Sì, sì, sì

Neulich schrieb ich darüber, warum ich Deutschland 12 Punkte geben würde. Heute sollen es 5 Gründe sein, Italien zu lieben.

Caffè

Der Mann bezeichnet mich als Kaffeefaschistin.

Ich werde geradezu aggressiv, wenn mir schlechter Kaffee serviert wird. Während ich bei privater Verköstigung wohlwollende Abstriche mache, würde ich in Restaurant am liebsten in die Tasse kotzen, wenn ich diese zwei WMF-Kaffee-Automaten-Punkte in der Bauschaummilch sehe. Nicht nur ist der Kaffee weder ordentlicher Filterkaffee noch guter Espresso, sondern auch die Milch ist brutalst mit Sauerstoff trockengeschäumt* worden.

In Italien bekommt man selbst an den abgelegensten Orten – zum Beispiel am Fuß den Strombolis – hervorragende Caffè**, der keinen schalen Mundgeruch und kein Sodbrennen verursacht und nicht bitter und wässrig schmeckt.

Da ich zu den Menschen gehöre, die Milch lieben und sich im Zweifelsfall auch unter das Euter einen Kuh hängen würden, trinke ich meist Cappuccino. Damit oute ich mich immer sehr schnell als Ausländerin, denn die Italiener trinken anscheindend – wenn überhaupt – nur morgens Caffè mit Milch. Ein Latte Macchiato zu trinken ist für einen erwachsenen Italiener geradezu undenkbar, er gilt als Kindergetränk.

Für einen guten Cappuccino nehme ich lange Wege auf mich. Denn wenn die Milch so perfekt geschäumt ist, dass sie eine fast sahneanrtige Konsistenz hat und sich liebevoll mit Caffè verbindet, dann bin ich eine sehr glückliche Person und brauche keine beknackten Amarettini auf der Untertasse.

Glücklicherweise gibt es auch in Deutschland mittlerweile einige gute Caffè-Bars (ich kann das Due Baristi in Eimsbüttel wärmstens empfehlen) aber nirgendwo schmeckt der Caffè so vielfältig, köstlich und gut wie in Italien.

Persönliche Streitkultur

Während ich in Italien lebte, habe ich Seiten an mir entdeckt, die ich bis dahin nicht gekannt hatte.

In Neapel bewohnten wir zu dritt eine kleine Mietwohnung. Der Vertag bestand aus einem hangeschriebenen Zettel auf dem Stand: „Signora X vermietet Anna ein Zimmer für 150 Euro und Journelle eins für 175 Euro an der Piazza I. 16.“ Meine deutsche Kommilitonin und ich hatten diesen Zettel natürlich nur auf Anfrage erhalten, ich gehe davon aus, dass unsere griechische Mitbewohnerin keinen hatte.

Die Vermietung lief insgesamt ganz gut. Ab und an schneite die Vermieterin rein und verlangte nach einem Caffè sowie einem kurzen Gespräch über unsere akadamischen Erfolge. Es war völlig normal, dass sie nach wie vor einen Schlüssel hatte. Einmal im Monat fuhren wir zu ihrer Wohnung und gaben ihr oder ihrem Mann die Miete in bar.

Zum Ende des Aufenthaltes (und dem Ende des akademischen Jahres an der Uni) veränderte sich etwas. Ich erfuhr von Freunden, dass sie Probleme mit den Vermietern bekamen, zum Beispiel weil diese auf einmal die Miete erhöhen wollten. Dies war wohl üblich, weil kein Student kurz vor den finalen Prüfungen Lust hatte, seine Wohnung zu wechseln.

Einige Freunde zahlten, andere zogen um, einige saßen das Ganze aus oder stritten sich mit den Vermietern.

Unserer Vermieterin hatte mitbekommen, dass wir öfter Besuch aus Deutschland bekamen. Eines Tages kam sie wieder vorbei, ich war gerade in Rom und teilte meiner Mitbewohnerin mit, dass ihr die Nachbarin gesagt hätte ich hätte eine Woche lang eine Freundin zu Besuch gehabt. Da sie nur den Bettplatz (posto letto) an mich vermietet hätte, wollte sie pro Gast und Nacht weitere 15 Euro.

Ich war vorgewarnt und erkundigte mich nach Mieterschutz. Der bestand darin, anzudrohen die Vermietung bei der Finanzpolizei anzuzeigen, es wurde natürlich nicht ein Euro unserer Miete versteuert.

Einige Wochen später besuchte die Vermieterin uns wieder. Nachdem ich ihr einen Caffè gemacht hatte, trug sie mir vor, dass ich Schulden bei ihr hätte, da ich ja Übernachtungsbesuch gehabt hätte. Ferner deutete sie an, dass ich froh sein könnte, dass sie nur Geld von mir wolle, hätte ich Männerbesuch gehabt, hätte sie mich aus der Wohnung geschmissen. Wohlgemerkt war ich zu diesem Zeitpunkt 23 Jahre und keine Jungfrau mehr.

Wir schrieen uns an und ich sagte dieser Frau Dinge ins Gesicht, die ich nicht einmal in den schlimmsten pubertären Streiterein mit meinen Eltern gesagt hatte.

Ich nannte sie Betrügerin, Halsabschneiderin, einen bösen Menschen, jemanden der nur an Geld denkt und arme Studenten abschröpft, eine unmoralische Person, die sich überlegen sollte, ob sie noch reinen Gewissens in die Kirche gehen kann und dass so etwas in Deutschland niemals möglich wäre.

Ferner wieß ich darauf hin, dass sie eine peinliche Repräsentantin ihres Landes sei und fragte sie, ob sie wolle, dass ich von ihrer verwerflichen und erpresserischen Forderung in meinem Heimatland berichte. Und ob sie sich schon mal überlegt hätte, welches Bild das auf Italien und Neapel werfen würde und welche Schande sie damit ihrem Land macht.

Sie beschimpfte mich als Flittchen, als unartiges Kind mit schlechter Erziehung, sie suggerierte, dass mein Elternhaus wohl aus Asozialen bestünde, dass sie so viel für mich getan hätte und ich undankbar und gierig sei. Sie brüllte mich an, dass sie hoffte, ihre Kinder würden niemals so wie ich und ich brüllte zurück, dass ihre Kinder hoffentlich nicht ihre Moral geerbt hätten.

Am Ende riss sie den Arm hoch und rief: „Ich sage jetzt nicht mehr.“

Auf meine Frage, was das nun hieße, zischte sie mich an, dass sie mein Geld nicht mehr wolle.

Wir tranken den Kaffee aus und sie ging nach Hause.

Selten habe ich so unter der Gürtellinie gekämpft und selten ist ein Streit so entspannt beendet worden.

Motorino

Als ich in Florenz Au-Pair war, fuhr ich eine Piaggio Ciao. Es gibt deutlich würdigere Fortbewegungsmittel und wenn ich die toskanischen Hügel zum Haus meiner Au-Pair-Familie hochfuhr, musste ich nicht selten absteigen und das Ding schieben.

Trotzdem zählen die Fahrten mit meiner Ciao zu den schönsten Erlebnissen meines Lebens. Auf einem Mofa mit 35km/h durch den Morgendunst von den Hügeln Arcetris in die Stadt zu fahren ist ein sehr erhabenes Gefühl, dass erst dann weniger erhaben wird, wenn es anfängt zu regnen und man auf dem großen Stadtring ausrutscht, hinfällt und nur zufällig nicht überfahren wird.

Ab und an hat mich mein Gastvater auch mit seinem Motorrad in die Stadt gefahren. Die gleiche Strecke mit 70km/h zu fahren war noch spannender und ich beschloss, dass ich fortan nur noch nach Männern mit Motorradführerschein Ausschau halten würde.

Nach meiner Rückkehr in Deutschland lernte ich tatsächlich einen Mann mit Motorradfüherschein kennen. Allerdings war die Strecke Köln-holländische Grenze bei 140km/h und Hagel deutlich weniger erhaben und aufregend und ich strich diesen Wunsch wieder von der Liste.

Das allgegenwärtige Flirten

Ein Großteil der Zeit von Ausländerinnen, die in Italien Uraub machen oder dort längere Zeit verbringen, gilt dem Lamentieren darüber, dass die italienischen Männer so aufdringlich sind.

Nun wäre es eine Lüge zu behaupten, dass ihnen Zurückhaltung läge, aber nach einiger Zeit fand ich heraus, dass die Baggerei weniger der stete Versuch ist, mich ins Bett zu kriegen*** oder mich in Verlegenheit zu bringen, als vielmehr der Spaß am Flirten und daran Wohlgefallen auszudrücken.

Lob und positive Verstärkung sind nicht unbedingt Kernkompetenzen der deutschen Bevölkerung. Italiener und auch Italienerinnen sind da deutlich weiter. Wenn jemand in irgendeiner Form attraktiv ist, wird dies eben kundgetan.

Vor einem Jahr machten wir Urlaub auf Korsika. Unsere Appartmentanlage war bevölkert von Italienern, es war laut und es roch nach gutem Essen. Ich war ein glücklicher Mensch.

Außerdem war ich verwundert darüber, wie viele Männer freundlich mit mir flirteten selbst wenn ich die Kinder dabei hatte.

In Deutschland wurde ich noch nie zweideutig von einem Mann angelächelt, während eins der Kinder an meiner Hand lief. Hier war es nun umgekehrt. Ich hatte den Eindruck, dass mich gerade die Tatsache, dass ich Mutter bin, auf der Attraktivitätsskala weit nach oben geschossen hatte, sogar im Badeanzug.

Das Ziel ist eben nicht jemanden rumzukriegen, sondern die Freude am Flirten, da ist es dann wahrscheinlich sogar entgegenkommend, wenn der Counterpart liiert ist und Kinder hat.

Italienische Filme

Während in deutschen Komödien Till Schweiger ein attraktives Arschloch mit hoher Stimme ist, dass am Ende eine süße Freundin findet und der Zuschauer weiß, dass er ihr spätestens in zwei Jahren wieder fremd gehen wird, sind italienische Komödien etwas anders aufgebaut.

Am Anfang steht oft ein meist ein (wenig attraktiver) Mann, der aus irgendendeinem Grund traurig oder gebrochen ist. Am Ende findet er den Weg zurück zu seiner Familie oder er findet eine neue Familie, die ihn liebevoll aufnimmt und in der letzen Szene essen alle zusammen ein köstliches Mahl.

Dabei gilt die Regel, je vielfältiger die Charaktere desto besser: schrullig-liebenswürdige alte Menschen, siffige Punks, erfolglose Schriftsteller, zurückhaltende EhebrecherInnen, liebenswürdige Geliebte, dicke, dünne, laute, lustige, leise, melancholische Menschen. Jeder darf mal ins Bild und niemand wird ins Lächerliche gezogen.

Veronica Ferres hätte in Italien genau eine Rolle bekommen – die hübsche aber schlecht gelaunte deutsche Touristin, die Mann und Kinder mit Pedanz quält – und wäre wegen Langeweile nie wieder gebucht worden.

Muss ich noch sagen, welche Komödien mir besser gefallen?

*Wer ist eigentlich dafür verantwortlich, dass es außerhalb Italiens einen Wettbewerb zu geben scheint, Milch zu möglichst stabilen Türmen aufzuschäumen?

**In Italien heißt das was wir als Espresso bezeichnen nur Caffè.

***Ich habe die Erfahrung gemacht, dass in Deutschland der Wunsch eine Frau abzuschleppen genauso groß ist wie überall. Allerdings ist die Taktik auf den Tisch zu starren und sich mit Bier volllaufen zu lassen relativ wenig erfolgversprechend. Das hält allerdings die meisten Männer bis ins hohe Alter nicht davon ab, diese Methode bis zur Perfektion auszubauen.

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