Steuerfrau

Neulich unterhielt ich mich mit dem Sohn über Cabrios.

Sohn: Mama, ich möchte ein Cabrio.

Ich: Dann kannst du dir ja später eins kaufen.

Sohn: Warum kauft du dir keins?

Ich: Weil ich Cabrios nicht so gern mag.

Sohn: Warum?

Ich: Ich mag lieber große Autos, Transporter oder LKWs, notfalls Busse.

Sohn: Aber ich mag Cabrios.

Ich: Wie gesagt, in 12 Jahren machst du den Führerschein und dann kaufst du dir ein Cabrio in dem du so viel fahren kannst, wie du willst.

Sohn: Ich habe eine bessere Idee. In 12 Jahren kaufe ich ein Cabrio, meine Schwester macht den Führerschein und fährt das Auto. Ich sitze dann neben ihr auf Papas Platz.

Was für den Sohn selbstverständlich ist, führt bei einem nicht geringen Anteil von Gesprächspartnern zu Schnappatmung, epileptischen Anfällen und ungläubigen Ausrufen, die man sonst nur hört, wenn in Japan ein Tsunami, ein Super-GAU und ein Erdbeben gleichzeitig das Land verwüsten.

Für einen nicht unwesentlichen Teil der Bevölkerung – männlich wie weiblich – ist es schier unglaublich, dass in einer Familie eine Frau für das Fahren zuständig ist und der Mann nicht einmal einen Führerschein hat. Es fallen Schlagworte wie “Freiheit, Männlichkeit, Kastration…” und jedes Mal fühle ich mich, als wäre ich ein verirrter Hippie bei der Jahreshauptversammlung der NRA.

Für mich ist das umso eigenartiger, als dass es nie ein großes Thema für mich war. Denn auch ich habe eine weibliche Autosozialisierung hinter mir. Irgendwann in den 60ern sagte mein Vater zu meiner Mutter, dass es an der Zeit wäre, ein Auto zu kaufen. Sie solle doch bitte einen Führerschein machen und könne ihn dann zu seiner Arbeit ins Krankenhaus fahren und abends wieder abholen.

Einige Jahre später machte mein Vater zwar auch den Führerschein, aber meine Mutter behielt den Posten als Familienautofahrerin. Noch heute fährt meine Mutter im Sommer große Strecken durch Europa zum Standwohnwagen, während sich mein Vater einfliegen lässt.

Mein erster Freund konnte sich keinen Führerschein leisten, weshalb ich ihn – schließlich kannte ich es von zu Hause nicht anders – im alten weißen Ford Granada meiner Mutter durch den westlichesten Kreis Deutschlands schaukelte.

Das hinderte ihn allerdings nicht daran, meinen Fahrstil – den Führerschein hatte ich in Amerika gemacht und musste mir auf Deutschlands Straßen alles Wesentliche selbst aneigenen, um niemanden zu gefährden fuhr ich stets sehr langsam – zu kritisieren.

In Anschluss an unsere Beziehung beschloss ich, zukünftig darauf zu achten, dass mein Partner einen Führerschein und ein Auto hat, damit ich mir das Gemotze nie wieder anhören muss. In Italien fügte ich meinem Bild vom Idealmann noch einen Motorradführerschein hinzu.

So fuhr ich auf einer Vespa mit einem Geologen im Frühling quer durch Rom (zum Vögeln im Appartment, das er mit seiner Mutter teilte, die aber gerade an der See war), ließ mich von meinem Exfreund auf einer Suzuki bei Hagel zu meinen Eltern aufs Land fahren (so nah an SM-Praktiken war ich seitdem nicht wieder) und lehnte stets ab, wenn mich ein Mann fragte, ob ich sein Auto fahren wolle.

Dann lernte ich den Mann kennen und wie selbstverständlich nahmen wir ein Taxi zu unserem One-Night-Stand in seiner Wohnung. Bald erfuhr ich, dass er keinen Führerschein aber ein Auto zur Verfügung hatte und so wurde ich zur Fahrerin.

Zugegebenermaßen bin ich nie eine passionierte Autofahrerin gewesen aber ich finde die Arbeitsteilung gut: er hat das schöne Auto und ich darf es fahren. Wer die Autos meiner Kindheit kennt (alter grüner Ford Granada, alter oranger Opel Kadett D, alter weißer Ford Granada Kombi), kann sich vorstellen, welche Magie Neuwagen für mich ausstrahlen.

Wie bei so vielen in unserem Leben, haben wir uns also auch hier die Aufgaben aufgeteilt und achten streng darauf, dass der andere uns nicht ins Handwerk pfuscht. Weil Auto kaufen aber – zeitlich gesehen – nicht so aufwändig wie Auto fahren ist, ist der Mann zudem für die Navigation und die Unterhaltung zuständig. Während die Kinder schlafen, liest er mir aus dem Spiegel, seiner Twitter Timeline oder Blogs interessante Artikel, Tweets oder Passagen vor.

Und bei den besagten Gesprächen tue ich, was ein Hippie bei der Jahreshauptversammlung der NRA auch tun würde, ich lächle freundlich und hoffe darauf, dass die Idioten sich einfach irgendwann selbst erschießen überfahren.

6 Kommentare, 2 Tweets, sharen, plussen

  1. Wunderschön! Ich bewundere das sehr. Ich hab zwar einen Führerschein, habe mir in Berlin aber eine Autofahrphobie angeeignet, die ich nur kurzzeitig im bedächtigen Schweden ablegen konnte.

  2. Kenne ich auch so, meine Mutter fuhr den Familien-Trabi, mein Vater machte erst nach der Trennung meiner Eltern einen Führerschein (und ist jetzt begeisterter Autofahrer). Ich habe auch erst dieses Jahr (bin 31) Führerschein gemacht, bisher fuhr meine Freundin (ganz fantastisch) und ich war wie für Navigation und Unterhaltung zuständig.

  3. Hier ist es das gleiche. Ich habe bis heute keinen Führerschein, die Frau schon. Allerdings haben wir auch immer noch kein Auto, nicht aus Fanatismus, sondern weil es nicht nötig ist und wir das Geld lieber für anderes ausgeben. Schnappatmung bekommen immer die, die hören, dass eine sechsköpfige Familie KEIN Auto hat.

    Wobei mittlerweile langsam der Wunsch nach einem Fahrzeug entsteht, nicht unwesentlich von den Kindern forciert. Fahren will ich das Ding trotzdem nicht.

  4. Nachtrag: Wir haben aufgegeben, Donnerstag kommt das Auto. Noch schlimmer – jetzt sehe auf einmal ich nicht mehr ein, warum ich das Ding nicht fahren darf und muss mit über 40 noch einen Führerschein machen.

  5. Pingback: Das rosa Ei in der Familie | Journelle

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