Der gemeinsame Nenner der Vielfalt

Seit vielen Jahren spielen wir in meiner Familie ein Spiel. Wir sitzen am Küchentisch und jeder behauptet von sich, die einzigst normale Person in der Familie zu sein.

Für gewöhnlich gewinne ich, denn gegen meine übermäßig extravagant gekleidete Mutter, meinen Vater, der ein entfernter Verwandter von Grumpy Cat sein muss und meinen bärartigen Nerdbruder, der es wie sonst keiner versteht, Menschen humorvoll und freundlich zu beleidigen, bin ich die normale, unkomplizierte, aufgeräumte, angepasste und spießige Mutti von nebenan.

Aber im Grunde gewinnt niemand das Spiel, denn wir feiern damit eingentlich unsere unterhaltsame Unnormalität.

Ich liebe es, von meiner Familie, ihrer Exzentrik und ihren Neurosen zu berichten. Es gefällt mir, dass wir etwas aus der Norm fallen.

Neulich übernachtete ich in Berlin bei einer Freundin. Abends saßen wir zusammen mit ihrem Mann und tranken ein wenig Wein. Ich erzählte wieder mal von meiner Familie und hatte wieder diesen verklärten Blick, den Leute haben, die glauben, etwas ganz Besonderes zu sein und erzählen zu können.

Der Mann meiner Freundin sagte dann irgendwann: “Wir sind doch alle nicht normal.”

Mit einem Mal war ich nüchtern. Meine Besonderheit und die Besonderheit meiner Familie war mit einem mal nichts Besonderes mehr, denn er hatte Recht.

Jeder Mensch ist nicht normal. Normal ist ein Konstrukt, dass wohl mal ganz sinnvoll erschien, um eine gesellschaftliche Ordnung herzustellen. Möglicherweise hat dieses Konstrukt einen Sinn aber es bleibt ein Konstrukt, das mit der Realtät aller Menschen nichts zu tun hat.

Schält man nämlich einmal den Mantel des höflich-distanzierten Umgangs ab, dann stellt man schnell fest, wie wenig allein man in seiner Exzentrik ist.

In einem Großraumbüro lässt sich das ganz wunderbar erleben. Ich arbeite mit vielen Menschen zusammen, über die sich in meinem diversen Timelines gern lustig gemacht wird. Menschen, die in Reihenhäusern im Speckgürtel leben, die einen 9-to-5-Job haben, die nie im Ausland gelebt haben, die keine Rampensäuse sind, die nie eine Psychologen besucht haben und deren Leben in einem Meister Proper Werbefilm gezeigt werden könnte.

Schickt man Meister Proper nach Hause lernt man allerdings ganz andere Seiten kennen. Menschen, die ihre Urlaub mit GPS-Sendern verbringen, um verlorene Orte wiederzuentdecken, Menschen, die meisterhaft Sportarten beherrschen, die ich gar nicht kannte, Menschen, mit absurden Musikgeschmäckern, Menschen mit schwierigen Verwandten, Menschen mit wunderschön gepflegten Händen, die jeden Tag den Nagellack wechseln, Menschen, die einen Preis als bester Hifi-Anlagen-Kenner gewonnen haben.

Sobald man ein wenig tiefer gräbt, findet man überall eine komplizierte Familie, eine nicht perfekte Ehe, absurdeste Vorlieben, interessante Talente und ein facettenreiches Dasein. Erst gestern war ich verwundert, was es alles so gibt, als ich von Gruppensex unter amerikanischen (!) Geistlichen las. Solche Erfahrungen habe ich in meinem freien nacktbadekultur-geprägten europäischen Leben nicht gemacht.

Wie gesagt, das alles steckt unter der dicken Schicht des höflich-distanzierten Umgangs. Diese Schicht hat eine sehr ambivalente Funktion. Einerseits hat sie sehr angenehme Seiten. Sie hält die Menschen davon ab, sich völlig gehen zu lassen. So spannend die Facetten eines jeden Menschen sein mögen, desto nerviger sind sie, wenn ich einfach nur ein Kilo Äpfel kaufen will und von einer anderen Kundin oder dem Verkäufer die Lebens- und Leidensgeschichte präsentiert bekomme.

Ich mag Distanz, denn eine permanente Distanzlosigkeit aller Menschen würde mich in den Wahnsinn treiben.

Andererseits hat sich diese Schicht irgendwie auch verselbstständigt. Die Regeln auf der sie basiert, wurden zu einer Norm, die nicht mehr nur den Nutzen eines angenehmen Umgangs hat, sondern zu einer Art Diktat wurde. Anstatt sich bewusst zu machen, dass es sinnvoll ist, sich in einigen Situationen auf eine bestimmte Art und Weise zu verhalten, glauben wir, dass wir eine bestimmte Art haben müssen, um normal zu sein und in unsere Gesellschaft zu passen.

Also möchten wir alle einen BMI zwischen 20 und 25, wir möchten alle beruflich erfolgreich sein, eine perfekte Ehe führen, ein Haus bauen, Kinder haben und am besten noch für all das fein bewundert werden. Die Frage was wirklich unsere Bedürfnisse sind, ob wir Kinder wollen, ob wir nicht einfach einen BMI von 18 oder 30 akzeptieren können und ob ein Caravan nicht viel schöner wäre, trauen sich viele gar nicht zu stellen.

Und dann gibt es noch die etwas abstraktere Ebene der Psyche. Ein gesunder und klarer Geist gilt als normal und wünschenswert. Allerdings stellen wir schnell fest, dass wir alle unsere Neurosen, Psychosen und Dämonen in uns tragen.

Viele Leute gehen mit dieser Ambivalenz ganz gut um. Sie finden einen Weg, ihre Exzentrik mehr oder weniger auszuleben und ihren Geist zu kontrollieren, so dass sie nicht allzu sehr auffallen und anecken.

Anderen gelingt das weniger gut. Sei es aufgrund ihrer angeborenen Persönlichkeit oder Körperlichkeit, aus ihren Lebenserfahrungen oder weil andere sie als “zu fremd” wahrnehmen und mobben oder aus einer Mischung aus allem.

Dann kommt es zu einem Konflikt zwischen den Leuten, die sagen, “Reiß Dich mal zusammen ich mache das schließlich auch schon seit 30 Jahren” und denen die sagen, “Nimm gefälligst meine Andersheit wahr und lern damit umzugehen, Du bist das Problem nicht ich”.

Und dann stehen sie voreinander die Menschen, die alle nicht normal sind aber einfach nur anders damit umgehen. Es ist ein wenig absurd zu sehen, wie jeder von uns den gemeinsamen Nenner der Vielfalt in sich trägt, wir uns aber über die Form des Umgangs damit in die Haare bekommen.

In einer idealen Welt würden wir akzeptieren, dass wir alle in unserer Eigenart zwar was Besonderes sind, wir aber irgendwie alle miteinander klar kommen müssen.
Interessensgruppen, die sich wegen geteilter Eigenheiten zusammentun sind sicherlich gut, um Freunde zu finden haben aber auch das Potential, die Gräben zwischen den Gruppen zu vertiefen. Frei nach dem Motto: mein Besonderheit ist viel besser/tragischer/schlimmer/schmerzhafter/witziger als deine Besonderheit.

Ein Wettbewerb darum, wen es nun besonders gut oder schlecht getroffen hat, bringt nichts als Unmut.

Viel feiner wäre es doch, das Konzept der Normalität in Frage zu stellen und zu akzeptieren, dass dumme, schöne, häßliche, witzige, pathetische, kluge, wütende, fröhliche, sanfte, stille, selbstironische, laute und hochbegabte Menschen eine Daseinsberechtigung ohne Bewertung haben. Man muss nicht ihr Freund werden, sich nicht mit ihnen fraternisieren, es reicht völlig aus, einfach zu akzeptieren, dass es sie gibt.

Oder wie Andrew Solomon in einem wunderbaren Nido-Interview (noch nicht online) gesagt hat:

Authentisch ist nur, wie man lebt und welche Entscheidungen man trifft.

5 Kommentare, 11 Tweets, 18 Facebook Shares, plussen

  1. Vielen Dank für diesen angenehm unaufgeregten Artikel, der diese ganze hitzige Diskussion ins richtige Verhältnis setzt.

  2. Pingback: Neues aus den Tiefen des Netz 2013-KW23 | roccostorm

  3. Wertfrei zu sein, das ist so schwierig. Bereits als Kinder kriegen wir ja beigebogen, ob das, was wir tun, normal ist oder nicht. Normal bedeutet in dem Fall dann auch sozial erwünscht. Man lernt, sich selbst zu messen und zu bewerten und tut das dann auch mit anderen.

    Aber wertfrei zu sein wäre auch schön, der Raum für Andersartigkeit ist so wichtig. Deshalb auch von mir einen herzlichen Dank für diesen Artikel, der mir ganz persönlich ein bisschen den Spiegel vorhält und vielleicht selbstkritischer macht im Hinblick darauf, inwieweit man selbst kategorisiert, wertet, eigene Ansichten zur Norm erhebt.

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