Kleinstädtische Relevanz

Glücklicherweise wohne ich in der Stadt.

Dort kann man nämlich nur sehr mittelmäßig Sterne gucken. Denn jedes mal wenn ich nachts in den Himmel schaue, wird mir bewusst, wie unglaublich irrelevant ich für die Welt und das Weltall bin.

Diese Erkenntnis ist sicherlich sehr wichtig, gleichwohl aber auch sehr beängstigend, denn ich persönlich nehme mich als Nabel der Welt wahr.

Nicht weniger beeindruckt bin ich immer wieder von den Parallelwelten, die selbst innerhalb der gleichen Stadt irgendwie vor sich hin existieren.

Während in der Schanze die Werber fair gehandelten Kaffee trinken und sich dabei die autonomen Laienschauspieler anschauen, joggt die Winterhuder Mutti durch den Stadtpark und ihr Mann fährt
schon mal den Range Rover vor.

Ich gehöre auch zu den Leuten, die bei Drogengeschichten immer total große und ungläubige Augen bekommen.

In meiner Welt gibt es keine Drogen wir, erledigen das mit Alkohol und Völlerei.

Oder diese Sportler. Ich kenne Menschen, die einen Großteil ihrer Freizeit mit Sport verbringen. Dieses Sportdings ist eine große Industrie, selbst wenn man alles rund um Fußball rauslässt. Der Gedanke fasziniert mich immer wieder.

Und es gibt Menschen mit sehr speziellen Interessesen, zum Beispiel für Bunker (ohne politischen Hintergrund). Die reisen sogar mit GPS-Geräten zu unglaublich abgelegenen Orten und spielen dort Entdecken.

Und alle nutzen das Internet, entweder um ihre Tennisfreizeiten zu organisieren oder Bilder von Bunkern zu tauschen. Und angeblich soll man über das Internet auch gut an Rauschmittel kommen.

Es gibt bestimmt eine Fanpage zur Nutzung von Range Rovern in der urbanen Lebenswelt und unter Jogging-mit-Perlohring lässt sich bestimmt auch was finden. Werber twittern und die Autonomen haben auch ihre Internetforen.

Was ich sagen möchte, die Wahrnehmung in der Öffentlichkeit wird vor allem dadurch bestimmt, was man selbst wahrnimmt.

Oder anders, das Internet als Medium ist gesellschaftlich relevant.

Die, die das Medium nutzen und/oder Inhalte generieren sind es nur bedingt, nämlich für die Gruppe, die sie wahrnimmt.

Weil das Internet so heterogen und differenziert ist, ist es gar nicht möglich von Relevanz oder gesellschaftlicher Wahrnehmung zu sprechen.

Es gibt einfach unzählige kleinere oder größere Gruppen für alle erdenklichen und unerdenklichen Spleens, Vorlieben und Interessen, die sich zusammentun und dann Leitfiguren auswählen.

Wenn man zu den Leitfiguren einer Gruppe gehört, zum Beispiel eine Leitfigur der Techblogger, dann kann es schnell passieren, dass man glaubt, man sei eine bedeutende Figur des Weltgeschehens und man hätte ferner die Weisheit, für die öffentliche Wahrnehmung zu sprechen:

@ @ habe ich niemals in Frage gestellt,es ging um Wahrnehmung in der breiten Oeffentlichkeit.Bitte nicht verwechseln :)

Leider ist dem meist nicht so. Es gibt nur wenige Zuckerbergs und selbst denen traue ich nicht zu, die Gesellschaftsrelevanz von irgendwas zu definieren.

(By the Way, wenn es stimmt, was Cindy Gallop auf der Re:publica 12 sagte und viele Menschen sehr viele Stunden täglich Pornos gucken, dann hat wohl vor allem die webbasierte Pornoindustrie gesellschaftliche Relevanz.)

Es ist jedenfalls schwer, die eigene Wichtigskeitsseifenblase zum Platzen zu bringen.

Ich kenne das selbst. In dem Landstrich aus dem ich komme, war meine Vater ein bekannter Mann. Wenn ich meinen Nachnamen nannte, wussten die meisten Leute gleich Bescheid, wer ich bin, wo ich wohne, was meine Mutter macht und wer mein Bruder ist. Ich war die Paris Hilton der Zipfelgemeinde.

Kaum lebte ich woanders, war ich nur noch das laute, leicht vulgäre und mittelattraktive Mädchen vom Land.

Wir sind im Netz also alle nur Kleinstädter. Der eine mehr Kleinstadt-Lord, die andere Kleinstadt-Queen und der dritte ein freundlicher Zuschauer der kleinstädtischen Festspiele.

Und statt weiter Villariba und Villabajo zu spielen sollten wir es mit Sascha Lobo halten und mal darüber nachdenken, wie wir „einen Weg finden, dauerhaft mit 30 Millionen Nichtnetznutzern klarzukommen“.

Denn von der selbstempfundenen Relevanz und dem Applaus der üblichen Fans mal abgesehen, sind Blogs, Twitter, Instagram, Pinterest usw. nach wie vor Exoten. Sogar Facebook wird von den meisten kaum genutzt.

Diejenigen, die sich anmelden, wissen meist gar nicht was sie damit anfangen sollen und lassen ihr Account ungenutzt vergammeln oder spielen Farmville.

Ich spreche hier nicht von der Generation meiner Eltern sondern meinem Freundeskreis.

Da handelt es sich um 30 bis 40 jährige mit Hochabschluss, einer offenen Geisteshaltung und breitgestreuten Interessen.

Aber Texte von Leuten im Internet lesen? Warum?

Hä, wie 140 Zeichen? Und was soll man da schreiben?

Fotos mit #skyporn taggen? Warum sollte ich das tun und wer mag sich schon meine Fotos anschauen?

Fakt ist, das Internet ist grandios, eine einzige Wunderkiste und es wird unaufhaltsam immer mehr Dreh-und-Angelpunkt unserer Gesellschaft werden.

Das weiß ich und das wissen alle, die bei der re:publica freundlich miteinander geflauscht haben.

Aber es gibt noch unglaublich viele Menschen die sich schlichtweg nicht dafür interessieren. Deren Lebenswelt kommt mit dem Internet in Verbindung, wenn sie Mails schreiben, Rezepte raussuchen, eine Reise buchen oder sich Pornos angucken.

Und irgendwann durch Zufall werden einige dieser Leute den Weg in ihre Netzkleinstadt finden und sich dabei ganz sicher nicht an irgendeiner Relevanzdebatte orientieren, die auch noch 50% der Bevölkerung ausschließt.

Eher stoßen sie über search requests wie Baby Brei auf ein Muttiblog oder über Frankfurter Grüne Sauce auf ein Foodblog.

Anstatt also Grabenkämpfe um die Relevanz in der Kreisstadt zu führen ist es doch deutlich zielführeder den 30 Millionen Nichtnutzern die Vielfalt des Netzes zu zeigen, die arrogante Schwanzvergleichsattitüde abzulegen, ihnen die von allen Seiten geschürten Ängste (Netzkriminalität, Entfremdung, Stalker, Trolle) zu nehmen und den ganzen Kram einfach mal in einer verständlichen Sprache zu erklären.

Und ja, ich weiß, dieser Drops ist eigentlich schon gelutscht. Es gibt zwei hervorragende Blogeinträge hierzu von Antje Schrupp und Patricia Cammarata aber das hier ist sozusagen der ausgeartete Leserbrief in der Lokalzeitung, der den beiden wild Beifall klatscht.

12 Kommentare, twittern, sharen, 2 Plusones

  1. Pingback: Meta: Suchbegriffe | Mama hat jetzt keine Zeit…

  2. So richtig nachvollziehen kann ich es nicht, dass sowohl Sie als auch das Nuf sich so an Sascha Pallenberg abarbeiten. Was ist denn so schlimm daran, wenn mal jemand hinterfragt, ob und wie man eigentlich hinter dem Gartenzaun, also außerhalb der sog. „Blogosphäre“, wahrgenommen wird? Wenn ich Sascha Pallenberg richtig verstanden habe, geht es ihm doch gerade nicht um die von Ihnen ins Feld geführte Relevanz in der Kreisstadt.

  3. Die Erkenntnis, dass wir alle nicht einmal Staubkörner im Universum sind, ist ja durchaus wertvoll und richtig, aber was wollen Sie darüber hinaus sagen? Alle Akteure im Internet sind gesellschaftlich irrelevant? Sicher gibt es den einen oder anderen Alpha-User, der seine gesellschaftliche Relevanz überschätzt, aber irrelevant wird er dadurch nicht. Niemand, der in einer Gesellschaft agiert, ist für die Gesellschaft irrelevant. Gesellschaftliche Relevanz ist nicht gleichbedeutend mit der Fähigkeit die Gesellschaft gestalten zu können. Ein Beispiel: Die sozial Schwachen unserer Gesellschaft haben zwar keinen großen gestalterischen Einfluss, allein schon weil sie schlecht organisiert sind, aber sie sind nur durch ihre Existenz von erheblicher gesellschaftlicher Relevanz.
    Im Universum sind wir nichts, aber in der Gesellschaft ist jeder wer.

  4. @der_stiegi: in der Tat mag das ‚Einschießen‘ auf Sascha Pallenberg, der auch viel Kluges sagt und schreibt, etwas übertrieben wirken. Und ja, es ist richtig und wichtig, dass er hinter den Gartenzaun schaut. Aber aus seiner sehr subjektiven Sicht hält er in der öffentlichen Wahrnehmung Blogs/Blogger usw für relevant, bei denen ich nicht zustimmen kann (aus meiner subjektiven Wahrnehmung). Ich glaube halt, dass es keinen objektiven Blick auf hinter dem Gartenzaun gibt. Allein die Frage, wie man Relevanz in der Öffentlichkeot misst, könnte ganze Traktate füllen. Insofern finde ich es immer schwierig, aus dem Ärmel geschüttelt Relevanzen zu behaupten (und das macht natürlich nicht nur Sascha Pallenberg) ganz besonders, wenn die Behauptung damit einhergeht, Blogs von Frauen hätten (noch) keine öffentliche Wahrnehmung. Und um die Frage nochmal richtig zu beantworten: die Haltung nervte mich schon bei diversen Personen, in diesem Fall war sie dank des Panels und des Tweets gut greifbar, kurz, dass es Sascha Pallenberg getroffen hat, war Zufall.

  5. @Holger Ehrlich: vielen Dank für Ihren klugen Kommentar. Schade, dass in meinem Blogeintrag (mir wurde auch schon von anderer Stelle schon gesagt, dass der rote Faden zwischen den Gedanken zuweilen fehlt) etwas anderes gelesen werden kann als gemeint ist. Ich bin nämlich – wie Sie wohl auch – der Meinung, dass selbst die kleinsten Randgebiete im Netz von Relevanz sind. Daher reagiere ich eben etwas ungehalten auf Leute, die auf Teufel komm raus DIE Leitfiguren (am liebsten sich selbst) definieren müssen. Meiner Meinung nach bringt das nichts und ist zudem niemals objektiv, weil wir ja alle in einer Blase sitzen. Das spannende am Netz ist ja gerade die Heterogenität, die zwar auch außerhalb des Netzes existiert aber im Netz noch viel weiter ausdifferenziert wird. Wenn ich mich für Kinderthemen interessiere kann ich außerhalb des Netzes zwischen den Zeitschriften ‚Eltern‘ und ‚Nido‘ entscheiden, im Netz bietet sich mir hingegen eine ganze Palette von Elternblogs aus denen ich mir die für mich spannendsten aussuchen kann. Diese Autoren sind dann für mich in meiner Elternrealität relevant, für einen alleinstehenden Design-Liebhaber eher nicht. Gesellschaftliche Relevanz hätte dann doch eigentlich nur das Blog oder der Blogger/die Bloggerin, die für beide Personen spannend ist, ergo Relevanz als kleinster gemeinsamer Nenner? Das ist nicht zielführend und unbefriedigend (meiner Meinung nach) und daher finde ich, dass man sich weniger Gedanken darum machen sollte, wer im Netz (glaubt wichtig zu sein) wichtig ist und statt dessen eher mit anderen Leuten Off- und online austauschen sollte wer einen inspiriert. Im besten Fall bekommen bisher ungehörte Gruppen endlich gestalterischen Einfluss. (War jetzt etwas ausschweifend aber hoffentlich eine zufrieden stellende Antwort.)

  6. Hallo Antje,
    sehr schöner Artikel. Alkohol würde ich aber zu den Drogen hinzu rechnen. Ist halt ne legale Droge, – aber es sterben 40 000 Menschen jedes Jahr in Deutschland daran.
    Liebe Grüße
    Meik

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  8. »Wenn man zu den Leitfiguren einer Gruppe gehört, … kann es schnell passieren, dass man glaubt … man hätte .. die Weisheit, für die öffentliche Wahrnehmung zu sprechen«
    Hat man das aber nicht irgendwie immer, wenn man sich etwas mehr oder minder Kluges überlegt hat, das man am Stammtisch, bei einem Vortrag, im Freundeskreis oder eben im Netz kundtuen möchte? Und wenn ja: Ist es dann nicht „lediglich“ wichtig, dass man sich bei allen Themen zu denen man sich zu äußern berufen fühlt, egal ob man davon nun Ahnung hat oder nicht, vor Augen hält: „Es gibt garantiert auch hierzu eine andere, durchdachte Meinung“?

  9. @David Prochonw Absolut. Aber zum einen bin ich der Meinung, dass es einen Unterschied zwischen Stammtisch und Freundeskreis auf der einen Seite und einem Vortrag auf der anderen Seite gibt. Ein Vortrag ist meist etwas Öffentliches, während Stammtisch und Freundeskreis ins Private fallen. Daher erwarte ich von einem Vortrag mehr Reflektion.
    Ferner finde ich es auch immer erfrischend, wenn Menschen (egal ob beim Stammtisch, im Freundeskreis oder bei einem Vortrag) darauf hinweisen, dass es sich um eine subjektive Meinung (selbst wenn diese auf sehr viel Auseinandersetzung mit dem Thema beruht) handelt. Leider ist das viel zu selten der Fall, meist wird die Meinung kundgetan als wäre sie die einzigst Relevante.

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