Das zweckdienliche Mittel als Surrogat für Sicherheit

Viele Thriller haben einen Protagonisten, der im Laufe des Films ein starkes Schuld-Verantwortungsgefühl entwickelt.

Dabei fühlt sich die Figur verantwortlich für den Tod von einem oder mehreren Menschen und glaubt, dass sie die Tat durch ein anderes Verhalten oder eine anderer Entscheidung hätte verhindern können.

Diese Reaktion ist für den Zuschauer für gewöhnlich nachvollziehbar und macht die Hauptfigur nicht nur heroisch sondern verletzt-heroisch und damit noch interessanter. Außerdem wird so ein inneres Motiv konstruiert, dass den Eifer der Figur im Filmverlauf erklärt.

Das Absurde an dieser Verantwortung ist allerdings, dass die Heldenfigur eigentlich niemanden getötet oder verletzt hat, sie fühlt sich verantwortlich und damit auch schuldig ausschließlich auf Basis der Nicht-Verhinderung.

Manchmal würde ich also gern die liebevoll aufgebaute Dramaturgie des Films zerstören und den Polizei/Geheimdienst/Ermittlercharakter zum Gespräch bitten: „Wissen Sie,“ würde ich sagen „die Schuld trägt der Täter. Sie sind für das Vergehen weder schuldig noch verantwortlich. Ihre Aufgabe ist es, den Täter zu finden und einem Gericht für die Schuldentscheidung zu übergeben.“

Damit wäre der Film etwas langweiliger, denn er lebt ja nunmal davon, dass die Figur Ermittler, Ankläger und Vollstrecker in Personalunion ist. Das Rechtsverständnis des James Bond widerspricht im Grunde allem was ich von einem Rechtsstaat erwarte. James Bond ist zwar sexy aber eigentliches ein Arschloch.

Damit das nicht so auffällt, sind seine Gegner noch größere Arschlöcher und damit siegt der Zweck dreckig lächelnd wieder über die Mittel.*

Was bleibt, ist ein schales Gefühl.

Denn die Motivation des zweckdienlichen Mittels ist selten Mut, sondern meist Angst. Angst vor einer Entscheidung, die keine sichere Nummer ist. Viel zu viele verweigern die Annahme von Verantwortung und werfen sie lieber wie eine heiße Kartoffel weiter bis die auf dem Boden liegt oder abgekühlt ist.

Am besten kühlt man eine heiße Kartoffel ab, indem man sie gleich in den Eisschrank packt. Danach mag sie nicht mehr schmecken und hart und kalt sein aber sie ist nicht mehr heiß.

Die Verantwortungsverweigerung und die sichere Nummer sind beste Freunde.

Und die sicherste Nummer ist für viele die totale Überwachung. Das Schlimmste daran ist aber, dass es Menschen gibt, die glauben, dass diese Form der Kontrolle anständig bleiben könnte.

Das ist so, als würde mir ein Fremder stets folgen, auch zum Kacken aufs Klo oder zum Schlafen und Vögeln ins Bett und vom Türrahmen aus immer wieder beteuern, dass all seine Beobachtungen nicht gegen mich verwendet werden, es sei denn ich plane einen Anschlag. Ich frage mich, wer da entspannt weitervögelt.**

Offenbar macht sich niemand, der per Amt oder Position verantwortlich ist, diese Gedanken.

Sie lieben indessen die Heilsversprechungen, die ihnen für die totale Kontrolle oder besser noch die voreilige Prävention gemacht werden. Denn hier können sie sich am Ende immer darauf berufen, dass sie alles in ihrer Macht Stehende getan haben, um die Sicherheit der Bürger zu garantieren.

Die wenigsten haben den Mut, die Verantwortung für einen Rechtsstaat zu übernehmen.

Eigentlich bin ich ein Freund von Prävention aber wie in diesem wunderbaren Gespräch zwischen Ranga Yogeshwar und Dietmar Dath analysiert wird, müssen wir wohl immer mehr mit einer pervertierten Form der Prävention leben.

Die voreilige Prävention sieht so aus: Anhand von Mustern wie wir sie von Amazon kennen (wer „Lost in Translation“ kaufte, kaufte auch ein Wörterbuch), wird – mal ein plakatives Beispiel – nach Leuten gesucht, die sich für privaten Flugunterricht interessieren. Wenn sie dann auch noch einen Bart haben, steht schon bald ein Sonderkommando im Norwegen vor dem Haus eines Wikingers, der eigentlich nur regelmäßig mit einer Cessna von seiner Fjordinsel zum Festland fliegen wollte.

Es werden (zukünftig) also Leute festgenommen, die noch gar nichts gemacht haben und mit großer Wahrscheinlichkeit auch gar nichts tun wollten. Das ist allerdings keine Prävention, das sind Methoden eines Terrorregimes nur verpackt in einem hübschen Karton mit Schleife.

Prävention wäre nicht zu überlegen, wer als nächstes Täter werden könnte, sondern zu überlegen, warum Menschen Täter werden.

Warum gibt es ein paar Muslime, die die westliche Kultur so hassen, dass sie sie zerstören möchten? Und wie kann man mit ihnen in einen Dialog treten?

Zugegebenermaßen ist das der mühseligere und langwierigere Weg aber er ist es wert, denn dann hätten wir eine wirkliche Freiheit, die es zu verteidigen gäbe.

*Pia Ziefle hat in Überwachung praktizieren wir selbst. Jeden Tag. einige interessante Aspekte zum Thema Film/Serien und Überwachung angesprochen.

**Und bevor hier der Einwand kommt, dass so viele Menschen doch auf Twitter und Facebook vom Kacken, Schlafen und Vögeln schreiben. Es gibt einen Unterschied, ob ich mich persönlich dafür entscheide darüber zu berichten oder ob jemand anders entscheidet, wobei ich beobachtet werde und welche Schlüsse aus den Beobachtungen gezogen werden.

4 Kommentare, twittern, sharen, plussen

  1. Dass „so viele Muslime“ die westliche Kultur hassen und zerstören möchten, ist ein staatlich geförderter Fehlschluss. Auch innerhalb der relativ kleinen Gruppe von Muslimen, die die westliche Kultur massiv ablehnen, arbeiten nur wenige Fanatiker/innen an einer Zerstörung. Die meisten radikalen Islamist/inn/en streben „nur“ nach archaischen Kalifaten auf dem Gebiet islamisch geprägter Staaten (und bedrängen teilweise die Bevölkerung dieser Staaten).

  2. Wenn es denn bei einer Festnahme von Unbeteiligten und Unschuldigen bleibt. Terrorverdächtige werden ja gerne jenseits rechtstaatlicher Grundsätze behandelt. Finde ich auch interessant, wie oft in Filmen Folter damit moralisch legitimiert wird, dass viele Menschenleben auf dem Spiel stehen (z.B. Unthinkable (2010)). Die zu Unrecht gefolterten sind dann eben ein Kollateralschaden und wer definiert überhaupt die Gefahr?

    Man liest ja auch immer mal wieder, dass Personen die Einreise in die USA verweigert wird, aufgrund von Dingen, die sie bei Facebook (soweit ich weiß gab es auch mal einen Fall, da wurde der Inhalt persönlicher Facebooknachrichten zum Verhängnis), Twitter oder ihrer Amazon Wunschliste geschrieben haben. Da macht man bei facebook einen derben Witz oder schreibt was ironisches im Chat, was die Freunde sehr wohl verstehen und landet damit in der Mustererkennung bei den Terrorverdächtigen. Es ist wirklich gruselig.

  3. Es werden (zukünftig) also Leute festgenommen, die noch gar nichts gemacht haben und mit großer Wahrscheinlichkeit auch gar nichts tun wollten. Das ist allerdings keine Prävention, das sind Methoden eines Terrorregimes nur verpackt in einem hübschen Karton mit Schleife.

    Korrekt, ganz Ihrer Meinung. Nur, dass es bereits so gemacht wird. Die betreffenden Leute werden nicht einmal festgenommen, sie werden getötet – als lediglich Verdächtige, per Drohneneinsatz, ganz nebenbei. Die Unterscheidung zwischen unbeabsichtigten, zivilen Opfern und „rechtmäßig“ zu tötenden Terrorverdächtigen zeigt dabei sehr deutlich die Natur des gesamten Unterfangens: Wer unter Terrorverdacht stehend getötet wird, ist selber schuld, denn er hätte sich ja nicht verdächtig machen müssen. Die Tötung wird als legitim betrachtet.

    Im Prozess um den Schützen, der Trayvon Martin tötete, galt die Unschuldsvermutung. Man mag über das Geschehene denken, was man möchte (ich selbst bin auch der Auffassung, dass der Mann eigentlich verurteilt gehörte), aber diese Art Unschuldsvermutung ist so essentiell. Sie ist allerdings ein Privileg, das heute nicht allen Menschen zuteil wird, sondern lediglich denjenigen, deren Gesinnung den Entscheidern grundsätzlich in den Kram passt. Dies ist eine Willkürlichkeit, die Sie vollkommen zu Recht als mit Schleife dekoriertes Kennzeichen eines Terrorregimes bezeichnen.

    Wir begeben uns beinahe unmerklich in dieses Terrorregime hinein. Wir haben einen Innenminister, der bei jedem noch so kleinen Vorfall nach mehr Überwachung schreit und dabei offenbar keinen nennenswerten Protest hervorruft. Wir haben eine Kanzlerin, die uns diktieren möchte, was für verhältnismäßig gehalten werden darf und was nicht, und die damit die Würde, Freiheit und Selbstbestimmung der Bürger überhaupt erst verhandelbar macht, was meines Erachtens nach an sich schon ein Verbrechen darstellt. Problematisch ist, dass die von Ihnen angesprochenen Ängste und Unsicherheiten der Menschen ausreichend groß sind, dass diese Personen auch in zwei Monaten vermutlich nicht von ihrer Macht entbunden werden. Zu groß ist der Wunsch nach dem Wohlfühlgefühl und nach der Illusion von Sicherheit.

    Vielen Dank für Ihren tollen Artikel!

  4. Pingback: Media Monday #108 :alasKAgirl

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