Ich rolle mein Geschlecht

Eigentlich hatte ich vor einiger Zeit beschlossen, mich auf den Boden zu werfen und hin und her zu rollen, wenn irgendjemand wieder von Geschlechterrollen spricht. Aber dann war ich immer zu schüchtern und der Boden zu dreckig.

Mikael Krogerus hat im Freitag eine kleines Essay über die schwedische Sicht auf die deutsche Sexismusdebatte geschrieben. Männer baggern wie blöde ist lesenswert und spannend. Der letzte Abschnitt Der Bestseller „Min Kamp“ (nicht zu verwechseln mit der deutschen Version des Buchtitels) hat mich allerdings etwas verstört.

Nachdem er zwei Drittel des Textes dafür verwendet hat, zu berichten, wie entspannt das Geschlechterverhältnis in Skandinavien ist, liest man im letzten Abschnitt, dass die schwedischen Männer eigentlich total frustriert sind und Karl Ove Knausgårds Min Kamp, deutsche Version: Sterben wie eine Bibel lesen.

Nach der Beschreibung Krogerus geht es in dem Buch – es ist eigentlich ein Zyklus von 6 Büchern – um die Sehnsucht nach Freiheit und um die Angst, kein wilder Mann sein zu können oder zu dürfen.

Zunächst einmal fand ich es amüsant, dass Knausgårds Buch wohl das männliche Pendant zu 50 Shades of Grey ist. Als Tragisch könnte man interpretieren, dass sich Frauen anscheinden danach sehnen, sich Hals über Kopf in einen psychopathischen Typen zu verlieben, der sie manchmal ordentlich verprügelt und Männer allein irgendwo in der Wildnis sich selbst finden möchten.

Letztlich scheinen aber Frauen und Männer das gleiche Problem zu haben. Sie wollen was erleben, am liebsten Extase und Exzess.

Offenbar sind die Herangehensweisen unterschiedlich aber wie so oft sind sich Frauen und Männer ähnlicher, als es zunächst den Anschein hat. Denn das Bedürfnis ist das gleiche: Der Ausbruch aus den Zwängen der Alltäglichkeit.

Insofern kann ich das Gerede über die Rollen von Männern und Frauen nicht mehr hören. Wir alle haben unser Päckchen zu tragen und manchmal einfach keinen Bock mehr um 19 50 zwei kleinen Kindern die Zähne zu putzen. Nur weil ich eine Frau bin, mache ich das nicht lieber. Und wenn ein Mann diese Arbeit übernimmt, ist er kein Weichei.

Das Problem liegt woanders. Vielleicht in der Gesellschaft, die wenig Raum für persönliche Freiheit lässt. Vielleicht in der Illusion, dass man eine bestimmte Rolle auszufüllen hat, die irgendwie irgendwann mal so definiert wurde oder vielleicht daran, dass wir eine Sellvertreterdiskussion führen, anstatt uns einfach mal mit der Möglichkeit oder der Unmöglichkeit unserer Bedürfnisse befassen.

Insofern: geh in den Wald, schieß ein Reh, lass Dich fesseln, geh zur Pediküre oder betrink Dich eine Woche lang auf Mallorca aber schieb es nicht auf Deine Geschlechterrolle.

15 Kommentare, twittern, sharen, plussen

  1. ja ja JA!! genau so. danke für die worte – dieser zwang alles in rollen pressen zu wollen resultiert aus angst und unsicherheit. nur wer sich seiner eigenen identität (nicht rolle!) nicht bewusst ist oder unsicher in ihr ist, benutzt rollenbilder um bestimmte wünsche und sehnsüchte umzusetzen.

  2. ******************KOMMENTAROMAT**********************
    Genau!
    *****************/KOMMENTAROMAT**********************

  3. Jedes Mal, wenn jemand etwas auf seine Geschlechterrolle schiebt, stürzt sich in irgendeiner Backstube eine Biskuitrolle verzweifelt zu Boden.

    Danke hierfür!

  4. Eigentlich ist es doch so, dass auch Frauen zwischen Spielplatz und Krabbelgruppe gewissermaßen ihre (wilde) Weiblichkeit verlieren (analog zu dem, was Mikael Krogerus in seinem Artikel über Männer und Männlichkeit schreibt). Oder dabei, um 19:50 zwei kleinen Kindern die Zähne zu putzen. Elternschaft bringt immer Kompromisse mit sich, auch das Zurückstellen der eigenen Identität und Bedürfnisse um der Kinder willen. Nur für Frauen ist es gängige, klischeehafte Anforderung, sie müssten die Bereitschaft zu diesen Kompromissen bereits genetisch verankert in sich tragen und sich in der totalen Selbstlosigkeit bitte dann auch noch pudelwohl fühlen, weil ja die Mutter-Kind-Bindung instinktiv… bla, bla, bla.

    Mir ist auch häufig danach, raus in die Wälder zu rennen und mich selbst und meine wilde Seite am Lagerfeuer zu finden. Wälder, Lagerfeuer und Selbstfindung sind etwas ganz Wunderbares. Haben aber nur wenig mit „richtigen“ Männern oder „wirklichen“ Frauen zu tun.

  5. Pingback: Ich rolle mein Geschlecht (via: Journelle) | mittenmank

  6. Am schlimmsten ist, wenn Menschen ihre Verhaltensweise mit „Frauen/Männer sind halt so“ rechtfertigen. Sollen sie doch sagen: „Ich bin halt so“, wir haben alle unsere Macken und können üblicherweise mit den Macken anderer Menschen leben.

    Bei uns putzt der Mann, dafür koche ich, kümmer mich eher um Papierkram und bin dafür zuständig, wenn zum Beispiel eine tote Taube von der Dachterrasse entfernt werden muss oder ein Insekt der Wohnung verwiesen werden muss. Das findet er nämlich eklig, obwohl er keine Probleme mit all den fiesen Horrorfilmen hat, die ich dafür nicht gucken mag, weil ich dann schlecht schlafe. Alles, was bei uns nach typisch Mann bzw. typisch Frau aussieht, ist Zufall und einfach nur den individuellen Präferenzen geschuldet, die sich dann eben doch regelmäßig mal mit den gesellschaftlich anerkannten Mann-/Fraubildern decken, mehr nicht.

    Tatsächlich hat klassische Rollenverteilung schon bei meinen Eltern nicht funktioniert, insofern bin ich da so dermaßen unvorbelastet, dass mich solche typischen Rollenmuster sowieso regelmäßig irritieren.

  7. Pingback: Dentaku » Ich rolle mein Geschlecht

  8. „Geschlechterrolle“ ist ein Euphemismus. Er suggeriert ein spielerisches Setting, wie im Theater oder Film. Was dieser Begriff aber beschreiben will, sind die traditionellen – gern religiösen – Zuschreibungen, die den Geschlechtern jahrhundertelang aufgezwungen wurden. Mit Spiel war da nichts. Ende der Belehrung.

    Zum Geschlechterverhältnis in Skandinavien ist Vinterbergs Film „Die Jagd“ recht aufschlussreich.

  9. ******************KOMMENTAROMAT**********************
    Genau!
    *****************/KOMMENTAROMAT**********************
    Ich liebe deinen letzten Satz!

    Liebe Grüsse
    Nathalie

  10. Pingback: Linkschleuder | K. [Journal]

  11. Dieser ganze Lärm um Rollen und Identifikationen ….

    Pipi wusste es schon:

    2 x 3 macht 4
    Widdewiddewitt und Drei macht Neune !!
    Ich mach‘ mir die Welt
    Widdewidde wie sie mir gefällt ….

    das ist persönliche Freiheit.

    ALLES LIEBE meine Lieben!

  12. Pingback: Woanders – diesmal mit Schreibtischen, Buchstaben, Kultur auf dem Land und anderem | Herzdamengeschichten

  13. Wer findet die Müllfrau bei der Müllabfuhr?
    Wer findet die Feuerwehrfrau bei der Feuerwehr?
    Wer findet die Fußballtrainerin im Verein, oder die Schiedsrichterin?

    Was ich sagen will: Nur weil Du es nicht siehst oder sehen willst, heißt das nicht daß es nicht da ist.
    Es ist da.
    Ich habe auch keine Lust qua Geschlecht besonders verbrauchsfähig für das Militär und andere Menschenverbrauchsveranstaltungen zu gelten.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Sie möchten einen Kommentar hinterlassen, wissen aber nicht, was sie schreiben sollen? Dann nutzen Sie den KOMMENTAROMAT! Ein Klick auf einen der Buttons unten trägt automatisch die gewählte Reaktion in das Kommentarfeld ein. Sie müssen nur noch die Pflichtfelder „Name“ und „E-Mail“ ausfüllen und den Kommentar abschicken

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.