Widerstand ist kein Hobby

Während meines Studiums wohnte ich unter anderem mit G. zusammen. Ich mochte sie sehr gern nicht trotz sondern wegen ihrer extremen Sparsamkeit – sie ernährte sich hauptsächlich von Eintopf – verbunden mit einer fast nicht zu sättigenden Lust, ausschweifend zu feiern.

G., die gern im alternativen Milieu feierte und ein freiwilliges soziales Jahr im Ausland hinter sich gebracht hatte, regte sich eines Abends vorm Fernseher auf. Wir schauten eine Dokumentation über das 3. Reich und G. kam nicht darüber hinweg, dass die Menschen damals nichts gegen Adolf Hitler, die Nazis, das Regime und den Holocaust gemacht hätten.

Während sie schimpfte und zeterte wurde ich immer stiller. Es dauerte etwas bis mir klar wurde, warum ich immer wütender wurde: “Und Du? Hättest Du Widerstand geleistet?” brach es irgendwann aus mir raus und den Rest der Dokumentation schauten wir schweigend.

Aber auch ich hatte ein sehr romantisches und verklärtes Bild von Widerstand und Revolution.

Die literarischen Ausläufer diverser lateinamerikanischer Diktaturen erlebte ich in meiner Pubertät und verschlang die Bücher unter anderem von Isabel Allende, Manuel Puig oder Giaconda Belli. Ich wusste mehr über Diktatur und Folter in Chile, Nicaragua und Argentinien als in der DDR.

Möglicherweise lag das daran, dass mir die Bücher sehr magisch, glamourös und sexy erschienen. Etwas was Wolf Biermann nie schaffte, in mir auszulösen.

Ich erträumte mich also als leidenschaftliche Revolutionärin und Frau, die unter Palmen die Welt rettet, in den Abyss schaut und darüber hinaus lebhaften Sex mit einem attrativen Mitrevolutionär hat.

Fakt ist, in den mehr als 30 Jahren meines Lebens habe ich nicht einmal Widerstand geleistet, der zu einer tatsächlichen Verschlechterung meiner Lebensumstände, zu einer (Gefängnis-)Strafe oder zur Bedrohung meines Lebens oder des Lebens meiner Liebsten geführt hätte. Ich bin keine Revolutionärin und auch während des Nazi-Regimes wäre meine maximale Rebellion wohl eine Auswanderung in die USA gewesen.

Das wissend verneige ich mich um so mehr vor Menschen, die sich für Freiheit, Demokratie und Menschenrechte in einer Form engagieren, dass sie persönlich starke Repressalien fürchten müssen.

Heute mailte mir der Mann diese Schlussplädoyers der drei inhaftierten Pussy Riot Bandmitglieder Yekaterina Samutsevich, Maria Alyokhina und Nadezhda Tolokonnikova. Sie sind sehr lang aber in ihrer Klugheit, Ausgewogenheit und stilistitischen Prägnanz unbedingt lesenswert.

So schreibt Samutsevich über die Verbindung von Religion und Staat bei Putin:

How did Putin succeed in this? After all, we still have a secular state, and any intersection of the religious and political spheres should be dealt with severely by our vigilant and critically minded society. Right? Here, apparently, the authorities took advantage of a certain deficit of the Orthodox aesthetic in Soviet times, when the Orthodox religion had an aura of lost history, of something that had been crushed and damaged by the Soviet totalitarian regime, and was thus an opposition culture. The authorities decided to appropriate this historical effect of loss and present a new political project to restore Russia’s lost spiritual values, a project that has little to do with a genuine concern for the preservation of Russian Orthodoxy’s history and culture.

Alyokhin wiederum greift die Apathie der Menschen in Russland auf, die sich nicht als Bürger, sondern als gelenkte Masse fühlen:

These people . . . this is yet another confirmation that people in our country have lost the sense that this country belongs to us, its citizens. They no longer have a sense of themselves as citizens. They have a sense of themselves simply as the automated masses. They don’t feel that the forest belongs to them, even the forest located right next to their houses. I doubt they even feel a sense of ownership over their own houses. Because if someone were to drive up to their porch with a bulldozer and tell them that they need to evacuate, that, “Excuse us, we’re going raze your house to make room for a bureaucrat’s residence,” these people would obediently collect their belongings, collect their bags, and go out on the street. And then stay there precisely until the regime tells them what they should do next. They are completely shapeless, it is very sad. Having spent almost half a year in jail, I have come to understand that prison is just Russia in miniature.

Und Tolokonnikova schließt damit, dass sie – obwohl eingesperrt – freier sind als die meisten Menschen in Russland:

Despite the fact that we are physically here, we are freer than everyone sitting across from us on the side of the prosecution. We can say anything we want and we say everything we want. The prosecution can only say what they are permitted to by political censorship. They can’t say “punk prayer,” “Our Lady, Chase Putin Out,” they can’t utter a single line of our punk prayer that deals with the political system.

Faktisch sitzen also drei Frauen seit mehr als 6 Monaten im Gefägnis und müssen sich nun vor Gericht rechtfertigen, weil sie einer Kirche regimekritische Punkmusik gespielt haben. Diese Frauen sind also nicht nur eingesperrt, sehen ihre Kinder nicht, bzw. müssen Angst haben, dass man sie ihnen wegnimmt (Maria Alyokhina hat einen 5 Jahre alten Sohn und Nadezhda Tolokonnikova eine 4 Jahre alte Tochter), sondern sie wissen auch, dass dieser Prozess eine Farce ist, in dem sie keine Chance haben. Eine solche Hilflosigkeit ist für mich kaum vorstellbar.

Die Tatsache, dass sich die halbe Welt für sie engagiert, mag vielleicht tröstlich sein, aber gleichwohl entscheidet letztlich Putin darüber, ob bzw. wie lange noch ihre Körper irgendwo eingesperrt werden. Das auszuhalten und nach einem potemkischen Prozess auch noch die Nerven und den Geist zu haben, derart beeindruckende Plädoyers zu halten, in denen sie nicht zurückrudern, sich nicht entschuldigen sondern das gesamte Regime Putin auseinander nehmen und entblößen, lässt mich fast eine häßliche Skimaske aufsetzen und Punk-Musik ertragen.

Ich bin mir sicher, dass die Frauen von Pussy Riot wussten, worauf sie sich einließen, als sie im Februar in die Christ Erlöser Kathedrale gingen, um ihr Punk Prayer zu singen. Sie wussten, dass sie ins Gefängnis kommen könnten – wahrscheinlich ein Gefängnis ohne Spa-Bereich – dass sie ihre Familie, Freunde und Kinder lange nicht sehen würden. Sie konnten nicht unbedingt damit rechnen, dass ihre Aktion durch das Internet bis in den hinterlegsten Winkel getragen und sie überraschend viel Unterstüzung erhalten würden.

Gleichwohl haben sie es durchgezogen. Und damit kann ich mich nur Free Pussy Riot! anschließen und allen Menschen meine Hochachtung aussprechen, die den Mut haben, sich vor Goliath zu stellen, auch wenn sie wissen, dass der Trick mit der Steinschleuder oft nicht klappt.

2 Kommentare, 9 Tweets, 9 Facebook Shares, 2 Plusones

  1. Kann ich so gut unterschreiben. Ich glaube, man hat da doch ein sehr verklärtes Bild davon, was man gerne von sich denken würde, wie revolutionär man ist, und was man in einer konkreten Situation dann tatsächlich bereit wäre zu tun. Wenn’s nämlich dann im Ernstfall doch ums eigene Leben und um das seiner Familie geht, dann glaube ich, dass die meisten Menschen sich ganz genau überlegen, ob sie nicht doch lieber still halten und warten, bis es vorbei ist. Und man kann es ihnen gar nicht übel nehmen.

    Auf der anderen Seite hatte ich auch schon Diskussionen darüber, ob der Mensch im Ernstfall immer egoistisch handelt und da sind genau das die Gegenbeispiele. Leute, die im Zweiten Weltkrieg Juden versteckt haben und genau wussten, dass sie, sollte das entdeckt werden, vermutlich auch dran sind. Eben Leute, die bereit sind, sich selber zu opfern (“opfern” im weiteren Sinne), weil sie an eine bessere Welt glauben. Sowas finde ich dann bemerkenswert und haben allergrößten Respekt davor. Und ein bisschen gibt es einem ja dann selber Hoffnung, dass die Welt nicht so ganz schlecht ist.

    (Boah, klingt das alles sentimental und kitschig. Aber ist ja auch kein einfaches Thema.)

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