Die Autorität der Gestrigkeit

Als der diesjährige August ein wenig abkühlte, brachte Die Zeit ein Dossier über Pornografie.

Im Limbo der Schmerzgrenzen arbeitete ich mich durch alle Texte und wusste nicht, ob ich lachen oder weinen sollte.

Zunächst einmal entschied ich mich für Ignoranz. Denn im Grunde muss man nur warten, bis die Leichen an einem vorüberziehen. Die Menschen, die sich vor ein paar Jahren noch für die 4. Macht im Land hielten, weil sie für ein großes Magazin oder eine überregionale Zeitung Texte schreiben, wissen wahrscheinlich selbst schon, dass ihre Autorität im besten Fall noch bis zur Rente reicht, dann werden die medialen Entwicklungen sie ins Nirwana der Belanglosigkeit katapultieren.

Ich verdrängte also zunächst Marie Schmidts Anleitung „Porno gucken„.

Aber das klappte nicht lang. Der Punkt ist, wenn man ironisch-böse über Pornos schreiben will, sollte man zumindest wissen, wovon man spricht (ich meine damit ganz expliziert, Pornos zum persönlichen Pläsier genutzt zu haben).

ft

@FuckTheory
Most of all I just want a theory of sexuality written by people who know how to fuck.

Man fragt ja auch keine Nonne nach einer kritischen Auseinandersetzung mit Oralsex. Wobei, wahrscheinlich wäre das unterhaltsamer und klüger gewesen. Und persönliche Meinung ist nur dann interessant, wenn sie einen neuen Blickwinkel einbringt. Zu analysieren, dass Pornos sexuelles Fastfood sind, ist so überraschend, wie der Beat auf einer Technoparty.

Bei Jens Jessens Anklageschrift „Die große Heuchlerei“ bekam ich dann körperliche Schmerzen.

Fräulein Tessa hat es auf den Punkt gebracht:

teresa bücker

@fraeulein_tessa
„Jetzt wollen sie nicht nur das Binnen-I, sondern auch noch mehr von diesen Orgasmen.“

Jens Jessen wird das offensichtlich alles zu viel mit diesen Frauen, dem Feminismus und dem Sex. Aber statt die Kommentarfunktion zu nutzen, gibt ihm eine liberale Wochenzeitung mit einem ganzseitigen Text ein großes Forum. Manchmal kann mir der Untergang der großen Verlagshäusern einfach nicht schnell genug gehen.

Wobei Die Zeit immerhin vor ein paar Tagen einen Text von Christina Schildmann und Anna-Katharina Messmer veröffentlichte, in dem es um Trolle in den Kommentaren aber auch um Autoren-Trolle wie die Jessens, Fleischhauers und Matusseks des konservativen Feuilltons geht.

Ein fulminanter Verriss der Werke von „Zeitgeistkritikern“, die aus Panik vor dem Verlust der Meinungsautorität all ihre Allmachtafantasien bündeln und hoffen, die Welt durch ihre Texte zum Stillstand zu bringen.

Das dies aber nur ein einsamer Lichtblick war, zeigte dann wieder Anna Kempers Gesellschaftskritik „Heißt das nicht geliked?„.

Humor scheint bei der Zeit fast ausschließlich fehlzuschlagen. Anna Kemper versucht nämlich das unerlaubte Veröffentlichen von Nacktbildern, die aus der privaten iCloud von Jennifer Lawrence und anderen weibliche Stars gestohlen wurden, in einen Glossentext zu wursten.

Ihr Fazit: die Stars und Sternchen stehen doch drauf. Wann wurde Menschenverachtung in Der Zeit ein Trend?

Und während ich in anderen englischsprachigen (online)Magazinen kluge Analysen darüber lese, mit welcher Selbstverständlichkeit über (prominente) Frauenkörper verfügt wird und in denen das Hacken und Veröffentlichen von privaten Fotos ganz klar als kriminelle Handlung bezeichnet wird, geht die deutsche Medienszene den von Trollen und Dumpfbacken vorgetretenen Weg der Häme.

Denn nicht nur Anna Kämper, sondern auch die Tratschtüten in The European und der FAZ sind lieber dumm und böse als nachdenklich und human.

Wie gesagt, zuweilen ersehne ich den Untergang des Feuilltons oder zumindest den vollständigen Verlust der Autorität, mit der diese Leute ihre persönliche und gestrige Meinung reflektieren.

Denn solange Freunde und Familienmitglieder von mir diese Texte ernst nehmen, weil sie in einem Zusammenhang veröffentlicht werden, der noch vom alten Ruf der Liberalität und Seriosität sowie einem intellektuellen Anspruch lebt, werde ich doch irgendwann ungehalten. Da kann ich mir noch so oft vornehmen, mich in verachtender Ignoranz zu üben.

Neulich hätte ich beinahe einen Kommentar auf Facebook geschrieben. Auf Facebook hatte Zeitonline einen Text aus dem Guardian verlinkt. Selbstverständlich ohne kritische oder zumindest irgendwie eigenständige Bemerkung.

„Vergessen wir, wie Übergewicht aussieht? Ja, sagen US-Forscher. Amerikanische Frauen aus Haushalten mit Niedrigeinkommen nehmen ihr Körpergewicht falsch wahr, fanden die Wissenschaftler in einer Studie heraus. Die Teilnehmerinnen schätzten sich schlanker ein, als sie tatsächlich sind. Sie konnten nicht korrekt erkennen, welche Körperfülle als Übergewicht klassifiziert wird. (dgw)“

Ich stelle mir das so vor. Da sitzt jemand und liest sich durch die Onlinewelt. Die Aufgabe ist Trüffel zu finden und die Vielzahl der Texte im Sinne der Zeit-Idee für die interessieren Facebookabonnenten zu kuratieren.

Ein Text aus dem Guardian ploppt auf und ein gescheiter Mensch würde sich wundern und weiter recherchieren. Er würde rausfinden, dass der BMI 1832 von Adolphe Quetelet entwickelt wurde. Außerdem ist er im Grunde nicht aussagekräftig, denn er bezieht die Körpermasse auf das Quadrat der Körpergröße. Weder Statur, Geschlecht noch die individuelle Zusammensetzung der Körpermasse wird in die Betrachtung einbezogen.

Kurzum wenn wir so alte und ungenaue Berechnungen als Basis wissenschaftlicher Studien nehmen, dann sollten wir vielleicht auch wieder die Wettervorhersage aus einer Glaskugel ablesen.

Sehr schön veranschaulicht diese Idiotie auch dieses Flickr-Set (via Anke Gröner).

Und man könnte Texte finden, die wiederlegen, dass Dick-Sein auch Ungesund-Sein bedeutet. Die klarstellen, dass diese Dinge nichts miteinander zu tun haben.

Daraus könnte jemand, der an den Mehrwert seines Arbeitgebers glaubt, einen tollen kritischen Text machen und darauf hinweisen, dass diese Studie nicht nur auf falschen Annahmen basiert, sondern zudem rassistisch, Frauenverachtend, sozial stigmatisierend und absurd ist.

Aber nein, ein unkritisch wiederkäuender Linkdump ist alles, was die Onlinesparte einer renommieren Wochenzeitschrift hinbekommt.

Ich kann es wirklich nicht mehr erwarten, bis diese Autorität der Gestrigkeit Sang- und Klanglos untergeht.

4 Kommentare, twittern, sharen, plussen

  1. Ich habe den Text von Jessen auch gelesen und es war wirklich nicht das erste Mal, dass ich mich über die „Zeit“ aufgeregt hat. Schon allein, wie der Autor Sex mit Sexismus durcheinanderwirft, ist haarsträubend, und sobald dann noch das Schlagwort „Prüderie“ mit ins Feld geworfen wurde, war doch eh gleich wieder klar, was die besagten Gestrigen sowieso schon wussten: Dass Frauen, die sich über Sexismus ärgern oder sich davon verletzen „lassen“, in Wirklichkeit einfach nur prüde und verklemmt sind. Setzen, sechs, Herr Jessen! Gar nichts verstanden, statt dessen alles in einen großen Pott geworfen und noch nicht mal ein schmackhaftes Süppchen hinbekommen.

  2. Ich empfinde ähnlich, es hat bei mir eine lange Zeit gedauert, bis ich dem Geschriebnen und Gedruckten Wort nur noch soviel Gewicht wie meinem eignem geben habe.

  3. Pingback: Links am Sonntag – 05.10.14 | .-

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Sie möchten einen Kommentar hinterlassen, wissen aber nicht, was sie schreiben sollen? Dann nutzen Sie den KOMMENTAROMAT! Ein Klick auf einen der Buttons unten trägt automatisch die gewählte Reaktion in das Kommentarfeld ein. Sie müssen nur noch die Pflichtfelder „Name“ und „E-Mail“ ausfüllen und den Kommentar abschicken

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.