Biedermeier 2.0

Als großer Freund der Evolutionstheorie glaubte ich lange Jahre, dass sich alles zum Besseren hin entwickeln würde.

Nunja, die Evolution war auch nicht immer das Beste für alle Beteiligten und die Frage nach dem Besten wird auch nie final und objektiv geklärt sein können. Bestünde die Welt nur aus Wasser, wäre auch der prächtigste Löwe am Arsch.

Irgendwann jedenfalls musste ich mir eingestehen, dass ich nicht die verbesserte Weiterentwicklung meiner Eltern, sondern eher das Derivat einer ganz zufriedenstellenden Genkonstellation bin.

Meine Eltern, für die ich mich öfter mal schämte – z.B. Wenn mein Vater nach 20 Uhr meine Freunde anbrüllte, sie sollten gefälligst nicht so spät mehr anrufen oder meine Mutter wieder wild gekleidet zum Elternabend kam – sind keine 2.0 Liter Motoren und ich kein 3.0 XCDTI. Und meine Kinder werden sich für mich genauso schämen und einige Jahre später feststellen, dass sie meine Peinlichkeiten womöglich sogar übernommen haben.

Auf der Suche nach Struktur – da ich nun eingesehen hatte, dass wir eben nicht höher weiter und schneller werden, sondern einfach nur anders hoch, anders weit und anders schnell – schloss ich mich einem Wellenmodell an.

In wellenartigen Bewegungen kommt alles wieder. Das ist sehr unglamourös aber scheint für mich lebensnäher als der stete Aufwärtsglaube. Es ist schön zu wissen, dass alles irgendwann wieder kommt aber auch desillusionierend, dass im Grunde alles beim Alten bleibt. Jede Revolution verspießt irgendwann. Die Menschen werde nicht liberaler, tolleranter, offener oder glücklicher, sie bekommen Angst vor der eigenen Courage und werden ängstlicher als zuvor. Man kann es wohl auch den gesellschaftlichen Jojo-Effekt nennen.

Da kann uns die Kirche tausendmal versichern, dass die Moral, die Werte und der Glaube stirbt. Das stimmt nicht, diese verhandelbaren Werte verlagern sich nur aus dem Klingelbeutel der klassischen Gemeinde in den anderer – mehr oder weniger –
obskurer Vereine.

Vor ein paar Wochen las ich Lauren Sandlers Text No Sex, Please — We’re Domestic Goddesses und fand versteckt die Antwort darauf, warum ich bei manchen Blogs ein komisches Gefühl habe.

Die deutsche Situation ist natürlich nicht mit der amerikanischen zu vergleichen, wir leben schließlich noch im Nacktbadeeldorado Nordeuropas. Aber es stimmt, wir sind eine sehr konservative Generation. Es fällt uns nur nicht auf, weil wir die digitale Revolution hautnah miterleben und glauben, das reicht, um die Merkmale weltoffen, progressiv und innovativ neben dem Sternzeichen ins Profil zu packen.

Und dann nutzen wir dieses Profil, um schön unsere Backkunst, die Deko, die Kindererziehung und unsere Beziehung die Illusion einer schlechten 50er Jahre Werbung zu geben. Wenn wir an unserem pastellfarbenen Lack kratzen, dann haben wir mit unseren entzückenden Kindern mal geschimpft, um uns dann besser als jeder Erziehungsratgeber zu entschuldigen und das Problem zu lösen.

Es gibt natürlich auch die unabhängigen Geister, die selbtreflektiv jede Facette ihrer Persönlickeit analysieren und in ihrem Blog zu einem traurig bis tragisch schillerden Diamenten zusammenmontieren. Nur haben ich bei diesem Diamanten oft auch das Gefühl, dass es sich um eine Projektion handelt und hinter dem Beamer steht ein aufgeblasenes graues Ego. Im Grunde sind sie die psychische Erweiterung eines Lifestyleblogs.

Ganz zu schweigen von der steten Bestätigung, dass Verzicht und Anstrengung glücklich machen: Ja, der Sport ist toll, seitdem ich mich lakto-vegan von Luft ernähre bin ich glücklich und pupse viel weniger, weil wir kein Auto haben sind wir nach Italien gewandert, es war toll und die Kinder haben immer schön neben der Autobahn spielen können.

Bei all den Möglichkeiten, die uns das Internet schenkt, bei all den Freiheiten die wir uns in den letzten Jahrzehnten als Gesellschaft erkämpft haben, entscheiden wir uns dafür, ein urkonservatives Weltbild ins Pixel zu setzen.

Nicht hinterfragen, sondern dekorieren scheint die Devise.

Rüdiger Suchsland hat in seiner Rezension über den aktuellen Anna Karenina Film geschrieben:

Man muss Schlimmes fürchten fürs Abendland – kulturhistorisch waren die Zeiten der Askese immer Zeiten des Niedergangs.

Dafür lassen sich wahrscheinlich viele Gegenbeispiele finden aber ich war immer schon ein Freud von Keynes und glaube, dass Ausgeben besser als Horten ist.

Askese ist im Grunde nichts anderes als der moralisch-theologische Unterbau und damit Glorifizierung der Angst etwas verlieren zu können – Geld, die gute Figur, den Ruf, den Verstand, das Leben.

Angst hat seine guten Seiten zum Beispiel wenn sie einen davon abhält, an einem Bungeeseil von einer Brücke über den Viktoriawasserfällen hinunterzuspringen.Ansonsten eigenet sie sich aber vor allem dazu, Menschen zu überreden Dinge zu tun und Sachen kaufen, die sie nicht tun würden und die sie nicht brauchen.

Während wir uns also gerade in Wellental befinden, überall Überwachungskameras anschließen, jede Ecke abschleifen, damit die Kinder sich nicht verletzen, 50 Shades hingebungsvoll lesen, weil wir auch mal jüngfräulich das unmündige Eigentum eines Psychopathen sein möchten und nach kokett-bescheidener Makellosigkeit streben, müsste man im Grunde nur warten bis es irgendwann wieder wilder und rebellischer wird.

Das Problem ist, man hat ja nur so rund 70 Jahre. Ich schwimm da jetzt die Welle hoch aber vorher gucke ich mir noch eine Folge Game of Thrones an.

Antje Schrupp
@antjeschrupp
Thema: Die neue Lust auf Patriarchat. Die Idee kam mir beim Lesen von A Game of Thrones.

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