Von guten Eltern

Als mein Sohn ein paar Monate alt war, kam meine Mutter nach Hamburg, um mir zu helfen, weil der Mann ein paar Tage geschäftlich verreist war. Sie klingelte und ich öffnete ihr verheult und völlig aufgelöst die Tür.

Ich war an dem Tag beim Arzt gewesen. Mein Sohn hatte mal wieder einen Schnupfen, der bei Babys wesentlich dramatischer wirkt, als er ist. Ich fühlte mich bei jedem Sprühstoß Nasenspray wie eine Dealermutti, die ihr Kind für immer von abschwellenden Nasenspray abhängig macht.

Der Arzt hatte meine Panik nicht gemildert, sondern noch einmal darauf hingewiesen, dass ich keinesfalls das Kind in meinem Bett schlafen lassen soll und holte eine Vielzahl von Forschungsarbeiten zum Thema plötzlicher Kindstod und Schlafsituation raus.

Das Problem war, mein Sohn weinte, wenn er krank war, viel und hörte eigentlich immer erst dann auf, wenn er nah an meinem Körper wär – auch nachts.

Um es anders auszudrücken, ich hatte die Wahl zwischen Schreien, plötzlichem Kindstod oder dem Wechsel des Arztes. Nachdem ich mich beruhigt hatte, entschied ich mich für Letzteres.

Bevor ich Kinder bekam, hatte ich – abgesehen von meinem Dasein als Au-Pair von Schulkindern – weder Erfahrung noch Interesse an Kindern. Mein beruflicher Hintergrund ist nicht pädagogischer, entwicklungspsychplogischer oder medizinischer Art. Ich bekam Kinder, weil der Mann und ich Lust auf Familie hatten.

Bereits in der Schwangerschaft kaufte ich Ratgeber und nach der Geburt kaufte ich weiter. Ich wäre bestens über Stillen, schlafen, Ernährung, Erziehung, Phasen der Entwicklung, Toilettentraining, Störungen, Abnehmen nach der Schwangerschaft und vielem mehr informiert gewesen, wenn die Bücher sich nicht gegenseitig widersprochen hätten und vor allem immer weit an meiner Lebensrealität vorbeigeschliddert wären.

Es gibt ein einziges Buch über (kleine) Kinder, das ich empfehlen kann. Kinder verstehen von Herbert Renz-Polster. Leider habe ich es erst gelesen, als ich einige Jahre später meine Tochter bekam. Was ich an dem Buch so schätze ist folgender Ansatz: weltweit gibt so viele verschiedene Konzepte von der richtigen Erziehung, vielleicht sollte man sich mal von dem optimalen Konzept verabschieden und entspannen.

Keine Ahnung ob Renz-Polster mit meiner Interpretation seines Buchs einverstanden wäre, aber mir hat es sehr geholfen: Ich entspannte.

Ein Glück, denn nur so kann ich den Kampf der Erziehungs-, Ernährungs-, und Daseinsratgeber und Meinunghaber ertragen, der sich nach wie vor immer wieder ungefragt in mein Leben spült.

Aktuell ist es ganz besonders Trend die sogenannte Helikoptereltern zu bashen. Eltern, die ihren Kindern die ganze Arbeit abnehmen, sie von der Welt abschirmen und sie so zu unfähigen, abhängigen und unglücklichen Menschen heranziehen.

Aber das sind Details, sicherlich wird in den nächsten Jahren eine andere Erziehungssau durch das Dorf getrieben.

Hintergrund für die ewigen Tiraden gegen angeblich schlechte Eltern und angeblich gestörte und unglückliche Kinder scheint mir – neben einer ökonomischen Motivation der Autoren und Verlage – der sadistisch-arrogante Wille, den Menschen wenigstens ein schlechtes Gefühl zu geben, wenn sie schon nicht die gleichen Erziehungsideale haben, die eine selbst ernannte Erziehungsfachkraft deklariert hat.

In nun sechs Jahren mit Kindern habe ich festgestellt, dass Erziehung keine klare Sache ist. Kinder sind keine Automaten, bei denen man nach dem Geldeinwurf eine Nummer wählt und ein Mars in den Schacht fällt.

Kinder machen schon ab einem sehr frühen Zeitpunkt sehr oft was sie wollen und für richtig halten. Das ist nervig, wenn man sie zum 10. Mal darum bittet, sich anzuziehen, aber sehr gut zu wissen, wenn man sich fragt, ob man an ihrer Erziehung nicht gerade scheitert. Denn auch bei einer mittelmäßigen Kindheit haben sie so aus sich heraus die Möglichkeit, ganz wunderbare Leute zu werden.

In den letzten Monaten feierten wir mehrere Kindergeburtstagspartys mit 6-10 Kindern. Dabei fiel mir immer wieder auf, wie angenehm die Freunde meiner Kinder sind: höflich, lustig, selbstständig, mit überraschend guten Manieren am Tisch und gleichzeitig laut und anarchistisch wild.

Ich finde, die Kinder in meiner Umgebung alle ziemlich fein und habe den Eindruck, dass es sich um angenehme Menschen von guten Eltern handelt.

Eltern, die womöglich andere Ideale, Erziehungsstile und Ängste haben als ich. Aber auch Leute, die ihre Kinder lieben und ihnen helfen wollen, sich in der Welt zurecht zu finden.

Meines Erachtens ist das ziemlich viel und nicht schädlich.

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  1. Ein sehr schöner Beitrag, hab ich gern gelesen und Lust auf mehr bekommen, muss gleich mal in deinem Blog stöbern :) Das mit dem Kinderarzt ließ mich auch an unseren ersten denken (auch der wurde gewechselt…), der einfach kein gutes Haar an uns ließ: Familienbett, länger stillen als 6 Monate, und dann auch noch vegane Ernährung? Das Kind wird behindert, wenn es nicht vorher im Bett erstickt!! Der hat mich jedes Mal richtig fertig gemacht, das war nicht mehr schön… was sich so manche Ärzte denken, würd ich gern wissen.

    Liebe Grüße, Janina

  2. Ganz wunderbar. Du sprichst mir aus dem Herzen. Für mich die größte Frage der Zeit: ist es heutzutage noch akzeptiert, wenn man die Kinder nach gar keinem Konzept erzieht? Nach eigenem Gefühl und unvoreingenommen?

    Es wirkt fast so, als müsste man eine Art Konzeptebene über das Kind stülpen, dass aus kleinen Individuen Große werden können.

    Deine Beobachtung mit befreundeten Kindern teile ich. Die einzige Erklärung für mich ist: die Vielfalt lebt und ist in Summe gut.

    Danke für den schönen Artikel.

  3. Ich hab mal irgendwo gehört, die einzige Aufgabe, die man als Eltern hat, ist seine Kinder bedingungslos zu lieben. Man macht ja in jeder anderen Hinsicht immer irgendwas, was von anderen als falsch bewertet wird: Baby im Elternbett, Brei nicht selbstgekocht, Karrottenbrei, wo doch Pastinake besser wäre, zuviel Fernsehen, zu viel Süßes, zuwenig Förderung, und und und. Aber solange man seinen Kindern eine stabile emotionale Basis bietet, werden sie (zumindest die allermeisten) trotzdem zu guten und vernünftigen Menschen.
    Und auch, wenn das mit der bedingungslosen Liebe einfach klingt, spätestens, wenn die Kinder eigene Entscheidungen treffen, schaffen das nicht mehr alle Eltern. Wieviele Eltern sind enttäuscht, weil ihre Kinder nicht den erhofften Beruf oder den falschen Partner gewählt haben. (Ich kenn diese Enttäuschung von meinen Schwiegereltern und sehe, wie es die Eltern-Kind-Beziehung belastet.)
    Also einfach weiter feste lieben und drauf vertrauen, dass die Kinder die besten Menschen werden, die sie sein können.

  4. Ich finde den Beitrag richtig gut. Nur den letzten Satz verstehe ich nicht so ganz. Da fehlt mir irgentwie der Zusammenhang.

  5. Sehr schön alles. Ich konnte bei der Kindererziehung aber erst entspannen, als es aus dem Gröbsten raus war. Also so mit 3 Jahren. ;-) Helikoptere aber ab und an & der Mann zieht mich dann immer ein wenig zurück. Lebe jetzt auch nach dem Leitspruch (wie alsakagirl schon meinte): einfach ganz viel lieb haben. Der Rest findet sich.

  6. Das ist ganz genau auch meine Erfahrung. Kinder sind, auch im Rudel, überraschend entzückend und viel besser als ihre Presse. Kinder sollten ihre PR-Manager feuern.

  7. Pingback: Vorhibbeln - Seite 209

  8. Da kam mir vieles bekannt vor!
    So einen Kinderarzt hatten wir auch, jetzt bin ich mit meiner Tochter bei seinem Partner und alles ist gut!
    Familienbett, länger als 6 Monate Stillen und die “ überkandidelte Akademiker-Scheiße Pekip“ – damit hab ich ihn dann gar nicht mehr belastet!
    Renz-Polster und Jesper Juul haben Entspannung in unser Familienleben gebracht und wenn es sein muss, dann Helikoptere ich eine Runde!
    Wir versuchen unserer Prinzessin einen Rückhalt zu geben, dass sie immer zu uns kommen kann, wenn etwas ist! Ich hoffe, ihr Fallschirm, Sprungtuch und Rettungseil zu sein!

  9. Ein schöner Text, aber das Fazit ist mir doch zu einfach gedacht.
    An vielen Stellen ist mir einiges zu beliebig. Ich bin mir einfach nicht sicher, ob ich dich immer richtig verstehe.
    Trotzdem möchte ich dich ermutigen mehr in dieser Art zu schreiben. Das Thema zieht viele Leute an, du hast diesen Text doch recht gut verfasst und kannst bestimmt noch mehr Alltagskomik in eurer Familie finden. Weiter so!

    PS: Allen Helikoptereltern sei mit auf die Reise gegeben „Kinder haben ein Recht zu Sterben“ ;)

  10. Wundervoll. Das ist genau das, was mir immer durch den Kopf geht, wenn ich diese vielen tausend Bücher und Zeitschriften über Erziehung sehe.
    Ich habe selber keine Kinder, aber konnte doch (studienbedingt) in die Welt der Pädagogik mal hineinschnuppern. Und da ist mir -inmitten von Lietz, Fröbel, Tausch und Co.- klar geworden, dass man diese ganzen ollen Schinken getrost vergessen kann und stattdessen auf sein Herz hören sollte.

    Mit den Ratgebern ist das doch so: vor 100 Jahren war es völlig legitim, selbst Kleinstkinder zu schlagen; Gehorsam durch Angst war gängige Praxis in Schulen etc.
    Und was heute „in“ ist in der Pädagogenszene treibt den Menschen in 100 Jahren vielleicht eiskalte Schauer über den Rücken.
    Also weg damit! Sie untergraben lediglich das Selbstbewusstsein der Mütter, ihren natürlichen Instinkt und ihre Intuition.

    Solche Artikel wie deiner hier sind mehr wert als jeder Erziehungsratgeber.

  11. Pingback: Von guten Eltern

  12. Schlimmer als die Ratgeber finde ich die anderen Mütter. Ratgeber kann man ja einfach nicht kaufen. Anderen Müttern dagegen kann man ja kaum aus dem Weg gehen. Vielleicht liegt’s wirklich am Prenzlberg, aber anstrengendere Leute sind mir selten begegnet.

  13. schöner Bericht, ein Buch das auch interessant ist und mir viel erklärt hat was Kinder machen:
    Maria Montessori, Kinder sind anders;
    kein Ratgaber was zu tun ist, aber Zeit nehmen zum lesen und darüber nachdenken und das Kind beobachten erzeugt einige aha-effekte.

  14. Hi. Habe lange nicht vorbei geschaut. War aber prompt wieder am Schmunzeln. Habe ab dem dritten Kind keine Bücher mehr gelesen und möchte behaupten, dieses ist das entspannteste von allen. So einfach, oder? Liebe Grüße aus Berlin!

  15. Pingback: Linkdump vom 27. März 2014 Links synapsenschnappsen

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