Wettbewerbe wählen oder bleib mir mit der Ehrenurkunde fern

Wie ich in den mir zur Verfügung stehenden Mitteilungsmedien nicht müde werde zu verlautbaren, hatte ich neulich Geburtstag.

Ich feierte in meinen Ehrentag hinein und erhielt so um 0 Uhr gebündelt die Geschenke meiner lieben Gäste. Auffallend war, dass ich vor allem erlesen Alkohol, erlesene Leckereien, ein wenig Deko und zwei DVDs bekam.

Eine Freundin aus Schulzeiten schenkte mir einen italienischen Film und dann noch einen französischen mit dem Hinweis, sie sei für mich extra in der FSK 18 Abteilung gegangen. Dort hätte sie noch einen anderen interessanten Film gefunden, diesen aber weggelegt, da er keine expliziten Sexszenen enthalten hätte. Dabei deutete sie auf die DVD in meiner Hand und las vor “enthält drastische Darstellungen von Sex”.

Offenbar kennen mich meine Freunde gut.

Ich mache, sehe, höre, rieche, fühle und genieße gern schöne Dinge.

Meine Oma erwähnt immer wieder gern, dass die Kinder heutzutage (also mein Bruder und ich, die tendenziell eher die Steuerzahler von heute sind) ja gar nicht mehr dankbar sind. Früher hätten ihnen Kleinigkeiten gereicht, jetzt muss es gleich ein großes wertiges Geschenk sein.

Ich finde ja eher dass das Gegenteil stimmt. Ich habe das Gefühl, dass derzeit jede Form von Hedonismus verpönt ist.

Heute ist die Jugend doch schon dankbar und ausreichend zufriedengestellt, wenn man ihnen ein Foto gibt.

Ein retuschiertes Foto aus den Händen einer Heidi Klum symbolisiert quasi den Weg in eine disziplinierte, maßvolle Zukunft mit der Hoffnung auf ein paar Fernreisen, ein paar Jahre lang ganz gut Geld zu verdienen und sich ab und an auf einem Magazincover oder einem Plakat in einem JCDecaux Stadtmöbel ins fotogeshopte Gesicht zu blicken.

Da ich vermeiden möchte, in die Fußstapfen meiner Großmutter zu treten und früher alles besser zu finden, lasse ich die Jugend Jugend sein und pauschalisiere die Hedonismusfeindlichkeit mal für die gesamte Gesellschaft. Der sehr empfehlenswerte ZEIT-Artikel Schöner, als die Natur erlaubt hat mich jedenfalls sehr erschüttert.

Wie absurd ist es bitte, jedes alltäglich Plaisir der ästhetischen Perfektionierung zu unterwerfen, um dann die Schönheit zu genießen? Genausogut könnte man permanent seinen Beckenboden durch gymnastische Übungen trainieren, nicht um möglicherweise das eigene Sexualleben zu verbessern, sondern um bei einem Wettbewerb zum stärksten Beckenboden Deutschland gewählt zu werden. Ok, für die Trophäe “Die goldenen Smartballs” würde sich das wahrscheinlich lohnen.

Jedenfalls ist das nicht die Welt in der ich leben will.

Es ist ja nicht so, als würde ich nicht stark auf Schönheit reagieren. Egal ob Männer, Frauen oder Kinder, ich kann mich an schönen Menschen nicht satt sehen. Julianna Margulies aus Good Wife finde ich zum Beispiel derart schön, dass ich wie ein elektrisiertes Kätzchen auf dem Sofa sitze und auf den Bildschirm starre, wenn sie in Nahaufnahme gezeigt wird.

Aber diese Schönheit ist kein objektiver Wert, sondern ein subjektiver, optischer Genuss. In Anbetracht der Tatsache, dass jeder Mensch für sich Schönheit sehr unterschiedlich interpretiert – nur so lässt sich erklären, dass Dieter Bohlen überhaupt Geschlechtsverkehr hat und komm mir hier keiner mit Geld, ich würde mich zu Tode erschrecken, wenn ich beim Austausch von Intimitäten die Augen öffnen würde und dieses Ledergesicht vor mir erblickte – kann ich nur schlussfolgern, dass das alles mit Schönheit gar nichts zu tun hat.

Worum es eigentlich geht ist Makellosigkeit. Die ist nämlich viel besser objektiv messbar und damit ideal für den Wettbewerb. Während unter Männern – noch – der Wettbewerb nach Geld, Status und Ansehen ausgefochten wird, haben wir Frauen uns auf den Makellosigkeitswettbewerb eingeschossen.

Hier geht es um die cellulitefreiste Haut, die wenigsten Falten, den flachsten Bauch, den schönsten Teint, die apfeligsten Titten, die weitesten Laufstrecken in optimaler Zeit, die bewussteste Ernährung, die gepflegteste Zähne, Hände, Füße und Haare.

Männer spielen hierbei nur am Rande eine Rolle. Es geht hier vielmehr um die soziale Stellung, wer Alphafrau sein möchte – und damit erfolgreich im Beruf, im sozialen Umfeld, bei den Männern und in allen anderen Lebensbereichen – muss makellos sein.

Ich erlebe das täglich in meinem Hamburger Stadtteil. Hier fällt man mit milden Übergewicht gleich auf und ich meine das nicht im Positiven. Die Nägel aller Frauen sind perfekt gepflegt, jede treibt Sport, Haare unter den Achseln, auf den Beinen oder im Schambereich sind inexistent und wenn man mehr als 1500 Kalorien am Tag zu sich genommen hat, kasteit man sich am nächsten Tag gleich mit 3 Extrarunden um den Stadtpark.

Jede Wette, man kann in meinem Stadtteil jede beliebige Frau nachts um 3 Uhr wecken und fragen wie lange sie laufen muss, um ein Stück Schokolade “abzuarbeiten”, sie wird es sagen können und dann gleich wieder einschlafen, schließlich will man Augenränder vermeiden.

Die Makellosigkeit ist eine Währund an der der soziale Wert – meist einer Frau – abgelesen wird. Dummerweise handelt sich um eine denkbar instabile Währung mit einem enormen Inflationspotential. Makellosigkeit ist so vergänglich wie das Aceton im Nagellackentferner. Wir schimpfen alle über bekloppte Aktienhändler, betrügerische Banken, die uns über den Tisch ziehen aber unseren sozialen Wert koppeln wir an Makellosigkeit?

Apropos Dummheit, zutiefst beunruhigend fand ich das im Artikel zitierte Ergebnis einer Umfrage:

Für eine Umfrage der Frauenzeitschrift Petra wurden im vergangenen Jahr 1000 Frauen gefragt, ob sie zehn Punkte ihres Intelligenzquotienten opfern würden, wenn sie dafür einen Schönheitsmakel ausgleichen könnten. Fast drei Viertel der Frauen antworteten mit Ja.

Während der Schwangerschaften und der Stillzeit hatte ich den Eindruck, dass sich ein Teil meiner kognitiven Fähigkeiten zurückgezogen hatte.

Während ich ohnehin nie gut mit Namen und Gesichtern war, so kann ich mich – wenn ich weiß, wer vor mir steht – an kleinste Details aus dem Leben dieser Person erinnern. Wenn der Mann und ich unterwegs sind, zeigt er auf Leute die wir kennen, nennt den Namen und vielleicht ein Stichwort und ich male diesen Umriss dann aus. Wir sind ein ziemlich gutes Team.

In den vier Jahren intensiver Kinderbetreuung ging mir auch diese Fähigkeit verloren. Erst vor ein paar Monaten hatte ich das Gefühl, dass mein Gehirn endlich wieder auf Vorschwangerschaftsniveau ist. Ich fühlte mich wie nach einer Erkältung, wenn man endlich wieder riechen kann. Unter keinen Umständen verzichte ich freiwillig wieder auf irgendeinen meiner Intelligenzquotientpunkte, ich kann jeden einzelnen sehr gut gebrauchen.

Natürlich kann auch Intelligenz und Geist mit der Zeit und dem Alter verloren gehen, aber Intelligenz, Witz, Charme scheinen mir im Gegensatz zur (körperlichen) Makellosigkeitswährung wie eine Goldanlage.

Letzlich ist es aber egal, mit welcher Währung der soziale Status definiert wird, die Frage ist vielmehr, warum tue ich mir überhaupt diesen Wettbewerb an? In den seltensten Fällen bringt der Wettbewerb einem selbst etwas. Die Sieger der Makellosigkeit wirken selten wie die Sieger beim Wettbewerb “Zufriedenheit, Gelassenheit und Frohsinn”, obwohl dort auf dem ersten Platz gar nicht genug Gewinner stehen können.

Es bleibt also die Frage, wer will, dass ich makellos bin, wer profitert von meiner Makellosikgeit und was passiert wenn ich nicht mitmache? Bekomme ich dann wie bei den Bundesjugendspielen 1991 keine Ehrenurkunde?

Als ich vor vielen Jahren in den USA lebte, stellte ich fest, dass dort viele Menschen an die Hölle glauben. Diese Leute richteten ihr Leben nicht nach ihren persönlichen Bedürfnissen, sondern den Vorgaben ihrer Kirche aus, allein aus Angst, nach ihrem Tod auf immer und ewig in der Hölle zu schmoren.

Ein wenig Angst bekam ich auch aber dann überlegte ich mir, wen ich alles in der Hölle treffen würde und dachte, dass die Hölle am Ende wohl mein persönliches Paradies werden würde.

Soweit bin ich im Makellosigkeitswettbewerb noch nicht, ich schiele immernoch auf das inoffizielle Ranking, wünsche mir immer noch ab und an eine richtige hanseatische SUV-Mutti zu sein, schelte mich wegen meiner Disziplinlosigkeit (obwohl ich weiß, dass Gewicht, Gesundheit und Disziplin gar nicht so viel miteinander zu tun haben, wie einem immer glauben gemacht wird) und falle auf die Fata Morgana rein, die mir weiß machen möchte, dass Makellosigkeit und Glück gleichbedeutend sind.

Aber abends bei Baumkuchen und Wein, mit dem Mann auf dem Sofa und einem guten Film nähre ich das kleine Pflänzchen des Zweifels an diesem Wettbewerbsblödsinn.

6 Kommentare, 2 Tweets, 12 Facebook Shares, plussen

  1. Erstens: genau.
    Zweitens: In irgendeinem SZ-Magazinartikel über Senta Berger (Ich denke immer, es war Senta Berger, wahrscheinlaich war’s jemand anders, naja.) stand mal der schöne Satz: Wer nicht pergfekt sein kann, muss großzügig sein. Den trage ich seitdem mit mir herum und denke an ihn, wenn die Selbstgeißelung mal wieder überhand zu nehmen droht.

  2. Genau so ist es! Schön auf den Punkt gebracht! Jetzt esse ich noch mal eine Waffel und dann geh ich sexy Unterwäsche kaufen, weil auch ohne Apfeltitten und perfektem A… freue ich mich an schönen Dingen.
    Irgendwann dachte ich mal beim Anblick meiner Hüften wie sehr ich gutes Essen mit Lebensfreude verbinde, und dass mir der Schönheitswahn nicht wert ist auf ein leckeres Glas Rotwein bei einem sehr leckeren Essen zu verzichten.
    Liebe Grüsse
    Nathalie

  3. Oh und nicht zu vergessen der absolut grade und ohne Umweg gezeichnete Lebenslauf … *würg* … Leben ist anders! Und so wie mein Lebenslauf Ecken und Kanten hat, habe ich die auch und außerdem noch hier und da ein paar Rundungen!

  4. Ach, die glatten Hamburgerinnen. Blaugestreift und blond, aber nicht laut lachen können.
    Ob das die Stadt mit den glücklichsten Frauen ist? Ich bezweifle es.

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