Auch rosa Wolken sind grau

Nach meinem Vortrag auf der Re:publica 14 wurde ich gefragt, ob Pornos jungen Menschen nicht ein falsches Bild von Sexualität vermitteln würden. Seitdem habe ich immer wieder darüber nachgedacht und festgestellt, dass ich in meiner Adoleszenz ebenfalls ein völlig falsches Bild vermittelt bekommen habe. Ein absurdes Bild von Liebe und Beziehung Dank einer Vielzahl von (Hollywood-)Liebesfilmen.

Zum Glück hatte ich eine eher gefühls-rustikale Familie. Meine Mutter ist der Meinung, dass eine klare und ehrliche Einschätzung der Lage wichtiger sei, als der Glaube an den Weihnachtsmann. Ein älterer Bruder mit einem kruden Humor und ein Vater, der regelmäßig vom Abendbrotstisch gerufen wurde, um eine Sectio durchzuführen, taten ihr übriges.

Trotzdem träumte ich, lange bevor ich Brüste und Haarwuchs hatte, von einem Traumprinzen, der mich mit Pferd und Schloss vor den langweiligen Banalitäten des Lebens rettet.

Meine Mutter, eine begeisterte Kinogängerin, klärte mich früh auf. Sie sagte: „Weißt Du, in den Filmen kommen die Liebenden zusammen und dann ist der Film zuende. Das ist eine Lüge. Dann fängt es erst an.“

Ich stand weiterhin begeistert vor Brautgeschäften und suchte lange nach der Liebe meines Lebens. Für mich selbst wohl am Überraschendsten fand ich sie auch. Aber meine Mutter behielt Recht, so dass ich nach fast 10 Jahren Ehe und Familie ein wenig ungehalten werde, wenn ich sehe, wie massiv Jugendliche nach wie vor der Glorifizierung von romantischer und lebenslanger Liebe ausgesetzt sind.

Es macht mich wütend zu sehen, wie sich selbsterklärte Bewahrer von Kirche, Familie und Traditionen durch die Talkshows ranten und erzählen, dass wir quasi schon in Sodom leben, nur weil nun auch liebende Menschen des gleichen Geschlechts heiraten dürfen. Wie sie einen direkten Zusammenhang zwischen sexueller Liberalität und einem (vermeintlichen) Verschwinden der Moral sehen, wie sie deklarieren, dass Frauen selbst für sexuelle Nötigungen verantwortlichen seien, wenn sie leicht bekleidet vor die Tür gehen und wie sie Monogamie und Familie als einzigst wahre und gute Daseinsformen beschwören.

Genauso wütend machen mich Ratgeber, in denen Männer und Frauen als Wesen mit unterschiedlichen Bedürfnissen völlig unnötig polarisiert werden, in denen ein Geheimnis für ewig andauernde Leidenschaft und Liebe vorgegaultet wird und in denen alternative Ideen keinen Platz finden oder gleichgesetzt werden mit Scheitern und ewigen Trübsal.

Und auch liberale Zeitungen erklären uns, dass die große Auswahl sowie der Mangel an (konservativen) Vorbildern und an Beziehungsdisziplin dazu führen, dass wir uns nicht mehr „trauen“ oder gleich trennen, wenn es schwierig wird.

Niemand kommt auf die Idee, nach der Wurzel zu graben. Niemand fragt, ob unsere Vorstellungen von romantischer Liebe, von Beziehung, von Ehe, von Partnerschaft womöglich nicht immer mit unseren Bedürfnissen als Mensch übereinstimmen.

Wir rennen der großen Liebe und der ewig lodernden monogamen Leidenschaft nach, wie dem perfekten Gewicht, der ewigen Jugend und der unerschütterlichen Gesundheit.

Neulich traf ich auf meine ehemalige Hebamme. Sie hat gerade zum 3. Mal geheiratet. Sie wirkte entspannt, glücklich und abgeklärt. Wir Menschen, meinte sie, seien nicht fürs Alleinsein gemacht. Ich bin da absolut ihrer Meinung, wir sind keine Inseln. Ich sehne mich aktuell immer nach Einsamkeit, so lange bis ich einen Nachmittag für mich habe und ich mich abends freue, wieder bei Mann und Kindern zu sein.

Der Punkt ist, ich bin ein Fan von Familie, Ehe, Freunden, Clans und Gruppen aber der ideologische und absolutistische Unterbau kotzt mich an.

Denn ich stelle oft fest, dass ich nicht die Frage danach stelle, ob es mir gut geht, ob ich zufrieden mit meiner Lebenssitution bin. Vielmehr evaluiere ich meine Beziehung nach den gängigen Partnerschaftsnormen. Ich frage mich, wie viel Sex in einer Beziehung normal ist, wie frisch verliebt ich mich dauerhaft fühlen muss, ob ich andere Männer gierig anschauen darf und überhaupt wo diese rosa Wolken der ewigen romantischen Liebe geblieben sind, die man mir als Jugendliche versprochen hat?

Das alles hat überhaupt nichts mit fehlender Liebe, mit fehlender Dispziplin oder einer genusssüchtigen Generation zu tun, die zu viel Auswahl hat, sondern damit, dass man uns Scheiße erzählt hat, dass wir den falschen Vorbildern und Mythen hinterherhängen. Und anstatt die Beziehungsmythen vielleicht mal zu hinterfragen und zu überarbeitet, doktern wir mit mentalem Tesafilm an uns rum und reden uns ein, dass es funktionieren muss, wir haben es schließlich von Beziehungs-Experten gehört und gelesen.

Was uns fehlt, sind neue Ideen und Vorbilder. Wenn ich die Generation der Eltern und Großeltern – bei denen angeblich alles viel besser und einfacher war – beobachte, habe ich nur sehr selten den Eindruck einer liebevolleren und klügeren oder gar vorbildlichen Beziehungsführung. Man kann sich natürlich wünschen, dass auch unsere Generation Dank einer deutlich verringerten Auswahl an Lebensstilen und engeren moralischen Normen länger in einer Beziehung verharrt, so dass wir alle zusammen im Korsett der Maßregelung nach Luft japsen. Aber der Trick der ängstlichen Kehrtwende ist langweilg, schnöde und feige.

Es gibt wenige Antworten aber die Fragen verdienen es, gestellt zu werden und bis dahin verweigere ich mich weiter romantischen Komödien oder Tragödien, in denen Abweichungen vom Pfad zu Tod und Verderben führen.

4 Kommentare, twittern, sharen, plussen

  1. Ja, das mediale Geseiere nervt ungemein, vor allen Dingen, wo man sich fragen muss, ob die Herren und Damen Journalist/innen, Politiker/innen und Kirchenvertreter/innen denn alle in erster Ehe (oder im Zölibat) glücklich, liebevoll usw. gebunden sind. Ein CDU-Mensch, der verheiratet ist, aber dessen jüngere Freundin g’rad von im schwanger ist, sollte z. B. automatisch zu einem Schweigegebot in der gesamten konservativen Riege führen.

    Das ändert für mich aber nichts daran, dass es im momentanen System von Vorteil ist, wenn Kinder in einer stabilen Ehe aufwachsen. Es ändert aber auch nichts daran, dass es weltweit viele verschiedene Formen der Familie gibt, die auf weniger engen Paarbeziehungen beruhen. Funktioniert auch, im jeweiligen Kontext. Aber hier ist die Version alleinerziehende Mutter+Vater macht vom Acker+wenig Großfamilie+Erwerbstätigkeit als Muss für alle eher toxisch für die Kiddies. Ja, ich weiß, es funktioniert auch in vielen Fällen – muss ja -, aber in meinem Arbeitsalltag sehe ich, dass die Kiddies mit den massiven Problemen die aus Trennungshaushalten sind.

  2. Ehe odernicht staatlich legitimierte Paarbeziehung, natürlich. Hauptsache STABIL und auf einer liebevollen Basis.

  3. Es /ist/ schön, sich gemeinsam weiter zu entwickeln, als Paar, als Gefährten, als Team Konflikte zu meistern und daran zu wachsen – aber das ist eine mögliche Antwort. Nach 23 Jahren mit demselben Mann nicht verheiratet zu sein, denke ich, es gibt keine allgemein gültige Antwort, sondern nur ganz viele individuellen Antworten. Und Vorbilder braucht es denke ich nicht, um anderen zu zeigen, wie es richtig geht. Sondern um ihnen zu zeigen, dass jeder Mensch, jedes Paar, jedes „Team“, eigene Wege finden und gehen müssen, unabhängig davon, was andere oder gar „die Gesellschaft“ tun oder erwarten.

  4. [Zitat]Ich sehne mich aktuell immer nach Einsamkeit, so lange bis ich einen Nachmittag für mich habe […Ende]

    Genauso geht es mir auch. Bislang bekam ich dann meist zu hören „du weißt wohl auch nicht, was du willst …“ – klar weiß ich das! Ich lebe den Tag. Mir doch egal, dass andere in ihrem ewig gleichen Korsett verharren, obwohl sie nur ein Griff an den Gürtel machen bräuchten, und in Freiheit sind …
    Danke für den Beitrag!

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