(die Postkarte gibt es bei Graphiquedefrance)
Vor zwei Jahren schenkte mir unser Babysitter dieser Karte (damals noch ohne störenden Text) zu meinem Geburtstag. Als wäre mir das nicht schon klar gewesen, kommentierte sie die Karte damit, dass die Frau sie sehr an mich erinnern würde.
Mich erinnerte die Karte daran, dass meine Mutter mir einmal sagte: “Du hast wirklich viel Ähnlichkeit mit Bette Midler.” Sie meinte das voller Liebe und Anerkennung, aber ich bin damals ausgerastet.
Auf der re:publica sagte mir jemand, ich sei eine Rampensau. Das fand ich in dem Kontext ziemlich amsüsant, weil ich den Eindruck habe, dass ca 99,9% der Blogger Rampensäue sind, gleichwohl ist die Feststellung korrekt. Ich stehe gern im Mittelpunkt.
Wenn man sich die Fernsehlandschaft so anschaut, dann bekommt man den Eindruck, dass es für Frauen genau 2,5 Möglichkeiten gibt, im Mittelpunkt zu stehen und bewundert zu werden:
1. Gut aussehen,
2. gut aussehen und
2,5. vielleicht auch ein bisschen schauspielern/singen/modeln können.
Neulich las ich diesen großartigen Artikel, in dem dargelegt wird, dass für viele junge Frauen das Modeln auf einer Unterwäscheshow die Krönung der gesellschaftlichen Relevanz darstellt. Nun wer wäre ich mich über sie lustig zu machen, schließlich bin ich beim Bette-Midler-Vergleich ausgerastet.
Kurz, hätte ich eine Karte mit dem Abbild von Kate Moss erhalten mit dem Hinweis, dass ich optisch ihre Schwester sein könnte, dann wäre ich auf Toilette gegangen und hätte erst einmal eine Line gezogen hätte ich mich sehr gefreut.
Da meine innere Bette Midler eine deutlich gesundere Konstitution hat – kein Wunder sie isst regelmäßig – als meine innere Kate Moss, habe ich die Postkarte genommen und sie neben meinen Schreibtisch gehängt. Man muss der Realität auch mal ins Angesicht blicken.
Neben dem völlig unrealistischen Wunsch zu schauspielern/singen/modeln hatte ich auch eine Phase, in der ich der ich den ebenfalls unrealistischen Wunsch hegte, Stand-Up-Comedian zu werden.
Als ich Mid-Anfang der 90er Jahre in Amerika lebte, hockte ich nachts konzentriert, begeistert und mit weit aufgerissenen Augen vorm Fernseher. Dort standen Menschen vor schwarzen Vorhängen auf schäbbingen Bühnen mit einem Mikrophon in der Hand. Sie erzählten großartige, spontan wirkende Geschichten mit Pointen im Sekundentakt. Und dann gab es auch noch Whose Line Is It Anyway. Für diese Improvisations-Comedy-Show habe ich mir sogar den Wecker gestellt:
Aus dem deutschen Fernsehen kannte ich nur politisches Lehrerkabarett, bierschwangere Karnevalssitzungen und Diether Krebs oder Diddi Hallervorden, deren Skteche immer eine imense Vorlaufzeit bis zur Pointe brauchten. Ich war noch nie der Typ für Vorspiel.
Spätestens an der Uni wurde mir allerdings klar, dass ich für den Beruf des Komikers nicht geeigent bin. Meine Referate hatten durchaus einen gewissen Unterhaltungswert, wenn man Piet Klocke auf Speed lustig findet und ich einen guten Tag hatte. Aber professionell trägt sich das nicht. Vielleicht hätte ich mein komödiantisches Talent auch in einem anderen Rahmen testen sollen, die (deutsche) Universität hat ja durchaus den Anspruch, Seriösität durch Ernsthaftigkeit hart zu erarbeiten.
Und ich merkte auch in anderen Bereichen, dass Humor nicht unbedingt hilfreich ist. In meiner spätpubertären Welt Mitte der 90, ohne Twitter, Blogs und Youtube, wurden selbst die größten Deppen zu lustigen Typen stilisiert. Damals war der Humor-Adelstitel: “Der möchte später Werbetexter werden.” Die Mädels liebten die witzigen Typen. Offenbar hatten wir alle schlechten Sex, so dass ein witziger Typ wenigstens unterhaltsam dabei war.
Mein Problem war, dass ich die Typen nie lustig fand. Sie waren für mich schwitzige kleine Idioten, die ihre lahmen Sex- und Drogen-Pointen rammelten und dabei möglichst cool taten. Außerdem habe ich sowas wie einen Ödipalen-Humor-Komplex.
Mein Bruder und mein Vater sind einfach unsäglich unterhaltsam. Mein Vater schafft es, sein fast Jahrhunderte altes Repertoire an anzüglichen Herrenwitzen trotz ständiger Wiederholung und mittelmäßiger Qualität immer wieder so spontan und unerwartet vorzutragen, dass es brüllend komisch ist.
Er war es auch, der dafür sorgte, dass sein Hinweis “Journelle fährt nach München zum Hysterikerkongress” ein everlasting Bonmot wurde, das jedem in der Familie und im Freundes- und Bekanntenkreis bekannt ist und bei jeder sich bietenden Gelegenheit angewendet wird.
Der Humor meines Bruders ist eine Mischung aus Lakonie, Anarchie und Brutalität und wie mein Vater liebt er die Kontinuität und Wiederholung. Jahrelang kam ich zum Frühstück und seine Hand lag auf meinem Stuhl. Also setzte ich mich drauf, er zog sie einfach nicht weg und ich versuchte mit meinem Po, seine Hand zu zerquetschen (das tägliche Training brachte mir immerhin den Spitznamen Betonarsch ein), was natürlich nie gelang. Erst wenn ich ihn hysterisch (s.o.) anschrie, nahm er die Hand weg.
Mein Vater und er warfen sich weg vor Lachen, meine Mutter schaute uns an wie eine fremde Affenart und ich zementierte meinen Ruf als Hysterikerin.
Irgendwann einmal kam ich auf die Idee, mir ein Tatoo stechen zu lassen und erzählte es begeistert meinem Bruder. Er hat sich daraufhin 15 Minuten lang derart über Tatoos lustig gemacht und sich letztlich angeboten mir mit einer Gabel ein Branding zu machen “Ist doch viel individueller”, dass ich von meinem Vorhaben Abstand nahm und nun sehr glücklich bin, kein Arschgeweih, keine Schlange am Arm oder eine Blume am Knöchel für die Ewigkeit zu haben.
Mit diesem Gepäck suchte ich also einen Partner. Die Männer, die ich nach Hause brachte waren alles sehr nett, oft kreativ und hatten vielfältige Qualitäten. Aber sie waren nur mittelwitzig. Dafür gab mein Vater ihnen Spitznamen und nutze sie auch in ihrer Anwesenheit: Schneewittchen, der Feuerwehrmann usw.
Meine Männer mochten ebenfalls viele Dinge an mir, aber mein Humor zählte nur selten dazu. In irgendeiner Sendung hat Eckart von Hirschhausen mal gesagt, dass Frauen und Männer immer sagen, dass ihnen Humor beim Partner wichtig sei. Frauen meinen damit, dass sie einen lustigen Partner wollen und Männer, dass die Frau sie witzig finden soll.
Und hier liegt mein jahrelanges doppeltes Beziehungsdilemma. Ich fand meine Freunde nicht lustig und sie litten darunter und gleichzeitig runzelten sie verwundert ihre Stirn, wenn ich einen Witz machte. Damals gewöhnte ich mir an, nach meinen Pointen laut zu lachen, quasi als Wegweiser und für den Beziehungsfrieden. Im Zweifelsfall gönnte ich ihnen, dass sie mein Lachen auf ihre Bemerkung bezogen.
Bevor der Mann in mein Leben trat teilte ich meine Bedürfnisse einfach auf. Ich hatte mit Exfreunden oder Halbbeziehungen ernsthaften Sex und abends ging ich zu einem befreundeten Päarchen. Sie kochten für mich, wir tranken viel Wein und teilten unseren Humor.
Was mir fehlte, merkte ich erst als ich den Mann kennenlernte. Ich verliebte mich vor allem in ihn, weil ich ihn unglaublich witzig fand. Sein Humor ist lakonisch, böse und basiert auf Wiederholung. Und dann sagt er abends beim Fernsehen, wenn ich zum 10.000 Mal reinquatsche: “Du bist so lustig.” Wer braucht da schon Blumen, Schmuck und teuere Autos?
Aber nicht nur beziehungstechnisch sind die Zeiten besser geworden. Dank dieses Internet-Dings kommen wir langsam an den Punkt an dem humorvolle Frauen und Unattraktivität nicht mehr Synomyme sind. Wobei ich diesbezüglich auch Anke Engelke und Barbara Schöneberger sehr dankbar bin.
Davor gab es Evelyn Hamann und Ulknudeln. Dieses Wort allein sagt doch schon alles aus. Niemand will eine Ulknudel ficken, einen Komiker indessen wohl.
Ich erinnere mich auch noch gut daran, wie eine Freundin meiner Mutter mich darauf aufmerksam machte, dass ich zu viel Grimmasieren würde. Die Quintessenz ihrer Aussage war: “Wenn Du beim Erzählen lustige Grimassen machst, bist Du unattraktiv. Frauen sollten das nicht tun.” Das waren die Momente in der die halb-verhungerte innere Kate sich bei mir meldete und voller Genugtung den Ratgeber “Feengleich durch Nulldiät” auspackte.
Wobei wir hier auch erst am Anfang sind. Würde ich parallel ein Casting für Das Alster-Model und Die Alster-Humoristin machen, würden die Beauty-Anwärterinnen wohl in Scharen eintreffen, während bei den Humoristinnen wohl nur eine Handvoll einträfen.
Trotzdem, der früher unauflösbare Widerspruch lustige Frauen und attraktive Frauen verliert sich langsam.
So empfand ich es enorm befreiend und schön auf der re:publica den Poetry Spam zu sehen. Endlich gab es eine große Session von gut aussehenden, chic gekleideten Frauen, die aber nicht für Frauen war, die keine Frauenthemen behandelte, die vor einem großen Publikum stattfand, die sehr witzig war und sich außer der guten Unterhaltung keinem großen Thema verschrieben hatte, nicht die Welt retten wollte und überhaupt einfach gut war.
Bette Midler und Kate Moss sind kein Widerspruch und ich klebe jetzt die Postkarte noch fester an die Wand.
Weitere Bloggerinnen/Twitterinnen die offenbar humorvoll und attraktiv sind (es ist nach Mitternacht, also wahrlich kein Anspruch auf Vollständigkeit):
Katjaberlin auch hier
Wondergirl
Orbisclaudiae
Phonebitch
Annelinja
Dasnuf auch hier
Pingback: Link(s) vom 13. Juli 2012 — e13.de
Wer soll das alles lesen ? Wer so was schreibt, hat zu viel Zeit. Ein Mann würde WOW spielen.
Japanische Hausfrauen spekulieren jeden Tag kurz vor Mittag ein bisschen an der Eurex und arbeiten den Rest des Tages zur Begleichung ihrer Spielschulden als Reinmachefrau.
Neun von zehn Spinnen haben panische Angst vor hysterisch kreischenden Frauen
Skandal erschüttert Pornoszene: 38 Prozent aller “MILFs” haben gar keine Kinder
http://www.der-postillon.com/search/label/Wissenschaft