Frauensmarties

Im Grunde bin ich für eine Rezeptpflicht sowohl bei der Pille als auch bei der Pille danach. Womöglich liegt das an meiner skeptischen Sicht auf Medikamente vor allem wenn sie recht heftige Nebenwirkungen und Auswirkungen haben können, wie diese beiden Hormonpräparate. Darüber hinaus halte ich es in beiden Fällen für sinnvoll zu prüfen, ob womöglich bereits eine Schwangerschaft besteht.

In einer idealen Welt sollte jedes weibliche Wesen zu jeder Zeit ohne große Probleme, ohne lange Wartezeit, ohne moralische Vorhaltungen und ohne invasive Untersuchungen auf ärztliche Dienste zurückgreifen können. Die sollten kurz per Urintest eine Schwangerschaft ausschließen, auf Wirkung, Risiken und Anwendung hinweisen und dann das Rezept ausstellen.

In der Praxis sieht das leider oft ganz anders aus. Kondome platzen nunmal meist in der Nacht am Wochenende zu Weihnachten in einer Skihütte. Und wer schon einmal mehrere Stunden in der Notaufnahme oder beim ärztlichen Notdienst verbracht hat, den zieht es dort nicht wieder hin. Möglicherweise gerät man auch in ein katholisches Krankenhaus und bekommt statt der Pille danach eine Teufelsaustreibung angeboten. Und wenn man Montag morgen einen Termin in der gynäkologischen Praxis erhalten hat oder zwischengeschoben wurde, wie erklärt man dann ggf. Eltern, Kollegen, Mitschülern usw. dass man zwei Stunden zu spät kommt?

Zu verhüten ist kostspielig, organisatorisch aufwändig, mit Nebenwirkungen behaftet und in 95% der Fälle ausschließlich in der Verantwortung der Frauen. Während Männer immer wieder jammern wie doof Kondome sind, nehmen Frauen Stimmungsschwankungen, Blutungen, Schmerzen (man stelle sich vor, ein Mann bekäme eine kleine Spirale in die Harnröhre gepflanzt) und regelmäßige Besuche beim Arzt in Kauf, um eine Schwangerschaft zu verhindern.

Insofern wäre es doch schön, wenn Rezepte unkompliziert erhältlich wären.

Aber an der Verbesserung der medizinischen Versorgung für Frauen wird nicht gearbeitet. Im Gegenteil, demnächst wird es nicht einmal mehr freie Hebammen geben.

Und an diesem Punkt werde ich wütend, sehr wütend.

Denn es treffen zwei ärgerliche Dinge aufeinander: die Vergesellschaftlichung des weiblichen Körpers bei mittelmäßiger Versorgung.

Die Tatsache, dass Frauen schwanger werden können wird ganz fulminant dafür genutzt, ihre Körper nicht als persönlichen Eigentum, sondern auch als Eigentum der Gesellschaft zu definieren.

„Sie können theoretisch eine Baby im Bauch haben? Wunderbar, das ermöglicht uns zu kontrollieren, wie sie eine Schwangerschaft verhindern, wie ihre Schwangerschaft abläuft, wie sie gebären und unter welchen Umständen sie die Schwangerschaft abbrechen dürfen.“

Es ist, als würde die Gesellschaft auf einen Betriebsratsposten in meinem Körper bestehen. Und wie so oft bei Betriebsräten hat man es mit Leuten zu tun, die keine Ahnung vom Geschäft haben.

Während also der Betriebsrat in meinem Körper sitzt und mir sagt, wie ich mit mir umzugehen habe, kann ich gleichzeitig nur auf eine medizinische Grundversorgung zurückgreifen. Aktuell bezahle ich um die 100 Euro bei jeder Vorsorgeuntersuchung, weil die Kassenleistungen beispielsweise keinen Ultraschall oder keine Mammographie enthalten.

Die Zusatzkosten für wichtige Untersuchungen in der Schwangerschaft habe ich irgendwann nicht mehr zusammen gerechnet.

Eine Hebamme – jenseits einer Grundversorgung im Krankenhaus – zu haben wird bald wahrscheinlich unmöglich und/oder unbezahlbar sein.

Im Grunde vermitteln Politiker wie Jens Spahn, Hermann Gröhe oder der Präsident der Bundesärztekammer, Frank Ulrich Montgomery vor allem folgenden Eindruck: Dein Körper gehört uns, aber er ist uns scheiß egal.

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  1. Bzgl. Hebammen: Den Ärzten ist es doch ein Dorn im Auge, dass bei der Geburt eine Hebamme MUSS ist und der Halbgott in Weiss nur KANN.
    Und die Ärztelobby hat sicherlich einen direkteren Draht ins BMG.
    Es ist echt zum Kotzen, was da gerade passiert.

  2. @Little B.: Das Rumhacken auf Ärzten löst nicht das Problem und die Ärzte sind auch nicht das Problem. In den meisten Fällen arbeiten Ärzte und Hebammen in den Krankenhäusern gut zusammen. Die Ärzte, vor allem in ländlichen Kliniken, haben mit Sicherheit kein Interesse daran, die Hebammen bei den Geburten zu verdrängen. Die sind nämlich mit ihren eigenen Aufgaben schon mehr als bedient und haben unter permanentem Personalmangel zu leiden. Die haben unter dem Wegfall der Hebammen also auch zu leiden. Auch die im Krankenhaus arbeitenden Hebammen sind von der fehlenden Haftpflichtversicherung betroffen.

  3. Pingback: Mütter, macht mobil! | Groß-Stadt-Ansichten

  4. Verhütung ist zu 95% in der Verantworung der Frauen? Dafür haben aber ziemliche viele 5% keine Kondome zu Hause oder beim ausgehen dabei. Und ziemlich viele 5% zahlen in Beziehungen nur die 50% der Pille, die andere Hälfte zahlt der Mann, verständlicherweise, immerhin hat er ja auch die Häfte des Spasses^^ Und aus meiner persönlichen Erfahrung kenn ich ziemlich viele 5% Frauen die Kondomenicht überziehen können oder wollen, ist zugegebenermaßen auch nicht leicht, ohne Training und Übung. Aber ich würde doch gerne auch mal Frauen von den 95% treffen, mit denen ich Sex haben kann, ohne mir Gedanken um Verhütung machen zu müssen.

  5. Bei der Pille danach haben Studien gezeigt, dass die Wirksamkeit ziemlich stark davon abhängt, dass sie so schnell wie möglich genommen wird. Ich finde, das ist der wichtigste Grund dafür, die Rezeptpflicht aufzuheben, denn zur Apotheke kommt man auch nachts oder am Wochenende wesentlich schneller als zum Arzt oder in ein Krankenhaus, wo man womöglich noch Stunden warten muss weil natürlich die Leute mit einem platzenden Blinddarm verständlicherweise Vorrang haben.

  6. Nachtrag: Es ist auch erwiesen, dass bei dem Wirkstoff, dessen Freigabe diskutiert wird keine Schädigungen des Embryos im Fall einer doch bereits bestehenden Schwangerschaft auftreten, insofern ist das auch kein Grund für eine Rezeptpflicht.

  7. Kann es sein, dass die Leute, die da an den entscheidenden Knöppen sitzen, Männer sind? Das Geschlecht SOLLTE keine Rolle spielen, tut es aber doch! Ich hoffe, dass die Petition für die Hebammen Erfolg haben!

  8. In einer idealen Welt sollte jedes menschliche Wesen zu jeder Zeit ohne große Probleme, ohne lange Wartezeit, ohne moralische Vorhaltungen und ohne invasive Untersuchungen auf ärztliche Dienste zurückgreifen können.

    Solchen Zugang auf ein einziges Geschlecht einzugrenzen ist auch bloß wieder der Betriebsrat, dich gibts nicht, du kannst also keine Hilfe brauchen.

  9. Pingback: Reproduktionspolitik in Deutschland – menschenverachtender geht’s kaum | Drop the thought

  10. @AlasKAgirl: ich wollte jetzt nicht das Kommentarfeld sprengen um meine Sicht genau darzustellen. und das ist nur ein kleiner Gedanke gewesen, der mir beim Lesen kam.
    Sicherlich sind viele Ärzte an einer guten Zusammenarbeit interessiert, aber wenn ich beobachte, wie sehr Schwangerschaft und Geburt pathologisiert werde, dann glaube ich schon, dass es da Interessen gibt.
    Eigentlich müssten sich auch die Ärzte (v.a. Gyn und Pädiater) gegen das Hebammensterben stark machen, denn die werden es sein, die das Ganze ausbaden müssen. Wer soll denn die ganze Nachsorge, Stillberatung etc. auffangen?

  11. Pingback: Hebammen, wichtiger als Geld! | Lavendelkinder

  12. Pingback: #70: Hebammen-Blogwoche | Bloggen. Leben. Nähen.

  13. Was die Hebammen angeht, bin ich mir ziemlich unsicher. Die Prämien steigen ja nicht so deutlich, weil jemand die Hebammen weghaben will. Sondern weil die abzudeckenden Schadensfälle mehr und teurer werden. Wenn ich das richtig verstanden habe, liegt das u. a. den Hausgeburten, die überdurchschnittlich hohe Schadensfälle verursachen, wenn es denn (was zum Glück selten eintritt) schiefgeht. Möglicherweise ist dieser Geburtsort entgegen der Werbung der Hebammen für alternative Geburtsorte doch eher riskant. Möglicherweise könnte eine Lösung so aussehen, dass die Geburtshilfe zu Hause oder in Geburtshäusern jeweils separat versichert werden muss, und dann muss das eben die Schwangere tragen. Oder sie entbindet im Krankenhaus. Möglicherweise übernehmen ja auch Versicherungen, die für sich werben wollen, dies für die bei ihnen versicherten Frauen.

  14. @Modeste, Hebammen im Krankenhaus sind ebenfalls betroffen. Und die Sicherheit der Geburtsversorgung wird sicher nicht steigen, wenn noch mehr Beleghebammen wegfallen, sprich: Eine Hebamme im Kreissaal für zig Gebärende gleichzeitig verantwortlich sein wird.

    Offenbar wollen da gewisse Herren die Geburtenrate in Deutschland aus Kostengründen weiter senken. Ob das langfristig die richtige Strategie ist?

  15. @Katharina B.: Das hat doch nichts mit planvollem Handeln zu tun, sondern mit Versicherungsmathematik.

    Ich teile aber ganz grundsätzlich diese Hebammenromantik nicht. Ich habe die Hebammen nicht als hilfreich, sondern als ziemlich übergriffige Kräuterhexen mit einer Abneigung gegen die Schulmedizin, einer Neigung zu nachgewiesen unwirksamem Hokuspokus und einem anstrengenden Stillfetisch kennengelernt. Ich hatte wegen dieser Antipathie keine Beleghebamme und fand das absolut okay.

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