Konjugiere umverteilen

Ich bin ein bekennender Steuerzahler oder besser, ich gebe gern einen Teil meines Geldes an den Staat, in dem ich lebe, ab.

Abgaben sind super. Im besten Fall werden davon Schulen,
Kindergärten, Museen, Parkanlagen, öffentlichen Verkehrsmittel und überhaupt die Infrastruktur, die uns so mobil sein lässt, instandgehalten, gebaut und bezahlt.

Ich trage gern dazu bei, dass Renten bezahlt werden, Menschen Hartz 4 erhalten und Flüchtlinge zumindestens erstmal sicher sind.

Schließlich werde ich auch mal alt und wer weiß, ob ich nicht auch mal Hartz 4 beziehen muss oder gezwungen bin, meine Heimat zu verlassen und dann dankbar sein werde, dass mich andere Länder aufnehmen.

So wie es aussieht, wird demnächst an Eltern ein Betreuungsgeld gezahlt, wenn sie ihre Kleinkinder zu Hause betreuen.

Ich selbst habe schon Elterngeld erhalten, bekomme Kindergeld und habe steuerliche Vorteile durch das Ehegattensplitting.

Nicht nur das Betreuungsgeld finde ich völlig bescheuert, ich kann auch auf die anderen finanziellen Spritzen verzichten.

Ich will das Geld nicht – also theoretisch, praktisch hält mein gesunder Menschenverstand das Portemonnaie auf.

Fangen wir mit Absurdität eins an. Das Ehegattensplitting. Mal ganz im Ernst, warum soll man fürs Heiraten vom Staat belohnt werden?

Heiraten ist ein sehr mutiger Akt in dem  zwei Menschen sich offiziell und öffentlich als Paar deklarieren und sich versprechen gemeinsam durchs Leben zu gehen, egal was da an Schicksal kommen mag.

Ebenfalls mutig ist es, wenn man von einer Kapsel aus mehreren tausend Metern Höhe springt und hofft, dass sich der Fallschirm öffnet. Dieser Mut wird nicht vom Staat bezuschusst.

Der Hinweis, dass in einer Ehe oft Kinder entstehen und das Heranziehen zukünftiger Steuerzahler staatlich  unterstützt werden soll, ist gleichzeitig dumm, absurd und lebensfern.

Wenn ich Kinder oder Eltern unterstützen möchte, gibt es mehr direkte Möglichkeiten, als Baumgartner an Metern runtergefallen ist.

Nach dieser Logik könnte man auch den Bau von Ferienhäusern in Spanien subventionieren, weil dort vielleicht mal ein deutsches Paar im Urlaub ein Kind zeugt.

Das Kindergeld ist immerhin nicht ganz so absurd. Pro Kind gibt es Geld und je mehr Kinder man hat, desto mehr bekommt man auch im Verhältnis.

Kinder kosten viel Geld und da ist man froh, wenn pro Monat noch ein paar hundert Euro dazukommen.

Aber ganz ehrlich, ein kostenfreier Kitaplatz wäre mir lieber. Derzeit geht ein Drittel meines Gehalts an die Kinderbetreuung, die mir das Arbeiten überhaupt ermöglicht, ein Teil davon bekomme wir dann übers Kindergeld wieder rein.

Wäre die Kinderbetreuung in Kindergärten, Krippen und im Hort für alle kostenfrei und gleichzeitig würde das Kindergeld wegfallen, würden die staatlichen Ausgaben wahrscheinlich gleich bleiben oder sogar kleiner werden aber auf jeden Fall könnte man einen Batzen Bürokratie sparen.

Dass die Behörden völlig überlastet sind, wird allein schon dadurch deutlich, dass es in Hamburg ca 3 Monate dauert, bis der jährlich neu zu stellende Antrag für Verlängerung eines Kitagutscheins durch ist. Wohlgemerkt wenn sich im Verhältnis zum Vorjahr nichts geändert hat, sonst kann es auch länger dauern.

Das Elterngeld ist an für sich eine feine Sache. Bei beiden Kindern habe ich es erhalten und ich empfand es als eine Art Gehalt.

Der Wechsel von Beruf zur Babybetreuung ist mir sehr schwer gefallen. Nach der Arbeit konnte ich immer ziemlich genau erzählen, was ich so gemacht habe, wieso es gerade stressig war, welche Projekte ich gerade betreute.

Mit dem Baby zu Hause hatte ich das Gefühl den ganzen Tag beschäftigt gewesen zu sein aber trotzdem war die Wäsche nicht gewaschen und die Wohnung völlig durcheinander. Wenn der Mann nach Hause kam, konnte ich von meiner Milch und der Farbe der Kinderausscheidungen berichten.

Natürlich ist das Leben mit Baby und Kleinkind tatsächlich spannender und man kann tolle Sachen unternehmen aber die Familienarbeit wird – auch von mir selbst – für gewöhnlich nicht gleichberechtigt mit Arbeit z.B. im Büro bewertet.

Das Elterngeld hat mir da sehr geholfen. Wenn ich Geld dafür bekomme, ist es wohl doch eine anerkannte Arbeit.

Die Kritik, dass Eltern die Vätermonate nutzen, um zusammen in einen langen Urlaub zu fahren, fand ich immer total affig.

Ist doch super. Sonst wird immer kritisiert, dass Familien so wenig Zeit miteinander verbringen. Wenn eine Familie nun das Elterngeld nutzt, eine tolle Reise zu machen, wertet man es auf einmal als unanständig?

Fehlt noch, dass das Elterngeld gekoppelt wird an das Erleben eines grauen und stürmischen Winters in Hamburg.

Und auch in der Arbeitswelt hat sich ein wenig getan. Auf einmal fielen auch männliche Kollegen nach der Geburt ihrer Kinder für ein paar Monate aus.

Das wurde vom Arbeitgeber aber auch den Kollegen erstmal klagend und zähneknirschend hingenommen aber letztlich kommen alle zurecht und es beweist, dass es niemandem schadet, mal eine Auszeit vom Beruf zugunsten der Familie zu nehmen. Kinder sind ein klitzekleines bisschen weniger zum Karrierekiller geworden.

Trotzdem, ich verzichte gern aufs Elterngeld, wenn das Geld an anderer Stelle eingesetzt wird.

Neben einer guten und kostenfreien Betreuung und Bildung von der Krippe bis zum Universitätsabschluss – ich kenne kein Land, das jemals darüber geklagt hätte, zu viele kluge und gebildete Einwohner zu haben, umso absurder wenn gerade in diesem Bereich gespart wird – sollten diverse Möglichkeiten der Freizeitgestaltung subventioniert werden.

Wenn wir mit den Kindern in ein Hamburger Schwimmbad gehen, geben wir für ein paar Stunden plantschen 20 Euro aus.

Ein Zoobesuch mit zwei Kinder (älter als 4 Jahre) und zwei Erwachsenen kostet 60 Euro, das Kombiticket mit Aquarium sogar 85 Euro.

Natürlich kann man auch den eintrittsfreien Kinderbauernhof in Kirchdorf fahren oder im Sommer ein kostengünstigeres Naturbad aufsuchen.

Fakt aber bleibt, dass sehr viele Kinder und Familien bei bestimmten Freizeitaktivitäten ausgeschlossen sind.

Und warum kostet die Schulspeisung Geld? Warum müssen Eltern für Klassenfahrten bezahlen? Und man kann sich auch fragen, warum Schulbücher und die Basisversorgung an Materialien von den Eltern bezahlt werden müssen.

Dabei sollte einem Staat doch daran gelegen sein, seinen Bürgern die best mögliche Ausbildung zu bieten.

Man kann doch nicht einerseits in totale Panik ob der Pisastudienergebnisse verfallen und andererseits auf dem Auge der vielfältigen Verbesserungsmöglichkeiten blind sein.

Es gibt beispielsweise Behörden, die prüfen, ob eine Familie zusätzliches Geld für Hefte, Schulspeisung, Klassenfahrten usw. erhalten soll. Wäre es nicht viel sinnvoller diese abzuschaffen oder umzubauen in eine Behörde die diese Kosten für alle Kinder trägt und verwaltet?

Hier nehmt unser Kindergeld und sollte ich nochmal ein Kind bekommen verzichte ich auch gern aufs Elterngeld.

Nehmt es und baut eine ordentliche Infrastruktur in der alle Kinder betreut werden können, in der es keine Frage des Geldes ist, ob man studieren kann, in dem jedes Kind an einer Klassenfahrt teilnehmen kann, in dem es und seine Familie nicht durch Gutscheine und Behördenbesuche stigmatisiert wird und in dem ein Schwimmbadbesuch nur etwas teurer ist als ein Fernsehnachmittag.

Und das Betreuungsgeld packt ihr lieber in die Rentenkasse der Frauen und wenigen Männer, die zu Hause bleiben, da wird es am Ende dringender benötigt.

21 Kommentare, 12 Tweets, 108 Facebook Shares, 14 Plusones

  1. Kurz und prägnant zusammengefasst, worum es hier geht.
    Das sind alles prima Vorschläge. Dafür müsste aber mal einer das ganze Durcheinander von Zuständigkeiten aufdröseln.

    Ein Grund für den Huddel sind unter anderem die Zuständigkeiten. Ich berichte mal aus meiner Kreisstadt hier.
    Für städtischen Kitas sind hier zum Beispiel die Gemeinden zuständig, für die kirchlichen die unterschiedlichen Kirchengemeinden, für die Schulen der Kreis, das gilt für die Sachkosten. Das sind Stühle und Tafelkreide, Erlenmeyerkolben und Tageslichtprojektoren und so weiter. Also dort Anträge stellen.
    Für die Bezahlung des Personals ist das Land zuständig. Für Zuschüsse für Reisekosten für Fortbildungen dort Anträge stellen.
    Kindergeld und Zuschüsse für Klassenfahrten kommen von der Bundesagentur. Dort also auch Anträge stellen.
    Die Bücher zahlen die Eltern. Wenn sie sie geliehen haben wollen, und nur einen Anteil zahlen wollen, ist der Kreis zuständig. Dort also auch Anträge stellen. Die Kreisverwaltung muss aber nun wissen, welche Bücher sie kaufen soll. Und sie muss dann noch kontrollieren, welche Schüler welche Bücher unbeschädigt zurückgeben. Davon hat sie aber keine Ahnung. So ist der Musiksaal eine Woche blockiert und es machen doch die Lehrer.
    Es ist so verrückt!
    Vor vielen Jahren gab es mal eine Kommission der Bundesregierung zur Entbürokratisierung der Verwaltung. Ich glaube, die sind alle unter Formularen erstickt. Ich habe jedenfalls nichts mehr gehört von ihnen.
    Ja genau, #vonFormularenerstickt

  2. Solange die eigenen Schäfchen im Trockenen sind (diejenigen, die über solche Dinge entscheiden können ihren Kindern ja jegliche Ausbildung, Klassenfahrt etc finanzieren), ist es den Leuten offenbar egal (ich fürchte sogar: ganz angenehm), was mit dem Rest passiert.

  3. Wenn diese windigen Finanztelefonakquisiteure mit dem Anfangssatz “Finden Sie nicht auch, dass Sie zuviel an Steuern bezahlen?” beginnen, entgegne ich gern lässig (und total wahrhaftig) “Nein, wieso?” und genieße die – für den Anrufer – peinliche Pause.

    Schön, Sie auch auf dieser Seite des Ufers zu wissen.

  4. “Fangen wir mit Absurdität eins an. Das Ehegattensplitting. Mal ganz im Ernst, warum soll man fürs Heiraten vom Staat belohnt werden?”
    Folgende Frage: Familien A und B verdienen gleich viel in Summe, sagen wir je 2000 Euro im Monat.
    Sollen beide Familien gleich viel Steuern zahlen? Ich denke ja.

    Das wäre aber bei Abschaffung des Ehegattensplititngs nur dann der Fall, wenn beide Partner in der Familie gleichviel verdienen. Das liegt an der Einkommensteuerprogression.

    Das Ehegattensplitting belohnt nicht die Ehe, sondern sichert, dass Haushalte mit gleichem Einkommen auch die gleichen Steuern zahlen. Was könnte gerechter sein?

  5. @Dummerjan
    Wenn es gerecht wäre, müsste es aber für alle Haushalte (eheähnliche Gemeinschaft, Partnerschaften u.s.w.) gelten, unabhängig vom Trauschein.
    Ansonsten:
    Endlich mal vernünftige Vorschläge! Journelle an die Macht!

  6. Pingback: Neunnachneun « Ansichten aus dem Millionendorf

  7. “Wenn es gerecht wäre, müsste es aber für alle Haushalte (eheähnliche Gemeinschaft, Partnerschaften u.s.w.) gelten, unabhängig vom Trauschein.”
    Bei Hartz IV ist das schon der Fall.

  8. lesenswert, man kann den deutschen nur empfehlen die konjugation gedanklich fortzusetzen. papi staat regelt für seine bürger alles, spendiert scheinbar hier etwas, da noch was und holt es sich doppelt an anderer stelle wieder. früher hiess das brot und spiele, das andere nannte man “zehnter”, heute fasst man es mit “umverteilung” geschickt zusammen. zwei drittel des staatshaushalts geht inzwischen für “soziales” weg, aber keinen kümmerts. faszinierend wie deutschland schritt für schritt freiheit gegen soziale wohltaten eintauscht. grüsse aus der schweiz, in der die bürger kürzlich gegen 6 wochen ferien für alle gestimmt haben.

  9. Pingback: Dentaku » Konjugiere umverteilen

  10. Das Ehegattensplitting hat durchaus seinen Grund; es ist die staatliche Förderung dafür, dass die Verpflichtung zur gegenseitigen Versorgung eingegangen wird.
    Spätestens seit für das Arbeitslosengeld 2 die “Bedarfsgemeinschaft” definiert worden ist, ist es aber falsch, dass das Splitting an die Ehe geknüpft ist, die ja mit deutlich mehr Bedeutung aufgeladen ist. Eigentlich müsste diese Möglichkeit jeder solchen Konstellation zustehen.

  11. what Dentaku says :-) Mit der Ehe (und auch mit der eingetragenen lebenspartnerschaft) geht man besondere Rechte und eben auch Pflichten ein. Wobei das steuerlich mit der Lebenspartnerschaft gerade in einem Entscheidungsprozess ist. Bei uns im Büro setzen wir diese atm nur zusammenveranlagt an :-) das dauert eben immer etwas…
    Nichts desto trotz ist es an de zeit, au andere Lebenodelle entweder auch zu begünstigen oder das komptt zu ändern/abzuschaffen.

  12. “Fehlt noch, dass das Elterngeld gekoppelt wird an das Erleben eines grauen und stürmischen Winters in Hamburg.”
    Manche Sätze sind für immer. Dieser z.B..
    Danke.

  13. naja, es gibt ja unzählige löcher, in denen steuergelder versumpfen, die man für schulbücher/schulausflüge und dergleichen investieren könnte, oder nicht?
    ich hätte das betreungsgeld nicht verlangt, bin aber auch nicht dagegen – und gehe insgeheim davon aus, dass es wieder abgeschafft würde, wenn es denn eines tages mal ausreichend kita-plätze geben sollte.
    und zum letzten absatz: es ist ja geplant, dass man das betreuungsgeld für altersvorsorge/bildungssparen anlegen kann. wenn das so funktioniert ist es doch keine schlechte alternative.

  14. Pingback: Woanders – heute mal nur Blogs | Herzdamengeschichten

  15. Boah ja, dieses reine Weiterreichen des Kindergeldes an die KiTa, das hasse ich auch. Sollen das die Ebenen Bund (Kindergeld) und Kommune (KiTa) doch unter sich ausmachen, was brauchen die mich da als “Weitergeber”.
    Elternzeit für gemeinsamen Urlaub – ich bin da einfach nicht großzügig genug oder habe meine ersten Elternzeiten vielleicht zu negativ wahrgenommen – ich lebe da den Gedanken der, ja, es ist ein häßliches Wort, Vergeltung. Väter können es viel besser nachvollziehen, was es heißt, allein mit ein bis mehreren Kindern zu Hause zu sein, wenn sie das mal selber eine Weile gemacht haben. Und Frauen, macht ihm nicht den Haushalt, wenn Ihr von der Arbeit nach Hause kommt.
    Bin voll bei Dir bei den Punkten Geld für Schulmaterial, Prüfung einzelner Ansprüche durch Behörden etc. Ein Wahnsinn.
    Kinderbauernhof in KirchDORF übrigens :-)

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