Echt ist, was Du tust

Aufgrund der Tatsache, dass viele Menschen in der Digitalisierung – und leider nicht in der staatlichen Überwachung des Internets – nach wie vor das Böse, das Ende des Abendlandes und der Kommunikation sowie die totale Zombisierung von uns allen sehen, haben die Wenigsten Hemmungen zu stören, während man sich mit seinem Handy beschäftigt.

Sie glauben wirklich, dass eine noch so profane und langweilige Konversation über die Beschaffenheit einer 5-Minuten-Terrine spannender und wertiger ist, als alles was in einem Handy passiert.

An dieser Stelle möchte ich noch einmal mit allem Nachdruck sagen: “Nein, Ihr irrt, mein digitales Leben ist spannender als Eure Nächte.”

Diese ewige Pochen darauf, dass nur Menschen, die mir gegenüber sitzen, echt und meiner Freundschaft würdig sind. Außerdem die Überschätzung von Smalltalk im öffentlichen Raum. Ich habe heute morgen in der Bahn beinahe vor Rührung geweint, als ich diesen Text las, selten hat Smalltalk mit “echten” Menschen so etwas in mir ausgelöst.

Darüber hinaus wird ständig eine Verlustangst geschürt. Ich frage mich schon seit Jahren, was bitteschön zu verlieren ist? Ich habe – digital wie analog – ärgerliche Sachen erlebt, aber verloren habe ich nichts. In meiner Wahrnehmung gewinne ich nur.

Vor ein paar Wochen fragte mich zum Beispiel Anne Wizorek, ob ich Lust hätte, ab und an für kleinerdrei zu schreiben. Ich bin ein großer Fan dieses Blogprojekts und den wunderbaren Autorinnen und Autoren.

Mich hat das Schreiben ins Internet vor allem gelehrt, dass sich die Welt zwar nicht durch ein paar Videos, Petitionen, Blogeinträge, Kommentare oder online organisierten Flashmobs ändern lässt, aber es allemal einen Versuch wert ist.

Es ist einen Versuch wert, zwischen eigenen Blogeinträgen, dem gierigen Konsum von Onlineinhalten und den Leidenschaften und Pflichten der analogen Welt, Zeit zu finden, einen kleinen Beitrag für eine tolle Idee zu leisten.

In den letzten Wochen habe ich Anne und Maike nicht persönlich gesehen, aber wir haben echte und spannende Konversationen geführt.

Seit heute früh ist Ahhh und Ohhh online und wenn es gut läuft, werde ich mich auf kleinerdrei nun monatlich philotheoretisch mit dem Bereich unterhalb der Gürtellinie beschäftigen.

Und ja, ich bin auch ein Freund der praktischen Umsetzung aber ich mache hier keine Unterscheidung. Echt ist für mich was ich tue, denke, lese, schreibe und fühle, das Medium ist zweitrangig.

12 Kommentare, 8 Tweets, 29 Facebook Shares, 2 Plusones

  1. Wie echt das ist, was man tut, hängt meines Erachtens weniger mit dem Medium zusammen, sondern mit der eigenen Authentizität. Bereits im zwischenmenschlichen Bereich von Angesicht zu Angesicht kann sich jemand als Lügner oder Blender herausstellen, dazu braucht es keine digitalen Medien, auch wenn diese das alles etwas einfacher machen. Ich habe gemerkt, dass mich Fiktionen, Images, Oberflächlichkeiten vollkommen langweilen, ganz gleich ob in der realen Welt oder im Netz.

  2. Ich sehe schon einen negativen Aspekt des ständigen Lesens auf dem Telefon (ohne jedoch selbst deswegen davon abzusehen): man verliert dadurch einen weiteren Kanal zu Menschen außerhalb seiner Filterblase, weil man eben nicht mehr oder seltener oder auch weniger detailreich mitbekommt, worüber sich die Menschen (bspw.) neben einem im Bus unterhalten. Somit ist man einen Schritt weiter dabei, sich eine Welt zu schaffen die nur noch (zumindest indirekt) selbst gewählten Input enthält. Mit allen Vorteilen, klar, aber eben denke ich durchaus auch Nachteilen.

  3. Ich frage mich gerade, seit wann im BILDBlog simple Werbung verlinkt wird. Ist dieser “Rant” doch nichts anderes.
    Zuerst dachte ich “Jawoll, so isses…” Aber tatsächlich sind die Gespräche in der Bahn, im Bus, vor dem EDEKA ebenso bereichernd wie meine Filterblase im Internet.
    Ohne analoges Sein gibt es kein digitales Erleben. Hätte nicht der (vielleicht gar nicht reale) Vater seinen (vielleicht gar nicht realen) Sohn aus dem analogen Leben beschrieben, so wäre die entsprechende Seite im Internet leer und weiß.
    Und leider lahmt der Rant gegen Ende… Hatte ich mir doch schon das Gesicht einer missmutigen jungen Frau mit dem üblichen “Sprich micht nicht an!!”-Gesicht vorgestellt, das man auch Zeitungs- und Buchlesern in der Bahn kennt. ;o))

  4. Zuerst sagen Sie, dass ihr digitales Leben spannender wäre als unsere Nächte. Dann erzählen Sie uns, dass Sie fast geweint (!) haben über einen Text in dem steht, dass ein kleiner Junge gerne Kleider trägt.

    Nehmen Sie es mir nicht übel, wenn ich meine Nächte weiterhin für spannender halte als Ihr digitales Leben. Und Ihre Nächte.

  5. Und während du auf dein Handy starrst, läuft der Mann aus der Geschichte mit seinem Sohn in Frauenkleider an dir vorbei und du hast ihn nicht einmal bemerkt…

  6. Lass dich nicht beirren von den Kommentaren der Alten. Kommunikation über das Netz ist auch nur Kommunikation, und das Lesen von Blogs anstatt eines “guten Buchs” ist nicht verdammenswert. Ohne – sagen wir – Whatsapp würde so manche Kommunikation einfach gar nicht statt finden. So wie früher, als wir auf einen Anruf irgend wann mal warten mussten.

  7. @ix
    Ist doch hübsch verlinkt mit roter Unterlegung. Oder ist dies keine Werbung? Und ich bin nur zu empfindlich?
    @Rene
    Woran machst Du das Alter fest? An der Nutzung von WhatsApp?

  8. @Petra: Wo und Was genau ist Werbung? @Felix und ich würden das nämlich gern wissen, damit wir bei der richtigen Person/Organisation eine entsprechende Rechnung für Werbedienstleistungen stellen können.

  9. Manchmal kann das Lesen mit dem Handy schon einen größeren Mehrwert schaffen, als sich einem oberflächlichem Smalltalk zu unterziehen.
    Aber so allgemein über einen Kamm kann man das nicht ziehen, denn ein Smalltalk mit den richtigen Leuten schafft dann öfters doch mehr Informationen und eine besser Kommunikation.

  10. Pingback: Was mir Spaß macht – September 2013

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