10000 Vine Places

Für gewöhnlich reite ich auf jeder Kuh, die durchs Dorf getrieben wird.

In den letzten drei Wochen bin ich auf drei Kühe aufgesprungen und habe es nicht bereut.

10000
Jens Schröder, dessen Arkibie ich schon damals bei der Erstellung der deutschen Blogcharts bewundert habe, hat erst mit den Blogcharts aufgehört und dann das Konzept klug weiterentwickelt.

Auf 10000flies.de werden einmal täglich die Top 50 deutscher Onlinetexte vom Vortag zusammengetragen. Dabei wird die Gesamtzahl aller Likes, Tweets, Kommentare, Tweets und +1s gesammelt und als “Flies” gezählt. Die Texte werden dann entsprechend der Anzahl ihrer Flies gelistet.

Seit gut zwei Wochen schaue ich mir täglich die Top 50 an. Ein Großteil der Texte interessiert mich nicht im geringsten. Sport oder Texte aus welt.de sind vielfach vertreten, haben aber nichts mit meinem Leseinteressen zu tun.

Aber es gibt sehr gute Gründe täglich 10000flies zu lesen. Zum einen ersetzt es für mich (beinahe) die Tageszeitung. Texte zu aktuelle Themen wie aufgebende Päpste, Bildungsministerinnen mit verlorenen Doktoren oder Abstimmungen über die Ehe zwischen Homosexuellen in Frankreich finde ich dort. Meine Tageszeitung ist für gewöhnlich auch einen Tag “zu spät” aber wesentlich unhandlicher als mein iPhone.

Darüber hinaus finde ich es sehr spannend zu sehen, welche Themen, welche Medien, welche Blogs, welche Autoren viele Fliegen haben. Durch 10000flies schaue ich einmal täglich über den Rand meine Filterbubble. Immer wieder bin ich überrascht, was die Leute lesen, was sie spannend finden, sowohl im positiven wie im negativen. Auffallend finde ich auch, dass die Onlinederrivate der klassischen Medien nach wie vor dominieren. Ich bin gespannt, wie sich das im Laufe der Jahre entwickelt.

Überhaupt ist 10000flies dafür konzipiert statistische Daten zu liefern und eine Art Archiv aufzubauen. Ich kann die ersten Auswertungen kaum erwarten, wobei es sicherlich erst in ein paar Jahren wirklich spannend wird.

Und auch wenn ich bei 60% der Texte die Augen verdrehe und mich frage, was die Leute dazu bewogen haben muss, ihn zu liken oder zu kommentieren finde ich immer wieder Themen und Texte, die zumindest spannend klingen und auf die ich in meiner Filterbubble nie gestoßen wäre.

Wenn mir alles zu blöd wird, gehe ich halt zu quote.fm meiner persönlichen kuscheligen Leseecke, dem perfekten Pendant zu 10000flies.

Empfehlenswerter weitere Lektüre zum Thema:
Auf welchem Text landen die meisten Fliegen?
Über 10000 Flies

Vine
Vor vielen Jahren kaufte ich mir für teures Geld eine DV-Kamera und schnippelte mir mit iMovie ein paar nette Filme zusammen. Mein Meisterwerk war ein zweistündiger Film über die Hochzeit meiner besten Freundin, bei der ich mir sehr viel Mühe gab wenig Ironie und Sarkasmus, viel von Zeremonie und Feier und wenige hektische Schnitte einzubringen. Sicherheitshalber hatte ich dem Mann zum großen Teil die Kameraführung überlassen. Von meiner Schnitt und Aufnahmetechnik würden selbst Dogma-Filmer einen epileptischen Anfall bekommen. Die Hochzeit war 2007, der Film war 2011 fertig.

Vine ist wie geschaffen für Menschen wie mich. Die Clips dauern sechs Sekunden, geschnitten wird mit den Fingern. Es ist so einfach, dass meine Kinder (5 und 3 Jahre) innerhalb von sechs Sekunden kleine Clips gefertigt hatten und sich dann darum schlugen, wer den nächsten Film machen darf.

Das Prinzip ist wie gesagt simpel. Über eine App – nur für iPhones und iPads verfügbar – meldet man sich an. Wie bei Instagram kann man dann direkt über die App auf die Kamera zugreifen und fängt mit dem Filmen an, sobald die schwarze Schaltfläche mit dem Finger berüht wird. Wenn diese wieder losgelassen wird, entsteht ein Schnitt.

Vine wird noch relativ wenig frequentiert, meine Vine-Timeline ist derzeit die mit den wenigsten Aktualisierungen.

Die Clips sind von unterschiedlicher Qualität, wobei ich den Verdacht habe, dass es vielen leichter fällt, wirklich gute Instagram-Fotos zu machen, als kleine Filmsequenzen zu drehen. Ein wenig erinnert es mich an meinen Informatikunterricht in der Schule. Sobald einer einen grob gepixelten sich drehenden Weihnachtsbaum programmiert hatte, überschlugen wir uns vor Begeisterung.

Außerdem dauert es relativ lange, bis die Clips geladen sind – wenn sie überhaupt laden – und eine direkte Ansprache in den Kommentaren (z.B. @journelle) ist auch nicht möglich (ich möchte hier aber nicht ausschließen, dass ich als Anwender das Problem bin).

Das Hochladen klappt gut, nur leider erscheinen meine Clips nicht bei Facebook, wenngleich Vine alle Zugriffsrechte hat aber auch hier möchte ich nicht ausschließen, dass mich eine technische Teilschuld trifft.

Und dann hörte ich von Penis- und Brustclips. Ich gehöre zu den Menschen, die noch nie – weder zu Hause noch im Hotel – Ihre Nachbarn beim Kopulieren gehört haben, insofern ging ich davon aus, dass ich auch bei Vine niemals auf Penisclips stoßen würde. Relativ schnell kommentierte aber ein Penisdarsteller bei mir und ich blickte in die Abgründe der tragisch-traurigen Selbstdarstellung.

Trotzdem. Vine gefällt mir gut, ich werde weiterhin täglich ein paar Clips ansehen, einige wenige davon mit einem Smiley versehen und hoffen, dass es noch besser wird.

Da Vine ein Twitterderrivat ist, findet man übrigens sehr einfach die Menschen wieder, denen man ohnehin folgt. Wer gut schreiben und fotografieren kann, macht meist auch gute Clips.

Dieses Video ist von Felix Schwenzel, ich habe meinen Quelltext nicht gefunden.

Empfehlenswerte weitere Lektüre zum Thema:
bewegte 6-sekunden fotos
Ich vine gleich los
Six reasons why Vine is a killer news tool

Places
Inspiriert von Der Rest von Hamburg haben Miz Kitty und Graf Typo die Plattform Stories & Places geschaffen, auf der Blogger eingeladen sind, ihren Geschichten Fähnchen auf der Weltkarte zu geben.

Sowohl Lesen als auch Mitmachen ist denkbar einfach.

Einfach ein Land, einen Ort, eine Stadt, ein Gebiet auf der Karte suchen, über das man etwas erfahren möchte und schon kommt man aus der Lektüre nicht mehr heraus.

Wer bloggt und eine Geschichte hat, die einem realen geographischen Ort zugeordnet werden kann, sucht diesen auf der Karte heraus, klickt ein Plus, setzt ein blaues Fähnchen, füllt ein paar Eckdaten aus und erweitert so die Sammlung.

Es kommen ständig Geschichten hinzu und ich habe keinen Zweifel, dass es in ein paar Monaten keinen weißen Fleck mehr auf der Karte gibt.

Optimal wäre hier natürlich eine App, mit der man unterwegs – quasi anstelle eines Reiseführers – schnell und mit wenig Datenaufwand die Geschichten aus der Umgebung raussuchen könnte. Bei der Planung unserer Routen und Ausflüge würden wir dann statt des Baedekers, die Geschichten anderer Leute zu Rate ziehen.

Aber was man aber immer nicht vergessen darf ist, dass es sich um ein nicht-kommerzielles Projekt handelt, bei dem zwei Leute viel Zeit in die Umsetzung einer wunderbare Idee investieren.

Jedenfalls habe ich heute zwei meiner Texte verortet und weil Taiwan und Brasilien noch so jungfräulich aussehen werde ich vielleicht bald mal ein paar alte, verrostete Geschichten rauskramen, bloggen und ihnen Fähnchen geben.

Empfehlenswerte weitere Lektüre zum Thema:
Woanders – diesmal mit Landkarten, Reisen, Amrum und einem Taxi. Und Iron Maiden Herr Buddenbohm verlinkt hier auch ein paar schöne Geschichten, auf die er durch Stories & Places gestoßen ist.
Stories & Places

6 Kommentare, 7 Tweets, 1 Facebook Share, plussen

  1. Die Clips haben keinen Ton und dauern sechs Sekunden.

    die clips haben durchaus ton. auf der website wird der ton aber standardmässig auf null gestellt. in der app ist der ton aktiviert, wenn man das iphone nicht auf lautlos gestellt hat.

  2. Ui Danke! Und ich wundere mich noch, warum Sascha Lobo und Jan-Josef Liefers beim ein oder anderen Clip quatschen. Das passiert wohl wenn man sein Telefon permanent auf Lautlos gestellt hat.

  3. Danke für die Erwähnung! Wir sind nach dem ersten Ansturm und dem Fight mit den Reisebloggern am Nachdenken, wie es weiter geht.
    Graf Typo und ich haben witzigerweise unterschiedlichen Zugang zu der Sache. Ich sehe einen virtuellen Reiseführer aus dem Schwarm und nicht nur für Blogger und er ist von der sich füllenden und deshalb bald neu zu organisierenden Karte und dem drin steckenden technischen Potential beeindruckt.
    Mal schauen.

  4. Pingback: Wochenrückblick 07/2013 | Kristine Honig

  5. Pingback: Woanders – diesmal mit Elternabenden, Wohnungssuche, Sexarbeit und anderem | Herzdamengeschichten

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