einzufordern, aber auch die vorhandene wirtschaftliche Macht zu nutzen. Ich habe einfach keine Lust Geld für Filme auszugeben, bei denen Männern ihre Wall-Street-Gott-Fantasien ausleben, ich lese keine Bücher von ehemaligen linken alten Männern, die nun verbittert Anerkennung fordern, ich zähle Frauen auf Podien und gehe Leuten auf den Sack, die dumme Sachen sagen. Ich fordere eine Quote, nicht obwohl, sondern weil ich mir wünsche, dass Posten nach Qualifikation und nicht Geschlecht vergeben werden. Mir ist es egal als dick, unfickbar, alt oder was auch immer zu gelten. Meine Existenz ist nicht an meine Attraktivität oder einen Prinzen gekoppelt. Ich führe eine Partnerschaft, keine Herrchen-Hund-Gemeinschaft.

Ich verstehe, wenn jemand sagt, dass das ein (zu) anstrengender Weg ist. Ich verstehe die Resignation darüber, dass sich über Jahrzehnte und Jahrhunderte nur wenig bewegt. Ich verstehe den Frust und die Müdigkeit immer wieder mit den gleichen Leuten über Selbstverständlichkeiten zu diskutieren. Gleichzeitig bin ich aber mit 40 Jahren einfach noch nicht alt genug, mich und mein Gesicht mit Nervengift einzuschläfern.

Fußabwärts – Das Meer beginnt hier

Als im Frühjahr noch gar nicht daran zu denken war, in freien Gewässern zu schwimmen, las ich auf Facebook von der Elbschwimmstaffel. Diese Aktion wurde im Rahmen des Wissenschaftsjahres 2016*17 geplant. Die Wissenschaftsjahre sind eine Initiative des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) gemeinsam mit Wissenschaft im Dialog (WiD). Ziel ist ein Dialog, zwischen Forschung und Gesellschaft. Das Thema 2016 und 2017 ist die Meeresforschung.

Im Rahmen der Elbschwimmstaffel sollte nun die Elbe von Bad Schandau (bei Dresden) bis Geesthacht (bei Hamburg) in ingesamt 19 Etappen (575km) quasi fast bis zum Meer durchschwommen werden. Die Teilnahmebedingungen waren Volljährigkeit und das Bronzeabzeichen im Schwimmen. Beides trifft auch mich zu, also meldete ich mich für die 14. Etappe von Tangermünde bis Sandau am Freitag dem 7.7.17 an. Die Etappen sind eingeteilt in eine am Vormittag und eine am Nachmittag. Für jeden angemeldeten Schwimmer sind 2km vorgesehen. Man darf mehr angeben und ist dann ggf. Ersatzschwimmer für Ausfälle. Wegen der Anfahrt von über 200km entschied ich mich für den Nachmittag.

Im Vorfeld wurde ich bestens per Mail über den Ablauf informiert, z.B. dass ich auf das Floß nur 2kg Gepäck nehmen kann, die dann aber nicht abgewogen wurden. Ursprünglich sollten wir um 11:30 in Sandau beim Treffpunkt sein aber einen Tag vorher bekamen wir einen Anruf, dass 13:30 völlig reicht. Wegen des G20 fuhr ich trotzdem am Freitag früh schon um 7 Uhr mit Kindern und Babysitter los.

Wir waren einige Stunden zu früh, spazierten noch an der Elbe und gingen in Havelberg essen.

Am Treffpunkt stellte ich fest, dass meine Entscheidung sehr früh loszufahren richtig gewesen war, ein Schwimmer hatte es nicht geschafft, weil er aus Hamburg nicht rauskam. Zufällig wurden wir so die erste reine Frauengruppe. Zwei der Mitschwimmerinnen waren durchtrainierte Triathletinnen, außerdem war noch Bärbel dabei, die mit Mitte 60 regelmäßig bei Master-Schwimmwettbewerben mitmacht. Meike und ich aus Hamburg schwimmen gern im Freibad oder wenn es geht im offenen Gewässer. Selbstverständlich bekam ich ehrfürchtige Minderwertigkeitskomplexe. Aber die T-Shirts waren toll und der Stoff schön weich.

Mit dem Bus fuhren wir nach Arneburg, wo die Vormittagsgruppe ankommen würde. Wir fünf Schwimmerinnen wurden auf die beiden Hausflöße eingeteilt. Auf denen jeweils ein Bootsführer, eine Koordinatorin und ein Fotofograf bzw. eine Fotografin waren. Darüber hinaus gab es ein Boot der DLRG, dessen Team aus zwei Frauen und einem Mann bestand und ein wissenschaftliches Begleitboot, die MS Elbegrund. Bea erklärte uns, dass das Boot gut einen Kilometer vorausfahren würde, damit es beim Schwimmen nicht stört, es aber quasi die aktuellen Werte während unseres Schwimmens messen würde. Ich fand ja witzig als ich sagte: „Wisst Ihr Bescheid, nicht ins Wasser pischen.“ Der Pipi-Kacka-Humor meiner rheinländischen Heimat kam offenbar nicht ganz so gut an.

Wobei der Rhein ganz sicher seinen Anteil daran hat, dass ich überhaupt mitgemacht habe. Ich habe mich immer gefragt, warum niemand im Rhein schwimmt, wie gefährlich die Strömung und wie dreckig der Fluss wirklich ist. Überhaupt habe ich bis zum 7. Juli nie in einem größeren Fluß geschwommen und das obwohl meine Umgebung immer von Flüssen geprägt war. Die Inde in Kornelimünster, die Rur in Heinsberg, der Tennessee-River in Savannah, der Arno in Florenz, der Rhein in Köln und die Elbe in Hamburg. In keinem dieser Flüsse war ich jemals geschwommen oder zufällig reingefallen.

Gegen 15:30 legten unsere Flöße und das Boot des DLRG ab. Die Strecke vor uns belief sich auf gut 12km, so dass wir alle etwas mehr als 2km schwimmen durften. Unsere Koordinatorin erzählte uns, dass sie im Laufe der Staffel die Schwimmzeiten stark hatten anpassen müssen. Die Schwimmer waren alle viel schneller als sie erwartet hatten. Diverse Leistungsschwimmer, Triathleten, Seedurchquerer und Marathonschwimmer hatten sich angemeldet und pflügten in rasender Geschwindigkeit durch den Fluß.

Jetzt waren wir dran. Der konkrete Ablauf war so, dass die schwimmende Person nur vom Rettungsboot begleitet wurde. Die Flöße ließen sich fast 500m hinter dem Schwimmer durch das Wasser treiben. So hatte man als Schwimmer das Gefühl, fast allein im Fluß zu sein. In den gut zwei Stunden, die wir abwechselnd schwammen, kamen genau zwei Motorboote an uns vorbei und am Ufer standen vereinzelt ein paar Angler oder Familien, die am Elbstrand plantschten. Ansonsten war es still, sonnig, langsam und wunderschön.

Überraschend schnell wurde ich gefragt, ob ich bereit sei. Wir sollten einen Paketsprung ins Wasser machen, um uns nicht zu verletzen. Paketsprung ist das feinere Wort für Arschbombe. Ich ließ mich langsam ins Wasser gleiten, reinzuspringen traute ich mich. Das Wasser war silbrig-schwarz und wir hatten vorher noch über Welse gesprochen, von denen ich Dank Tier- und Landschaftsdokus im Nachmittagsfernsehen einen klaren optischen Eindruck hatte und die ich nicht unbedingt treffen wollte. Dann schwamm ich los.

Das Wasser war mit 21 Grad angenehm warm. Die Sicht war eher schlecht. Wie ein gelblicher Vorhang schmiegte sich der Fluß um mich herum. Ich war froh, mich für den Badeanzug und nicht den Neoprenanzug oder Neoprenshorty entschieden zu haben. So konnte ich das Wasser viel besser fühlen. Auf dem Floß hatte ich erfahren, dass die Fließgeschwindigkeit bei 3km/h liegt, man diese aber nicht direkt merkt, sondern nur wundert, warum sich die Landschaft so schnell ändert. Ich merkte die Strömung auch nur, weil ich viel weniger Kraftanstrengung in den Beinen brauchte. Selbst mit einem leichten Beinschlag kam ich zügig voran. Das Wasser selbst war köstlich. Ganz süß und weich und fast geruchsfrei. Anders als bei Wasser in Seen, roch in der Elbe nichts moderig.

Eine Herausforderung war es, nicht im Zickzack zu schwimmen. Wir sollten in der Mitte des Flusses bleiben, aber unweigerlich schob einen die Strömung und die schlechte Sicht mal nach rechts und mal nach links ans Ufer. Die Orientierung am Rettungsboot half mir am meisten. Ein bisschen absurd, wenn man bedenkt, dass ich den ganzen Fluß für mich hatte und nichtmal in der Lage war, eine gerade Linie zu schwimmen. Ich wollte 2km kraulen und dann die letzten 100-200m Brustschwimmen und den Blick nach vorn genießen. Aber bevor es dazu kam, wurde ich raugewunken. In wohl nicht mal 30 Minuten – es wurden keine Zeiten gemessen und ich hatte meine Schwimmuhr auch nicht dabei – war ich mehr als zweitausend Meter durch den Fluß geschwommen.

Euphorisch und glückselig ließ ich mich ins Boot hieven und zum Floß bringen. Bärbel sprang als letzte in die Elbe und zog wie eine Kraftmaschine durchs Wasser. Sogar als es stürmisch und wellig wurde, wirkte es nicht wie eine Herausforderung für sie.

In Sandau wurden wir mit Wasserfontänen, einer Delegation der örtlichen Honoratioren und Neptun empfangen. Außerdem bekamen wir eine Medallie von der Elbschwimmstaffel, eine Urkunde und einen kleinen Pokal aus Sandau. Selbst zum Essen auf dem kleinen Fest wurden wir eingeladen.

Wir fuhren trotzdem bald los, durch wunderschöne Alleen, an einsamen Bauernhöfen und traumhaften Landschaften vorbei in Richtung Berlin. Ich hatte die Elbe ein Stück hin zum Meer begleitet und sie hat mich dabei ganz wunderbar getragen.

Ich kann das Videotagebuch zu den einzelnen Etappen übrigens nur wärmstens empfehlen und auch sonst finde ich die Seite des Wissenschaftsjahres schön gemacht. Außerdem war ich schwer beeindruckt, von der professionellen und hervorragenden Organisation. Die gesamte Crew inkl. der Rettungsschwimmer war zudem auch noch unglaublich liebenswürdig, hilfsbereit und gut gelaunt. Vielen Dank für alles!

Journelle: Save the world – tell a story: Wie wir die Deutungshoheit im Internet zurückgewinnen und die Welt retten können

 

Auch dieses Jahr habe ich auf der re:publica einen Vortrag gehalten. Ursprünglich wollte ich darüber sprechen, wie Geschichten als Vorbilder für die eigene Lebensgestaltung dienen können. Also ganz allgemein. Dann aber beschloss eine dünne Mehrheit von Wählern in England, dass sie unbedingt wieder getrennt vom Rest der Menschheit leben wollten und in den USA wurde eine Person zum Präsidenten gewählt, die an gefährlicher und böser Dummdreistigkeit nicht überboten werden kann. Ich begann im Internet mit Menschen zu diskutieren, deren einzige Kommunikationsart eine diarrhoeische Wutentladung zu sein scheint. Während ich zwischen „Wir Menschen sind wirklich das Schlimmste, was diesem Planeten passieren konnte“ und „Können wir uns jetzt nicht alle mal zusammenreißen und einfach ein schönes Katzengif anschauen?“ hin und her verzweifelte, überlegte ich mir, wie man die Welt retten könnte. Selbstverständlich basiert meine Idee auf Selbstüberschätzung aber damit liege ich völlig im Trend. Kurzum: in 18 Minuten erkläre ich im Stakkato-Schnelldurchlauf, amüsant bebildert und mit lebensnahen Beispielen wie wir mit Geschichten die Welt retten können.

Und zum Schluss lache ich laut.

Lieber feiere ich eine schwarze Messe, als Muttertag

Muttertag hat sich mir nie erschlossen, weder als Tochter noch als Mutter. Je älter ich werde, desto wütender werde ich sogar. So als würde mich die Verlogenheit dieses Tages mit jedem Jahr dreckiger angrinsen.

Wenn mir irgendjemand als Mutter was Gutes tun will, dann fallen mir drei Millionen Dinge ein. Geschenke, Süßigkeiten, pathetische Liebeserklärungen und die penetrante mediale Erinnerung an Muttertag zähle ich nicht dazu. Ich glaube, ich spreche für einige Mütter wenn ich schreibe, dass wir ausschlafen, Oralsex und einen Tag allein oder mit Freundinnen, viel dankbarer annähmen, als bemühte Geschenke und billige Aufmerksamkeit.

Letztlich würden aber auch nicht die oben genannten Dinge, meine Empörung über diesen Tag abmildern können. Basiert er doch viel zu sehr auf dem Bild einer treusorgenden und aufopferungsbereiten Mutter, die an einem Tag im Jahr verehrt wird. Während beim Vatertag die Herren marodierend durch die Straßen ziehen, lächelt die Mutter am Muttertag artig und stopft sich die geschenkten Pralinen in den Mund.

Was für ein bescheuertes Mutterbild. Ich will nicht verehrt werden, mir würden ausreichend Kitaplätze, verständnisvolle Arbeitgeber, gleiche Bezahlung wie Männer, eine Frauenquote, Anerkennung von Care-Arbeit, gute Bildung für meine Kinder und keine bescheuerten Diskussionen darüber, ob eine Mutter besser mit den Kindern zu Hause bleibt oder arbeiten geht, vollkommen ausreichen. Mütter sind nämlich durchaus in der Lage, selbst zu entscheiden, was für sie und ihre Familien am besten ist. Von mir aus könnte auch endlich das Ehegattensplitting zum Muttertag abgeschafft werden. Eine Ehe kostet nämlich – außer Nerven – nicht viel. Kinder sind indessen ein Armutsrisiko.

Überhaupt dieser Mythos der Mutter. Er bringt mich jedes Mal in Rage. Selbstverständlich prägt es mich, Kinder zu haben. Aber ich bekomme davon keinen Heiligenschein. Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich nach der Geburt meines Sohnes voller Sorge war. Ich hatte ihn per Notkaiserschnitt geboren und glaubte nun, ihm nicht die optimalen Startchancen gegeben zu haben. Über die Jahre verstand ich glücklicherweise, dass es weder optimale Startchancen gibt, noch dass ein Kaiserschnitt ernsthafte Auswirkungen auf irgendwas hat. Dieses elende Getue um die perfekte Geburt und das optimale Stillen sind beispielhafte Mythen, an denen wir nur scheitern können. Genauso wie wir nie dem Bild der guten Mutter entsprechend können.

Insofern ist der Muttertag sogar ganz besonders perfide. Er erinnert uns an den Mythos der stets liebenden, sorgenden und geduldigen Mutter. Ein Mythos an dem jede Mutter jeden Tag scheitert. Wir werden also am Muttertag an unsere Unzulänglichkeiten erinnert. Es sind vergiftete Pralinen, die wir brav mampfen, während wir wie eine weibliche Sysyphusa versuchen, unser Leben, unsere Bedürfnisse und die Bedürfnisse unserer Familie unter den Schirm des Mutter-Mythos zu packen.

Passend dazu las ich heute auf Twitter diesen Tweet:

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Diese Veranstaltung ist Muttertag in a Nutshell. Es geht nicht darum, sich ernsthaft mit den realen Bedürfnissen von Frauen und Müttern auseinander zu setzen. Sie werden nicht einmal gefragt. Es geht darum, Frauen zu erklären, wie ihre Rolle aussieht. Das alles versüßt mit Schokolade (Muttertag) oder dem Anstrich einer gutmeinenden Diskussion.

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*Laut Aussage des Veranstalters haben mehrere Referentinnen abgesagt, weil sie nicht mit Prof. Ulrich Kutschera diskutieren wollten. Warum man sich nicht fragte, ob es womöglich gute Gründe gibt, warum niemand mit Kutschera diskutieren möchte, hat leider niemand beantwortet. Die Technisches Universität Braunschweig hat hier allerdings die Nennung des Namens und Logos untersagt.