Freie Meinungsäußerung im Namen der überheblichen Anmaßung

Am 2. März hielt die Schriftstellerin Sibylle Lewtscharoff in Dresden eine Rede „Von der Machbarkeit. Die wissenschaftliche Bestimmung über Geburt und Tod“. Darin spricht sie unter anderem über künstliche Befruchtung/Insaminierung:

Ich übertreibe, das ist klar, übertreibe, weil mir das gegenwärtige Fortpflanzungsgemurkse derart widerwärtig erscheint, dass ich sogar geneigt bin, Kinder, die auf solch abartigen Wegen entstanden sind, als Halbwesen anzusehen. Nicht ganz echt sind sie in meinen Augen, sondern zweifelhafte Geschöpfe, halb Mensch, halb künstliches Weißnichtwas. Das ist gewiss ungerecht, weil es den Kindern etwas anlastet, wofür sie rein gar nichts können. Aber meine Abscheu ist in solchen Fällen stärker als die Vernunft.

Nachdem – etwas zeitversetzt und anfangs auch verhalten – ihre Rede kritisiert wird, gibt sie in der FAZ ein Interview. Statt Einsicht und Entschuldigung fragt sie Darf ich nicht sagen, was ich denke?

Das Persönliche ist nicht das Gesellschaftliche

Ich habe die 12 Seiten lange Rede gelesen. Mein erster Eindruck war, dass eine traumatisierte Frau – ihr Vater hat sich erhängt, als sie 11 Jahre alt war – ihre persönliche Angst vor dem Tod und vor allem vor dem Sterben in einen öffentlichen Diskurs gebracht hat. Wahrscheinlich ist das die Herangehensweise, die ein Schriftsteller benötigt. Ängste, Facetten der Persönlichkeit, Dämone, Träume etc. so zu erweitern, dass sie gleich mehrere Charaktere befüllen können, aus denen dann ein ganzer eigener Kosmos entsteht.

Eine öffentliche Rede ist aber kein Roman. Es ist ein Unterschied wenn ich aus persönlichen Themen ein eigenes literarisches Universum baue oder wenn ich sie in einer Rede auf die Gesellschaft projeziere. Von einer Intellektuellen wie Lewtscharoff erwarte ich, dass sie diesen Unterschied kennt und danach handelt.

Ich weiß, was gut für Dich ist

Eine der wenigen Passagen, die ich im Ansatz nachvollziehen konnte, ist Sibylle Lewitscharoffs Meinung, dass das Leben und der Tod besser zu ertragen sind, wenn man sich seinem Schicksal, Gott oder Göttern hingibt:

Hat das Schicksal, hat der Zufall, hat Gott oder haben die Götter es nun mal so gewollt, wie es gekommen ist, ist von den Schultern eines einzelnen Menschen etwas von seiner Last genommen. Wurde Höhererseits entschieden, dass ein Kind krank geboren wird, hat eine Frau das Pech, von einem Mann ein Kind zu bekommen, der sich der Verantwortung entzieht, so mag das eine schwere Bürde sein. Aber die Annahme, es geschehe durch höhere Gewalt und nicht vermittels eigener Entscheidung, ist ungleich bekömmlicher für das Leben, das wir alle führen müssen, in dem sich Glück und Unglück, Gelingen und Misslingen als undurchschaubare Wechselbälger zeigen. Heiteres Gewährenlassen und nicht über alles, wirklich alles bestimmen zu wollen, ist geradezu der Garant für ein in Maßen gelingendes Leben.

Mit dieser Vorstellung wird die Verantwortung für das Leben an eine höhere Gewalt abgegeben. Sibylle Lewitscharoff ist der Meinung, dass dies bekömmlicher für das Leben sei.

Ich hingegen glaube, dass ich Dinge hinnehmen muss aber warum sollte ich nicht an den Stellen selbst intervenieren, die ich – Dank medizinischer Machinationen – nutzen kann? Mein Leben fühlt sich dadurch nicht weniger bekömmlich an.

Wie so oft gibt es hier einfach verschiedene Betrachtungsansätze. Leider wird gerade im religösen Bereich nur allzu oft auf eine einzige mögliche Wahrheit gepocht. Gern mit einem Verweis auf schreckliche Katastrophen, wenn nicht nach dieser „Wahrheit“ gelebt wird.

An dieser Stelle frage ich mich immer:

a) Welche Konsequenzen? Die Auslöschung der menschlichen Rasse? Wahrscheinlich eher nicht. Aber falls doch, wäre das für mich persönlich unschön, für den Fortbestand des Universums aber völlig egal.
b) Wenn es seit ca. 200.000 Jahre Menschen gibt, wie konnten diese 197.000 Jahre ohne große monotheistische Religionen klarkommen?
c) 2009 gehörten in Deutschland noch 59,2 % der Gesamtbevölkerung einer der beiden Großkirchen an, von den restlichen 40% sind sicherlich 20% Atheisten. Ich habe nicht das Gefühl, dass wir wegen dieser Leute – zu denen ich auch zähle – auf eine gesellschaftliche Katastrophe mit Krieg, Missgunst und Boshaftigkeit zusteuern.
d) Und was ist mit der weltweiten kulturellen Vielfalt? Sind das alles abartige Menschen, weil sie sich nicht dem Lewitscharoffschen Regelkanon unterwerfen?

catastrophe

Die Frage was genau sie mit Katastrophe meint, beantwortet Sibylle Lewitscharoff im Interview mit:

Die Selbstermächtigung der Frauen. Ich finde, zu einem Kind gehört auch der Mann. Es gibt natürlich Fälle, in denen der Mann abhanden kommt, durch Krieg oder zerstörte Beziehungen, das ist dann etwas anderes. Aber die Fortpflanzung von vornherein so anzulegen, dass sie ganz und gar in der Hand von Frauen liegt und der Mann nur noch als Samenspender figuriert – das halte ich in der Tat für eine Katastrophe.

In Ihrer Rede führt sie das ein wenig ausführlicher aus:

Dabei ist eine Selbstermächtigung der Frauen im Spiel, die mir zutiefst suspekt ist. Im Grunde liegt solchen Machinationen die Vorstellung zugrunde, Männer seien verzichtbar, oder ihr Einfluss sei auf das Notwendigste zu reduzieren, eben auf ihren Samen. Als Väter kommen sie jedenfalls nicht in Frage. Am Schönsten wäre es für diese Frauen gewiss, man könnte den Samen selbst auch noch künstlich erzeugen und mit einem im Voraus definierbaren Bündel an erwünschten Merkmalen ausstatten, was bisher noch nicht möglich ist.

Für mich ist das der Kern der Rede. Eine tief liegende Misogynie und Angst vor Frauen. Frauen, so glaube sie, haben nichts anderes im Sinn, als die frisch erlangte Freiheit für die Auslöschung der männlichen Spezies zu nutzen. Wenn dieses Menschenbild das Ergebnis ihrer bekömmlichen Gottes- oder Schicksalsgläubigkeit ist, dann scheint es nicht so gut zu funktionieren, wie sie einem glauben machen will.

Im Grunde sagt sie nichts anderes als: Alles was das klassische Rollenbild gefährden könnte – selbstbestimmte Frauen, Homosexuelle mit Kinderwunsch, Patchworkfamilien, alternative Lebensentwürfe – muss verhindert werden. Nur das klassische Rollenbild mit Unterdrückung aller anderen Alternativen erhält die Welt.

Böse

In meinem Leben habe ich einige klärende Gespräche geführt, weil ich Dinge gesagt habe, die andere gekränkt haben. Womöglich hatte ich es so nicht gemeint, oder ich hatte es so gemeint aber nicht bedacht, dass meine Aussagen jemanden kränken könnten, manchmal war ich auch einfach nur scheiße. Die Schwellen der Kränkung sind sehr individuell. In den meisten Fällen, die mir bekannt wurden, habe ich etwas ganz Verwegenes gemacht: ich habe mich entschuldigt.

Entschuldigungen sind eine feine Sache. Sie bereinigen das menschliche Miteinander, sie erlauben im besten Fall wieder frisch von vorn beginnen zu können. Sie schaffen eine Harmonie. Ein Zustand der sicherlich dabei helfen kann, gesellschaftliche Katastrophen zu verhindern. Ein Anliegen, dass auch Sibylle Lewitscharoff bekanntermaßen am Herzen liegt.

Anstatt über ihre Aussagen zu reflektieren und sich zu überlegen, welche Stellen warum für manche Menschen kränkend sind und wie sie sich demütig entschuldigt, pocht sie im anschließenden Interview auf das Recht der freien Meinungsäußerung:

Man wird doch einmal einen schwarzen Gedanken äußern dürfen, oder nicht?

Nein, wird man nicht. Oder wenn doch, dann gebiert es der Anstand, die Leute, die sich verletzt gefühlt haben, zu hören, zu versuchen zu verstehen was man falsch gemacht hat und sich ggf. zu entschuldigen.

Wenn man im Zusammenhang mit Menschen die Worte „abartig“ und „widerwärtig“ in einer öffentlichen Rede benutzt, hat man die Grenzen einer kritischen Meinungsäußerung weit überschritten. Ich würde fast behaupten Sibylle Lewitscharoff hat sich im Spektrum der Hetzerei aufgehalten.

Noch böser

Schmerz- und Empathiefrei laviert sie sich im Interview aber immer weiter in die Ecke der (unbewussten) Bosheit und erklärt ihr Verhalten, als wäre sie ein intrigante Nachbarnin:

Das stimmt. Aber ich bin nicht dafür, dass man Gedanken, die überall aufkeimen, ständig unterdrückt. Es gibt ein konkretes Beispiel in meinem entfernten Bekanntenkreis. Die Nachbarn, die Freunde, alle reden darüber, wie komisch das Kind auf die Welt kam. Machen Sie sich bitte nichts vor: Irgendwann wird es natürlich auch das Kind erfahren.

Mit diesem Hinweis auf Klatsch und Tratsch ist diese Rede nun vollends auf dem Niveau einer Daily Soap angekommen. Offenbar ist nicht nur die Zivilivation eine dünne Schicht, sondern auch die Intellektualität.

Die Kernaussage ist aber nicht nur niveaulos, sondern auch traurig. Anstatt dass Sibylle Lewitscharoff das Getratsche der Bekannten geißelt, die sich über ein Kind das Maul zerreißen, wirft sie implizit der Mutter und dem Kind ihre Existenz vor. Damit sagt sie nichts anderes als: Die Normabweichung ist das Böse, die Verachtung der Normabweiung ist freie Meinungsäußerung.

10 Kommentare, twittern, sharen, plussen

  1. ******************KOMMENTAROMAT**********************
    Hätte von mir sein können
    *****************/KOMMENTAROMAT**********************

  2. Einfach nur traurig. Ich bin bei solchen „Intellektuellen“ der Meinung, sie dürften gar nicht die öffentliche Bühne für ihre Äußerungen bekommen.
    Diesmal hatte auch Sybille Berg ein gutes Kommentar hierzu.

  3. als mutter eines sogenannten „halbwesens“ fällt es mir schwer, mich nüchtern mit der rede von frau lewitscharoff auseinanderzusetzen. danke für diesen beitrag!

  4. Jeder der erlebt hat, wie ein Mensch an Krebs verreckt (sorry, hierfür gibt es kein anderes Wort, denn es ist nicht ruhig, würdevoll oder friedlich), wie Verzweiflung eine Familie ergreift, die auf natürlichem Weg kein Kind bekommen kann & es sich doch so sehr wünscht, wird nie darauf kommen, dass das so gewollt sein kann. Egal, wie man die höhere Macht nennt. Ich würde Medizin und Forschung noch ganz andere Tore öffnen – aber auch hier scheiden sich sicher die Geister.

  5. ******************KOMMENTAROMAT**********************
    Genau!
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  6. Pingback: Menschenfeindlicher Geniekult | toscahall

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