Pummelige Mädchen locken

Journelle

Gerade habe ich diese Pantene-Werbung aus 2012 gesehen.

Ich nehme mal an, dass ich dieses Triggern erlebt habe, von denen so viele immer sprechen. Das Kind in der Werbung hätte ich sein können. Ich wollte auch immer Ballett oder rhythmische Sportgymnastik machen. Meine Mutter hat mich aber erst mit 10 Jahren zum Ballettunterricht angemeldet, als ich mich langsam streckte. Sie hatte – womöglich berechtigte – Angst, dass die anderen Kinder sich über mich lustig machen würden.

Mir kamen geradezu die Tränen, als ich das kompakte Mädchen sah. Es ist mir ja auch als Kind nicht entgangen, dass der Kinderarzt meiner Mutter Diät-Broschüren mitgab, oder ich während einer Kur (mit 6 Jahren) – wegen meiner Bronchien – gleich auf Diät gesetzt wurde.

Im Sommer waren wir auf Sizilien und während meine Kinder auf einem Spielplatz spielten, beobachtete ich ein kleines, entzückendes Mädchen, dass eine Figur hatte, wie ich früher. Und mental wurde ich zur Amokläuferin. Am liebsten hätte ich all die Leute, die mir schon als kleines Mädchen das Gefühl vermittelt haben, ich sei dick, aufgesucht und ihnen vor die Füße gekotzt.

Ich sah, dass ich damals überhaupt nicht dick war und wäre ich tatsächlich übergewichtig gewesen, dann ist eine Diät auch eher die Einstiegsdroge für eine total verkorkste Körper- und Nahrungsaufnahme als eine hilfreiche Maßnahme.

Insofern war ich gerührt von der Großmutter im Werbefilm, die Ihrer Enkelin das Gefühl der völligen Selbstverständlichkeit vermittelte.

Leider geht es mit dem Clip von da an bergab. Long Story short. Aus dem kleinen pummeligen aber talentierten Mädchen wird ein zarter, hochtalentierter Schwan.

Fakt ist, ohne Essstörung ist das nicht möglich. Auch wenn ich mich als Teenager gestreckt habe und eine wirklich tolle Figur bekam – selbstverständlich fand ich mich selbst immer total dick – so lässt sich der Körper nicht sagen, wie er aussehen soll. Einer der vielen Gründe, weshalb ich nie professionell Ballett tanzen wollte: Ich wusste, dass ich die Nahrungsaufnahme dafür komplett einstellen müsste. Das hat nichts mit Disziplin, sondern mit Wahnsinn zu tun.

Es macht mich unendlich wütend wenn Werbung, Fitness-Gurus, Freunde, Bekannte, Gesellschaft und wer sonst noch suggeriert, es sei möglich.

Und während am Anfang des Clips noch suggeriert wird, dass es sich um eine Kritik am Schlankheits- und Normierungswahn einer Gesellschaft handelt, wird die Geschichte zum Finale runtergekocht auf einen bösen Zickenkrieg.

Ich könnte zur ewig kotzenden Bulimikerin werden, bei dieser elenden Scheiße. Noch schlimmer als dieses perpetuierte Gerede von Körpernormierung, Health und Diät und Clean Food und Sport finde ich Werbung wie diese, die kleine pummelige Mädchen mit Süßigkeiten in den Busch lockt um ihnen dann perfide das Gefühl der Unvollkommenheit suggeriert, das nur durch den Kauf eines Produkts gemildert werden kann.

7 Kommentare, twittern, sharen, plussen

  1. Vielen Dank. Als jemand, die seit Jahren den Hinweis des Kinderarztes geflissentlich überhört, wir sollten auf die Ernährung der Tochter achten (die dasselbe isst wie der Rest der Familie, mal mehr, mal weniger, mehr oder weniger ausgewogen und sich gern bewegt), weil ich nicht der Meinung bin, dass es zu meinen Aufgaben gehört, meinen Kindern zu vermitteln, ihre Körper seien falsch und müssten diszipliniert werden, bin ich dankbar für jeden, der diese Haltung stützt. Es ist nämlich gar nicht so einfach, dem Kind dann ganz unbefangen beim Süßigkeitenessen zuzuschauen. Es wird einfacher, weil auch dieses Kind sich streckt, da schweigt der innere Figurpolizist leichter. Aber dem neulich geäußerten Wunsch nach Ballettunterricht verweigere ich mich unter anderem aus solchen Gründen.

  2. Pingback: Die kaiserliche Woche // KW 44 | Kaiserinnenreich

  3. Genau so ist es.
    Unsere Kinder, beide mit dem üblichen Babyspeck gesegnet, werden auch viel zu oft darauf angesprochen – oder, als sie noch Babys waren, ich. Immer wieder musste ich gegenüber Fremden klar stellen, dass ein rundes Kleinkind nicht mehr und nicht weniger ist, als ein rundes Kleinkind. Obwohl ich sonst keine Erziehungsdinge mit Fremden bespreche, ist es mir dennoch ein Bedürfnis, das vor den Kindern richtig zu stellen. In der Hoffnung, dass meine Zufriedenheit mit ihner Figur ein Polster bildet, um all die schlimmen Verurteilungen abzuschwächen, die ihnen noch begegnen.

  4. Die haben das Kind ausgetauscht, schade.
    Die zuerst so rührende Botschaft, knuddeliges Mädchen möchte tanzen, wird so verdreht, dass es weh tut. Sie wird erst erfolgreich, wenn sie dünn ist und ihre Haare mit Pantene wäscht.
    Menschen gibt es in klein und in groß, in dünn, mittel und dick, und in vielen Hauttönen. Das zu vermitteln wäre ein Ziel.

  5. Schwester, ich höre Dich…. leider. Als Kind war ich – meiner Meinung nach – völlig normal (auch wenn ich mir alte Fotos von mir ansehe, finde ich das immer noch). Unser völlig bescheuerter Kinderarzt war leider nicht der Meinung und sagte meiner Mutter mehrmals in meinem Beisein und völliger Lautstärke, ob sie wisse dass ihr Kind zu fett sei. Meine Mutter, die leider selber überhaupt kein Selbstbewußtsein und eine nicht erkannte Eßstörung hatte, hörte auf ihn und fing an mir ein schlechtes Gewissen zu machen.
    Als Teenager hatte ich dann Magersucht und habe ewig gebraucht, das einigermaßen los zu werden. Aber selbst mit 54 Kg bei 1,72 m war ich nicht total zierlich, sondern hatte eine einigermaße weibliche Figur.
    Manchmal möchte ich wirklich bei dem Arzt vorbeifahren und ihn fragen was er sich dabei gedacht hat.

  6. Ich hatte vor einiger Zeit beruflich mit einer sehr schlanken Frau zu tun. Sie wurde schwanger. Ausdrücklich geplant. Und verbrachte beträchtliche Zwit damit, sich über ihr steigendes Gewicht den Kopf zu zerbrechen. Ob diese gestörte Körperwahrnehmung vor dem Kind Halt machen wird?

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