Inneneinsichten einer Extrovertierten

Meine Timeline spült mir immer wieder Texte an, in denen es darum geht, wie schwer es introvertierte Menschen haben oder wie wichtig sie für den Fortbestand der Kreativität sind.

Ich lese diese Texte sehr interessiert aber auch sehr verwundert. Denn seit meiner Geburt bin ich extrovertiert und bis jetzt (fast vier Jahrzehnte) konnte ich nicht feststellen, dass mir dies zu irgendeinem Vorteil verholfen hätte. Im Gegenteil.

Womöglich liegt es daran, dass ich seit fast 10 Jahren in Hamburg lebe. Eine Stadt, die alles auffällige und extrovertierte erst einmal skeptisch beäugt. Aber selbst im Rheinland hatte ich nie das Gefühl, einen Vorteil aus meiner Veranlagung ziehen zu können. In Italien und den USA war meine Extrovertiertheit tatsächlich ein kleineres Problem. Das führe ich aber darauf zurück, dass in beiden Ländern die Bereitschaft größer ist, Menschen erstmal so hinzunehmen, wie sie sind.

Das Problem an der Extrovertiertheit ist, dass man sich viel mehr exponiert als andere Menschen. Das resultiert nicht unbedingt aus reinem Geltungswillen, sondern schlicht aus der Unfähigkeit, Dinge, die einem in den Kopf kommen, nicht gleich auszusprechen oder auszuprobieren.

Wer aber viel redet und auch Dinge von sich gibt, die zuvor keinen Kontrolldurchgang hatten, läuft Gefahr Sachen zu sagen, für die man sich dann ein Loch im Erdboden wünscht.

Während die Herausforderung für Introvertierte ist, sich der Außenwelt zu öffnen, ist die der Extrovertierten auch mal die Türen zu schließen.

Eine Herausforderung, an der ich regelmäßig scheitere und die mich sehr viel Kraft und Disziplin kostet. Nach jeder Party – vor allem wenn ich dabei Alkohol konsumiert habe – frage ich mich, ob ich nicht zu viel geredet habe, ob ich versehentlich jemanden verletzt habe oder über Dinge gesprochen habe, die mir nahestanden Personen peinlich sein könnten.

Als ich mit einer Freundin mal über das Dicksein sprach meinte sie, den Leuten würde eigentlich nie meine Figur auffallen. Sie würde eher auf meine Art angesprochen werden. Diese wird in den meisten Fällen zunächst als befremdlich wahrgenommen (mit der Zeit gewinne ich dann doch den ein oder anderen Sympathiepunkt).

In meiner Schule gab es einen Jungen, den ich sehr anziehend fand. Ich war fasziniert davon, dass er so wenig sprach und projiezierte viel Geist und Humor in ihn. Auf einer Party unterhielten wir uns dann tatsächlich mal etwas länger und in mir breitete sich gähnende Langeweile aus. Ich eigne mich nicht als Projektionsfläche, ich trage meine Persönlichkeit auf der Zunge und selbst wenn ich schweige, kann man unschwer alles in meinem Gesicht ablesen. Setzen Sie nie beim Poker auf mich.

Dank dieser Unfähigkeit bin ich also der auffallende Gast. Und ja, es kann passieren, dass ich mich im Zentrum des Gesprächs befinde. Das liegt aber auch daran, dass diese Rolle sehr gern den extrovertierten Menschen zugeschoben wird. Wenige Menschen machen sich nämlich gern zum Affen.

Letztes Jahr war ich auf dem Konzert von Robbie Williams und sicherlich kann man ihm vorwerfen, eine geltungssüchtige Rampensau zu sein, aber seine Show war einfach grandios. Ich wurde einen Abend lang bestens unterhalten. Ich vergaß mein Leben und genoß es, dass sich ein Mann bis aufs Letzte veräußerte und exponierte, um eine ganze Arena zu unterhalten.

Der Extrovertierte braucht also ein Publikum, das ihn und seine Art erträgt und der Introvertierte kann die Show genießen. Dazwischen gibt es dann noch drei Milliarden Abstufungen. Aber am Ende ist es doch so: wir haben alle ein schweres Leben. Und anstatt Verständnis für die eigenen Befindlichenkeiten einzufordern, können wir doch einfach froh sein, dass wir alle anders sind und es mal mit dieser Akzeptanz probieren.

11 Kommentare, twittern, sharen, plussen

  1. Ich gehöre zu den Introvertierten und empfinde das nicht als Last. Abgesehen eben davon, wie du schreibst, dass eins sich manchmal darin erinnern muss, sich mitzuteilen.
    Aber viel wichtiger: Ich gehöre zu den Menschen, die die Shows der alltäglichen Darbietungen der Extrovertierten sehr genießen. Während andere die Augen rollen und leise zu zischen beginnen, beginne ich mich zu amüsieren. Im Kolleginnenkreis ernte ich oft Unverständnis, wenn ich ein Tratschgespräch damit beende, dass ich sage, bei mir gibt es Sympathiepunkte für Unterhaltung, die werden mit den negativen Auffälligkeiten verrechnet.

    Aber meine Beobachtung ist auch, dass gerade die extrovertierten Menschen sich schwer tun, sich gegenseitig zu akzeptieren. Nach deinem Eintrag denke ich darüber nach, ob das vielleicht von diesem leicht schlechten Gewissen kommt, das sie mit sich tragen. Nach dem Motto, ich bin zwar extrovertiert aber doch nicht auf diese Art. Die ist doch viel schlimmer.

    Jedenfalls bin ich ganz klar deiner Meinung: Ihr Extrovertierte lasst so manches Mal die Sonne aufgehen.

    Und die Fettnäpfchen, nun ja, in die treten Introvertierte auch.

  2. ich finde ja, dass extrovertiertheit auch eine art von versteckter introviertiertheit ist. so nach dem motto: ich erzähle allen alles, kehre mein innerstes nach aussen, dann bin ich unangreifbar. ich quatsche alle an die wand dann kann mir keiner mehr was. die denken dann, sie wissen jetzt alles über mich (was natürlich nicht stimmt) und lassen mich in ruhe.

    bei mir funktioniert das zumindest so. schweigsamkeit missinterpretiere ich häufig als etwas negatives (irgendwas wird sozusagen bewusst zurück gehalten) das kann ich nur schwer ertragen. da springt dann automatisch mein entertainment-modus an, der mir selber aber garnicht unbedingt spass macht. klar, einerseits mag man sich nicht langweilen oder erträgt die depri-stimmung nicht aber andererseits ist es eben auch anstrengend.
    aus diesem grund umgebe ich mich mittlerweile lieber mit menschen die eine ähnliche mentalität haben wie ich weil ich dann nicht ständig im entertainment-modus sein muss und mich auch mal enspannen kann. ich lehn mich dann auch mal zurück und halte mal den mund.
    ich kann mir sogar vorstellen, dass mich manche meiner extroviertierten freunde für introviertiert halten.

    andersherum würde ich mich zwar als extrovertiert bezeichnen, halte mich aber für schüchtern, was auch keiner nachvollziehen kann. als kind war ich, wohl anders als du, ausserhalb von meiner familie extrem schüchtern. in meiner familie eine labertasche wie auch heute noch aber ausserhalb hab ich nie den mund auf bekommen. eine lehrerin von mir wusste in der 4ten klasse noch nicht dass ich in ihrem unterricht war.
    und ich kann auch bei anderen extroviertierten manchmal sone art schüchternheit fühlen.

  3. Sehr schöner Eintrag in dem ich mich absolut wiederfinde. Vorallem die Beschreibung von dem Morgen nach der Party, ruft so einige Erinnerungen wach.
    Merke: alle haben es schwer und mit ein bisschen Akzeptanz und Einfüllugsvermögen kann man viel gewinnen.

  4. Ich bin wahrscheinlich eher intro- als extrovertiert aber die Darstellung von Extrovertierten (wobei ich die dichotome Unterscheidung als ziemlich unsinnig ansehe, ich lass es aber mal der Lesbarkeit halber so…) hat mich immer in den bekannten und beliebten Introvertiertheitsbüchern und -vorträgen unheimlich genervt. Extrovertierte Menschen werden dort,mindestens implizit, meist als hohle Tölpel, die ein mangelndes Innenleben mit übersteigertem Aufmerksamkeitsdrang kompensieren, dargestellt und ich finde es gut, dass dem mal wiedersprochen wird.

    Ob wir alle so ein schweres Leben haben…naja. Momentan lese ich ein ziemlich gutes Buch von Michael Foley (The Age of Absurdity) der beschreibt, dass es heutzutage eine weitverbreitete Tendenz von Gruppen gibt, sich im Kampf um die moralische Überlegenheit irgendeinen Opferstatus zuzulegen. Dann hat man plötzlich Männerrechtler die Feministische Blogs heimsuchen, um dort Privilegienvorwürfe mit Selbstmordstatistiken dem Opferwettbewerb zu entschärfen.
    Extrovertiertheit hat bestimmt nicht nur Vorteile aber gerade in Branchen in denen Networking (bzw. Vitamin B ganz allgemein ) von großer Bedeutung ist, ist das ganz sicher der Fall. Wir sind wahrscheinlich nicht alle Opfer aber garantiert alle gegenüber unseren eigenen Bevorteilungen blind.

  5. Pingback: Markierungen 03/08/2015 - Snippets

  6. Schön, mal etwas dazu von der anderen Seite des Zauns zu lesen. Die ganzen Vorurteile über beide Seiten sind ja, wie das meistens bei Vorurteilen ist, wenig hilfreich. Weder sind stille Wasser durchgehend tief noch sind Menschen, die binnen zwei Minuten „den Laden in Stimmung“ können, notwendigerweise oberflächliche Luftpumpen. Es wäre so hilfreich, wenn wir diese und andere unserer Eigenschaften auf Knopfdruck bei Bedarf zu- oder abschalten könnten! So bleibt uns nichts, als uns stetig zu bemühen und von den anderen etwas zu lernen. Danke für diese Gelegenheit!

  7. Interessanter Artikel, der zum Nachdenken anregt! Ich hatte ein paar Mal Besuch von einer Frau um die 70, mit der ich dann immer durch die Stadt spazierte. Es war unglaublich für mich: sie ging keine 20 Meter, ohne mit irgendwem ins Gespräch zu geraten! Sie war charmant und spontan, wie ich noch nie jemanden mitbekommen hatte – und ihr „Ansprechen“ von Fremden wirkt irgendwie so selbstverständlich. Sie eckte nicht etwa an, wie ich es erwartet hatte. In Ladenzeilen lief sie zu Hochform auf, kommentierte die Waren und die Anproben anderer, parlierte mit Verkäuferinnen und Kundinnen, als wären das alles gute Freunde…

    Ich empfand das als ziemlich toll, aber auch etwas anstrengend. Sie lebt allein, scheint aber mit aller Welt „on demand“ in Kontakt kommen zu können. Beeindruckend!

  8. Ich hatte dir gar nicht für diesen Artikel gedankt. Also jetzt: Danke, dass du mal aufgeschrieben hast, was ich auch schon oft gedacht und gefühlt habe.

  9. Ich bin eher introvertiert und bin immer heilfroh, wenn ich Extrovertierten begegne, weil die mir die Arbeit des Kennenlernens abnehmen. In Unterhaltungen einklinken und dann Beiträge leisten kann ich ganz gut, aber selbst starten…

    Das mit den „Extrovertierten habens leichter“ kommt bestimmt von diesem „jeder ist sich seiner selbst PR-Mann“-Gedanken. Mein Vorurteil über diese Gesellschaft sagt mir auch, dass sich freiwillig exponierende erst einmal skeptisch beäugt werden.

  10. Huhu und danke für den feinen Artikel!

    Als Introvertierter definere ich die beiden Begriffe anders und würde das gerne noch in die Diskussionsrunde werfen:

    Extrovertiert heißt für mich:
    Menschen, die in Gesellschaft anderer neue Energie hinzugewinnen und die nicht gern alleine sind.

    Introvertiert:
    Menschen, denen Gesellschaft anderer Menschen Energie entzieht und die alleine und in Ruhe ihre Akkus wieder aufladen können.

    Trotzdem können auch introvertierte Menschen bsw. auf einer Bühne das Haus rocken, oder auch die Partygesellschaft unterhalten.
    Nur: Das kostet sie eben Anstrengung und bei Extros ist es umgekehrt :)

  11. ich bin mir nicht sicher, ob hier mit dem begriff „extrovertiert“ korrekt umgegangen wird und schließe mich Alex‘ aussage an.
    ich selbst würde mich als introvertiert bezeichnen. Ich mag es nicht, im mittelpunkt zu stehen oder zu viele menschen um mich zu haben (manchmal mehr, manchmal weniger). aber ich rede auch, wie im artikel beschrieben, einfach drauf los ohne groß nachzudenken. und stelle mir oft danach die frage, wie doof ich wohl diesmal rübergekommen bin, weil ich ungefiltert – also auch ohne kontrolldurchgang – rede oder handle.

    hier mal ein (wie ich finde) interessanter artikel dazu:
    https://www.fastcompany.com/3016031/leadership-now/are-you-an-introvert-or-an-extrovert-and-what-it-means-for-your-career

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Sie möchten einen Kommentar hinterlassen, wissen aber nicht, was sie schreiben sollen? Dann nutzen Sie den KOMMENTAROMAT! Ein Klick auf einen der Buttons unten trägt automatisch die gewählte Reaktion in das Kommentarfeld ein. Sie müssen nur noch die Pflichtfelder „Name“ und „E-Mail“ ausfüllen und den Kommentar abschicken

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.