Liebe Boulevard- und People-Magazine, liebe „Stars“, wir müssen sprechen.

Wir haben uns getrennt. Es war eine lange und schleichende Trennung. Vergleichbar mit der eines alten Ehepaares, das sich eigentlich nie wirklich gemocht hat, aber aus Ermangelung anderer Optionen und einer mittelmäßigen Faszination füreinander so lange zusammen blieb, bis die Kinder aus dem Haus waren.

In den letzten Jahren hat sich viel verändert. Es kam dieses Ding namens Internet und auf einmal gab es Optionen.

Anstatt im Wartezimmer auf abgegriffelte Magazine zurückgreifen zu müssen, hole ich nun mein Smartphone mit dem leicht verschmierten Display raus und lese Dinge, die mich wirklich interessieren. Über die Jahre habe ich mir eine Filterbubble gebaut und sie wurde zu einer großen, bunt schillernden Blase, die ich hege und pflege.

Die mittelmäßige Faszination, die ich für den Klatsch und Tratsch aus der Welt der Stars und Sternchen hegte, ist verflogen.

Ich könnte es dabei belassen und wir trennen uns still und leise aber leider gibt es ein Machtunverhältnis. Denn ihr besteht auf so unangenehme Art und Weise auf Eure Deutungshoheit, dass es mich wütend macht.

Vor einiger Zeit fing ich an, auf Facebook ein paar interessanten Seiten zu folgen wie Curves Ahead, Plus Model Magazine (Plus Model Magazine Website), The Militant Baker (The Militant Baker Blog) und Curvy Girl Lingerie (Curvy Girl Website).

Auf einmal befinden sich Frauen verschiedenster Figurformen in meiner Timeline und ich genieße es. Endlich ist Mode wieder spannend für mich, endlich sehe ich ein deutlich vielfältigeres und spannenderes Bild von Frauen und endlich denke ich mir: wenn das Fettpolster auf dem Foto so gut aussieht, kann es bei mir nicht komplett desaströs sein.

Und weil Ihr People- und Modemagazine und ihr „Stars“ so große Schisser seid, die nichts mehr verängstigt, als Veränderung, musste wieder jemand anders vorangehen.

Zum Beispiel Christal Bougon. Die Inhaberin des Unterwäschegeschäfts Curvy Girl zeigt – inspiriert von einer Kundin – auf Ihrer Facebookseite Fotos von „normalen“ Frauen in Lingerie.

Ungeachtet der vielen kleinen Veränderungen und dem Wunsch Eurer Leser nach weniger Photoshop zieht Ihr Euren langweiligen Stiefel durch und fragt weibliche Stars, wie sie nach der Geburt ihres Kindes wieder abgenommen haben. Anstatt die Antwort zu verweigern oder zumindest nachzufragen, ob beim Fragesteller eine ernsthafte Störung vorliegt, antwortet Ihr „Stars“ auch noch: „Die Gene, gesundes Essen, das Stillen, die Bewegung mit Kleinkindern, Yoga und Pilates.“

Seid Ihr Euch nicht zu doof, so eine deratige dumme Scheiße ernsthaft von Euch zu geben? Wenigstens Ehrlichkeit wäre schön: „Wissen Sie, ich esse kaum was, treibe wie blöd Sport und es macht mir nicht allzu viel Spaß aber leider gehört ein perfekter Körper zum Job. Ich wünschte, das würde sich ändern und es reichte aus, dass ich eine gute Schauspielerin/Entertainerin/Musikerin/Künstlerin/Desingerin bin.“

Es gibt ein paar Ausnahmen wie Jennifer Lawrence, aber die sind rar.

Während Ihr People-Magazine und „Stars“ einen narzistischen Reigen tanzt und dem Publikum mit strahlend weißem Lächeln und Hungermundgeruch zuwinkt, müssen wir auslöffeln, was ihr mit der ständigen Postulierung der Machbarkeit einer einheitlichen weiblichen Perfektion im Sinne der Kosmetik-, Fitness- und Modeindustrie eingebrockt habt.

Denn nachdem viele Frauen ihre authentischen Fotos in Lingerie bei Facebook hochluden, meldete sich Maria Kang auf Facebook zu Wort (fette Schrift von ihr):

„I am motivated by constant body (fat) acceptance campaigns strewn all over the internet followed by comments with the context of ‚you go girl!‘ and ‚more power to you!‘ The popular and unrelenting support received to those who are borderline obese (not just 30-40lbs overweight) frustrates me as a fitness advocate who intimately understands how poor health negatively effects a family, a community and a nation.“

Maria Kang ist Fitness-Irgendwas und wurde dadurch bekannt, dass sie sich mit ihrem wunderbar trainierten Körper und ihren drei Söhnen fotografieren ließ und über das Bild die Frage setzte „What’s your excuse?“.

Nun gehöre ich nicht zu den Menschen, die auf Leute zugehen und sie fragen, was ihre Ausrede dafür ist, Dinge die ich mag, nicht auch zu tun. Maria Kang mag also offensichtlich keine Menschen, die nicht in ihr Fitness-Weltbild gehören und hat keine Angst (immerhin), dies auch laut zu verkünden.

Maria Kang wurde kurzfristig von Facebook verbannt, es folgten weitere Blogposts und die Sache wurde dann auch von den klassischen Medien aufgegriffen.

Je mehr ich lese, sehe und – trotz der vielen positiven Wortmeldungen – feststelle, wie viel Ekel und Hass normalen, schnöden und unperfekten Körpern entgegengebracht wird, desto wütender werde ich.

Und wisst Ihr was, liebe Boulevard- und People-Magazine, liebe „Stars“, ich mache Euch zum Teil dafür verantwortlich.

Ihr seid es, die der Maschinerie des Körperhasses Feuer gibt. Mit ständigen Berichten über neue Hollywood-Diäten, mit der Beklatschung abstrusester Fitness-Ideen, mit gehässigen Bildkommentaren über die Körper und Cellulite von Stars und mit der Reduzierung der Stars auf ihren Körper bei gleichzeitiger Idolisierung.

Und Ihr „Stars“ wehrt Euch nicht. Wie Lämmer auf der Schlachtbank seht Ihr zu, wie Eure künstlerische Leistung von einer bestimmten körperlichen Leistung – fit, schlank und jung – verdrängt wird. Ihr wollt Idole sein, Menschen zu denen man aufschaut? Ihr seid nichts anderes als Marionetten, die sich in vorauseilendem Gehorsam den Körperdogmen des öffentliches Lebens unterwerfen.

Anpassung und Konformismus mögen Teil des Lebens sein aber große, schillernde Leistungen haben sie nie hervorgebracht.

Mein Trost ist, liebe Boulevard-Magazine, dass Eure Auflagen immer weiter sinken. Ihr habt es nicht anders verdient.

Ich hoffe, dass Eure bisherigen Leser immer mehr ins Internet abwandern und Ihr in die Bedeutungslosigkeit abgleitet. Womöglich ist das, was danach kommt nicht besser, aber trotzdem werde ich in meiner Lieblingsbar ein Glas Champagner auf Euren Untergang trinken. Gekleidet in ein enges schwarzes Kleid, in dem mein großer Arsch ganz besonders gut zur Geltung kommt.

25 Kommentare, twittern, sharen, 4 Plusones

  1. Ich fühle mich nach dem Lesen Deiner Artikel immer ein bißchen so als wollte ich die Arme dramatisch in die Luft werfen und rufen: „AMEN! SO IST ES!“
    Aber das passt ja nicht zu meiner unemotionalen Art.

  2. Danke. Ganz großartiger Text, der genau das Unbehagen in Worte fasst, das ich zuletzt spürte, als auf SpOn ein Lagerfeld Blödsinn blökte und die dummen, bösen Menschen ihm in den Kommentaren mit „Aber er hat doch recht!“ sekundierten.

  3. Ich stimme dem ganzen hier zu und dennoch es ist so schwer ein „normales“ Model zu finden. Seit kurzem habe ich eine kleine Kollektion an Kleidung und verkaufe diese im Internet. Ich wollte immer, dass normale Frauen meine Kleider tragen, weil ich die Kleidung eben für sie herstelle. Allerdings ist es sehr schwer „normale“ Frauen zum Modeln zu bewegen. Da ist der Einfluss wohl von den Hochglanz Magazinen immer noch zu groß. Ich schätze dies als ein kleines Erfolg, dass ich im Moment ein S- (das in meine XS- Größe hineinpasst!) und ein M-Model habe. Vielleicht mit der Zeit werde ich auch eine Frau in L-Größe finden, die nicht Kamera-scheu ist.

  4. Endlich spricht es mal jemand aus. Dies betrifft aber nicht nur die Boulevard-Magazine sondern auch alle Frauenzeitschriften. Sobald das neue Jahr beginnt überschlagen sie sich mit Diäten und Fitness-Artikeln, damit Frau die Magersüchtigen-Mode tragen und den Stars nacheifern kann.
    Danke für die tollen Artikel!

  5. Und Ego Shooter machen aus Jungs Killermaschinen? Und Barbie Puppen machen Mädchen Magersüchtig? Und Fast Food Ketten machen uns alle fett?
    Und Fernsehen alle dumm? Wie überall: alles eine Frage des Rezipierens. Man sieht in diesen Zeitschriften auch oft genug (und bewusst mit viel Häme untermalt), dass die „Promis“ ohne Photoshop auch nicht anders aussehen als Lieschen Müller. Mich entspannt so eine Zeitung in der Badewanne ungemein!!

  6. Ich hab zwar (leider) keinen großen Arsch, stoße aber gerne mit an!
    Nicht auszudenken, was passieren würde, wenn wir Frauen von heute auf morgen unser Geld und unsere Zeit nicht mehr dafür investieren würden, diesen mit allen Mitteln optimierten Fassaden wenigstens ein bisschen mehr zu ähneln. Ein riesiger Wirtschaftszweig würde überflüssig werden!

  7. Hm, ich sehe das zwiegespalten. Gerade weil die Illustrierten sich in einer Krise befinden, veröffentlichen sie das, was sich die Leserschaft zu wünschen scheint. Mittlerweile habe ich sehr häufig von Menschen aus der Branche gehört, dass sich leider Bilder extrem schlanker Berühmtheiten und Diätartikel am Besten verkaufen. Am Beispiel von Maria Kang hat man auch leider wieder sehr gut gesehen, dass der extreme Hass und die Verachtung übergewichtiger (bzw. teils schon normalgewichtiger) Menschen ein Massenphänomen ist. man sieht es auch immer wieder in den Kommentarsektionen großer Tageszeitungen. Ein ähnliches Beispiel ist die Entwicklung von Pinterest (bzw. 4chan für Frauen wie böse Stimmen meinen): thematisch haben sich dort 1:1 von ganz allein Frauenmagazin-Themen durchgesetzt: Makeup, Mode und Kuchenrezepte neben Thinspiration und Fitness-Ideologie (wobei die Fitästhetik hier zumeist auch nur die Verherrlichung extrem dünner Körper ist). Selbstkasteiung geht auch ohne eine Redaktion.

    Ähnlich schwierig ist das Thema von Essstörungen unter Prominenten. Wenn, dann ist es Prominenten nur erlaubt von vergangenen Störungen zu sprechen und sie damit in eine Narration des Erfolgs zu übersetzen. Jemand wie Amy Winehouse, die offen von ihrer Bulimie gesprochen hat, wird jedoch nur für dieses persönliche Versagen geächtet und verlacht. Der öffentliche Umgang mit psychischen Störungen (wobei ich persönlich Essstörungen eher den Suchtstörungen zuordnen würde) ist derart wiederwärtig, dass ich es für falsch halte, Individuen eine öffentliche Rechenschaftspflicht aufzudrängen.
    Ganz abgesehen davon hat die ständige Unterstellung von Essstörungen eine genauso ekeligen Beigeschmack wie der Fressvorwurf bei Übergewichtigen. Es ist durchaus möglich, dass ein großer Teil der Menschen im Showbusiness zu dem geringen Prozentsatz natürlicherweise schlanker Menschen gehört, weil sie in dieser Branche schlicht und ergreifend einen Selektionsvorteil genießen. Abgesehen von den Extrema der Gewichtsverteilung, wäre allen geholfen, wenn Laien aufhören würde Körpergewicht als Gesundheitsindikator zu betrachen.

    Zudem wollen leider viele lesen, dass Schlanksein für alle einfach erreichbar ist. Die Zeitschriften bedienen damit einen existenten Eskapismuswunsch. Ich persönlich liebe es, selbstgeschriebene Geschichten (Fanfiktion) von Fans zu Serien, die ich mag, zu lesen aber dort ist es ein mehr als lästiges Klischee, dass der Hauptcharakter, oft das ideal-Selbst des Autors, als „anorektisch schlanker Vielfraß“ beschrieben wird. So eine Figur gibt es auch häufig in der Bestseller-Literatur (z.B. The girl with the dragon tattoo).

    Aus der persönlichen Erfahrung habe ich ganz enorm davon profitiert, selbst bewusster und kritischer Bilder und Artikel zu konsumieren. Gerade im Internet macht sich jeder seine eigene Filterblase.

    Das people-Magazine aber per se Müll sind – dem stimme ich uneingeschränbkt zu! :D

  8. ich gestehe, ich habe den artikel nur gelesen, weil ich mich langsam wirklich über dieses „wir müssen mal reden“ anfange zu ärgern. ds ist der ton, den die frau/freundin anschlägt, wenn sie ihren unmut in eine belehrung münden lassen will und ich denke mal, daß eine solche „adresse“ beim anderen den reflex auslöst, auf durchzug zu schalten. ich hoffe, diese mode des „wir müssen mal reden“ löst sich bald in luft aus.

    dann stelle ich natürlich fest, daß ich als mann hier wahrscheinlich vollkommen fehl am platz bin, wenn frauen darüber klagen, daß irgendeine norm existierte, die sie dazu zwingt, eine bestimmte art von figur anzustreben. sorry, ich mag da ein bißchen ignorant sein, aber – ehrlich: man ist doch nicht „gezwungen“. weder dazu, die brigitte zu lesen (oder was auch immer) geschweige denn, denen dir doktrin abzukaufen. wenn 16jährige mädchen, die noch nicht verstanden haben, daß es weniger darum geht, sich „anzudienen“ als sich zu entfalten und man selbst zu werden, sich darüber beklagen, d’accord, aber wenn ich mich hier so umgucke: erwachsene, selbstbewusste, kluge frauen. woher dann bitte schön dieses sich unterwerfen unter modediktate. das passt so gar nicht.

    zudem, das hast du ja schön gesagt, sind wir doch heute nicht mehr gezwungen, irgendwas zu kaufen, nur weil es in einer „frauen“-zeitschrift (hüstel) steht. oder weil es bei c&a (sorry, ich kenne mich da nicht so aus) hrumhängt: wir haben das internet. wir haben entschlussfreudige frauen, die ihre mode selbst machen und sie im internet anbieten.

    seid mir nicht böse, aber das klingt alles so nach „wie schön könnte die welt sein, wenn DIE nur …“ statt nach „die welt wird schön sein, weil WIR …“.

    und, last but not least: wer einen anderen danach beurteilt, welches körpergewicht er hat, ist per se kein partner sondern ein volliditiot und sollte damit von der „zuchtauslese“ per se ausgeschlossen werden von starken frauen, wobei ich aus meiner unerheblihen perspektive als mann nur berichten kann, daß männer da schon ziemlich ignorant sein können und gar nicht bemerken, wie toll die neuen schuhe sind – und dabei hat die frau sich so eine mühe gemacht. da steckt, denke ich, eine menge projektion mit drin.

    just my 2 unerhebliche cents, weil ich mich so über den titel geärgert habe. ;-)

  9. Pingback: Zitat des Tages | Lumières dans la nuit

  10. Großartiger Artikel, vor allem weil es um ein Thema geht was mir sehr am Herzen liegt. Die Frage, ob Modemagazine und Zeitschriften nur das veröffentlichen, was die Leserschaft will nimmt ihnen die Verantwortung und lädt sie auf den Lesern ab. Doch Medien reagieren nicht nur auf eine (vermeintliche) Informationsnachfrage, sondern sie kreieren sie auch und dazu gehört auch das verschobene, gephotoshoppte Bild eines „perfekten Frauenkörpers“.

    Das ist ja auch gar nichts neues. Jahrhundertelang wurden Frauen in ein Korsett gesteckt. Es gab Zeiten da war es einfach normal, dass Frauen keine Hosen trugen und Männer Kleider. Wer sich die Medien des Mittelalters mal anschaut, der erkennt schnell welche Attribute welchem Geschlecht zugeteilt wurden. Die Macht der Medien wird oft unterschätzt, aber es funktioniert. Je öfter etwas wiederholt wird, desto wahrer wird es.

    Dennoch sind die Medien nicht an allem Schuld. Gerade mit Bezug auf Essstörungen… also wirkliche, lebensbeeinträchtigende Essstörungen entstehen nicht durch Medien, sondern durch eine ganze Reihe gesellschaftlicher und sozialer Probleme die, um es noch etwas komplizierter zu machen, sehr individuell sind. Das darf man nicht in einen Topf werfen.

    Was die Medien aber können, ist dieses latente Unwohlsein zu schüren, indem wir ständig und überall von vermeintlich perfekten Körpern umgeben sind. Natürlich wissen wir, dass selbst die „in echt“ nicht so aussehen und trotzdem.. Ich kenne kaum einen Menschen, der sich in seinem Körper wirklich wohl fühlt. Männer scheinen das etwas besser wegzustecken, aber vielleicht ist das auch nur meine Wahrnehmung.

    Es wichtig und richtig, dass mehr Realismus in die Medien kommt und dafür bin ich dem Internet sehr dankbar. Um wieder auf meinen Anfangspunkt zurückzukehren: die Leute fragen nicht nur nach dünnen Körpern, sonst hätten die Facebook Seiten, die du in diesem Artikel erwähnt hast nicht so viele Fans. Also Danke nochmal für diesen wunderbaren Artikel, mit dieser wunderbaren Überschrift. Denn wir müssen nach wie vor reden, auch wenn es vielen aus den Ohren raushängt.

  11. Im Grunde kann ich Hardys Standpunkt nachvollziehen. Auch mich interessiert schon längst nicht mehr, was ein Herr Lagerfeld denkt, was in Celebrity-Magazinen steht, welcher „Star“ wie viel abgenommen oder zugenommen hat, mit welcher von der Brigitte vorgeschlagenen Diät man wie schnell wie viel abnehmen können soll. Allerdings möchte ich zu bedenken geben, dass eine Menge Gelassenheit und Selbstbewusstsein dazu gehört, sich all diese dauernd präsentierten Normen egal sein zu lassen. Ganz simpel ist das nicht.

    Natürlich wird niemand gezwungen. Allerdings ist die vorherrschende Norm für Frauen nach wie vor, dass sie gefallen sollen (was auch immer gerade das Maß dafür ist, was gefällt und was nicht). Wir sind dauernd befasst mit den Erwartungen, die andere von außen an uns herantragen und glauben, unsere Welt geht unter, wenn wir diese Erwartungen nicht erfüllen. Schönheit, also das reine, passive Ansprechend-Aussehen ist in der gesellschaftlichen Wahrnehmung sehr eng mit dem Frausein verknüpft. Dafür heimst Frau ein Lob ein, obwohl selten eine Leistung zugrundeliegt. Für viele Menschen scheint die Schönheit nach wie vor die wichtigste Eigenschaft von Frauen zu sein. Der Satz „Du siehst heute gut aus!“ macht die meisten Frauen gleich einen halben Meter größer. Natürlich spricht nichts dagegen, sich über ein Kompliment über Äußerlichkeiten zu freuen. Aber inzwischen geht es längst nicht mehr um einzelne Komplimente, es geht um eine vollständige Normierung dessen, was als schön zu gelten hat, und da schließe ich mich Hardy an, dem sollten wir uns als erwachsene, mündige Frauen nicht unterwerfen. Riskieren wir es vermehrt, nicht zu gefallen und leben wir mit den Konsequenzen.

    Da ist aber natürlich auch noch das große „Ja, aber…!“ Denn natürlich stößt eine Frau auf Hindernisse im Alltag, die ihr das Ignorieren von Körpernormen schwer machen. Mich persönlich stört es nicht, dass im Laden meine Kleidergröße vorwiegend unter L oder XL rangiert, wenn ausreichend Auswahl für mich vorhanden ist. Aber um es zu verdeutlichen, wie schwierig das sein kann, wenn man auch nur partiell außerhalb der Norm liegt: Ich habe extrem lange Beine. Hosen zu finden war und ist für mich eine pikante Angelegenheit, die ich nur erträglich machen konnte, indem ich auf ersteigerte Second-Hand-Kleidungsstücke oder hier und da mal einen Ausverkauf zurückgriff. Denn für die, die aus der Norm fallen, gibt es durchaus Kleidung, allerdings kostet die gelinde gesagt ein Schweinegeld, und nicht jede ist in der Lage, sich selbst etwas zu nähen, was natürlich ein Idealfall wäre. Die Preise orientieren sich am Verzweiflungsgrad der Kundinnen, also ist es, wenn man keine Alternativen wie die oben genannte findet, eine Frage des Portemonnaies, ob man sich als „abweichender“ Mensch auch ansprechend kleiden kann. Da spielt es dann schon eine Rolle, was bei C&A auf der Stange hängt. High Fashion hingegen kann man sich in der Tat egal sein lassen. Als wohltuend empfinde ich es allerdings, im Ausverkauf durch die Läden zu gucken. Nicht in Kaufabsicht, sondern zur moralischen Erbauung. Denn was dann noch an den Kleiderständern hängt – die Restposten, das Unpassende, Übriggebliebene – sind die Kleider in den peinlichen Winzgrößen, 34, 36, XS. Es ist tröstlich, dann den Rückschluss zu ziehen und festzustellen, dass die meisten Frauen eben nicht in diese Winzgrößen passen, sondern in ganz normale 40, 42. Die sind im Ausverkauf nirgends mehr zu kriegen. Diese Erkenntnis relativiert so einiges.

    Wie tief das Diktat des Schlankseins verwurzelt ist, erlebte ich neulich mal wieder, als ich mit einer Mitschülerin aus meinem Niederländischkurs gemeinsam heimfuhr. Meine Hosenbodenschätzung ordnet sie bei Konfektionsgröße 38, maximal 40 ein, dennoch sagte sie zu mir, sie müsse auf ihre Figur achten und hätte schon so einigen Speck am Bauch (von dem ich ehrlich gesagt nichts sah). Sie kam mir bis dahin immer recht entspannt vor, aber anscheinend war sie es nicht. Dieses Verhalten hatte nichts mit fishing for compliments zu tun. Ich sagte ihr, dass ich nicht der Auffassung sei, sie müsse abnehmen, aber wie schwer fiel es ihr, diese Aussage für bare Münze zu nehmen… Und in demselben Kurs haben wir auch schon mehrfach miteinander gegessen, aber bei fast allen anwesenden Frauen nehme ich ein sehr gespaltenes Verhältnis zum Essen wahr, dass sich dann in Halbsätzen wie „Oh Gott, ich darf nicht…!“ äußert.

    Was dagegen tun? Auch hier bin ich mit Hardy einer Meinung: „Die Welt wird schön sein, weil wir…“ ist ein Anfang. Ganz gleich, ob man sich jetzt die Filterbubble schafft, in der man für sich erkennt, ein Frauenkörper ist mehr und kann auch mehr sein als bloß die Hungerhaken-Nummer, sei es, dass man sich antrainiert, Frauenzeitschriften und den ganzen Schönheitsrummel, der auch im Netz herumgeistert, bewusst zu boykottieren oder gar durch den Kakao zu ziehen. Sei es, dass man sich seine Kleider selbst näht. Sei es, dass man durch Diskussionen, Debatten, Gespräche eine ermutigend andere Realität schafft. Zum Beispiel, in dem man in Gesprächen, die sich um Körperfülle und Abnehmpläne drehen, nicht seufzend sagt: „Ach, das Problem habe ich auch!“, sondern die andere ermutigt und auch die eigene Zufriedenheit mit dem Körper deutlich kundtut.

    Mir persönlich hat übrigens ein Blick auf das Nu Project noch einmal einen Perspektivwechsel eingebracht, ich kann es nur wärmstens empfehlen.

  12. Wie recht Du hast! Diese ganze Darstellung in Print und Werbung ist sowas von realitätsfremd.
    Besonders schön fand ich Deinen Absatz der Nach-Baby-Diäten. Ich hatte damals zeitgleich zu Heidi Klum mein zweites Baby bekommen. Während sie sich strahlend auf den Lauftstegen dieser Welt präsentierte, vergriff ich mich noch immer am Kleiderschrank meines Mannes.
    Inzwischen fällt es mir leichter zu aktzeptieren, dass ich nicht mehr 25 bin, dass mein Körper schon so einiges geleistet hat und dass ein geliebter Körper einfach ein besserer Körper ist.
    Viele Grüße, einen schönen 2. Advent, Dörthe

  13. Pingback: Protokoll vom 07. Dezember 2013 « trackback.fritz.de

  14. @sturmfrau

    oh, ich dachte schon, ich werde hier für meine defätistisch ignoranten bemerkungen ans scheunentor genagelt ;-)

    was soll ich sagen: ich schätze mein mir ange/vertrautes weib doch nicht dafür, daß sie heute toll aussieht, sondern für die arbeit, die sie täglich macht, und denke, es ist ihr wichtiger, ich höre ihr zu, wenn sie davon erzählt als daß ich ihr ein kompliment für ihr aussehen mache.

    wie gesagt, ich denke, männer sind noch viel ignoranter (in diesen dingen) als das frau so in sie projeziert und diese unsicherheit hat (für mich jedenfalls) mehr mit dem blöden scherz zu tun, daß frauen, wenn sie eine lokalität betreten, zuerst einmal die anwesenden frauen „checken“ und dann erst gucken, was so an männern da ist, also der konkurrenz von frauen untereinander. frauen machen sich also nicht schön, um männer zu beindrucken, sondern eher, um dem vergleich standzuhalten.

    aber, wie gesagt, ich bin ein mann und kann da nur mutmaßen ;-)

  15. @Hardy:

    Natürlich spielt Aussehen auch eine Rolle im Zusammenleben von Menschen, und ich finde das auch nicht weiter schlimm. Mein Gemahl sagt mir auch, dass er mich schön findet. Die Kunst ist sicherlich, ihm das zu glauben und nicht reflexartig anzufangen, kleine und große Makel zu suchen und Sätze von sich zu geben wie „Meinst Du nicht, mein Hintern ist zu dick?“ oder „Aber ich hab‘ doch diesen Rettungsring am Bauch!“ Denn dann fängt man an, sich auf die Ideale zu beziehen, die Journelle zu Recht kritisiert, und sich daran zu messen. Wenn ich dann über meine eigenen Schönheitsmaßstäbe nachdenke bezüglich dessen, was ich an anderen schön finde, dann fallen mir viele Menschen ein (aus dem Bekannten- und Freundeskreis, aus dem öffentlichen Leben usw.), die ich wunderschön finde, die es aber nach gängigen Maßstäben ohne Retusche auf kein Titelblatt schaffen würden. Dieses Verständnis von Schönheit, das nicht trotz, sondern wegen mancher Makel besteht und die gesamte Person umfasst, finde ich nicht weiter tragisch.

    Stimmt, die Person zu sehen mit allem, was sie ist und macht, ist viel wichtiger. Das schließt das Aussehen mit ein, die Leistungen, aber auch einfach das Sein, die Eigenheiten, den Charakter. Ich finde, diese Gesamtheit hat dann nichts mehr zu tun mit den Abziehbildchen, die uns die Medien jeden Tag vorführen (und die ich auch fürchterlich finde).

    Ich nehme an, das Problem ist nach wie vor sehr tief in der Erziehung von Mädchen verwurzelt (wie es selbstverständlich auch Probleme in der Erziehung von Jungen gibt, nebenbei erwähnt). Ihre Annahme vom Abchecken der Konkurrenz in der Bar deckt sich damit. Mädchen sollen gefallen. Ich habe mich selbst in meiner Eigenschaft als Tante schon mehrfach dabei ertappt, wie ich den Nichten über den Kopf gestreichelt und reflexhaft gesagt habe: „Du bist aber hübsch heute!“ Daran ist an sich noch nichts Schlimmes, schlimm ist die Ausschließlichkeit, denn zu meinen beiden Neffen sage ich das nicht, obwohl sie beide sehr hübsche Jungen sind. Das Prinzip lautet: Nur die Schönste wird auserwählt. Ich besitze einen hinreißenden Schönheitsratgeber aus den 50er-Jahren, in dem der Fokus eindeutig darauf liegt, wie die Frau es bewirken kann, stets so „elastisch“, „frisch“, „gepflegt“, „charmant“ und „schön“ zu sein, dass sie „vom Fleck weg geheiratet wird“. Nun, wenn man darauf angewiesen ist, geheiratet zu werden anstatt zu heiraten (oder sogar nichts dergleichen zu tun), dann werden die geforderten Eigenschaften zu Konkurrenzmerkmalen, gerade wie im Supermarkt, in dessen Regalen tausend verschiedene Erfrischungsgetränke nebeneinander stehen. Klar, wir leben nicht mehr in den 50ern, aber da kommt man dann wieder zurück auf Journelles Kritik: Ein Blick in Magazine, aber auch in Spielfilme beispielsweise genügt, um diesen Fokus auf das Gefallen-Sollen des Weiblichen zu verdeutlichen. Wie im Märchen sind die Frauen in den uns servierten Geschichten noch immer in erster Linie „wunderschön“. Achten Sie mal drauf beim nächsten Blockbuster. Irgendwann kommt der Auftritt, sie im Abendkleid, er mit offenstehendem Mund – Stereotyp bestätigt. „Du siehst toll aus!“

    Das Problem ist omnipräsent, aber ich bin auch der Auffassung, dass nur wir selbst es ändern können. Ich werde sicher meinen Mann nicht verlassen, weil er mich schön findet. Das ist schon okay. ;-) Aber ich finde, es ist schon viel erreicht, wenn man merkt, dass einem die Medien mit ihren Idealbildern nichts mehr bedeuten. Mir persönlich hat es viel gebracht, keine Frauenzeitschriften mehr zu kaufen (die ohnehin nur Flächen für product placement sind), kein Privatfernsehen mehr zu schauen und mir die Nummer auf dem Label in meiner Kleidung egal sein zu lassen – wenn sie passt, dann sehe ich darin auch gut aus. Und das ist dann ein Aspekt meines Seins, aber nicht der einzige.

  16. Pingback: Fundstücke (8) | Viertelstunde

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