Vom Guten hat man nie genug

Als Kind hatte ich mal eine Eingebung. Ich glaubte kurz das Universum verstanden zu haben und teilte meiner Mutter sogleich meine Erkentnisse mit. Meine Mutter, eine sehr herzliche, liebenswürdige Frau, die ihre Kinder liebt und lobpreist wie sonst nichts auf der Welt, hörte mir zu, guckte mich komisch an und sagte: „Was Du sagst ist pathetisch.“

Ich ahnte, dass ich das Universum wohl eher nicht verstanden hatte oder einfach nur nicht fähig war, meine Erkentnisse rhetorisch in überzeugende Argumente umzuwandeln.

Seit Monaten hatte ich mich auf die Re:publica gefreut. Ich hatte einer Freundin erzählt, dass die Re:publica das ist, was ich mir an der Universität immer gewünscht habe. Ein Ort der Inspiration, des Nachdenkens, der Innovation. Die beiden letzten Jahre habe ich immer mindestens einen Vortrag gehört, der mir noch Monate später hinterherhing, der mein Denken beeinflusst hat, der mich inspiriert hat. (Ganz offensichtlich habe ich immernoch einen leichten Hang zum Pathos.)

Dieses Jahr gab es auch gute Vorträge, aber die Tatsache, dass ich einfach keine Lust hatte im Blog über die Re:publica zu berichten, deutete an, dass ich im Grunde sehr enttäuscht war. Nicht von der guten Organisation, den wunderbaren Menschen, die ich getroffen habe oder der tolle Atmosphäre, sondern von den Inhalten.

Es gab tolle Sessions aber die konnten nicht über meine allgemeine Enttäuschung hinwegtäuschen. Zu oft saß ich an einer Stage und hörte Blabla. Blabla von Leuten, die sich irre ernst nehmen und die in ihrer Erhabenheit das repitieren, was sie seit Jahren (ok Wochen, Monaten) auch sagen, schreiben, bloggen, twittern.

Der Punkt ist, ich halte mich nicht einmal für gut informiert. Ich sehe mich in der Welt der digital interessierten Menschen irgendwo im mittleren Informationsfeld. Trotzdem haben mich die meisten Vorträge über Medien oder Netzpolitik weder überrascht, noch neue Blickwinkel aufgezeigt, überhaupt keine waghalsigen Lösungen skizziert und nicht einmal eine neue Sprache für ein Thema gefunden.

Es war, als wäre die vielfältige, anarchistische und wilde neuen Medienwelt, die ich mir dank des Internets immer erhofft hatte, ganz hervorragend im Einheitsbrei des Mainstreams angekommen. Als wäre die Autonomie und das nonkonfrome Gehabe nur noch die Fassade für den gleichen langweiligen Kram. Vielleicht haben sie jetzt auch endlich das Verständnis des Universums erlangt und können es – wie ich damals – noch nicht rhetorisch plausibel machen. Womöglich ist es auch einfach nur pathetisch.

Insofern ist es umso erfreulicher, wenn es Projekte wie Krautreporter gibt, die einen spannenden und unabhängigen Journalismus machen möchten. Nun konnte man schnell erkennen, dass es sich um ein Projekt handelt, bei dem der Frauenanteil der Reporterinnen überschaubar ist.

Und das macht es für mich wieder ziemlich uninteressant. Denn das Internet hat schon längst die Büchse der Pandora für mich aufgemacht. Ich habe nämlich festgestellt, dass es Themen gibt, die bisher nie von irgendwelchen Medien aufgegriffen worden, mich aber brennend interessieren. Diese Themen werden häufig von Frauen aufgegriffen. Und je mehr ich mir meine Filter- und Informationsbubble aufbaute, desto mehr veränderte ich mich.

Ich habe einfach keine Lust mehr mir einen Film anzuschauen, in dem Leonardo di Caprio einen größenwahnsinnigen Wallstreet-Idioten spielt (wobei ich What’s eating Gilbert Grape toll fand), ich schaue keine Serien mehr, in der es nicht mindestens eine weibliche Hauptrolle gibt, mit der ich mich indentifizieren kann, ich habe ich keine Lust mehr auf Modemagazine, die lächerliche Fotostrecken machen.

Und das Tolle ist, ich werde für meine Ignoranz nicht einmal mehr mit Langeweile bestraft. Es gibt so viel spannenden Content, ich kann das alles ignorieren. Gleichzeitig verdiene ich Geld und wenn ich ein Projekt toll finde, dann helfe ich womöglich auch bei Crowdfunding. Kurzum, wenn jemand meine Aufmerksamkeit und mein Geld möchte, dann muss diese Person oder dieses Projekt mich interessieren und sich gefallen lassen, dass ich Frauen oder Erbsen oder sonstwas zähle.

Insofern könnte es mir natürlich egal sein, wenn ein Projekt einfach nicht genug Frauen aufweist, die es für mich spannend machen könnten. Aber es ist damit wohl so ähnlich wie mit der Re:publica in diesem Jahr. Es ist schade. Es ist schade, wenn etwas nicht so groß ist, wie es sein könnte. Mit Wissensdurst, Inspiration und Unterhaltung ist es wie mit Sex und Essen, wenn es richtig gut ist, kann man nie genug davon bekommen.

7 Kommentare, twittern, sharen, plussen

  1. Auf den Leonardo di C. zu verzichten, das war eine kluge Entscheidung. Der Herzallerliebste und ich begannen nach ungefähr der Hälfte auf ein schnelles, gnädiges Ende zu hoffen, schöpften kurz mal Hoffnung, als es aussah, der Typ würde das Handtuch werfen, und gerade, als wir begannen, die Popcorntüten einzusammeln, entschied er sich um und wir durchlitten NOCH eine Stunde. Umgeben von johlenden Teenagerjungs, die den Typen und seine Eskapaden volle toll fanden. Superabend, nee, is klar.

  2. Ich möchte dazu ja auch gerne was schreiben, komme aber nicht dazu. Das, was du sagst, fasst es aber ganz gut zusammen. Mir ist das letztens auch im Kino aufgefallen, wo ein Trailer nach dem anderen kam, und bis auf einen Frauen quasi keine Rolle spielten. Ich frage mich, warum ich mich davon angesprochen fühlen sollte. Und nach wie vor geht es nicht um einzelne Projekte, Filme oder was auch immer, sondern um ein Strukturproblem, wo es irgendwie normal ist, wenn Männer irgendwas tun, aber Frauen bzw. Frausein immer noch eine Ausnahme bzw. etwas Besonderes (und zwar in diesem Fall letztlich im negativen Sinne) sind.

    Ich finde Krautreporter gut und da sind einige Typen dabei, die ich interessant finde, dennoch wurmt mich, dass sich auch bei einem Projekt, was sich ja auf die Fahne schreibt, irgendwas besser machen zu wollen (was ich ihnen durchaus zutraue) immer noch genau die gleichen Strukturprobleme finde, die wir doch eigentlich überwinden wollen. Es geht halt nur mit Anstrengung, und ja, vielleicht ist es schwierig, aber ich bin davon überzeugt, dass es geht, wenn ein ernsthaftes Interesse da ist.

    Zuletzt finde ich, wie Felix das ja auf seinem Blog geschrieben hab, dass man doch froh sein kommt, dass die Kritik so früh kommt, also eine Chance besteht, es schnell besser zu machen. Kritik übe ich doch, weil mir etwas wichtig genug ist, mich damit auseinanderzusetzen. Und wenn ich dann noch konkret begründen kann, warum ich etwas nicht gut finde, und das den Leuten sage, gebe ich ihnen die Möglichkeit, etwas zu ändern, und mich damit auch davon zu überzeugen, dass mein Geld da gut aufgehoben ist. Alternativ könnte ich auch schweigen und einfach nichts zahlen, damit ist dann aber auch keinem geholfen.

  3. Bei Leo an der Wall St. hast Du nichts verpasst. (Wäre ich böse drauf, würde ich sagen: Bei Leo hast Du eigentlich schon seit ‚Baz Luhrman’s Romeo + Juliet‘ überhaupt nichts mehr verpasst.)

    Hollywood versteht unter starken Frauenfilmen sowas wie Luc Bessons neuesten Matrix-/Nikita-Verschnitt ‚Lucy‘, dessen Trailer mich zwischen „das meint er jetzt nicht ernst, oder?“ und Lachsalven zurückließ. (http://www.youtube.com/watch?v=MVt32qoyhi0).

    Auf der #pr14 war ich in diesem Jahr leider nicht, von den Vorträgen, die ich bislang auf YouTube sah, hat mich keiner umgehauen. Aber das hat auch in den vorangegangenen rp’s kaum einmal ein Vortrag; es ist für mich mehr die Atmosphäre und es sind die Gespräche auf dem Hof, die mich immer begeistert aus Berlin zurückkommen lassen.

    Ich betrachte mich nicht als Feministin und ich zähle weder Frauen noch Erbsen, aber ich frage mich, wie wir als Gesellschaft auf die Sicht aus der weiblichen Perspektive verzichten können oder warum wir das wollen sollten. Und wie sich eine begrüssenswerte Initiative für eine neue Form von Zeitung von Beginn an so aufstellen kann, daß die Sichtweise von Frauen oder MigrantInnen de facto keine Rolle spielen wird. Wer darauf verzichten kann, kann auch auf mein Fördergeld verzichten.

  4. ******************KOMMENTAROMAT**********************
    Hätte von mir sein können
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  5. Pingback: Weekly Leseempfehlung vom 16. May 2014 | off the record

  6. ich finde es nicht einmal schade, dass die krautreporter so uninteressant zu werden scheinen. sie schreiben es ja selbst, und ich mache die gleiche erfahrung: das internet ist voll mit großartigen texten. ich kann deshalb auch die grundlage des KR-geschäftsmodells nicht nachvollziehen. „der online-journalismus ist kaputt?“ ich finde das nicht, im gegenteil. wahrscheinlich stellt sich das lediglich aus der warte der in der derzeitigen redaktion repräsentierten weißen männlichen mittelschicht so dar.

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