Hoffnungslosigkeit in Serie

Spoiler Alarm: Aus dem Text gehen Informationen über die Handlung der 5. Staffel Game of Thrones hervor.

Irgendwann habe ich aufgehört mir Filme und Serien ohne vielschichtige weibliche Rollen anzugucken. Beispielsweise verweigerte ich mich The Wolf of Wallstreet mit Leonardo di Caprio. Ganz ehrlich, wer von mir Geld für Eintritt, DVD oder Streaming Dienst haben möchte, muss einfach mehr bieten, als das ewig gleiche Narrativ von Männer mit Pistolen und/oder Geld und jungen, hübschen Frauen ohne Sprechrolle im Arm.

Genauso wenig habe ich Lust auf romantische Komödien, wo Frauen zwar mehr reden aber das Geschlechtsbild oft direkt aus den 50ern in eine aktuelle Kulisse gebeamt wurde.

Selbst bei Pornos habe ich keinen Bock mehr auf einen POV (Point of View) der gar nicht meiner ist.

Glücklicherweise erscheinen und erschienen immer wieder Filme, die anders sind. Aber immer mehr werden Serien zu dem was lange Jahre (gute) Filme für mich waren.

Bei Filmen konnte ich immer ganz besonders gut in andere Dimensionen abtauchen. Gleichzeitig waren sie für mich kulturelle Spiegelung der Welt, die mir im besten Fall auch neue Horizonte eröffneten und Ideen implementierten.

Auch wenn meine Serieninitialzündungen 24 und Sex and the City heute geradezu altbacken wirken, ist die positive Schlussfolgerung doch: in den letzten 10-15 Jahren hat sich das Serienformat ganz wunderbar entwickelt. An vielen Stellen – für mich – sogar schneller und besser als der Kinofilm. Orange Is the New Black, The Good Wife, The Americans sind da sicherlich mit die besten Beispiele für kluge, unterhaltsame Serien mit einem angenehm ausgeglichenen Geschlechtsverhältnis, die dem Zuschauer auch mal zutrauen, über den Rand einer platten schwarz-weißen Sicht auf die Welt oder Standard-Ästhetik zu gucken.

Seit fünf Staffeln Game of Thrones frage ich mich, wie passt diese Serie in mein Muster? Umso mehr nachdem ich neulich Jill Pantozzis Text We Will No Longer Be Promoting HBO’s Game of Thrones las.

Games of Thrones spielt in einer Art Fantasy-Mittelalter. Die Welt ist patriachtisch geordnet, dauernd sieht man nackte Frauen und es wird gekämpft, gequält und auch gern vergewaltigt. Kaum hat man einen Charakter lieb gewonnen, stirbt dieser und die Intrige gehört zum guten Ton.

Als Utopie für eine andere Gesellschaftsordnung eignet sich Game of Thrones in etwas so sehr wie der Vatikan für den Schutz von Kindern.

Und auch das Genre ist sonst gar nicht meins. Theoretisch ähnelt das Ganze ein wenig dem Herrn der Ringe. Allerdings hat mich der Ring-Kram stets aggressiv gelangweilt. Der Pathos, die fehlende Handlung, die ewigen Schlachten und Kämpfe, die lahmen Abenteuer und die eindimensionalen Charaktere konnten nie Sympathie- oder Emotionspunkte bei mir gewinnen.

Mit 11 oder 12 Jahren schaute ich mit meinen Eltern mal eine Miniserienadaption von Solschenizyns Der erste Kreis der Hölle. Ich erinnere mich kaum an die Handlung aber ich erinnere mich gut an das vermittelte Gefühl der absoluten Hoffnungslosigkeit. Daher hat sich mir auch der Spruch „Wirklich frei ist nur der, der keine Hoffnung mehr hat“ eingebrannt.

Ähnlich geht es mir auch bei Game of Thrones. Kein Charakter ist sicher, sobald etwas schönes passiert, kann es im nächsten Moment weg sein. Hoffnung auf Besserung ist zwar stets in Sicht aber mit einem Wimpernschlag wird sie schnell und unerwartet zerstört. Dabei kann man nicht einmal mit den Charakteren böse sein, weil sie zu blöd oder unfähig sind, mit der Situation umzugehen. Sie haben einfach keine Wahl. Die einzige Option ist das Überleben von Tag zu Tag.

Und so finde ich es etwas befremdlich wenn sich Jill Pantozzi wünscht, dass die Drehbuchautoren die Vergewaltigung von Sansa Stark in der 5. Staffel umgeschrieben hätten: „As the scene played out, I though she might pull a dagger out of her wedding gown and end Ramsay once and for all.“

Es ist nicht so, als hätte ich mir das nicht gewünscht, dass Ramsay einen Dolch in den Bauch bekommt, aber es wäre im Gesamtkontext der Serie unpassend gewesen und Sansa Stark hätte am Ende gehäutet und verbrannt an einem Stock gehängt.

Die Serie ist ein trister, trauriger und ziemlich hoffnungsloser Blick auf die Welt. Womöglich fällt das bei den vielen Szenenwechseln, der straffen Handlung, bei den opulenten Kostümen, den vielen interessanten Charakteren und den Verliebtheiten und Loyalitäten – die der Lebenssituation zum Trotz entstehen – nicht auf, aber zieht man all das ab, ist die Welt ein elendes Shithole. Eins, dass die Menschen mit einem autoritäten patriarchalischen System selbst gegraben und mit Scheiße gefüllt haben.

Und nimmt man einmal die mittelalterlich anmutende Kulisse weg, dann sieht man ganz schnell das Gerüst der Welt, in der wir auch leben.

Eine Welt in der die IS Vergewaltigung systematisch als Kriegsführung anwendet. Es geht hier nicht darum, dass ein paar Soldaten sexuell bei Laune gehalten werden, es geht darum, die Frauen doppelt zu quälen. Erst mit der Tat und dann mit der Scham, mit der sie in ihrer Kultur, die sie nun als beschadet ansieht, fortan leben müssen. Diese potenzierte Bösartigkeit und dieser massive Sadismus ist Teil der Welt, in der wir ganz aktuell leben. Und beiweitem nicht das einzige Beispiel.

Neulich las ich At Lunch With the Author Who Introduced the Upper East Side ‘Wife Bonus’. Wednesday Martin hat das soziale Verhalten der Frauen in der New Yorker Upper East Side wie eine Primatenforscherin studiert und darüber ein Buch geschrieben.

Wie in Game of Thrones haben die Frauen der Upper East Side zwar einen großen Reichtum zur Verfügung und auch eine bestimmte Form von Einfluss, was ihnen aber fehlt, ist ein offizieller Macht- oder Bedeutungsanspruch. Ihre Rolle ist die der Mutter und Ehefrau. Eigene Interessen können Sie nur indirekt über ihre Männer und Söhne mithilfe von Intrigen und Einflüstern geltend machen. Das Fantasy-Mittelalter des George R.R. Martin ist also nicht so weit von New York entfernt.

Game of Thrones ist keine Utopie und kein bürgerlicher Bildungsroman. Es ist eine Serie, die spannend die Hoffnungslosigkeit unserer Existenz in all ihren Facetten aufgreift. Ich interpretiere sie sogar als eine Art Bankrotterklärung an das Patriachat aber ohne einen erlösenden Gegenentwurf. Das ist sicherlich nicht stimmungsaufhellend und erbauend aber es ändert nichts daran, dass ich jede Woche sehnlichst auf eine Erlösung in der nächsten Folge hoffe.

2 Kommentare, twittern, sharen, plussen

  1. ******************KOMMENTAROMAT**********************
    Genau!
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    Ich hab mich auch ehrlich gesagt gewundert, warum sich alle über die Szene von Sansa und Ramsay aufgeregt haben. Ich hatte eigentlich sogar viel schlimmeres erwartet, so sadistisch wie der Bastard ist.

  2. ich bin ungemein erleichtert, hier nicht die unsägliche diskussion, die ich zum thema vergewaltigung von sansa in folge 6, die zudem ja nur im kopf des zuschauers zu „sehen“ ist, so wie ich sie in amerikanischen blogs lesen musste, zu entdecken. man kann das elend nicht bannen, in dem man es einfach wegläßt odr die worte, die es beschreiben, aus dem vokabular streicht. wenn einem/r der ton der serie nicht gefällt: einfach noch mal herr der ringe gucken und eine schöne elfin anschmachten. andere leute mit der eigenen, arg puppenstubenmäßigen sicht der dinge zu belästigen, wie dies in besagter diskussion in amerika der fall war, jedenfalls geht gar nicht. in diesem sinne: danke, daß du nicht auf diesen zug aufgestiegen bist.

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