Schneewittchen in der Grube

Vor ein paar Wochen hatte ich einen Tag frei. Der Morgen verlief so harmonisch wie schon lange nicht mehr. Ich brachte ich Kinder gut gelaunt zu Schule und Kita, holte sie entspannt ab, kutschierte sie zu Freunden und Sport. Die Wohnung sah ordentlich aus, die Wäsche war gewaschen und zusammengelegt, alle Grundnahrungsmittel waren da und ich hatte das erste Mal seit langem das Gefühl, mein Leben einigermaßen im Griff zu haben. Abends sagte ich dem Mann, dass ich mir mittlerweile gut vorstellen kann, ein Leben als Hausfrau zu führen.

Hausfrau und Mutter ist ein Job und zwar einer, der wirklich deutlich anspruchsvoller und anstrengender ist als sein Ruf. Und ich verstehe Beziehungen, die sich entscheiden, dass ein Partner (in 98% der Fälle sind es nach wie vor Frauen) Vollzeit zu Hause bleibt und der andere Vollzeit arbeitet. Wenn das Gehalt passt, ist diese Aufteilung nach wie vor die bequemste.

Aber er ist eben auch weit weg von Gleichberechtigung und Wahlfreiheit für Frauen.

In einem Text von Anna Papathanasiou stieß ich auf den Begriff der Schneewittchen, gut ausgebildete Frauen, die sich wegen der Kinder bewusst und freiwillig gegen Karriere und für Familie und ein Hausfrauendasein entscheiden. Ich mochte an dem Text, dass Papathanasiou Verständnis für die Entscheidung hat, aber eben auch die Frage stellt, wie feministisch dieser Weg ist.

Entgegen einiger Behauptungen in den Kommentaren bin ich nämlich auch der Meinung, dass es hier nicht um eine freiwillige und persönliche Wahl geht, sondern die Berufung auf alte Verhaltensmuster. Ein Weg der einfacher ist, als neue Wege zu suchen, auszuprobieren und zu erstreiten.

Eine alleinerziehende Mutter (oder Vater) hat diese Wahl beispielsweise gar nicht. Selbst wenn sie aus tiefster Überzeugung heraus zu Hause bei ihren Kindern bleiben möchte, kann sie dies ohne ein bereits vorhandenes Vermögen nicht umsetzen. Als Mutter verdient man kein Geld und kann ohne private Vorsorge – nicht wirklich mit einer Rente über Hartz-4-Niveau rechnen. Geld zu verdienen ist hier also kein gewählter Lifestyle, sondern schlichte Notwendigkeit.

Und dann gibt es auch noch die Familien, die einfach zwei Gehälter benötigen. In meinem Umfeld machen diese die Mehrheit aus. Man kann uns als kapitalistische Konsumisten beschimpfen, die unbedingt einmal im Jahr eine Urlaubsreise machen müssen, einen großen Fernseher, modische Kleidung und eine Wohnung in der Nähe des Stadtzentrums haben möchten, aber in vielen Fällen sind das leider nicht die einzigen Einschränkungen, die man mit einem einzigen Familiengehalt hätte. Das wird leider viel zu oft vergessen, wenn man in einer anderen Gehaltsklasse schwebt, als 80% der Bevölkerung.

Die Entscheidung für ein Dasein als Hausfrau und Mutter hat also nur für einen relativ elitären Kreis tatsächlich was mit freier Wahl zu tun.

Ebenfalls problematisch finde ich, dass die Diskussion die Lager weiter trennt, statt nach dem gemeinsamen Nenner zu suchen.

Als eine Frau die 30 Stunden wöchentlich arbeitet, zwei Kinder hat und mit einem Mann verheiratet ist, der sich stark in das Familienleben einbringt und zudem zeitlich sehr flexibel ist, lebe ich ein sehr komfortables Leben. Trotzdem habe ich das Gefühl, dauerhaft der Zeit hinterherzulaufen und zwischen 6 00 und 20 30 etwa 6 Bälle gleichzeitig zu jonglieren. Die logistischer Meisterleistung unseres Alltags bricht zusammen, sobald ein Kind krank wird und ich bin mir mittlerweile im Klaren darüber, dass ich keine Karriere machen werde, es sei denn ich investiere wöchentlich 40 Stunden und mehr und wechsle den Job.

Mein Leben hat etwas von einem Langstreckenschwimmwettbewerb in dem es primär darum geht, nicht unterzugehen.

Und ich glaube, so geht es den meisten Frauen mit Familie. So lange es also nicht ein bedingungsloses Grundeinkommen gibt – das ich sehr befürworte – stehe wir im Graben zwischen den wenigen, die es tatsächlich geschafft haben, fünf Kinder und eine Karriere zu vereinbaren und denjenigen, die proklamieren, dass die Mutter sich doch Bitteschön auch voll und ganz um die Kinder kümmern soll, die sie in die Welt gesetzt hat.

Das Lustige ist ja, dass sich keine Gruppe verstanden fühlt, keine hat das Gefühl, dass die Arbeit und Energie die sie investiert, Wertschätzung findet. Jede fühlt sich von dem einen oder anderen Lager in ihrem Lebensentwurf angegriffen.

Und während ich genervt bin, von den medial gehypten Karrieremüttern, die beim Schwimmwettbewerb strahlend vorbeiziehen und den Müttern, die am Rand stehen und vorwurfsvoll dreinblickend die Stullen schmieren, stelle ich mir die Frage, warum wir Zeit damit vergeuden, an einen Wettbewerb der Lebensentwürfe teilzunehmen.

Ich denke ein Hauptgrund ist das Bedürfnis als gute Mutter anerkannt zu werden. Man muss sich nur Maria anschauen und weiß, dass die Mutter in der abendländischen Kultur eine zentrale Rolle spielt. Während nur wenige Männer wie Josef oder Jesus sein wollen, wurde „die Maria mit Kind“ zur Blaupause des weiblichen Daseins. Noch heute können sich wenige Menschen vorstellen, dass eine Frau bewusst keine Kinder möchte und junge Frauen werden – wie neulich in der Zeit – ausschließlich auf ihre Beziehungs- und Familienverweigerung hin analysiert. Frausein wird gleichgesetzt mit Muttersein. Wer eine gute Frau sein will, muss zu allererst eine gute Mutter sein.

Aus diesem Anspruch können wir uns kulturell nur sehr schlecht lösen. Und schon befinden wir uns in einem aufreibenden Konflikt zwischen diversen Modellen des „guten“ und „richtigen“ Mutterseins, als wäre die Herausforderungen des Alltags nicht schon groß genug.

Insofern würde ich das Modell der Schneewittchen als grob fahrlässig bezeichnen, weil eine Person in der Partnerschaft dadurch in ein ökonomisches Abhängigkeitsverhältnis gerät. Die Entscheidung dafür ist aber nicht unfeministisch und geht – außer den Beteiligten – niemanden etwas an.

Die Diskussion sollte also nicht die Modelle bewerten, sondern nachhaken, warum das Mutterbild ideologischen so aufgeblasen ist und wie wir das anstrengende Langstreckenschwimmen gemeinsam meistern können.

10 Kommentare, twittern, sharen, plussen

  1. In irgendeinem Buch fand ich mal die Aussage, dass man Männer in Väter und Söhne einteilen kann, wobei die Väter so grob das konservative Element darstellen sollten und Söhne das liberale, rebellische. Da wurden Josef und Jesus als Beispiel dafür herangezogen, dass es so ist.
    Zurück zu den Schneewittchen: Es fehlt eine Einteilung in „Mütter und Töchter“, obwohl ich generell Probleme mit binären Einteilungssystemen habe (aber die 3er Einteilung Maid, Mutter, „alte Schachtel“ bringt uns hier auch nicht weiter ^^). Und finde ich gar nicht, dass in der Weihnachtsgeschichte speziell auf Maria eingegangen wird. Ihr Geburtsbericht ist mir nie unter die Finger gekommen, ich kann mich auch nicht erinnern, ob später von mehr Kindern, die sie sicher hatte irgendwo die Rede ist, vor welche Erziehungsprobleme Jesus sie so stellt, wie sie miteinander umgehen, nachdem er so bekannt wird…

  2. Pingback: Bye, bye 2014 | Nichtmädchen

  3. Pingback: Warum das Schneewittchendasein doch keine ganz private Entscheidung ist | Quadrat im Kreis

  4. Die Darlegung, in wie vielen Fällen die Entscheidung nicht möglich ist, finde ich gut. Mir fehlt aber die Einbeziehung des Modells Vaterrolle im Sinne von zu Hause bleiben und Doppelbelastung. Meiner Meinung nach liegt es auch viel an den Menschen, sich ständig bei allem zu vergleichen und einen Wettbewerb liefern zu wollen. Nichtsdestotrotz sollten wir uns für ein unabhängiges Grundeinkommen engagieren.

  5. Hallo

    Normalerweise mag ich Deine Artikel ja. Aber dieser hinterlässt mir einen ganz schalen Geschmack. Im Jahr 2014 fand die Konferenz Care Revolution statt und viele kluge Leute machen sich Gedanken zu diesem Thema. Es gab viele tolle Texte zu dem Thema. Und so wenig von den guten Ideen und Überlegungen finde ich in Deinem Text und statt dessen so viel der altbekannten neoliberalen Argumente. Ich bin echt nicht sicher, ob das Modell der Hausfrau tatsächlich nur noch was für die Elite ist, weil alle übrigen es sich nicht leisten können. Grade Frauen in schlecht bezahlten „Frauenjobs“ überlegen doch drei mal, ob sie wieder arbeiten gehen. Krankenpflegerinnen oder Verkäuferinnen haben schwierige Arbeitszeiten und verdienen teilweise so wenig, dass es mit Hartz IV kaum weniger ist. Und immer wieder begegnet mir dieser unterschwellige Neid auf Frauen mit reichen Männern, die sich in „Selbstverwirklichungsprojekte“ stürzen, während andere vom Alltag zwischen Beruf und Kindern zerrissen sind. Warum nicht den begründeten Neid auf diejenigen richten, die es verdient haben: völlig überbezahlte Typen, die vorwiegend skrupellose Entscheidungen treffen. Wo ist denn hier die Kritik am Arbeitssystem? Wenn Du 70 h pro Woche für eine Karriere arbeiten musst, dann hast Du de facto keine Zeit für eine Familie, egal ob Mann oder Frau. Und das müsste ja nicht so sein. In Schweden arbeiten sie an der Herabsetzung der Arbeitsstunden pro Woche.
    Ich verstehe schon, was Du an der Ideologie der Mütterlichkeit kritisierst. Aber wo bleibt die Kritik am Arbeitsmarkt, der ja nach der vollen Verfügbarkeit von Müttern verlangt, nicht etwa weil er sie in Experten- und Spitzenpositionen bringen will, sondern weil Frauen und weiblich konnotierte Arbeiten nach wie vor wesentlich schlechter bezahlt werden können. Und weil ein Überangebot an Arbeitskräften und eine hohe Arbeitslosenquote in der Tendenz dazu führt Arbeitsrechte und gewerkschaftliche Forderungen zu begrenzen. Und wo die abgesessen Stunden für eine Karriere mehr zählen, als konstruktive Leistung. Wo ständige sinnlose Meetings (gern zu abendlichen Unzeiten) langsam zu solch einem Problem werden, dass zynische Menschen den begründeten Verdacht schöpfen, dass sie einen massiven volkswirtschaftlichen Schaden anrichten. Wo Arbeitsdokumentation und Controlling einen bedeutenden Teil der Arbeitszeit auffressen, weil das Bedürfnis nach Kontrolle von oben nach unten immer stärker wird. Ist z.B. die Pflege wirklich besser geworden dadurch, dass dort jetzt jeder Schritt dokumentiert wird, im Gegenzug jedoch der Personalschlüssel runtergesetzt wurde? Früher dachte man, Burn Out sei vornehmlich ein Problem von Managern. Heute wird immer mehr klar, wie stark betroffen davon Angestellte in den untersten Bereichen sind, etwa in der Altenpflege. Denn sie haben einen hohen Druck und nur sehr wenig Entscheidungsspielraum. Und genau diese beiden Faktoren erscheinen mir typisch für viele „Frauenjobs“, sogar im höher qualifizierten Bereich. Ich glaube der Arbeitsmarkt ist unattraktiv für viele Frauen, weil ihre Arbeit wenig Anerkennung findet und sie dennoch in hoher Verantwortung stehen. Ein Spitzenmanager dagegen kann es total verbauen und findet trotzdem eine gute neue Stelle. Ich denke, dass Frauen sich deshalb im Haushalt und als Mutter oft so wohl fühlen, weil sie dort tatsächlich Gestaltungsspielraum haben. Ich bin auch sicher, dass Autorität vor allem dort in Frage gestellt wird, wo Frauen sie ausüben: als Mutter, als Kindergärtnerin, als Grundschullehrerin. Die umfassenden Reformen von autoritärem zu bindungsorietiertem Verhältnis stehen wohl für die meisten Männerdomänen noch aus. Aber immer wieder finden wir das Beklagen von „weiblicher Hegemonie“ in der frühen Kindheit. Das liegt doch nicht daran, dass Hegemonie als solche kritisch gesehen wird, sondern daran, dass sie einfach nicht weiblich sein darf.

    So viel von mir
    Liebste Grüße
    Esther

  6. „Die Entscheidung dafür (…) geht – außer den Beteiligten – niemanden etwas an.“
    „nachhaken, warum das Mutterbild ideologischen so aufgeblasen ist“

    Ja gut, aber wenn die Entscheidung niemanden etwas angeht, warum lassen sich Frauen überhaupt von der Gesellschaft und konkreten Personen im Umfeld und auf dem Spielplatz unter Druck setzen?
    Das Mutterbild wird ja nicht im Luftleeren Raum aufgeblasen, sondern von allen, die sich entweder in Mutterbelange einmischen oder sich in ihre Mutterbelange hineinreden lassen. Ersteres funktioniert nur, weil Letzteres so einfach möglich ist. Eine vergleichbare gesellschaftliche Debatte um männliche Lebensentwürfe gibts nicht. Ganz einfach deshalb, weil Männer sich einen Dreck drum scheren, was andere sagen, und es ziemlich sinnfrei ist, ihnen in ihr Leben reinreden zu wollen. Sie machen einfach ihr Ding.
    Christlicher Herkunft kann die Ursache nicht sein, denn in Frankreich, Skandinavien oder Ostdeutschland ist das Mutterbild nicht aufgeblasen. Es muss eine andere Ursache haben, dass Frauen im Westen Deutschlands mit dem Mutterbild erpressbar sind.

  7. Als Mutter mit 40+ Job hinterlässt diese Debatte mich einigermaßen ratlos. Ich lese allerorten, es sei kaum möglich, einen anspruchsvollen Job und die gesellschaftlichen Ansprüche an eine Mutter zu erfüllen, empfinde das selbst aber selten so und höre es auch in meinem (durchweg berufstätigen) freundschaftlichen Umfeld selten. Natürlich ist es anstrengend, sehr verdichtet zu arbeiten, dann (bei mir zweimal die Woche) zur Kita zu radeln, zu kochen, abends weiterzuarbeiten und mit derzeit drei Babysittern und zwei Omas herumzujonglieren, bis alles passt. Es war aber weitaus anstrengender, als Berufsanfängerin 70+ Wochenstunden zu rackern. Ich habe als sehr junge Anwältin teilweise an Projekten gearbeitet, bis ich nicht mehr lesen und kaum noch heimfahren konnte. Da geht heute viel über Routinen. Diejenigen, die das ganz anders empfinden, haben vielleicht schlicht nicht die Tätigkeit, die ihnen soviel Freude macht, dass es die Anstrengung aufwiegt?

    Umgekehrt muss man sich auch nicht jeden Stress machen. Dann gibt es eben gekauften Kuchen, keine selbstgebastelten Geburtstagseinladungen, und zum Kitafest schafft es eben nur entweder Mutter oder Vater. Da sehe ich eigentlich kein Problem.

  8. vielleicht kann frau sich auch vorm Gebären überlegen, ob sie am Langstreckenschwimmwettbewerb überhaupt teilnehmen möchte … ist aber scheints ohne Y-Chromosom nicht so leicht wie mann sich das vorstellt.

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