Die Drossel als Stellvertretervogel

Die Telekom behält sich seit dem 2.5.13 bei Neuverträgen vor, das Internet für Festnetze drosseln zu können. Das heißt, genauso wie jetzt auch schon bei den Handytarifen, kann “bald” (eine technische Umsetzung ist wohl nicht vor 2016 möglich) das Internet ab einer bestimmten Datenmenge massiv verlangsamt werden.

Gegen Mitte des Monats surfen wir also wieder alle so langsam wie früher, als es in der Leitung piepte, während sich langsam Pixel für Pixel das Katzenbild entwickelte.

Wer mehr Datenvolumen wünscht, muss mehr zahlen oder surft die restliche Hälfte des Monats einfach langsamer oder auf den von der Telekom freigegebenen und promoteten Webseiten.

Soweit so ärgerlich. Es gibt nun also ein Deutsche Drosselkom Twitter Account, lustige Telekom-Fakewerbung, eine Kampagne gegen die DSL-Drosselung der Telekom und viel Meinung zum Thema.

Nun bin ich wahrlich kein Freund der Telekom. Jahrelang habe ich kein iPhone besessen, weil ich keinen Handyvertrag bei ihr haben wollte.

Aber ich verstehe die Aufregung über die Telekom nicht.

Soweit ich weiß, ist die Telekom ein privates Telekommunikationsunternehmen, dass – trotzdem die Bundesrepublik Deutschland 15% der Aktien hält – vor allem wirtschaftliche Interessen verfolgt.

Zu diskutieren, ob eine stets angestrebte Gewinnmaximierung wirklich mit ehrbaren Mitteln möglich ist und ob das ewige Wachstumsstreben vielleicht auch ein wenig irrsinnig ist, finde ich grundsätzlich berechtigt. Dann aber sprechen wir über Kapitalismuskritik und nicht über Datenvolumen.

Die Telekom möchte Geld verdienen und dies tut sie zum Beispiel, indem sie die Tarife ändert.

Die aktuelle Empörung ist so, als würde man sich bei Hermes darüber beschweren, dass das Paket von Amazon nicht verschickt wurde und dabei gleich mal ins Felde führen, dass es eine Unverschämtheit ist, mit Zustelldiensten Geld verdienen zu wollen.

Das Problem liegt ganz woanders. Unsere Gesellschaft ist (noch) datenfeindlich. Die Notwendigkeit eines offenen, gut ausgebauten und allgemein zugänglichen Netzes ist überhaupt noch nicht im Bewusstsein der allermeisten Menschen angekommen.

Und ich spreche hier von den 90% der Bevölkerung. Das sind die Arbeitskollegen, die morgens in der Bahn Zeitung und nicht Blogs oder Onlinemagazine lesen, Eltern und Großeltern, die kein Facebook Account haben, Menschen, die nicht mindestens alle 30 Minuten ihre privaten Mails checken.

Leute, die davon sprechen, wie ungesund die Strahlen, das Internet, die neue Kommunikation sind, die sich fragen, warum das alles, wo es bisher doch auch gut mit dem Fax geklappt hat. Unternehmen, die keine wirtschaftlichen Perspektiven im Netz sehen oder deren Horizont nicht über Google-Ads hinaus geht.

Wenn man auf der re:publica zwischen Handy-Aufladen und Vortrag einen Klönschnack hält, vergisst man schnell, dass man selbst noch die Minderheit ist.

Eine Minderheit, die zwar – zurecht – gegen Dateneinschränkung protestiert und sich Gehör verschaffen kann, aber letztlich noch fern von der Mitte der Gesellschaft ist.

Denn wäre es allen bewusst, wie wichtig das Internet und damit auch seine Infrastruktur ist, würde sich die Politik für den Ausbau und die Erweiterung der Hardware bemühen, es würden Gesetze erlassen oder geändert werden, zum Beispiel solche, die es für Restaurants, Cafes und Hotels rechtlich immernoch schwer machen, freies und offenes Wlan anzubieten.

Vor einiger Zeit war ich mal in Moskau und konnte an jeder Ecke freies Wlan nutzen. Als ich zurückkam, hatte ich das Gefühl, in einem digitalen Entwicklungsland zu leben.

Wären das Internet kulturell so verankert wie die Automobilindustrie, wäre ein Versuch der Telekom die Daten zu drosseln, so unwahrscheinlich wie eine Pkw-Maut. Es gäbe wahrscheinlich keine Telekom, sondern nur eine Datenautobahn und auf der könnte jeder so schnell fahren wie er möchte.

Möglicherweise ist die Telekom aber auch besser mit Stromkonzern zu vergleichen. Diese Unternehmen waren auch mal staatlich und sind wie die Telekom zu Unternehmen der freien Wirtschaft mit Beamtenmentalität und Monopolfetisch privatisiert worden.

Das ändert nichts daran, dass diese Unternehmen nach wie vor sehr eng am Puls der Regierung sind. Wenn es in Fukushima zu einer Kernschmelze kommt, können auf einmal ganz schnell alle deutschen Kernkraftwerke abgestellt werden, auch wenn es vorher (leider) jahrzehntelang nicht möglich war.

Wenn es also der Regierung wichtig wäre, dass alle Bürger Zugang zur Datenautobahn haben, wenn gesehen würde, dass das Internet im Grunde immer mehr die Basis unserer Wirtschaft wird bzw. werden sollte, wenn statt Zensur und Panik einfach mal mit gesundem Menschenverstand an einer Internetverkehrsordnung geschrieben würde, dann würde es Gespräche mit der Telekom geben und am Ende gäbe es einen kostengünstigen und flächendeckenden Datenzugang für alle Bürger. Sascha Lobo hat dieses fehlende Verständnis schon im Januar aufs Stilvollste beklagt.

Statt dessen findet eine Kopplung von Datenzugang und finanziellen Möglichkeiten statt und damit wird ein weiteres Mal die Chance verpasst, das Internet da zu platzieren wo es hingehört: in die Mitte der Gesellschaft.

Statt Kampagnen gegen die Telekom zu formulieren, wäre es doch wesentlich sinnvoller, staatlichen Instanzen die Wichtigkeit einer Datenautobahn zu erläutern, zu versuchen, die Wenignutzer des Netzes für die vielfältigen Möglichkeiten zu begeistern und dafür zu sorgen, dass das Internet nicht immer als etwas Separates, sondern als Teil des öffentlichen Raums gesehen wird.

Ein Stellvertreterkampf mit der Telekom mag zwar ganz unterhaltsam sein, ist aber so, als würde man mit einem Pflaster einen Armbruch heilen wollen.

13 Kommentare, 11 Tweets, 13 Facebook Shares, plussen

  1. Hi,

    im Prinzip stimme ich Dir zu.

    Allerdings hält der Bund insgesamt 32% der Aktien: 15% direkt und 17% gehören der KfW, die wiederum zu 80% dem Bund und zu 20% den Ländern gehört.

    Dazu kommt die Tatsache, dass über 60% der Aktien in Streubesitz sind.

    Dadurch hat der Bund einen enormen Einfluß bei der Telekom, mehr, als die 15% erscheinen lassen, und die Telekom ist dadurch eben kein “normales” Unternehmen und hat daher meiner Meinung nach auch stärker als “normale” Unternehmen das öffentliche Wohl im Auge zu behalten.

    Aber ich halte es, so wie Du, für sinnvoller, auf den Anteilseigner, also die Politik, Druck auszuüben.

    Offtopik: Was ich nicht verstehe, bei der Argumentation der Telekom: Wenn alle Kunden ein bestimmtes Volumen für einen Monat kriegen, was sie “versurfen” dürfen: Ist dann die ersten 10 Tage des Monats Stau im Interner? Und den Rest des Monats gähnende Leere in den Leitungen? Und wie verhindert das, dass die Kapazitäten “überbeansprucht” werden in den ersten paar Tagen? (Wenn man man den Argumenten der Telekom folgt.)

  2. @Felix aus Frankfurt

    Ich bin mir recht sicher, mal irgendwo gelesen zu haben, dass der Stichtag für Messung des Transfervolumens der Tag des Vertragsbeginns ist, nicht Monatsanfang. Damit verschleift sich der vermutete Stau von selbst.

    §

    Generell dreht sich der Blogeintrag doch hier um das alte Thema: Lösen wir das ursprüngliche, eigentliche Problem, die Ursache, oder doktern wir an den Symptomen herum? Auf den ersten Blick sagt sich leicht, natürlich die Ursache! Aber so einfach ist das meist nicht. Zum einen ist die eigentliche Ursache vielleicht gar nicht offensichtlich, oder nicht einfach zu lösen, oder es gibt Interessen, die der ursächlichen Lösung sogar entgegen arbeiten. Vielleicht ist die Beseitung der Ursache sogar unmöglich? Und wie lange würde das dauern, wenn es doch möglich wäre? Sollte man bisher dahin auch nicht versuchen, die Symptome zu lindern? Normalerweise könnte man sagen, bearbeiten wir doch Ursache UND Symptome, aber da kommt vielleicht wieder der Mechanismus zum tragen, dass wenn einmal die Symptome weg sind, niemand mehr Interesse an der Bekämpfung der Ursache hat.

    Zum Thema Vermittelbarkeit des Problems fällt mir in den letzten Tagen immer noch diese andere Regulierungsgeschichte mit den Ölkännchen auf den Restauranttischen ein: Die Empörung darüber hielt sich in engen Grenzen, viele haben nur mit dem Kopf geschüttelt, aber sich gesagt, naja, die EU wieder, wir werden es überleben. Mich würde interessieren, was passiert, wenn man dem deutschen Michel sein frisch gezapftes Bier weg nimmt. Ich meine, was weiß den ich, wo der Kram aus dem Zapfhahn her kommt? Mit der gleichen Argumentation wie bei den Ölkännchen könnte man auch Zapfbier verbieten, denke ich. Nur wäre wohl der Aufruhr um einiges größer – in Deutschland.

  3. Pingback: Alles, was im Kampf für Netzneutralität schief läuft | Drop the thought

  4. “Die Notwendigkeit eines offenen, gut ausgebauten und allgemein zugänglichen Netzes ist überhaupt noch nicht im Bewusstsein der allermeisten Menschen angekommen.”

    Oh ja!!! Was hatte ich letztens für eine unsinnige Diskussion auf fb über den schlechten Empfang im Zug. Da wird mir als Argument entgegengebracht, dass es doch mal ganz angenehm sei, nicht immer erreichbar zu sein. Klar, finde ich auch. Aber bitte, wenn ich das entscheide und nicht irgendwelche technischen Unzulänglichkeiten, die behebbar wären, aber aus Gründen (Zitat) nicht behoben werden.

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  6. Ich meine mal gehört zu haben, dass es in einem der skandinavischen Länder sogar zu den Grundrechten gehört, immer ins Netz zu können und es daher überall WLan gibt. Oder ich habe es halluziniert, weil die Skandinavier uns meistens einen Schritt voraus sind.

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  8. Pingback: Woanders – Der Wirtschaftsteil | Herzdamengeschichten

  9. “die Telekom [ist] ein privates Telekommunikationsunternehmen”
    Naja, eher so jein. Man muss halt auch ihre besondere Monopolstellung beachten.
    In der, mE mit dem Zitat angedeuteten, Marktwirtschaft könnte ein Konkurrent zu denselben Konditionen auf die letzte Meile zum Kunden zugreifen. Es ist aber ein regulierter Markt und es geht bei der Aufregung darum, dass hier noch ein weiterer Aspekt reguliert werden muss. Diese Aufregung muss sich mE an den Verursacher wenden und nicht primär an die Regulierer. Die werden dann mit ins Boot genommen.
    Hoffe ich.

  10. Die “Notwendigkeit eines offenen, gut ausgebauten und allgemein zugänglichen Netzes” ist nicht eine Frage des fehlenden Bewusstseins, sondern der politischen Willensbildung: Auch wenn ich selbst ständig Postfach, Feedlist und Timeline checke, muss die Mehrheit der Bevölkerung nicht zwangsläufig irgendwann so agieren wie ich.

    Anders ausgedrückt: “Datenfeindlichkeit” ist eine legitime politische Einstellung.

  11. Die Telekom möchte Geld verdienen und dies tut sie zum Beispiel, indem sie die Tarife ändert.

    Meiner Ansicht nach ist das ein vorgeschobener Grund. Wenn man sich so die Aussagen der Telekom ansieht, ist es ja so, dass nur 3% der Kunden betroffen sind, die dann 10 bis 20€ mehr zahlen sollen, wenn sie eine echte Flatrate wollen. Wenn man die 20€ von den 3% auf alle 100% umlegen würde, kämen wir bei 0,60€ Preiserhöhung für eine echte Flatrate raus. Also 40,50€ statt 39,90€. So eine Preiserhöhung hätte wohl kaum Aufsehen erregt.

    Stattdessen erhöht man für 3% der Kunden von 39,90€ auf 59,90€. Dabei läuft man natürlich Gefahr, dass just diese 3% weglaufen zu anderen Providern, wie Kabel. Und die erhofften Mehreinnahmen sind futsch.

    Die wahre Motivation liegt also offenbar woanders.

  12. “Denn wäre es allen bewusst, wie wichtig das Internet und damit auch seine Infrastruktur ist, würde sich die Politik für den Ausbau und die Erweiterung der Hardware bemühen, es würden Gesetze erlassen oder geändert werden”.

    Das ist der entscheidende Punkt, leider in einem Nebensatz versteckt: es geht um Infrastruktur, dass bestätigt jeder Rentner, der eine Reise machen will oder die Anforderungen sieht, denen seine Enkel ausgesetzt sind.

    Gleichzeitig kann ich dem Gedanken nicht folgen, “die Politik” würde etwas “tun”, sobald sie sich dessen bewußt wird. Keine Angst, sie, die Politik, tut schon. Infrastruktur wird nach wie vor privatisiert. Nur nicht so plump wie einst bei Telekommunikation und Strom. Beim Wasser hat man es via EU versucht, was mit ein wenig mehr Glück niemandem aufgefallen wäre. Bei den Strassen geht es noch leiser. Während sich manche noch im Kampf gegen die Privatisierung von Autobahnen wähnen, ist diese längst Realität.

    Die Gleichung “Infrastruktur = der Staat kümmert sich” geht leider überhaupt nicht auf. Insofern geht es tatsächlich um Kapitalismuskritik.

  13. Pingback: Vag-Power-Blogschau, Brustkrebsaufklärung & Entpathologisierung von Transsexualität « Reality Rags

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