Als Kind habe ich leider nie einen Schminkkopf bekommen. Meiner Mutter meinte, das sei ein sexistisches Spielzeug. Auch für meine Barbiepuppen musste ich hart kämpfen. Die Erste habe ich mir von erspartem Taschengeld gekauft und es reichte nur für eine unspektakulär gekleidete Basic-Version. Kaum war ich in Besitz einer Barbiepuppe, begann ich auch sogleich Ihre Haare zu schneiden, zu färben und zu frisieren. Letztlich sah das vor allem ziemlich scheiße aus. Immerhin habe ich daraus die richtigen Schlussfolgerungen gezogen und bin nicht Visagistin oder Friseurin geworden.
Außerdem bin ich der Meinung, dass man nirgendwo wild rumschnippeln sollte.
Aber diese Erkentnis habe ich erst mit 35 Jahren gewonnen.
Kurz bevor unser Sohn geboren wurde, schlug ich dem Mann vor, ihn doch direkt nach seiner Geburt beschneiden zu lassen. Dafür gab es meiner Meinung nach viele gute Gründe. Unter anderem gibt es sowohl auf väterlicher als auch auf mütterlicher Seite Personen mit Phimose außerdem hatte ich gelesen, dass beschnittene Männer weniger häufig HP-Viren übertragen. Und überhaupt, stellte ich mir vor, dass es sich um eine Operation handelt, die am ehesten mit Fingernägelschneiden zu vergleichen ist, schließlich (werden) wurden in den USA fast alle Neugeborenen beschnitten.
Erst durch eine Folge Sex and the City habe ich überhaupt mitbekommen, dass in den USA der unbeschnittene Penis als geradezu eklig befunden wird. Soweit ich mich erinnere, hat Charlotte ihren unbeschnittenen Liebhaber sogar gezwungen sich die Vorhaut entfernen zu lassen. Random Detail: ich hatte offenbar mit 17 Jahren keinen Unterschied zwischen einem unbeschnittenen deutschen und einem beschnittenen amerikanischen Penis entdecken können, so groß kann der Unterschied also nicht sein.
Jedenfalls wirken die beschnittenen Personen in meinem Nahbereich alle sehr normal, zufrieden und ausgeglichen. Es gab für mich also keinen Grund, warum wir unseren (noch) ungeborenen Sohn nach der Geburt nicht gleich beschneiden lassen sollten.
Nach meiner Äußerung lief der Mann puterrot an und machte mit klaren Worten deutlich, dass eine prophylaktische Zirkumzision nicht in die Tüte käme, schließlich sei die Vorhaut Teil des Kindes und hätte durchaus ihre Daseinsberechtigung. Er äußerte zudem die Sorge, dass die Eichel dadruch weniger empfindsam werden und somit das sexuelle Empfinden des Sohnes möglicherweise einschränken könnte.
Kurzerhand verwarf ich den Gedanken, schließlich bin ich eine Frau und weiß nicht wie sich ein Penis anfühlt, aber innerlich machte ich mich etwas lustig über den Mann, ich hatte noch nie etwas von beschnittenen Männer gehört, die über eine eingeschränkte sexuelle Empfindung klagen.
Bereits im Baby- und Kleinkindalter des Sohns zeichnete sich allerdings ab, dass seine Vorhaut sehr eng am Penis anlag. Bei jeder Pflichtuntersuchung runzelte die Kinderärztin die Stirn aber verwies darauf, dass sich das durchaus noch auswachsen könnte.
Bei der Untersuchung, die kurz vor dem 4. Lebensjahr stattfand, wurde aber klar, dass sich da nichts mehr auswächst, außerdem hatte der Sohn zu diesem Zeitpunkt bereits zwei kleine Infektionen am Penis gehabt, die auf die Vorhautverengung zurückzuführen waren. Wir wurden also auf eine Kinderchirugische Praxis verwiesen. Dort wurde uns bestätigt, dass eine Phimose vorliegt und eine Beschneidung empfohlen wird. Zur Wahl standen eine Teil- und eine Ganzbeschneidung. Wir entschieden uns für eine komplette Beschneidung, da wir unserem Kind mögliche weitere Vollnarkosen und Operationen ersparen wollten.
Der Sohn ist ein ziemlich tapferes Kerlchen. Das Thema Vollnarkose kannte er bereits durch eine Zahn-OP bei der ihm (Überraschung) ein Zahn gezogen wurde. Die Operation verlief derart unkompliziert, dass ich auch wenig Angst vor der anstehenden Behandlung hatte. Die Kinderchirurgische Praxis war toll, die Stimmung gut, der Sohn und seine Eltern wenig aufgeregt.
Die OP verlief komplikationsfrei, wobei die Vorhaut so eng an der Eichel des Sohnes lag, dass die Haut geradezu abgeschält werden musste. Der Arzt wieß uns darauf hin, dass die nächsten Tage für den Sohn sehr schmerzhaft sein könnten.
Er behielt recht. Glücklicherweise konzentrierten sich die Schmerzen auf die Toilettengänge, aber die waren furchtbar. Mir fiel noch ein, dass es mir nach den Entbindungen geholfen hatte, während des Urinierens warmes Wasser über die Genitalien laufen zu lassen, so konnte das Brennen deutlich verringert werden. Und so saß unser Sohn mit schmerzverzerrten Blick auf der Toilette und rief nach Wasser.
Schlimmer war aber noch das Wechseln der Verbände, die aus einer Mullbinde, auf die viel Creme aufgetragen wurde, bestanden. Wir packten Tonnen von Bepanten auf die Mullbinde, aber trotzdem mussten wir sie oft wie ein Pflaster vom Penis ziehen, und dem Sohn schossen die Tränen in die Augen. Er entwickelte geradezu eine Panik vor Toilettengängen und versuchte sie so lange wie möglich hinauszuziehen.
Die Angst vor der Toilette hielt lange an, obwohl der Penis längst verheilt war. Bemerkenswert war, dass der Sohn gern bestimmte, wer ihn auf Toilette begleiten und die Mullwindel wechseln sollte. Am liebsten war ihm mein Vater. Die Tatsache, dass mein Vater Arzt ist, beruhigte meinen Sohn ungemein und mein Vater war es auch, dem mein Sohn als Einzigem erlaubte, seinen Penis anzuschauen und den Stand der Genesung zu beurteilen.
Überhaupt Anschauen; der Sohn weigerte sich mehr als zwei Monate lang seinen Penis anzuschauen. Wir haben in dieser Zeit einen Uralsee an Badezusatz verbraucht, weil mein Sohn darauf bestand, dass beim Baden immer ein Haufen Schaum seinen Penis verdeckt. Auch anfassen wollte mein Sohn seinen Penis nicht mehr, außerdem deklarierte er stets, dass sein Penis nun häßlich und kaputt sei.
Sechs Wochen nach der OP sprach ich mit der Kinderärztin darüber. Eines ihrer Kinder war auch beschnitten und sie meinte, dass diese Zeitspanne sehr normal sei, wir müssten Geduld haben.
Ich machte einen Freudensprung an dem Tag, als mein Sohn mich – quasi als seine Vertretung – bat, seinen Penis ganz sanft mit einem Finger anzufassen. Kurz darauf begann er ihn zögerlich wieder anzufassen und irgendwann auch endlich wieder anzusehen. Nach circa drei Monaten hatte sich die Lage normalisiert. Der Sohn fasste wieder gern seinen Pimmel an aber ihm war und ist nach wie vor bewusst, dass sein Penis anders aussieht als der der meisten anderen Kinder und er war sehr lange der Meinung, dass sein Pimmel durch die Operation häßlich geworden sei.
Wir würden trotz allem die Operation wieder vornehmen, schließlich lag eine starke Vorhautverengung vor, aber die Leichtfertigkeit mit der ich dieses Thema vorher behandelt habe, ist weg.
Genitalien sind keine Schminkköpfe an denen man einfach mal so rumschnippeln kann. Es handelt sich um eine Operation, mit oft schmerzhaften Folgen. Nicht nur körperlich, sondern offenbar auch seelisch. Zugegebenermaßen verflüchtigt sich vieles mit der Zeit, aber dieser Eingriff ist kein Spaß und man sollte überlegen, ob Religion, Tradition, fehlgeleitetes Hygieneempfinden oder was sonst noch alles die hohen Kosten rechtfertigen.
Eine Frage dazu: sind frühzeitige Beschneidungen im Säuglingsalter vielleicht unproblematischer?
Das entspricht ziemlich genau der Tortur, die ich durchmachen durfte. Leider ohne Arzt-Opa (da hattet ihr echt Glück), dafür aber mit alleinerziehender Mutter und Schwester. Ich war damals sechs Jahre alt.
Meiner Meinung nach dominiert das Thema nicht den Rest des Lebens. Aber es kann sein, dass einige Dinge neu bewertet werden. Wie beispielsweise der sorglose Umgang mit Genitalien, Schamgefühl usw. Das hast du ganz gut beschrieen. Also vielen Dank für den Beitrag, ich finde es gibt davon zu wenig. Das Thema ist ja auch sehr intim, und ich hoffe dein Sohn wird nichts dagegen haben, dass du es hier ansprichst. Hier mein Artikel, vielleicht kann der noch etwas ergänzen: http://tina-andi.blogspot.de/2011/06/schnipp-schnapp.html
Recht haben Sie! -und das auch sehr treffend ausgedrückt.
Ich erinnere mich an einen Jungen, der mit mir in den Kindergarten ging. Er wurde aus religiösen Gründen beschnitten – anschließend weigerte er sich pieseln und musste im Krankenhaus einen Katheder gelegt bekommen. Armer Kerl.
Das fieseste zu diesem Thema war der Kommentar einer Frau auf Facebook, was denn “wegen so einem läppischem Eingriff” für ein Gewese gemacht würde. Nur mal angenommen, ich als Mann würde zu irgendeinem Thema, in dem es um den Eingriff in den weiblichen Körper ging, nur um IRGENDEINEN Eingriff, so etwas schreiben. Ich wäre ein toter Mann.
Nein, das Thema ist nicht einfach und ich danke dir für diesen offenen Erfahrungsbericht. Allerdings solltest du überlegen, ob du ihn noch im Netz lässt, wenn der junge Mann dann in die Pubertät kommt …
Im frühen Kindergartenalter war meine Vorhaut mit der Eichel “verklebt”. Das wurde ohne Narkose getrennt. Monate später hatte ich eine Phimose, die natürlich mit einer Beschneidung behoben wurde. An beide Schmerzen kann ich mich gut erinnern und kann Deinem Sohn nachfühlen. Schön, dass er es nach längerer Zeit halbwegs überstanden hat.
Hygiene ist tatsächlich einfacher so, deutlich einfacher (kann mich dunkel an vorher erinnern). Die Eichel ist weniger empfindlich (es ist mehr wie richtige Haut, weniger wie eine “Schleim”haut). Das hat (auch beim Sex) Vor- und Nachteile. Da Dein Sohn aber beschnitten in die Pubertät kommt, wird er damit umgehen lernen, denke ich. Alle Gute weiterhin.
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Na sowas, gerade habe ich mich mit einer Freundin gestriitten, die vorbehaltlose Befürworterin der Beschneidung von Jungen im Säuglingsalter (mit Vollnarkose) ist und ich vehemente Gegnerin (mit Ausnahme Pimose).
Ich finde ihre sorgfältige Abwägung sehr respektvoll ihrem Sohn gegenüber, das haben Sie gut gemacht!
Anbei ein Link mit umfassendem Material zu demThema, Vorsicht beim Lesen, nur die Punkte auswählen, die Sie wirklich wissen wollen: http://www.beschneidung-von-jungen.de/home/maennliche-beschneidung.html
Alles Gute!
Paula
PS: Einen beschnittenen Mann sollte man meines Erachtens nicht fragen, ob sich sein Beschnitten-Sein auf seine sexuelle Empfindsamkeit ausgewirkt hat. Er kann es nicht wissen, da er keinen Vergleich hat!
Die USA ist liebesfeindlich und ohne hat der Mann noch weniger davon. Frauen haben sowieso 9 mal mehr davon als Männer.
http://de.wikipedia.org/wiki/Teiresias
Aufgrund der Erfahrung mit dem Leben sowohl als Mann als auch als Frau, wurde er von Zeus und Hera gebeten, die Frage zu klären, welches Geschlecht, Mann oder Frau, in der geschlechtlichen Liebe mehr Lust empfinde – Zeus hatte sich für die Frauen, Hera für die Männer entschieden. Als Teiresias Zeus’ Meinung unterstützte und offenbarte, als Frau neunmal so viel Lust wie als Mann empfunden zu haben, ließ die wütende Hera Teiresias erblinden, weil er den Männern das Geheimnis der Frauen preisgegeben hatte. Da Zeus dies nicht rückgängig machen konnte, verlieh er Teiresias zum Ausgleich die Gabe des Sehers und siebenfache Lebensdauer
Mein Beileid mit dem Kind und meinen Fluch über die verantwortlichen “Ärzte”. Die Vorhaut ist von Geburt an aus gutem Grund mit der Eichel verklebt und löst sich irgendwann ganz von selbst. Wer das noch immer nicht weiß, der kann und darf kein Arzt sein!
Das Ablösen kann allerdings dauern, auch durchaus bis in die Pubertät hinein. Aber solange das Kind problemlos pullern kann, kann von einer Phimose überhaupt keine Rede sein, schon gar nicht bei einem Vierjährigen! Und selbst wenn tatsächlich eine Phimose vorliegen sollte, ist eine vollständige Beschneidung die denkbar schlechteste Variante mit den übelsten Folgen – es gibt eine Menge Alternativen. Das spätere Sexualleben ist jedenfalls hinüber.
Kurz: Der Schritt/Schnitt war falsch, zum Schaden des Kindes und somit – bei allem Respekt – dumm.
http://mfesser.de/blog/2012/beschneidung-ist-koerperverletzung
@mod: sorry für Doppelpost, bekam beim ersten Mal keine Rückmeldung. Mein erstes Posting könnte gelöscht werden.