Nicht glauben können

Antje Schrupp fragte via Twitter und dann per Post und Nachklapp nach wer und warum Atheist ist und ob es sich um eine Weltanschauung oder eben keine Weltanschauung handelt.

Außerdem las ich vor kurzem diesen Zeitartikel von Tanja Dückers in dem ein Trend (zurück?) zur Religiösität ausgemacht wird.

Schon seit einiger Zeit wollte ich einen Text darüber schreiben, wie ich mich mit Religion und Glauben auseinander gesetzt habe und schließlich feststellte, dass ich Atheistin bin. Abgesehen davon, dass ich wohl einen Aufhänger dafür brauchte, fiel es mir aus zwei weiteren Gründen etwas schwer darüber zu schreiben: a) Ich möchte Religion und Religiösität nicht negativ darstellen. Viele meine Freunde finden dort Kraft und Antworten. Nicht selten beneide ich sie dafür, trotzdem merke ich immer wieder, dass ich hier anders funktioniere. b) Ich will nicht, dass mir jemand erzählt, warum ich etwas glauben soll und entsprechend erwarte ich von niemanden, dass er sich meiner Weltanschauung anschließt. Den richtigen Ton zu finden, indem man die eigene Glaubensphilosophie erklärt, ohne die anderen in einem schlechten Licht darzustellen, stellt für mich eine Herausforderung dar.

Wenngleich es in meiner Familie väterlich wie mütterlicherseits bis vor zwei Generationen eine nicht unerhebliche Anzahl an evangelischen Pfarrern und Diakonissinnen gab, bin ich fast religonsfrei ausgewachsen.

Meine Mutter wurde in den 40er Jahren nicht getauft und sah bis heute keine Grund das nachzuholen. Mein Vater und mein Bruder sind evangelisch getauft aber auch bei ihnen spielt Religion keine oder nur eine untergeordnete Rolle. Ich blieb bis kurz vor der Konfirmation ungetauft, wurde aber schultechnisch als evangelisch eingestuft und entsprechend beim Religionsunterricht mit den anderen Protestanten meiner Jahrgangsstufe zusammengepackt.

Was mich aber nicht daran hinderte, an katholischen Messen – bei uns auf dem Land gab es ja sonst nichts – teilzunehmen. Bis auf einmal blieb ich beim Abendmahl immer sitzen. Als ich einmal doch auch eine Oblate nahm, fauchte mich eine Klassenkameradin an, als Ungetaufte hätte ich kein Recht dazu. Etwas neidisch war ich auch auf meine Klassenkameradinnen, als sie zur Kommunion hübsche weiße Kleidchen trugen und mit Geschenken und Geld nur so überhäuft wurden.

Ich entschied mich mich mit 12 oder 13 Jahren bewusst dafür, am Konfirmationsunterricht teilzunehmen und vor der Konfirmation getauft zu werden. Ich fand Religion exotisch und spannend und hoffte auf Antworten.

Der Unterricht und die wöchentlichen Gottesdienste, die wir besuchen mussten, waren nichtssagend und langweilig.

Lediglich eine Geschichte die der Pastor erzählte, blieb mir seitdem im Kopf. Er berichtete aus Markus 6:32-44. Dort teilt Jesus Brot und Fisch und 5.000 Leute werden satt. Die Moral der Geschichte ist, wenn man teilt ist für alle genug da. Das gefiel mir gut und hat bis heute – dann und wann – Einfluss auf mein Verhalten.

Das mit der Konfirmation zog ich durch, allein wegen der Geschenke und der Feier und weil ich ungern auf halben Weg aufhöre.

Aber eine Epiphanie war es nicht.

Mit 16 ging ich dann ein Jahr in die Staaten und setze mich gezwungenermaßen sehr viel mit Religion auseinander.

Ich kam nach Tennessee in den Bible Belt. Meine Gastfamilie ging drei mal wöchentlich in die Kirche und es war klar, dass ich mitgehen sollte.

Nun ist es in den USA so, dass es unter den vielen protestantischen Richtungen viele Strömungen gibt. Das geht von sehr liberalen Gruppierungen die u.a. auch homosexuelle Ehen befürworten bis hin zu Gemeinden, die in Europa wohl als Sekten gelten würden.

Die Free Will Baptist Church zu der meine Familie ging, gehört zum sehr konservativen rechten Spektrum.

Interessant war auch, dass die Kirchen für gewöhnlich entweder nur von Weißen oder nur von Schwarzen besucht wurden. Es gibt also in einem kleinen Ort zwei Baptistenkirchen eine für die weißen und eine für die schwarzen Gläubige.

Ich war sehr irritiert. Für mich war Kirche der Ort an dem für Kinder in armen Ländern gesammelt wird, in dem Versöhnung, friedliches Miteinander zumindestens gepredigt aber im besten Fall auch gelebt wird.

Ich lernte nun Leute kennen, die offen zu ihrem Rassismus standen – und ihre Töchter zusammenschlugen weil sie sie knutschend mit einem Schwarzen erwischt hatten – die Waffen besaßen und sich nicht scheuen würden, diese auch gegen Personen anzuwenden. Leute, die nicht an die Evolution glaubten, weil es so nicht in der Bibel steht und die Homosexualität für eine Perversion halten, die man (mit dem Glauben) kurieren kann. Aber gleichzeitig hielten sie sich für sehr gute Christen.

Die absolute Weltsicht vieler Menschen, auf die ich dort traf und ihr Glaube der keine Facetten erlaubte, dessen oberstes Gesetz war, an Gott und Jesus zu glauben und dann erst die anderen Gebote zu befolgen, bedrückte mich. Auch weil die Hölle nicht symbolisch, sondern oft ganz real als Drohung für jede Form der kritischen Auseinandersetzung mit dem Thema genutzt wurde.

Ich hatte Glaube immer mit einem bestimmten moralischen Kodex in Verbindung gebracht insbesondere der: “Was du nicht willst, dass man dir tut, das füg’ auch keinem andern zu!” (gemäß Buch Tobit im 4. Kapitel Vers 16: “Was du verabscheust, tu keinem anderen an!”) bzw. einem entwaffnendem Pazifismus “Ich aber sage euch, daß ihr nicht widerstreben sollt dem Übel; sondern, so dir jemand einen Streich gibt auf deinen rechten Backen, dem biete den andern auch dar.” (Matthäus 5:39)

Hier wurden auf einmal Rassismus, Patriachat und Angst vor allem Fremden durch Religion begründet und untermauert. Die mannigfaltigen Möglichkeiten des Missbrauchs von Relgion wurden mir in diesem Jahr ganz besonders bewusst.

Das Positive daran war, dass ich genug Zeit, Gelegenheit und Muße fand, mich mit Glauben und insbesondere dem Christentum zu beschäftigen und festzustellen, dass Religion nichts für mich ist.

Zum einen fragte ich mich, woher der Absolutheitsanspruch vieler Religionen kommt. Jetzt mal im Ernst, wird es im Jenseits eine große Battle der Religionen geben, wer nun Recht hatte? Kommen dann die Verlierer-Religionen oder Gläubiger in die Hölle oder sonst welchen Ort, der für Falschreligiöse vorgesehen ist?

Das ist natürlich absurd und für mich einer der wesentlichen Punkte, warum ich nicht glauben kann. Wenn es so viele verschiedene Religionen und Glaubensrichtungen gibt, kann das – nach meiner ganz persönlichen Logik – nur dafür sprechen, dass Religion ein metaphysisches Abbild der Gesellschaft ist, in der man lebt. Religion kann somit – nach wie vor entspricht das meiner ganz persönlichen Logik – keine allumfassende Wahrheit sein.

Ferner habe ich ein großes Problem mit der Verantwortungsfrage. Und zwar in zweierlei Hinsicht:

Im Christentum gilt die Vergebung als ein zentrales Element.

Ich bin ein großer Freund von Vergeben und Verzeihen, es macht das Zusammenleben einfacher und freundlicher. Meine Kinder versöhnen sich jeden Tag ca. 25 Mal, der Mann und ich ca. 10 Mal, Vergebung ist ein wesentliches Element unseres Familienlebens.

Gott vergibt uns ebenfalls unsere Sünden (“Und vergib uns unsere Schuld, wie wir unseren Schuldigern vergeben.” Matthäus 6:12). Grundsätzlich ist der Gedanke sehr schön aber Gott ist für mich nicht greifbar, womit ich mich wohl im Wesentlichen von gläubigen Menschen unterscheide. Ich stehe nicht in einem Dialog mit ihm. Das heißt, es wäre absurd, wenn er meine Schuld vergeben würde, auch weil er und ich sehr unterschiedliche Auffassungen von Sünde haben.

Das fängt schon bei Eva an. Ehrlich gesagt halte ich es tendenziell für eine Heldentat, den Apfel gegen den Willen Gottes zu kosten. Im Grunde ist das was im Christentum als Sündenfall negativ konnotiert ist, eine Emanzipierung von Gott oder im übertragenen Sinne einer Loslösung von den Eltern zu einer eigenständigen Person.

Ich persönlich bin ein großer Fan von freiem Denken und Handeln. Ich finde es toll, dass Eva den Apfel probiert hat, natürlich ist die Welt nicht perfekt, aber immernoch besser als ein langweiliges Paradies.

Die Bibel und ich sind also schon von Anfang an unterschiedlicher Meinung, ich möchte nicht zurück ins Paradies und entsprechend ist der Erlöserteil für mich dann auch irrelevant.

Zurück zur Vergebung. So wichtig Vergebung für den gesellschaftliche Umgang ist, so finde in es trotzdem bedrückend, wenn das Wissen, dass Gott schon vergeben wird, quasi jedes Fehlverhalten relativiert.

Ferner habe ich (zu) oft erlebt, wie die Verantwortung für das eigene Verhalten in die metaphysische Hände von Göttern, Teufeln und Dämonen geschoben wird.

Ich reagiere immer sehr ungehalten, bei der Verschiebung von Verantwortung. Ich merke zum Beispiel an mir selbst zyklus, müdigkeits- oder krankheitsbedingt Verhaltensänderungen. Gleichwohl halte ich es für eine billige Ausrede mein Verhalten mit Hormonen, einer Krankheit, meinem Geschlecht oder auch dem Verweis auf evolutionäre Entwicklungen oder was auch immer zu begründen.

Ich fühle mich letzten Endes immer für mein Verhalten verantwortlich. Ich kann es mir herleiten, wieso ich mich so oder so fühle oder ich kann nachvollziehen, warum ich etwas wie getan habe, aber für die Handlung bin ich verantwortlich. Götter und Dämonen haben – meiner Meinung nach – nichts damit zu tun.

Natürlich liegt vieles in meinem Leben nicht in meiner Hand und nicht in meiner Verantwortung. Von mir geliebte Menschen oder ich selbst können schwer krank werden, ihre Lebensgrundlage durch Jobverlust verlieren, es können Unfälle, Todesfälle, Überfälle und was es sonst noch an tragischen Lebenswendungen passieren, die nicht beeinflussbar sind.

Hier ist der Punkt an dem ich gläubige Menschen häufig beneide. Denn – so habe ich den Eindruck – sie konnten diese Schicksalsschläge viel besser akzeptieren und damit umgehen. Gott wird schon seinen Grund haben und einem nichts aufbürden, das man nicht auch tragen kann. Diese Idee gefällt mir.

Im Laufe des Aufenthalts in den USA bin ich zur relativ liberalen methodistischen Kirche einer Freundin gewechselt. Ihr Vater war dort “Preacher” und in dieser Kirche fand ich einen Großteil meiner moralischen Werte repräsentiert. Meine Gastfamilie akzeptierte, dass ich lieber mit meinen Freundinnen zur Kirche ging (so lange ich ging) und ich fand in der Tat das Gemeindeleben spannend und schön.

Eine weitere gemeinsame Freundin besuchte diese Kirche auch und ihr und ihrer Familie ging es eine Zeit lang nicht gut. Eines Sonntags sah ich sie vor dem Altar knien und beten. Danach schien sie deutlich ruhiger, gefasster, so als wäre ihr eine Last von der Seele genommen worden.

Ich bewundertere und beneidete sie in diesem Moment für ihren Glauben und die innere Ruhe die dieser ihr schenkt.

Zu gern, dachte ich damals, würde ich auch gern glauben können aber gleichzeitig wurde mir klar, dass ich es nicht kann. Ich muss andere Wege für mich finden.

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  1. Hätte da unten bitte gerne noch einen Button mit: “Dazu hätte ich auch ganz viel zu sagen, aber jetzt gerade keinen Nerv/Zeit/Geduld/freien Kopf, um dies alles hier in dieses Kommentarfeld zu tippen!” :)

  2. Hallo, danke für den Text, der sich sehr spannend liest.
    Ich hätte ein paar “fromme” feministische :) Bemerkungen zu deinen konkreten Fragen:

    “Wenn es so viele verschiedene Religionen und Glaubensrichtungen gibt, kann das – nach meiner ganz persönlichen Logik – nur dafür sprechen, dass Religion ein metaphysisches Abbild der Gesellschaft ist, in der man lebt. Religion kann somit – nach wie vor entspricht das meiner ganz persönlichen Logik – keine allumfassende Wahrheit sein.”

    Das ist völlig richtig, denn, “fromm” argumentiert: Die absolute Wahrheit ist bei Gott und Religionen, die ja innerweltliche Phänomene sind (als Institutionen) können die für sich nicht beanspruchen, zumal sie sich ja auch oft genug schon geirrt haben. Meine Denkfreundin Ina Praetorius (eine Theologin) schreibt deshalb von “Matrixtheologie”, das heißt die Reflektion darauf, dass die Religiosität jedes einzelnen Menschen einzigartig ist, weil geprägt von der jeweiligen “Matrix” in die hinein sie oder er geboren ist. Also ein Gemenge aus historischen, kulturellen und familiären Prägungen, und beim “Glauben” geht es darum, den eigenen subjektiven persönlichen Beitrag zu diesem Gemenge zu leisten, d.h. sich damit in Beziehung zu setzen. Das beinhaltet die Achtung für die Differenz des Glaubens der anderen, der ja gar nicht anders sein kann als anders, weil sie eine andere Matrix haben. Die “Wahrheit” ist nicht etwas, worum wir konkurrieren, sondern etwas, woran wir uns orientieren sollten, wissend, dass wir nicht darüber verfügen können.

    “Gott vergibt uns ebenfalls unsere Sünden (“Und vergib uns unsere Schuld, wie wir unseren Schuldigern vergeben.” Matthäus 6:12). Grundsätzlich ist der Gedanke sehr schön aber Gott ist für mich nicht greifbar, womit ich mich wohl im Wesentlichen von gläubigen Menschen unterscheide. Ich stehe nicht in einem Dialog mit ihm. Das heißt, es wäre absurd, wenn er meine Schuld vergeben würde, auch weil er und ich sehr unterschiedliche Auffassungen von Sünde haben.”

    Gott ist auch für mich als Gläubige nicht greifbar, das ist ja sozusagen der Witz. Ich bezweifle allerdings, dass du und Gott sehr unterschiedliche Auffassungen von Sünde haben, was ich natürlich nicht beweisen kann. Ich vermute eher, du und “die institutionalisierte Kirche” haben häufig unterschiedliche Auffassungen von Sünde, aber das gilt für mich auch.

    “Ich finde es toll, dass Eva den Apfel probiert hat, natürlich ist die Welt nicht perfekt, aber immernoch besser als ein langweiliges Paradies.”

    Die Paradiesgeschichte ist nur im Christentum als “Sündenfall” interpretiert worden und das auch erst ziemlich spät. In der jüdischen Theologie, die da näher am eigentlichen Bibeltext ist, geht es hier um eine mythologische Schilderung der Conditio Humana: Eva hat die Frucht gegessen, weil sie nach Erkenntnis von Gut und Böse strebte (auch ich sage: Bravo!). Die “Vertreibung aus dem Paradies” war keine Strafe dafür, sondern eine unausweichliche Konsequenz: Wenn Menschen gut und böse unterscheiden können, sind sie im Bereich der Moral und müssen sich der Verantwortung des Erdenlebens stellen.

    Ob das Paradies “langweilig” ist, hm, naja, das Leben außerhalb des Paradieses ist auch nicht so toll, vor allem für die Leute, die hungern, die vergewaltigt werden, die unterdrückt sind usw. Dass “Paradies” da als Sehnsuchtsort beliebt ist, kann ich schon nachvollziehen. Aber das führte hier zu weit. Ich habe letztlich ein sehr interessantes Buch darüber gelesen und zusammengefasst: http://www.bzw-weiterdenken.de/2012/04/paradies-statt-kreuzigung/

    “Zurück zur Vergebung. So wichtig Vergebung für den gesellschaftliche Umgang ist, so finde in es trotzdem bedrückend, wenn das Wissen, dass Gott schon vergeben wird, quasi jedes Fehlverhalten relativiert.”

    Hm, das ist ja noch die Frage. Es gibt ja auch die Vorstellung des strafenden und richtenden Gottes. Das “und vergib uns unsere Schuld” ist ja eine Bitte, keine Tatsachenbehauptung. Die Idee ist, dass auch wenn wir uns bemühen, wir trotzdem nicht verhindern können, schuldig zu werden. Das Dilemma ist, dass wir (weil eben nicht mehr im Paradies, also in der Lage, gut und böse zu unterscheiden) als Menschen eine so große Verantwortung auf dieser Welt haben, der wir eigentlich gar nicht gerecht werden können, denn egal wie ich mich anstrenge, werden weiterhin Flüchtlinge abgeschoben und so weiter. Da muss man einen Mittelweg finden zwischen “was geht mich das alles an, darum sollen sich doch andere/Gott/die Regierung kümmern” und einem verzweifelten Aktionismus, der ständig frustriert wird. Die Denkfigur “Ich tue was ich kann und für den Rest ist Gott zuständig” finde ich persönlich dafür ganz hilfreich. Auch mit dem Zusatz, dass das Urteil darüber, ob ich wirklich getan habe, was ich kann, letzten Endes Gott (“dem großen Umunsherum”, wie Ina sagt) zukommt.

  3. Danke für Deinen Einblick. Ich erkenne da einiges von mir wieder. Mir kam irgendwann die Erleuchtung:
    Glaube ist ein Gefühl. Und nicht ein Wissen oder Können oder Wollen.
    Ich habe lange gebraucht, um herauszufinden, dass ich einfach nicht _glaube_. Und dass das eben der Grund dafür ist, dass Kirchen und Glaubensgemeinschaften nichts für mich sind.
    Du versuchst sehr viel zu erklären, analysieren und begründen. Vergiss es. Man kann nicht glauben _wollen_ und dann glaubt man irgendwann. Vielleicht kann mann sich mantramäßig reinsteigern, aber intellektuell erarbeiten geht doch nicht.

    Ich finde auch unheimlich wichtig, zwischen Glaube, Gemeinde und Kirche zu trennen.
    Wer jemand glaubt, kann ihn mE nicht die Kirche mit noch so absurden Aktionen davon abbringen. Und wer unheimlich in seiner Kirchengemeinde engagiert, muss er noch lange nicht für die Kirche sein (und auch nicht glauben) etc.

    Okeo

    PS: Typo? “die Waffen besaßen und sich nicht scheuen würden, diese auch gegen Menschen anzuwenden, die nicht an die Evolution glaubten,” <== entweder das zweite "nicht" weg oder "Schöpfung" statt "Evolution", oder?

  4. Ich finde mich in den Schlussfolgerungen stark wieder. Allerdings war mir das “nicht glauben können” schon relativ früh, in der Grundschule, bewusst. Ich finde es auch bemerkenswert, dass Atheisten häufig die weitaus toleranten Menschen sind, zumindest habe ich es so erlebt. Zumindest in Bezug auf die Religionsfrage ist das durchaus verständlich, predigen doch die meisten großen Religionen den einen Gott und die ultimative Wahrheit. Mit der Toleranz der anderen würde man ja implizit die Möglichkeit, dass man selbst potentiell Unrecht hat, in Erwägung ziehen oder müsste annehmen, dass alle anderen doof sind. Leider hört es aber häufig nicht an dieser Stelle auf… Und das ist sehr traurig!

  5. Oh, schöner Text.

    Mir geht es ähnlich, komme aus einer katholischen Familie, wobei meine Eltern schon nicht mehr viel mit Religion am Hut hatten, meiner Mutter war es glaube ich vor allem egal und mein Vater konnte damit ganz explizit nichts anfangen.

    Ich habe lange gebraucht, um mich darin zurecht zu finden. Einerseits beneide ich manchmal die Leute, die so richtig an Gott und das ganze Drumherum glauben können, eben genau in solchen Situationen, wo unsereins an sich selbst und der Welt zweifelt, andererseits hab ich keine Ahnung, wie das gehen soll.

    Dabei bin ich gar nicht wirklich Atheist, ich weiß es halt nur nicht und ich sehe für mich keinen Sinn in irgendeiner Religion. Das ist mir bei der letzten Konfirmation meines Neffens klar geworden, ich saß da und hörte mir das an, was da so gesagt wurde und letztlich lief es darauf hinaus, dass man, wenn es einem schlecht geht, auf Gott und die Kirche vertrauen soll und dann klappt’s schon und wenn nicht, dann soll es halt so sein. Das ist mir alles zu passiv. Warum muss ich Mitglied einer Gemeinde sein, damit mir geholfen wird? Warum muss ich an irgendwas glauben, um ein guter Mensch zu sein? Das ist doch… sorry… Bullshit und in einer gewissen Weise auch ein Weg sich der Verantwortung für sich und seinen Mitmenschen zu entziehen.

    Die grundsätzlichen Werte, die so vermittelt werden, sind ja alle gut und die teile ich auch, aber dazu muss ich doch nicht in die Kirche gehen. Nächstenliebe (so als Buzzword hingeschmissen) ist doch eigentlich eine Selbstverständlichkeit, das muss ich doch nicht jede Woche sonntags gepredigt kriegen, um es im Alltag anzuwenden.

    In gewisser Weise ist meine Religion deswegen der Glaube an die Menschheit, auch wenn der natürlich auch immer mal wieder erschüttert wird. Ich glaube, dass ich selber für mein Glück und das meiner Mitmenschen verantwortlich bin und möchte mich da gar nicht unter einem Regelschutzmäntelchen irgendeiner Kirche verstecken.

    So. Puh. Viel geschrieben. Aber das ist bei so einem Thema ja auch nicht verwunderlich.

  6. schöner Text! Ich finde mich sehr wieder, wenn auch meine Geschichte eine andere ist und ich mich eher als Agnostikerin denn als Atheistin verstehe. Das Nicht-an-Gott-glauben-können habe ich besonders in meiner Jugend teilweise als großes Manko empfunden – und manchmal Neid verspürt auf die, die es so selbstverständlich taten und damit vieles für sich erklären konnten. Ich konnte es nie, schon als Kind nicht, trotz typischer Sozialisation in christl. geprägtem Umfeld, Konfirmation (der Verwandtschaft zuliebe, ohje) und kirchlicher Schule. Bzw. ich habe immer dann Schwierigkeiten, wenn das “Konzept Gott” personalisiert wird als gütiger, strafender, sonstwas Vater-Patriarch oder in anderen Ausprägungen. Und wenn die Mission hinzukommt. Das “große Umunsherum“, wie Antje Schrupp es nennt, als Gott zu bezeichnen, das widerstrebt mir zutiefst, alle schon wegen der patriarchalen Tradition der Kirchen. Ich glaube wohl eher etwas diffus an ein “Umunsherum”, es hat allerdings keine Form, kein Ziel, keine Gestalt, kein Geschlecht.

  7. Danke.

    (Selten ein so wohltuend differenziertes, persönliches Bekenntnis gelesen. Die allgemeine Polarisierung beim Thema Religion scheint es den meisten schwer zu machen, ohne Abwertung der jeweils anderen Seite – oder zumindest dem, was man sich darunter vorzustellt – auszukommen.)

  8. Pingback: Von Mittwoch bis Dienstag – die etwas andere Blogroll « Claras Allerleiweltsgedanken

  9. “Das fängt schon bei Eva an. Ehrlich gesagt halte ich es tendenziell für eine Heldentat, den Apfel gegen den Willen Gottes zu kosten. Im Grunde ist das was im Christentum als Sündenfall negativ konnotiert ist, eine Emanzipierung von Gott oder im übertragenen Sinne einer Loslösung von den Eltern zu einer eigenständigen Person.”
    Meine Reliogionslehrerin teilte meine Ansicht, dass das Streben nach Erkenntnis einen Sündenfall durchaus wert ist und dass ich die Frau in der Geschichte progressiver und mutiger empfinde als den männlichen Part so gar nicht. Schlechte mündliche Note folgte :-)
    Dennoch, ich finde das Streben nach Wissen und Erkentniss und das Fehlen der Furcht vor Gott (ob der jetzt männlich oder weiblich ist, ist ja nu egal, oder?) also das Ignorieren der Autorität um den eigenen Horizont zu erweitern und die eigene Persönlichkeit auszuleben, mit allen darauf folgenden Konsequenzen, bewundernswert. Und seltsam, dass das als Manko und Fehler interpretiert wird.

  10. Ich schließe mich der Leserschaft hier an. Das ist ein sehr berührender, persönlicher Beitrag.

    Einzig fiel mir auf: “Nicht glauben können” klingt so defizitär (während “Nicht glauben wollen” vermutlich der pure Trotz wäre). Mir erging es irgendwann nach einer Kindheit mit evangelischer Erziehung, Gruppen- und Jugendarbeit und einem damit durchaus verbundenen Gefühl der Geborgenheit und des Aufgehobenseins im Glauben einfach so, dass ich nicht länger bedürftig war.

    Nun ist es allerdings verpönt, von Bedürfnissen zu sprechen, besonders in religiösen Kreisen. Denn schließlich hat man bitte zuerst den Nächsten in den Blick zu nehmen, sich aufzuopfern, die andere Wange hinzuhalten. Sich und seine Bedürfnisse zu kennen halte ich für einen Ausdruck des Erwachsenseins, und für mich war der Zeitpunkt der Anerkenntnis meiner eigenen Bedürfnisse der Punkt, an dem ich mich von Gott, so wie ich ihn kannte, emanzipierte. Ich bin heute Atheistin, und zwar allein deshalb, weil ich keinen Gott brauche. Zu beten und zu bitten ist in meinen Augen nichts anderes als der sich manifestierende Wunsch nach Trost, Gerechtigkeit, Ordnung, Frieden, Liebe. Dies sind ganz menschliche Bedürfnisse, die jeder irgendwie hat. Anzuerkennen, dass man hilflos, allein, untröstlich ist, ist so wichtig für den Umgang mit der eigenen Persönlichkeit. Diejenigen, die an einen Gott glauben und sich von ihm getröstet, geliebt oder errettet fühlen, haben einen Weg gefunden, diese Gefühle einzuordnen. Ich selbst bitte lieber einen mir nahestehenden Menschen um Trost oder darum, in den Arm genommen zu werden, ich spreche lieber mit Freunden oder meinem Mann über die Angst vor dem Tod und darüber, dass das Leben eben manchmal kalt, schmutzig, mies und ungerecht ist. Das kommt mir erheblich lebendiger vor als das Knien in einer Kirchenbank oder ein Flehen im Dunkeln, das ungehört und unbeantwortet bleibt.

    Ich will es nicht bewerten, jeder findet für sich, was ihm gut tut. Aber ein Defizit ist der Atheismus ganz sicher nicht. Er kann auch bedeuten, dass man im Hier und Jetzt genügend Akzeptanz für das Sein mit seinen Tücken und Fallstricken aufbringen kann, um sich nicht an eine höhere oder jenseitige Macht wenden zu müssen.

    Was Eva und ihren vermeintlichen Sündenfall betrifft: Sie reiht sich ganz genau da ein. Das Streben nach der Erkenntnis über Gut und Böse ist nichts weiter als die Anerkenntnis, dass es beides gibt und man für den Umgang mit beidem voll verantwortlich, ihm aber auch gewachsen ist. Was für eine große Leistung, was für ein großer Mut von Eva! Zugleich macht sie das natürlich viel weniger abhängig von höheren Mächten, was manchem nicht passen mag.

    Danke für den Beitrag, der sehr zum Denken angeregt hat.

  11. Pingback: Delfine, Speed und Strips | Journelle

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