Ich habe dann mal einen Termin im Puff gemacht*

Feuchtgebiete habe ich nach einem Drittel des Buches weggelegt. Zu langweilig. Inneneinsichten einer End-Pubertierenden in der sexuellen Findungsphase interessierten mich einfach nicht, been there, done that, don’t wanna go back.

Aber bei Schoßgebete ahnte ich, dass es mir gefallen könnte.

Ich kaufte mir also Schoßgebete und las es in einer Woche durch. Für mich ist das schnell, denn seit langer Zeit ziehe ich das Lesen von Blogs, Twitter, Formspring-Antworten, Nido, Geo-Epoche und Geo-Kompakt – random fact: Charlotte Roche zitiert im Buch nicht selten die Geo-Kompakt zum Thema Liebe und Sex – dem Lesen von Büchern vor.

Das Buch ist großartig.

Ich mag die Schonungslosigkeit der Protagonistin, es ist, als wäre die innere Zensur ausgefallen. Viele der Gedanken sind mir nicht fremd, ich formuliere sie aber nicht einmal mir selbst gegenüber, schließlich bin ich nicht schwierig, neurotisch, aggressiv und schon gar nicht möchte ich meine wundesten Punkte nach Außen kehren.

Aber Elizabeth/Charlotte ist das egal, vielleicht handelt sie auch nach dem Motto, lieber ich zeige Euch meine Achilles-Ferse, als dass die Bild von meinen Puff-Besuchen berichtet. Egal warum, diese Schonungslosigkeit macht das Buch so spannend, man liest keine muffige Bouillon, sondern konzentrieten Jus.

Zuweilen wurde mir schlecht, insbesondere in den Abschnitten als es um den Tod der Brüder geht. Ich musste aufhören zu lesen und/oder stöhnte „ojeoje“ so dass der Mann, der neben mir im Bett lag, sich um mich sorgte. Aber ich las (am nächsten Tag) weiter und freute mich wie schon lange nicht mehr auf die abendliche Lektüre.

Umso überraschter bin ich über die Kritiken, die dem Buch vorwerfen, keine Lösungen aufzuzeigen. So schreibt Alice Schwarzer in ihrem Blog

Okay, damit sollte eine starke Frau leben können. Eines allerdings wäre fatal: Wenn deine Leserinnen deine verruchte Heimatschnulze über Sex & Liebe für ein Rezept halten würden. Denn du hast nicht die Lösung, du hast das Problem.

Frau Schwarzer hat es erkannt, Elizabeth/Charlotte hat das Problem. Aber damit segelt sie schonungslos am Wesentlichen vorbei. Seit wann ist es bitte schön Hauptaufgabe der Literatur Antworten zu geben? Sollen Frauen jetzt nur noch Entwicklungsromane schreiben? Willkommen zurück bei Anne of Green Galbes.

Literatur hat für mich zuerst einmal die Aufgabe mich zu unterhalten, damit meine ich vor allem mich zu fesseln, mir Lust zu machen mehr davon zu lesen. Ferner finde ich Literatur spannend, wenn sie meine Lebenswelt auf interessante Art spieglt, ja so simpel bin ich.

Und das tut Schoßgebete. Natürlich möchte ich ökologisch super-korrekt sein, möchte ich eine super-Mutti sein, die dem Kind das Gemüse schmackhaft macht, ich bin emanzipiert und selbstständig, ich habe Panik, dass die Beziehung zu meinem Mann weniger sexuell wird oder ich ihn irgendwann verlieren könnte, wünsche mir gleichwohl das Gefühl von anderen Männern attraktiv gefunden zu werden und habe jahrelang sexuelle Praktiken verdrängt, weil man das als gleichberechtigte emanzipierte Frau nicht tut.

Ob das (geistig) gesund ist und wie man letztlich damit umgeht steht auf einem anderen Papier aber so zu tun, als hätte Elizabeth/Charlottes Lebenswelt keinen Bezug zur Lebenswelt vieler junger (Ehe-)Frauen/Mütter ist absurd.

Wenn ich mal Enkelkinder habe uns sie fragen, wie das Leben einer Frau so um 2011 war, werde ich ihnen das Schoßgebete in die Hand drücken und sagen:

„So ähnlich, nur bei den meisten weniger unterhaltsam und mit 60% weniger Drama“.

*Wer sich wundert, warum ich keinen Bezug auf den Titel dieses Blogeintrags nehme, dem sei gesagt, ich wollte in meinem Blog mal das stilistische Mittel der „sexuellen Provokation“ ausprobieren.

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