Neutrales Unvermögen

Seitdem ich vor vielen Jahren Arbeitnehmerin wurde, hatte ich vor allem männliche Vorgesetzte, teilweise auch ausschließlich männliche Kollegen.

Lange Jahre konnte ich mir nichts anderes vorstellen. Ich mochte es, durch mein Geschlecht eine besondere Rolle in der Arbeitsgruppe zu haben. Außerdem hatte ich den Eindruck, dass das Arbeiten mit Männern zwar derber aber auch klarer und ehrlicher sei.

Und ich gab mich den gängigen Vorurteilen hin. Den Vorurteilen von zickigen, hysterischen und bösen Frauen, die zickiger, hysterischer und böser werden, je höher sie auf der Karriereleiter steigen.

Ich nickte bei Gesprächen, in denen Frauen wie Männer von Hexen in der Führungsetage sprachen, wo ein Prototyp der verbiesterten Karrierefrau gezeichnet wurde, die ihren persönlichen Frust bei männlichen und weiblichen Untergebenen auslässt.

Über die Jahre entwickelte sich mein Arbeitsleben so, dass sich sowohl unter den Kollegen als auch in den Hierachieebenen über mir, die Geschlechterverhältnisse ein wenig ausglichen.

Und dabei passierte etwas sehr Überraschendes: ich stellte fest, dass ich sehr gern mit Frauen arbeite und dass es diese vielbeschworenen bösen Hexen zwar im Märchen aber offenbar viel seltener in der Arbeitswelt gibt.

Selbstverständlich gibt es furchtbare weibliche Kolleginnen und Vorgesetzte – womöglich fallen sie auch deshalb umso mehr auf, als dass sie nach wie vor ingesamt viel seltener sind – aber diesen können mit Sicherheit genauso vielen furchtbaren männlichen Kollegen und Vorgesetzten zugeordnet werden.

Ich persönlich habe festgestellt, dass viele Frauen in der Arbeitswelt sehr schnell Schnacker und Blender durchschauen, dass sie oft sehr gut kommunizieren können und ihr Wissen teilen, statt es strategisch auszuspielen, dass sie unliebsame Dinge direkt ansprechen – was gern als hysterisch bezeichnet wird – und nicht aussitzen und dass sie Entscheidungen treffen, ohne sich vorher zu überlegen, ob diese ihrem Image und ihrer Karriere schaden können.

Je länger ich arbeite, desto mehr schätze ich das.

Während ich das schreibe weiß ich, dass die Halskrause einiger Leser bis hierhin immer weiter angeschwollen ist. Bei jedem Satz fällt ihnen ein Gegenbeispiel ein.

Ja, ich weiß, Frau Merkel ist eine große Künstlerin auf dem Gebiet des Aussitzens – was sie wohl bei ihrem männlichen Mentor Helmut Kohl abgeschaut hat – und ja, es gibt Frauen, die hinterhältig kommunizieren, um Kolleginnen und Kollegen auflaufen zu lassen. Wahrscheinlich kennt jeder die kinderlose Vorgesetzte, die die Augen verdreht, wenn man Hals über Kopf den Arbeitsplatz verlassen muss, weil sich das Kind in der Kita übergeben hat.

Aber bei diesen Menschen handelt es sich um machtbesessene, böse oder einfach nur frustrierte und unbeholfene Menschen. Diese Handlungsweisen sind nicht typisch weiblich sie lassen sich bei allen Geschlechtern feststellen. Je erfahrener ich werde, desto vehementer weigere ich mich zu aktzepieren, dass wir Frauen in der Arbeitswelt so sein sollen.

Und natürlich gibt es männliche Kollegen und Abteilungsleiter, die super kommunizieren können und den Durchblick haben. Aber auch das liegt vor allem daran, dass sie eine fähige Person sind, das Geschlecht ist da eher zweitranging.

Und ich will auch nicht die Männer aus dem Beruf drängen oder sie als schlechtere Kollegen oder Vorgesetzte darstellen. Im Gegenteil, ich bin von tiefstem Herzen davon überzeugt, dass ein Unternehmen in ökonomischer, betriebsklimatischer und struktureller Hinsicht von einem ausgeglichenem Geschlechterverhältnis profitiert.

Aber genauso wehre ich mich gegen diese bescheuerten Vorurteile gegenüber Frauen in der Berufswelt, die einfach nicht tot zu kriegen sind. Frau zu sein ist keine Charaktereigenschaft.

Ich würde mich daher freuen, wenn diese dilettantische Pseudopsychologisierung von männlicher und weiblicher Arbeitsweise endlich aufhören würde. Unvermögen ist genauso wie Können geschlechtneutral.

11 Kommentare, twittern, sharen, plussen

  1. Oh, habe ich hier noch nie kommentiert, obwohl ich schon so lange lese???
    Du schreibst „Unvermögen ist genauso wie Können geschlechtneutral“ – das kann ich bejahen. Leider hatte ich in meinem Arbeitsleben bis 2004 nie eine Vorgesetzte, Chefin oder Leiterin – aber viele unfähige Vorgesetzte, aber zum Glück auch einige andere.
    Einen lieben Gruß schickt Clara

  2. „Frau zu sein ist keine Charaktereigenschaft. … Unvermögen ist genauso wie Können geschlechtneutral.“

    Das sehe ich ganz genauso!

  3. Als Mann kann ich nur zustimmen: Ich arbeite genau _wegen_ der genannten Eigenschaften lieber mit Frauen zusammen. So … schwierig … manche privat sein können wenn sie wollen, so gradeaus sind sie sonst – Du weisst bei ihnen an sich immer was Sache ist. Eine der besten davon war meine frühere Chefin.

  4. Volle Zustimmung! Allerdings ist es auch grässlich, wenn die pauschale Behauptung kommt, Frauen brächten den menschlichen, sozialen Faktor in die Führungsetagen. Das impliziert, Männer seien auf keinen Fall menschlich und sozial und hätten daran auch kein Interesse, Frauen hingegen zwangsläufig. Unvermögen ist in der Tat geschlechtsneutral.

  5. Das empfinde ich auch so. Hinzuzufügen: Frauen wird Durchsetzungsfähigkeit noch viel eher übel genommen. Hier kollidieren dann zwei Ideale, das der Weiblichkeit und das des Chefs.

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