Web-Einhörner, Freiheit und mein Freund der Baum

Meine Jugend war geprägt von einem aufkommenden Umweltbewusstsein. Ich wurde Mitglied bei Greenpeace, klebte einen Cree-Weissagungs-Aufkleber „Erst wenn der letzte Baum gerodet ….“ auf meine Schreibtischplatte, kaufte nur noch FCKW-freies Pumpspray, hatte wegen Tschernobyl Albträume, diskutierte mit meiner Großmutter über verschmutzes Wasser und Waldsterben und flog natürlich weiterhin mit dem Flugzeug. Trotz der Inkonsistenz allen menschlichen Handelns wurde Umweltschutz ein Thema der gesellschaftlichen Mitte.

Ein Thema, dem zwar immernoch nicht genug Aufmerksamkeit und vor allem Handlung geschenkt wird, das aber immerhin einen festen Platz in der Gesellschaft hat. Wir trennen Müll, es gibt immer mehr Technologien, die Schadstoffe und Abgase reduzieren oder eleminieren, es wird Wasser und Strom gespart, an erneuerbaren Energien gearbeitet und ab und zu treffen sich wichtige Leute, um die Zukunft des Planeten zu besprechen, aber nicht wirklich etwas zu beschließen. Und auch wenn die Ergebnisse noch lange nicht zufriedenstellend sind, so hat in den letzten 30 Jahren einiges getan.

Aktuell bekomme ich Albträume, wenn ich daran denke, in welchem Ausmaß ich bewacht werde(n könnte). Man muss dabei nicht einmal online sein, um stets beobachtet und ausgespäht werden zu können.

Aller Wahrscheinlichkeit nach bin ich nicht im Visier der NSA oder anderer geheim operierender Organsiationen. Aber mal angenommen, ein deutschsprechender Mitarbeiter der NSA hat einfach mal Lust, in das Leben einer Hamburger Mutti reinzuschauen, nichts könnte ihn davon abhalten.

Die Vorstellung, dass jemand vor meinem Haus steht, mich und meine Familie beobachtet, in meine Wohnung eindringt, meine Unterwäsche durchsucht, auf meiner Seite des Bettes ein Mittagsschläfchen hält oder von meinem Tellerchen isst, würde mich beklemmen und anwidern. Mein eigenes Zuhause käme mir bedrohlich vor. Ich hätte weniger Angst, dass jemand irgendwelche Geheimnisse oder Leichen bei mir findet, vielmehr sehe ich es als mein (Menschen-)Recht an, zu entscheiden, was ich mit wem wann und in welchem Ausmaß teile.

Im Fall einer Einzelperson, die mich observiert, könnte ich allerdings die Polizei informieren und rechtsstaatliche Mittel nutzen, die die Person dann hoffentlich zukünftig davon abhalten, ohne meine persönliche Einladung an meinem Leben teilzunehmen.

Bei der allgemeinen nationalen und internationalen Überwachung geht das nicht. Man weiß ja nicht einmal wer überhaupt alles wen und warum überwacht, es gibt keine Personen, Adressen, Vorgesetzte, Gremien oder Fachleute, die man verantwortlich machen oder zumindest ansprechen kann. Wir wabern durch einen Überwachungsdickicht und hoffen, dass unsere Daten nicht irgendwann einmal auf fatale Art und Weise gegen uns verwendet werden.

Es ist also verständlich darüber wütend zu sein, unter staatlich gebilligten und sogar geförderten Generalverdacht und Bewachung zu stehen.

Was mich allerdings stört, ist nicht die Wut oder die Empörung, sondern das kompliziert geschriebene Gejammer.

Am 11.1. erklärte Sascha Lobo das Internet für kaputt und schob damit eine Fachdiskussion an. Eine Fachdiskussion, die zuweilen gut argumentiert ist, aber bei der ich mich frage, was passieren würde, wenn ich meinen Kollegen und Freunden die Texte weiterleiten würde. Sie würden genau einen Absatz lesen und mich dann fragen, ob ich nichts Besseres zu tun habe.

Der Punkt ist, ich habe nichts Besseres zu tun. Das Thema ist wichtig und betrifft alle Menschen, die an einem freiheitlichem Leben in einem Rechtsstaat interessiert sind.

Aber die digitale Elite, die Early Adopers, Digital Natives, die Fachkräfte der Medien, die Magier der Klickzahlen, vor ihnen liegt die gesamte Klaviatur der Meinungsbildung und Publizistik und was machen sie? Jammern und verklausuliert Dinge schreiben, die nur gut informierte Menschen verstehen, die aber ohnehin schon wütend und verzweifelt sind.

Ernsthaft, ein „Mein Spielzeug (Internet) ist kaputt und Mutti (die Politik) kümmert sich nicht“, ist alles was geboten wird, wenn die Freiheit auf dem Spiel steht?

Wenn ein netter Poetry Slam Clip zum Thema „Hätte, hätte, Fahrradkette“ mittlerweile von jedem Deutschen, der ein onlinefähiges Endgerät besitzt, gesehen wurde, dann wäre da wohl theoretisch auch Potential für Clips, Slams, Texte, Flashmobs, Filme zum Thema Überwachung und Einschränkung der persönlichen Freiheit.

Das System Internet, von dem wir dachten, dass es eine schöne, neue demokraktische und offene Welt ist, hat uns enttäuscht. Es hat eine Schwäche, nämlich, dass es zu einer massiven Überwachung aller Bürger beitragen kann. Es hat durch diese Erkenntnis aber auch nichts an seinen Möglichkeiten verloren. Wie so oft stellt sich die Frage, was man daraus macht.

Denn wir mögen zwar mehr denn je überwacht werden, aber Dank einiger weniger Whistleblower erfahren wir immerhin relativ schnell und flächendeckend (Minus Nordkorea) davon. Das Netz kann Meinung und Menschen mobilisieren, es kann aufklären und es kann Leuten, die für Dummheiten verantworlich sind, ganz schön auf den Sack gehen.

Die Frage ist nur, wie erreicht man die Leute, die sich im Grunde nicht dafür interessieren, die glauben, dass es egal ist, ob sie überwacht werden, weil sie ja nichts zu verbergen hätten? Die einfach zu faul sind, nicht überwacht zu werden, die nicht protestieren mögen?

Ich kenne noch Zeiten in denen Umweltschützer mit selbstgestrickten Pullovern auf finnischen Gleisbetten gegen Castrotransporte demonstrierten. Sie galten als Spinner, als Leute, die schwarzmalen, die mit ihren wirren Ideen die Gesellschaft in den Abgrund stürzen, als Menschen, die diesen komischen Biofraß und ganze Körner im Brot aßen und ihren Kindern Latzhosen anzogen.

Niemand hätte damals gedacht, dass Aldi irgendwann einmal Bioprodukte führen würde und der Zeitpunkt kommen würde, an dem alle Atomkraftwerke in Deutschland abgeschaltet sein würden. Und selbst wenn der Weg noch lange nicht zuende ist, es immer wieder frustrierend und nervig ist, mit Betonköpfen zu diskutieren, bin ich froh, dass es Menschen gab und gibt, die sich einsetzen, die Sisyphos in 3000 Akten nachspielen und versuchen, ein bisschen die Welt zu retten.

Niemand hat gesagt, die Weltrettung wäre ein Ritt auf einem Einhorn. Aber es wird sich irgendwann lohnen und wenn es erst in 30 Jahren ist. Bis dahin kann man dann wirklich zeigen, wie gut man mit dem Medium umgehen kann, indem es für (auch) für etwas einsetzt, an das man glaubt, z.B. die Freiheit.

2 Kommentare, twittern, sharen, plussen

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