Das internationale Dumpfheitsmagazin für Frauen

Während ich in meinem Lieblingscafe sitze und mir einen Cappuccino, einen Orangensaft, ein Tiramisu und ein Panino einverleibe, mache ich einen großen Fehler. Ich greife zum „Internationalen Magazin für Frauen“ der „Cosmopolitan“, bekannt auch als Cover für GNTM.

Nun hat ja Teresa Brücker im Grunde schon alles zum Thema Frauenmagazine geschrieben. Aber es ist wie mit einem Unfall, es gibt einen Unterschied etwas über einen Unfall zu lesen und einem Unfall selbst beizuwohnen.

Fangen wir an mit den 111 Sex-Tipps und Trends. Trends beim Sex? Hallo???? Die wesentlichen Parameter haben sich seit tausenden von Jahren nicht geändert und nur weil es jetzt pinke Dildos mit Swarowski-Steinen gibt, komme ich auch nicht schneller, besser oder öfter.

Neben dem Ratschlag mal Poledancing zu probieren – ich sehe mich geradezu in unsere Erdgeschosswohnung mit super Einblick von außen neben Wäschebergen und Kinderspielzeug im knappen Bikini mit Wabbelbauch an der Stange wirbeln – fand ich folgenden Tipp noch erwähnenswert:

High Society Her mit den High Heels! Eine Frau in Stilettos darf im Bett so ziemlich alles. Lassen Sie sich mit einem Eiswürfel streicheln, erlauben Sie ihm, Sie über den Küchentisch zu legen. Nicht vergessen: in erster Linie geht es darum loszulassen.

In diesem Absatz passt kein Satz zum anderen, mal abgesehen davon, dass ein „erlauben Sie ihm, Sie auf dem Küchentisch zu vögeln/nehmen/ficken“ deutlich besser und klarer formuliert wäre.

Das Editorial hat den nächsten Würgereiz bei mir verursacht. Frau Winter, das ist die verhärmte blonde Frau, die am Ende von GNTM kurz erscheint und bei jeder Staffel einen neuen Namen hat, schreibt ihren Leserinnen im Vorwort vor allem was für einen geilen Männergeschmack sie hat:

Mein erster Freund wollte Profi-Tennisspieler werden und hatte den Ehrgeiz, der Junge an der Schule zu sein, der seiner Freundin die meisten Rosen schenkt. (…) Meine zweite langjährige Beziehung wollte unbedingt die höchsten Wellen von Ho’okipa Haven auf Maui absurfen. Ich habe ihn vom Strand aus bewundert. Mein Ehemann wollte immer Professor und Dozent an einer Universität sein. Er liebt es, anderen etwas beizubringen. Diesen Traum hat er gerade neben seinem Job als Fernsehmanager verwirklicht. Ich mag Menschen, die ein Ziel haben.

Wow, bei so einer Einleitung bekomme ich richtig Lust auf mehr.

Es folgen Mode-, Film und Musiktrends. Nicht spannend, nicht innovativ aber immerhin tut es auch nicht weh.

Dann ein Artikel über Eva Mendes in dem vermittelt werden soll, dass Sie eine dicke fröhliche Frau ist. Soweit ich weiß hatte Frau Mendes Drogenprobleme und ist in Relation zu einer normalen Frau total mager.

Dagegen ist ja nichts zu sagen, aber dann erzählt mir doch einfach keine Scheiße. Als ich dann unter dem Artikel auch noch ein Werbe-Ikon für ihr Parfüm sehe, zerschellt fast die Cappuccinotasse, die ich auf den Tisch knalle.

Die Heldinnen von 9/11 und Sex gegen Luxus – ein guter Deal versuchen wenigstens, interessante Geschichten zu erzählen.

Dann erinnert sich ein Mann an die Die Lieben meines Lebens. Es könnte mich kaum etwas weniger interessieren und die hervorgehobenen Sätze

Sarah zum Beispiel hat keine Locken, sie kann aber super Seelentröster-Suppe kochen, sie kann super zuhören und sie hat einen supertrockenen Humor. Leider ruft sie nie zurück.

bestätigen mich darin, um die Bäume zu trauen, die für diese Seiten sterben mussten.

Dann das Dossier Was Frauen wirklich wollen: Trivial, langweilig und völlig belanglos. Ich trauere immernoch um die Bäume.

Mode 1: Kostüme in langweiligen Farben sind in.

Mode 2: Bunte Dessous. Ganz nett aber warum hat das Model immer den Mund auf und schiebt den Unterkiefer nach vorn? Muss ich das jetzt auch so machen, wenn ich Reizwäsche trage?

Es folgt: Gekündigt! Und jetzt?, leider steht da nicht wie man das Abo kündigt, falls man so dumm war, es sich aufschwatzen zu lassen. Wie man mit einer Kündigung des Jobs umgeht, steht da aber auch nicht wirklich.

Dann sieben Seiten zum Thema Zöpfe. Wenn man nicht mal Regierungschefin eines osteuropäischen Staates war, ist das wenig alltagstauglich.

Ich erspare mir den Rest und esse das Tirmisu, fasse mir an meine tatsächlich existierenden Rundungen und frage mich, wer diese Scheiße kauft und noch schlimmer wer glaubt, dass Frauen dieses langweilige, dumme und stillose Geseiere interessant finden könnten?

Ich möchte gut geschriebenen Geschichten lesen, gern auch mit Relativsätzen und Humor. Modetechnisch möchte ich gute Bilder mit interessanten Frauen und irgendwie bemerkenswerten Kleidungsstücken sehen. Kann man bei Kosmetikprodukten nicht wenigstens versuchen, die Werbetexte der Herstellerfirmen umzuformulieren?

Wenn ich mir zutraue, interessanter und spannender über Sex zu schreiben, als die Damen und Herren Redakteuere, ist das ein Armutszeugnis für das Magazin. Und wenn ich das Gefühl habe, einer Aushilfskraft bei Thalia mehr bei der Bücherwahl vertrauen zu können, als der Rubrik Bücher des Monats dann wird irgendjemand überbezahlt.

Und wo ist Cosmopolitan eigentlich international? Ich sollte die Frage mal bei Formspring stellen, die Antworten sind sicherlich interessanter als alles was ich auf 180 Seiten totem Baum gelesen habe.

By the way (Achtung Englisch, hier wird es international): ersetzte Cosmopolitan durch jedes beliebige andere deutsche Frauenmagazin.

11 Kommentare, twittern, sharen, plussen

  1. Das Schlimmste an alldem: Die Cosmopolitan war mal ein wirklich gutes – was auch immer – – Magazin. Es wird nur noch geseiert da draußen. Wer die Kunst des Schreibens und der echten Aussage noch haben will, muß sich durch die Unzahl an Blogs wühlen. Es ist wahrlich ein Leid um die Bäume …

  2. Wunderbar: „Aber es ist wie mit einem Unfall, es gibt einen Unterschied etwas über einen Unfall zu lesen und einem Unfall selbst beizuwohnen.“

    Ich habe übrigens Anfang September in der Beilage der NZZ einen Artikel über Männermagazine. Die kommen nicht besser weg als die Publikationen für dei Damen.

  3. Besten Dank dafür… und auch für den Link zum FAZ-Blog!
    Ich bin seit bald zwei Jahren auf der Suche nach einem vernünftigen Businessmagazin für Frauen, das seine Texte nicht in schwalligen Adjektiven und Haarfarben-Beschreibungen von Managerinnen ersäuft Wie oft lesen wir „XY ist eine Ausnahmemanagerin. …yadayadayada… Sie streicht sich die blonden Haare aus der Stirn und lächelt.“ vs. „XY ist ein Ausnahmemanager. … Er streicht sich durch die schütteren grauen Haare und lächelt.“? Geeeee-nau.
    Anyway. Die Frage, die ich mir inzwischen stelle, ist: Muss man wirklich ALLES selber machen? Auch die Texte schreiben, die man lesen will?

  4. Wenn es vorrangig darum geht, kein Geld für Zeitschriften mittelmäßiger bis schlechter Qualität auszugeben und nicht mehr Holz zu Papier zu verarbeiten als nötig, bieten sich die Hamburger Bücherhallen an: Für sehr, sehr wenig Geld im Jahr darf man sich hier bergeweise Zeitschriften ausleihen – von der Gala über Brigitte und Freundin bis zur Vogue.
    Leider fallen alle dadurch auf, dass das Verhältnis zwischen Werbung und Text zunehmend negativ kippt. Was dann in den „Texten“ an Inhalt wirklich transportiert wird, ist noch eine ganz andere Frage.
    In Hamburger Stadtteilen mit viel Bildungsbügertum gibt es in den Bibliothekenn qualitativ hochwertige Magazine, wie zum Beispiel die „écoute“ und weitere Zeitschriften aus dem europäischen Ausland – darin liest man wirklich, statt nur bunte Bildchen zu schauen.
    Aber selbst die Bücherhalle, die einen davor bewahrt, Geld für Schund auf buntem Papier auszugeben, kann die Medienlandschaft als solche natürlich nicht verändern…

  5. Pingback: Journelle » Blog Archive » Mit Freudlosigkeit wird die Welt ganz sicher nicht gerettet

  6. Angebot und Nachfrage. Die Hälfte der Bahnhofsbuchhandlung ist voll mit diesen bunten Blättern, weil sie gekauft werden. In Millionenauflage. Man könnte ja auch zur ZEIT greifen… oder zur FAZ…

  7. Pingback: Nur weil ich mich darüber aufrege, dass es kaum gute Romane gibt, muss dieser Text noch lange keinen roten Faden haben | Journelle

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