Make (self-)love not diet oder #waagnis ist ein Anfang

Heute Morgen las ich Maikes Text, in dem sie Lebe wohl zu ihrer Waage sagt. So richtig mitbekommen hatte ich die Aktion #waagnis noch nicht, das ändert nichts daran, dass ich die Idee ganz hinreißend finde.

Im Zuge der #609060-Geschichte habe ich aufgehört mich zu wiegen. Eigentlich wollte ich zum einjährigen Jubliläum des Mems darüber schreiben, aber ich setze da jetzt mal andere Prioritäten.

Zum einen dachte ich damals, ich kann nicht immer nur davon berichten, dass ich mit diesem Körperwahn brechen möchte, mich dann aber jeden Morgen auf die Waage stellen.

Außerdem sind morgens meist die Kinder mit mir im Bad. Was für ein Bild vermittle ich vor allem meiner Tochter, wenn ich mich jeden Tag auf eine Waage stelle und dann je nach Gewichtsanzeige gut gelaunt oder – wahrscheinlicher – völlig niedergeschlagen wieder runtersteige? Ganz sicher nicht das einer in sich ruhenden, zufriedenen und selbstbewussten Frau.

Dazu kam, dass mich der Mann irgendwann einmal fragte, ob ich mir bewusst wäre, wir irre es ist, mir von einer Zahl auf einer Waage sagen zu lassen, was für ein Körpergefühl ich zu haben habe.

Also wiege ich mich seit September 2012 nicht mehr. Die Waage habe ich allerdings nicht weggeworfen. Wie ein paar meiner alten Klamotten in Größe 38 hebe ich sie auf. Sie steht da, für den Moment in dem ich das Gefühl habe, dass ich deutlich abgenommen habe und dann möchte ich mich drauf stellen und meine Wunderzahl sehen.

Im Laufe der Zeit ist mir immer bewusster geworden, dass dies nicht passieren wird. Jedenfalls nicht in den nächsten Jahren und nicht ohne dass ich meine Sport- und Essgewohnheiten massiv ändere.

Und während ich in Zeitschriften, im Fernsehen, in Büchern, in Blogs und auf Werbetafeln lese, wie einfach es ist, seine Gewohnheiten zu ändern, drei wöchentliche Trainingseinheiten in ein Familien- und Arbeitsleben einzubauen, dass es alles nur Organisation und Dispziplin kostet und ich nach einer etwas schwierigen (DURCHHALTEN!) Anfangszeit total entspannt und glücklich und gesund sein werde.

Dann endlich werde ich ein ordentliches Gewicht haben und bin mit meinem Fett keine unansehnliche und potentiell kranke Bürgerin mehr, sondern eine anständige und vorbildliche Frau.

Und so lebe ich in diesem Zwiespalt, einerseits weder die Lust noch den wirklichen Willen zu haben, mir, meinem Körper und meiner Umgebung eine Abnehm-, Sport und Lifestyleänderung anzutun und andererseits meinen Körper zu akzeptieren, wie er ist.

Denn selbst ohne Waage oder ohne das Wiegen, gibt es noch genug Kontrollpunkte, die ich mehrmals täglich passieren muss. Morgens habe ich Panik, dass die Hose kneift oder der Rock nicht gut über die Hüften geht. Ich sitze beim Elternabend und stelle fest, dass ich die voluminöseste Mutter bin. Ich schaue mich im Schaufenster an und sehe meine kräftigen Oberarme. Ich schäme mich vor anderen schlanken Müttern meine Kleidung zu wechseln und neidvoll blicke ich jede Frau an, die schlanker ist als ich (in Hamburg sind das viele).

Tweets oder Facebookeinträge in denen über Trainingseinheiten, Diäten usw. geschrieben wird, lassen in mir gleich die Fragen aufkommen, wieso diese Leute so viel disziplinierter sind als ich und warum ich mich nicht aufraffen kann, es ihnen nachzutun.

Im Grunde finde ich mich permament unzureichend.

Das Verzichten auf die Waage, das Entrümpeln der alten Klamotten, der Neukauf neuer und passender Kleidung und eine Aktion wie #waagnis löst nicht das Problem. Sonst würde ich seit September bauchfrei, mit viel Selbstbewusstsein und tiefenentspannt jeden Tag in die Konditorei Lindtner gehen und ein Stück Maharanitorte essen.

Aber es ist ein Anfang. Ein Anfang, der einen Kontrapunkt zu all den inneren und äußeren Stimmen setzt, die einem einreden möchten, dass der eigene Körper ein dreckiges Stück Scheiße ist, der nur mit einem Personal Trainer, einer kohlenhydrathfreien Ernährung, viel Disziplin (die Obertugend unserer Zeit) und aufrichtigem Willen vielleicht zu etwas Ordentlichem geformt werden kann.

9 Kommentare, twittern, sharen, plussen

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  2. Hehe, das mit der voluminösesten Mutter kommt mir bekannt vor. Bin seit etlichen Jahren nur noch beim Arzt auf die Waage gestiegen (und dort tlw rückwärts), weil ich das Gewicht nicht wissen wollte. Kann Gewichtsprobleme seit einigen Jahren bequem auf meine Schilddrüse abschieben, wodurch ich über das Thema nicht nachdenken muss, was die Situation wesentlich verbessert hat. Habe jahrelang extensiv Sport gemacht, aber das hat nur eins verbessert: ich friere sehr viel später als andere (tendenziell tat ich das aber vorher auch schon) und kann mich nun über frierende Frauen lustig machen.
    und jetzt serotonic:
    http://serotonic.de/Warum-Diaetwerbung-auf-Facebook-fuer-mich-kein-Zuckerschlecken-ist.-120.html

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  4. Pingback: Schwer beeindruckt | Woll!

  5. Pingback: Nach dem #waagnis | Kleinerdrei

  6. Ich habe mich inzwischen damit abgefunden, daß ich so schnell nicht mehr auf das Gewicht gelangen werde, daß ich gerne hätte und bei dem ich mich am wohlsten fühlen würde. Ich warte immer noch darauf, daß sich bei mir ein Schalter umlegt, mein Stoffwechsel und so umschaltet, daß ich essen kann was ich möchte und dabei abnehme. Leider wird das wohl nicht passieren.
    In folgenden Blogposting, habe ich auch ein paar Gedanken zu dem Thema geschrieben -> http://bit.ly/104B3V0
    Liebe Grüsse,
    Michaela

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