Das rosa Ei in der Familie

Vor einiger Zeit schrieb ich, dass ich eine genderneutrale Erziehung nicht unbedingt das beste Mittel finde, um Kinder ohne Geschlechterzwänge aufzuziehen.

Unter anderem liegt das daran, dass ich sehr gern weiblich bin. Ich erfreue mich jeden Tag an meinem Dekolletee und bin sehr froh, dass meine Mutter mir süße Kleidchen angezogen hat.

Allerdings bin ich nicht weniger froh darüber, dass mein Bruder so viel mit mir getobt hat, dass ich den Mann selbst beim Aufstehen vom Sofa mit einer einzigen Bewegung schwer verletzen kann (möglicherweise liegt das aber auch an der fehlenden Feinmotorik).

Heute las ich Antje Schrupps Text Beim pinken Überraschungsei geht es nicht um Mädchen, sondern um Jungen und es fiel mir wie Schuppen von den Augen, dass ich beziehungsweise wir Frauen an dieser Stelle wirklich mal priviligiert sind.

Meine emanzipierte Mutter hatte mir nämlich nicht nur vermittelt, wie schön es ist Frau zu sein, sondern auch, dass ich mich – wenn ich das möchte – auch männlich verhalten kann, ohne dass dadurch meine Weiblichkeit in Frage gestellt wird.

Das funktioniert natürlich nicht immer, pupsende Frauen, Kugelstoßerinnen oder sexuell aggressiv auftretende Frauen finden nach wie vor wenig Akzeptanz. Aber ein bisschen “weibliche Männlichkeit” ist gesellschaftlich ok. Beispielsweise beeindruckt es Frauen wie Männer gleichermaßen, wenn ich erzähle, dass ich mehrere Jahre viel mit LKWs zu tun hatte.

Wie wenig “männliche Weiblichkeit” ok ist, merke ich allerdings jeden Tag: bei mir zu Hause, an meinem eigenen Verhalten.

Der Mann und ich halten und für sehr liberal, weltoffen, gleichberechtigt und gleichermaßen emanzipiert.

Als unser Sohn mit drei Jahren über einen mehrwöchigen Zeitraum mitteilte, er möchte später lieber eine Frau als ein Mann sein, mussten wir schlucken und bekamen leichte Panik. Nunja, eine Geschlechtsumwandlung ist auch kein Spaziergang.

Wie so oft bei Kindern war das nur eine Phase aber der Sohn, der sonst alle Features eines richtigen Jungen (sic!) aufweist – rumtoben, brüllen, hübsche Frauen auf der Straße ansprechen, Affengehabe, wenn diese mit ihm antworten – wollte nun immer geschminkt werden. Am liebsten wie ich, mit Lippenstift, Wimperntusche, Rouge und Puder.

Irgendwann kam das Thema in der Kita zur Sprache und uns wurde mitgeteilt, dass sei eine Phase die alle Kinder hätten. Meist ginge sie bei Jungs weg und wenn nicht, sollten wir froh sein, dass der Sohn so früh damit angefangen hat, denn dann kann er es schon, wenn es drauf ankommt.

Das erschien uns logisch und seitdem werden beide Kinder morgens gepudert, bekommen mein Haarzeug (Revlon Equave Hydro Nutritive Detangling Conditioner kann man ja nicht aussprechen) und zu Geburtstagen und Parties werden die Lippen geschminkt.

Aber ich würde lügen, wenn ich behauptete, mir fiele es leicht, meinen Sohn zu pudern.

Immerhin möchte mein Sohn später unter anderem Feuerwehrmann werden, daher spielt er ständig Feuerwehrmann Sam. Nebenbei teilte er mir mit, dass er in seinen Rollenspielen Penny – die einzige Frau im Feuerwehrteam von Pontypandy – mit den gelben Haaren verkörpert.

Auf meine besorgte Frage, warum er ausgerechnet Penny sei, antwortete er, sie wäre ihm am sympathischsten. Damit hat er recht, alle anderen Charaktere sind dümmlich und Sam ist ein Angeber.

Und dann kauften wir neulich Schwimmbrillen. Eine pinke für seine Schwester und eine blaue für ihn. Noch bevor die Brillen ausgepackt waren, tauschte er sie mit seiner Schwester. Er hat jetzt eine pinke und sie ein blaue Brille und beide sind glücklich damit.

Im Schwimmbad machten der Mann und ich uns darüber lustig, dass wir größere Probleme mit dem Anblick des pink bebrillten Sohns haben als mit dem Anblick der blau bebrillten Tochter. Wie gesagt, wir dachten wir seien sehr liberal und emanzipiert.

Wir versuchten uns nichts anmerken zu lassen, denn wir stellen immer wieder fest, wie groß unsere Vorbildfunktion ist.

Zum Beispiel hat der Mann keinen Führerschein. Autos werden der männlichen Sphäre zugeordnet und so ist mir immer ein unterhaltsamer Schockmoment sicher, wenn ich Leuten erzähle, dass ich bei uns die Steuerfrau bin.

Unsere Kinder kennen es allerdings nicht anders. Während wir neulich auf den Autozug nach Sylt warteten und die Kinder im Auto spielen ließen, war ganz klar, dass mein Sohn auf dem Beifahrersitz Platz nahm, seine Schwester auf den Fahrersitz drängte und ihr erklärte, wohin die Reise geht. Seit diesem Moment träume ich davon, dass die Kinder irgendwann zusammen die Ralley Paris-Dakar fahren, wobei die Tochter natürlich fährt und der Sohn navigiert.

Wissend wie groß die Vorbildrolle ist, war ich sehr beeindruckt von Nils Pickert, der für und mit seinem Sohn zusammen Röcke trägt. Umso mehr, wenn ich bedenke, dass mich bereits das Pudern des Sohns Überwindung kostet.

Somit ist es wohl eher eine leichte Aufgabe, wenn wir morgen im Edeka vier pinke Überraschungseier kaufen werden. Denn wenn wir ehrlich sind, mögen wir in unserer Familie alle Scholokade, Blingbling, Glamour, sympathische Charaktere und schöne Autos; geschlechterübergreifend.

Nachtrag 25.8.12: Das gleiche Thema betreffend und unbedingt lesenswert sind auch Das macht doch ein XY nicht vom Nuf und Zwischenspiel: Buben in Röcken von der Kaltmamsell.

14 Kommentare, 6 Tweets, 7 Facebook Shares, plussen

  1. Pingback: leben mit söhnen | frauniepi

  2. Danke für die Blumen,

    is nicht ganz einfach, gell. Inzwischen toleriert die Gesellschaft es ja halbwegs, wenn Mädchen sich mehr nehmen als ihnen zugestanden wird: Hosentragen, Sportskanone, Raketenbauen. Bei Jungen ist das ganz anders. Dürfen die das? Rosa Fahrrad, Kleider tragen, Schminken. Dürfen sie! Sollten sie dürfen, wenn sie wollen. Ohne Frage ist das Arbeit. Das es sich lohnt, sieht man ja an euch :-)

    Nils

  3. Ich war letzte Woche im Provinzschwimmbad, wo es schon als nicht legitim angesehen wird, wenn kleine Jungs im rosa Hello-Kitty-Poncho rumlaufen. Es ist noch einiges zu tun…

  4. Das ist ein sehr schöner und kluger Text. Und doch macht es ein ganz klein bisschen traurig, dass sich anscheinend so furchtbar wenig ändert. Ich (Jahrgang 68) wünschte – und bekam! – von den lesbischen Bekannten meiner Mutter auf drängendes Bitten im Alter von 4 bis 6 zum Geburtstag tolles kreischbuntes Schminkzeug und Muschelketten (das war damals total en vogue) geschenkt. Nun ja, ohne die Autorin verunsichern zu wollen: Ich bin zu einem glücklichen schwulen verheirateten Mann herangewachsen. Meine “kleine” Schwester ward später die erste Heizerin auf einem alten Schwimmkran im Hamburger Hafen, ölverschmiert und schwitzend. Und fröhlich!
    Kleines Fazit: Man kann Kindern keinen größeren Gefallen tun, sie nicht besser auf das Leben vorbereiten und in ihrer Entwicklung unterstützen, als stets und immer alles, was das Kind gerade denkt/fühlt/möchte liebevoll zu unterstützen. Irrungen und Wirrungen wachsen sich von allein wieder zurecht, aber unterdrückte Bedürfnisse werden schnell zu dunklen Flecken auf der Seele….
    Apropos: Wie immer im Leben gibt es ein “eigentlich”, ich bin meiner ansonsten extremst toleranten Mutter noch heute dafür dankbar, dass sie mir im Alter von 11 Jahren den Kauf eines grell-pinken Baumwoll-Overalls mit viel sanfter Mühe ausgeredet hat, den ich mir als das perfekte Outfit für den 1. Schultag in der Quinta am Gymnasium allerdringlichst gewünscht hatte.

  5. “Luckily, all our gender issues were heartily resolved by the 1910s, when it was decided that we’d assign colors to each “team”: blue was for girls and pink was for boys. No, that’s not a typo: A 1918 editorial from Earnshaw’s Infants’ Department stated that pink was “a more decided and stronger color … more suitable for the boy; while blue, which is more delicate and dainty, is prettier for the girl.” ”

    “Pink Is for Girls” Is a Recent Idea, 5 Gender Stereotypes That Used To Be the Exact Opposite, http://goo.gl/zgnNG

  6. Als mein Jüngster Sohn im Kindergarten anfing sich Kleider anzuziehen (heimlich im Büro der Erzieherin) musste ich natürlich auch schlucken, auch ich hielt mich natürlich für Superlieberal, Weltoffen ,Blablabla. Als er sich Prinzessinenkleider wünschte (aber bitte nur in rosa), wurde des Kloß im Hals nicht kleiner. Aber sollte ich es ihm verbieten? Also Kloß runterschlucken, es geht doch. Und die pinke Unterwäsche die er haben wollte sieht doch gar nicht so schlimm aus :) .
    Nun mit 7 Jahren trägt er die pinken Sachen nicht mehr, auch ein Mädchen möchte er nicht mehr sein. Und ich bin fast ein wenig traurig, das er nun wieder nur ein “normaler” Junge ist.

    Ich hab wiedermal die Erkenntnis das Vorurteile einfach ein Teil von mir sind, egal wie toll liberal/tolerant man(n) sich fühlt.

    Kommentator ist Legastheniker und nicht glücklich da drüber.

  7. Pingback: Neunnachneun: Pink und blau, Rock und Hose « Ansichten aus dem Millionendorf

  8. Sehr empfehlenswert in dem Zusammenhang Geschlechterbilder: “Die Geschlechterlüge” von Cordelia Fine.
    Mein frisch eingeschulter Sohn hat sich ein goldenes Kleid gewünscht und bekommen – und während das Kleidertragen im Kindergarten nie ein Problem war, steht mir der erste Tag mit Kleid in der Grundschule doch ziemlich bevor.
    Und noch mal zum Thema “Mädchen dürfen ja beides” – ganz so einfach ist es ja nicht. Klar dürfen Mädchen Glitzer, Rosa etc. Und ja, Mädchen dürfen auch Latzhose, Werkzeug und Feuerwehr. Aber gleichwertig ist beides noch lange nicht. Unterschwellig scheint mir doch immer die Entscheidung zwischen (sehr verkürzt) “weiblich oder klug/stark/erfolgreich” mitzuschwingen. Was, denke ich, auch mit ein Grund für das elterliche Unbehagen an der rosa Glitzerwelt ist. Weil ich als Mutter natürlich eine kluge, starke, erfolgreiche Tochter möchte und keine Klischee-Prinzessin. Und mich dann immer wieder am Riemen reißen muss und ihr ihre Rollenklischees genauso zugestehen wie ihrem Bruder (der auch mit goldenem Stickerei-Kleid die Waffe im Anschlag hinter Büschen lauert).

  9. wenn ich ehrlich bin, freue ich mich darüber wenn meine jungs sich mit meinen schminksachen verziert oder mit den haarspangen dekoriert haben ( liegt vielleicht daran, dass ich mich dann nicht so allein bei fünf männlichen familienmitgliedern fühle?)

    was ich sehr spannend fand: der jüngste (4) liebt hello kitty. wollte zwei t-shirts davon haben. bekam er auch. zu hause läuft er nun stolz mit pink-weißen, am ärmel gerafften, shirts herum. sobald wir das haus verlassen will er sich aber umziehen. weil: ” die lachen dann doch alle!” dann können wir ihm noch so zureden dass er all unsere unterstützung habe. so´n kleiner wicht hat schon verstanden wie es draußen läuft.

    da gibt es noch eine menge zu tun!

  10. »dass ich beziehungsweise wir Frauen an dieser Stelle wirklich mal priviligiert sind.«

    dazu möchte ich ein “aber” anbringen.

    wie du im text auch schon schreibst, kann man sich als frau auch männlich verhalten, ohne dass die eigene weiblichkeit in frage gestellt wird. (wobei das, wie du auch schreibst, dann oft auch wieder sehr begrenzt ist, siehe olympia und die ständigen kommentare über sehr muskulöse sportlerinnen, die dann gleich als “zu männlich” eingeordnet werden. ach welt.) dem stimme ich zu, jedoch empfinde ich es nicht als privileg, denn dass es für eine frau akzeptierter ist, mit “männlichkeit” verbundenes zu übernehmen hängt ja nicht damit zusammen, dass wir so frei sind. sondern, wie du in deinem text zur genderneutralen erziehung schreibst, damit, “dass in unserer Gesellschaft Weiblichkeit negativ bzw. Männlichkeit positiv besetzt ist”. wenn also eine frau mit männlichkeit verbundenes übernimmt ist das quasi ein upgrade, von “weiblich” zur nächsthöheren stufe – “männlich”. wenn ein mann hingegen mit weiblichkeit verbundenes übernimmt ist es ein downgrade, denn weiblich ist weniger wert als männlich.

    ich finde es schön, so eine gewisse (wenn auch nicht unbegrenzte) freiheit zu haben, die für frauen sicherlich größer ist als für männer. da diese freiheit aber auf der abwertung anderer aspekte von mir beruht, finde ich es falsch, sie als “privileg” anzusehen oder zu bezeichnen.

  11. Tatsächlich habe ich mir wegen des F. überhaupt das erste Mal über das Mann-Sein Gedanken gemacht. In der Tat scheint es mir schwierig zu sein. Man ist sehr festgelegt, Männlichkeit ist ein wenig elastisches Prinzip, und ich fürchte, dass auch ich ein wenig schlucken werde, wenn der F. beschließt, er brauche rosa Flügelchen oder wolle auch einen Rock anziehen.

  12. Ich habe gerade deine Seite entdeckt und bin begeistert. Denn ich entdecken mein Sohn in deinem Text. Der die Röcke seiner Schwester so toll findet und nicht versteht warum er nicht auch so etwas schönes tragen darf. Oder der gerne ein T-shirt voller Blümchen hätte – Mama eine Blumenwiese ist doch etwas schönes.
    Lg Mathilda

  13. Ich glaube, dass es deshalb für Frauen etwas einfacher ist, “ein bisschen männlicher” zu sein als für Männer, “ein bisschen weiblicher” zu sein, weil männliche Eigenschaften immer noch mit dem Beigeschmack des “Höherwertigen” versehen sind. Über eine Frau, die als Tunnelbauingenieurin arbeitet, wird heute positiv-bewundernd berichtet. Über den Entbindungspfleger, den Erzieher im Kindergarten oder den Sekretär erfährt man entweder nix, oder es wird halbwegs gegrinst.
    Eine Frau steigt somit auf, in Hosen und als Ingenieurin. Ein Mann steigt ab, im Rock und am Spieltisch im Kindergarten.

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