Foucault, Sex und warum Feminismus gut für alle ist

Ich habe Michel Foucault nie wirklich verstanden, aber ich habe seine Texte zuweilen sehr gern gelesen. Ich kam mir dann immer vor, als würde ich einen mexikanischen Hiphop-Song mitsingen. Ich versuchte, die Wortklänge nachzuahmen, dabei kam ich mir sehr cool vor, aber ich hatte keinen blassen Schimmer, worum es geht.

Hängen geblieben ist bei mir jedenfalls, dass sich Foucault ausgiebig mit Sexualität und Macht befasste.

Als die Geschichte mit Julien Blanc* aufkam, musste ich wieder an Foucault denken und daran, wie stark in unserer Gesellschaft Sexualität und Macht miteinander verbunden sind.

Die Schwierigkeit ist, dass ich ganz oft Schlussfolgerungen lese, die diese schwierige Konstellation zwar aufgreifen aber abstruse Konsequenzen ziehen, die meines Erachtens diese Verbindung noch stärken.

Anders als Foucault kann sich meine Mutter sehr verständlich ausdrücken. Sie wies immer wieder darauf hin, dass man Menschen am besten über ihre Sexualität kontrollieren kann.

Ich bin immer wieder überrascht, was alles als naturgegeben, einzigst richtig oder Gott gewollt verkauft wird. Als gäbe es in Stein gemeißelte Gesetze der menschlichen Sexualität.

Dass diese Methode so gut funktioniert, basiert meines Erachtens auch darauf, dass Sexualität sehr intim ist. Man lässt andere Menschen sehr nah an sich ran, oder ist sehr stark mit sich selbst beschäftigt und vor allem verhält man sich im Rahmen von sexuellen Handlungen oft ganz anders als im Alltag zum Bespiel beim Schmieren einer Stulle. Dazu kommt, dass man häufig selbst darüber verwundert ist, welche Dinge, Worte, Reize einen erregen. Die Verletzlichkeit, die man in einer sexuellen Situation hat, ist sehr groß und deshalb ist es umso verachtenswerter, wenn diese ausgenutzt wird, um eine wie auch immer geartete Ideologie zu etablieren.

Verstärkend kommt hinzu, dass -angeblich zum Schutz der Intimität – ein Schleier der Verschwiegenheit über das Thema geworfen wird. Die Sprachlosigkeit, die wir bei dem Thema haben, ist ein Grundpfeiler jeder Doktrin die Sexualität im Maßnahmenportfolio hat.

Was auf Ebene einer Institution funktioniert, funktioniert auch auf der individuellen Ebene. Und da kommt Julien Blanc wieder ins Spiel.

Von der Sache her sympathisiere ich mit Pick-Up Artists. Die Vorstellung, mit vielen verschiedenen Menschen zu schlafen und das auf kunstvolle Weise, finde ich per se charmant. Nur darum geht es, zumindest Julien Blanc, in erster Linie nicht.

Seine Äußerung, dass man in Japan als weißer Mann mit quasi allem durchkommt – auch wildfremde Frauen auf der Straße zu packen und den Kopf gegen das Gemächt zu pressen – zeigt, dass es hier vor allem um Macht geht. Die Macht, wie ein Alleinherrscher über die Menschen – in dem Fall vor allem Frauen – zu verfügen. Es handelt sich um eine Form von Vergewaltigung, die ohne Konsequenz für den Täter bleibt und das hat mit Lust nichts zu tun.

Natürlich kann Macht ausüben oder sich ihr unterwerfen lustvoll sein, genauso wie für einige Menschen Schmerz oder Demütigung erregend sind, aber hier haben die Beteiligten den Handlungen zugestimmt und sie ggf. auch mitgestaltet.

Deshalb ärgert es mich auch immer wieder, wenn solche Praktiken als Übel dargestellt werden. Mit einem scharfen Messer kann man Brot schneiden aber auch Menschen töten. Der Kontext macht den Unterschied nicht das Messer.

Erzwungener Kuschelsex ist schlimm, freiwilliger brutaler Sex ist es nicht.

Das heißt wenn wieder „Perversionen“, Pornos, die neuen Medien, der Sittenverfall und die „Homoehe“ verantwortlich gemacht werden, für jede Form von sexueller Gewalt, dann ist das völlig am Thema vorbei.

Die bereits lange bestehende gesellschaftliche Situation – mit einer sehr restriktiven Sicht auf die sexuelle Norm – ist es, die es Menschen möglich macht, ohne große Mühe zu vergewaltigen und vor allem ungestraft davon zu kommen.

Man muss sich aktuell nur ansehen, wie die Vergewaltigungsvorwürfe an Bill Cosby oder Woody Allen verpuffen oder jahrelang verpufft sind. Der Punkt ist, Menschen können lustig, künstlerisch brillant und trotzdem sexuelle Gewalttäter sein.

Wir schließen die Augen und hoffen, dass Dr. Huxtable das schon wieder richtet. Und während man so mit geschlossenen Augen vor sich hindämmert, stören die krakeelenden Nervensägen natürlich.

Diese Feministinnen, die einfach nicht locker lassen und tatsächlich fordern, dass die Täter zur Verantwortung gezogen werden. Wenn ich in den Abgrund der menschlichen Seele blicken möchte, lese ich die Kommentare unter Texten, die sich mit den Cosbys, Allens und Blancs dieser Welt befassen.

Die Empörung gilt eben nicht den Tätern, sondern den „angeblichen“ Opfern, die nur aus Gier und Ruhmsucht solche Anschuldigungen erfinden. Und nicht selten sind diese Kommentare gespickt mit sexuellen und körperlichen Drohungen gegenüber den Opfern oder Autoren. Ein quasi sich selbst beweisendes System.

Verantwortlich gemacht werden nicht die Täter, sondern die, die den Staus quo ändern wollen. Die Angst vor der Veränderung und dem Machtverlust ist groß. Dabei würden alle von einer feministischeren Welt profitieren.

Um bei einem Thema zu bleiben, das auch Julien Blanc verstehen würde. Während meiner Zeiten als Single hätte ich durchaus gern mit vielen verschiedenen Männern geschlafen. Es gab zwei Gründe, die mich davon abgehalten haben: a) die Angst, vergewaltigt zu werden (ja man kann sich durchaus während der Anbahnung sexueller Handlungen umentscheiden) und das Wissen darum, dass ich wahrscheinlich weder auf Verständnis für mich noch auf Konsequenzen für den Täter hoffen kann und b) die Angst, als sexuell unnormal zu gelten. Schließlich hätte ich konträr zur allgemeinen Annahme – Frauen können Sex und Liebe nicht trennen und hätten eine weniger ausgeprägte Libido – gehandelt.

In einer Gesellschaft, wie ich sie mir als Feministin wünsche, wären diese Gegenargumente obsolet. Das heißt, all die verunsicherten Jungs und Männern müssten keine Seminare mehr buchen, wo sie lernen, wie man Frauen aufliest. Sie würden womöglich ohne große Show Sex mit Frauen haben können, die einfach gerade Lust haben. Die Angst, die richtige Partnerwahl und sei es auch nur für eine Nacht, treffen zu müssen, wäre wesentlich geringer, wenn Sex nicht auch oft als Machtspiel verstanden würde.

Wenn Menschen aus Scham und Angst vor einer schlechten Reputation oder Angst davor, die körperliche Integrität zu verlieren, lieber kein Risiko eingehen, ist es schwieriger einen Partner fürs Schäferstündchen zu finden. Wenn aber Sexualität so gelebt werden kann, wie es dem tatsächlichen Bedürfnis der jeweiligen Person entspricht (egal ob gar nicht, wenig, mittel oder stark), würde die ganze Jagd nach Röcken überhaupt keinen Sinn mehr machen und Sexualität und Macht könnten langsam aufgelöst werden.

Und nein, Sex würde dadurch nicht langweiliger. Wer behauptet, dass der Thrill in der Eroberung liegt hat vergessen, dass man bei den diesbezüglich schönsten Erlebnissen bereits lange vorher der Eroberung zugestimmt hat. Damit hatte sie nichts mit Macht, sondern nur mit Lust zu tun.

*Wer Näheres dazu lesen möchte, kann zum Beispiel diesen oder diesen Text lesen oder dieses Video ansehen.

5 Kommentare, twittern, sharen, plussen

  1. Hey-

    ich finde auf der Basis kann das Gespräch darüber, warum es nicht so ist, beginnen. Aber mein Eindruck ist nicht, daß die Freiheit von Kontrolle von Sexualität im Moment ein primäres feministisches Anliegen ist. War es mal, eine kurze Zeit, zwischen der zweiten und der dritten Welle. Aber im Moment? Im Gegenteil, da werden doch überall Stellschrauben eingezogen, die männliche Sexualität moralisch und politisch kontrollieren sollen. Antioch. Privilege, rape culture, Definitionsmacht, usw. Was, wenn die Etablierung von Kontrollinstrumenten von männlicher Sexualität *und damit der von heterosexueller weiblicher* ist denn der Versuch, diese Strukturen als gesellschaftliche Strukturelemente zu etablieren und sich die Definitionshoheit darüber zu sichern (perfiderweise ja weil der ganze Diskurs genau *entlang* bisheriger Stereotype verläuft und die männlichen Kommentatoren des zweifelsohne immer noch männlich geprägten Mainstreams ganz sicher kein Interesse haben, sich selbst als schwach oder als von Genderproblemen betroffen zu geben – ist ja furchtbar unsexy – während solche Schwäche für Frauen eben kein Problem ist, weder individuell noch kolletiv)?

    Foucoult hat sicher eine ganze Menge selbstrechtfertigendes Zeug geschrieben. Aber wo er Recht hat, hat er Recht.

    Die andere Seite (der Kommentar, der Text und noch viele andere auf der Seite): http://clarissethorn.com/2011/04/03/storytime-fear-loathing-and-sm-sluthood-in-san-francisco/#comment-4681

  2. „Anders als Foucault kann sich meine Mutter sehr verständlich ausdrücken. Sie wies immer wieder darauf hin, dass man Menschen am besten über ihre Sexualität kontrollieren kann.“

    Kann man nicht. Genauer, kann man nicht bei den Menschen, die zu kennen am meisten lohnt. Wenn man das bei Menschen kann, handelt es sich um die ohne eigene inneren Halt und mit zu wenig Selbstachtung.

    Gruss,
    Thorsten Haupts

  3. Pingback: Vorweihnachtslinks 1. Teil | Journelle

  4. Ich warte schon seit Jahren darauf, mal irgendwo zu lesen*, das die Abschaffung des „Schlampen“-Gedankens (Frau hat gerne viel Sex) eigentlich allen gefallen müsste, WEIL DANN MEHR FRAUEN GERNE VIEL SEX HABEN. Irgendwie wird dieses Bild trotzdem immer weiter hochgehalten. Jeder sexuell an Frauen interessierte Mensch müsste allein aus dieser eher marktwirtschaftlichen Überlegung heraus schon Feminist sein. Vielleicht ja auch irgendwann aus Überzeugung/Gewohnheit. Danke für den Text.

    *Das der Gedanke wahrscheinlich so neu nicht ist, dämmert mir, ich Suche wahrscheinlich falsch.

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