homöopathie und so
July 19th, 2010mein vater ist schulmediziner. das macht mich in medizinischer hinsicht nicht kompetenter als jemanden dessen vater ingenieur ist, aber ich glaube, die arbeit meines vaters hat mich dennoch geprägt. geprägt insofern, als dass ich die moderne medizin zu schätzen gelernt habe und manchmal etwas ratlos vor den leuten stehe, die sie verdammen und alles gern wieder ursprünglich und natürlich hätten.
dass wir eine forderung nach natürlichkeit überhaupt stellen können, haben wir meiner meinung nach der modernen medizin zu verdanken, die dafür gesorgt hat, dass wir – gesundheitlich – in einem sehr sicheren land leben und uns als luxus ein wenig “ursprünglichkeit” leisten können.
das vorweg gesagt, fand ich den homöopathisch-kritischen artikel im spiegel vom 12.7.10 unglaublich schlecht.
mit homöopathie hatte ich lange nicht viel am hut. meine großmutter ist eine große anhängerin aber sie ist auch seit 1930 kein fleisch, fährt im bus aus sicherheitsgründen nur hinten und hat auch sonst viele interessante meinungen. wenn ich sie früher besucht habe und erkältet war, was häufig vorkam, gab sie mir kügelchen, die keinerlei wirkung bei mir zeigten aber immerhin lecker schmeckten.
erst als ich vor einigen jahren mit einer freundin durch spanien wanderte und sie einen heftigen heuschnupfenanfall bekam, drei kügelchen schluckte und am nächsten tag ohne einen nieser durch die gleiche landschaft zog, war ich erstmals von der homöopathie beeindruckt.
bei der wahl des kinderartzes für meinen sohn entschied ich mich dennoch für einen klassischen schulmediziner und gegen die kinderärztin und homöopathin, einfach weil ich mit diesem firlefanz nichts zu tun haben wollte und eine “ordentliche” medizinische versorgung für mein kind wünschte. nachdem ich mehrfach den arzt gewechselt habe, landete ich am ende doch bei ihr.
mein sohn ist also seit zwei jahren in homöopathischer behandlung und ich bin sehr zufrieden. übrigens auch weil ich weiß, dass die ärztin im zweifelsfall reguläre medizin verschreibt.
das wissen über homöopathie, das ich mir in den letzten zwei jahren beiläufig angeeignet habe, übertrifft den wissenstand des artikels bei weitem. das bedeutet nicht, dass ich viel ahnung hätte, sondern zeigt vielmehr wie schlecht der artikel recherchiert ist.
ein beispiel hierfür ist, dass im artikel die behandlung so beschrieben wird, als ginge man zum arzt und der wählt das kügelchen entsprechend der krankheit. diese art der behandlung gibt es, aber es gibt auch eine konstitutionsbehandlung. dabei beginnt die behandlung mit einer anamese (ausführliches gespräch zwischen arzt und patient) und danach erhält man ein mittel, das dem charakter des patienten am ähnlichsten sind, dadurch soll der patient dann gestärkt und letztlich gesund werden.
wenn man davon ausgeht, dass homöopathische mittel nicht wirken, mag diese unterscheidung der behandlungen egal erscheinen, aber sie nicht zu erwähnen, macht den artikel nicht unbedingt seriöser.
des weiteren frage ich mich, warum nur ein kritischer experte zu wort kommt? wäre es nicht interessant gewesen andere kritische stimmen zu hören? gibt es nur einen? und warum genau kann gleiches nicht mit gleichem behandelt werden? das kann ich auch behaupten, aber ich lese ja einen artikel um herauszufinden warum. im übrigen funktionieren schutzimpfungen doch genauso. dabei wird doch auch die eigentliche krankheit verhindert, indem sie in harmloser form vorher gespritzt wird.
und selbst wenn homöpathische mittel nicht wirken, wie lassen sich die vielen zufriedenen patienten erklären? kann es vielleicht sein, dass eine homöopathische behandlung gerade deshalb so erfolgreich ist, weil der selbstheilung raum gelassen wird?
als ich mit meinem ständig erkälteten und hustenden kind zur kinderärztin ging, erwartete ich eine sofortige wunderheilung.
die gab es nicht, statt dessen ein paar kügelchen und entspanntheit bei gleichzeitiger regelmäßiger kontrolle. das kind bekam viele weitere bronchiale erkrankungen aber nur einmal antibiotikum. statt dessen inhalierten wir morgens und abends mit kochsalz und stellten heißes lavendelwasser neben das bett. nach einem winter war der spuk vorbei.
der sohn bekommt zwar immernoch schnell schnupfen und ab und an einen husten aber diese ewige bronchitis ist weg.
ob es nun die homöopathie, der glaube an die homöopathie oder einfach nur die tatsache, dass sein immunsystem nun älter und somit stärker ist, war kann ich nicht sagen. es ist mir egal, es hat funktioniert und vielleicht waren die gespräche mit der ärztin und die kügelchen sogar günstiger als eine konventionelle behandlung.