Call for Papers

Felix und Alex haben ihre Einreichungen für die #rpTEN veröffentlicht. Ich fand das eine gute Idee.

Das Internet hat mich dick gemacht

Die Gefahr, dass der Anteil dicker Menschen in der Bevölkerung zunimmt, ist real. Und das Internet hat seinen Anteil daran. Es bringt die Leute auf die Idee, dass Dick-Sein gar nicht so schlimm ist.

Oft fragte ich mich, woher die gesellschaftliche Obsession mit Diäten, Fitness und Gesundheit kommt. Und ob uns ein schlankerer Körper, eine Entgiftung mit grünen Säften und ein Runtastic-Lauf wirklich zufriedener macht.

Aber um mich herum wurde diätet, gesportelt und selbstoptimiert. Meine Zweifel mussten falsch sein, es können sich ja nicht alle irren.

Dann stieß ich im Internet auf Menschen, die wie ich hinterfragten, warum eine sehr eng definiere Körpermasse als erstrebenswert und ideal festgelegt wurde. Und die versuchen – häufig begleitet von wüsten Beschimpfungen -, die Mythen um unseren absurden Körper- und Gesundheitskult zu entlarven.

Eine gern genommene Beschimpfung ist jene, die Dicke zur Belastung des Gesundheitssystems degradiert. Dabei genügt ein wenig Recherche und schon stellt sich heraus, dass Übergewicht nur sehr bedingt ein Gesundheitsrisiko ist. Aber warum wird Gesundheit überhaupt als absoluter Wert gesehen? Ist der gesellschaftliche Werte eines Individuums an seiner Gesundheit bezifferbar?

Immer wieder gibt es jemanden, der einen Yeti gesehen hat. Ähnlich ist es bei Diäten. Immer mal wieder gibt es einen, der langfristig und total einfach mit einer Diät abgenommen hat. Online werden Diät-Konzepte wie eine Promotion von Guttenberg auseinandergenommen. Übrig bleibt der Mythos – wie beim Yeti.

Ästhetik ist kein Mythos, aber ein gesellschaftliches Konstrukt. Wenn nur lange genug behauptet wird, dass Schlaghosen schön sind, trägt sie am Ende jeder. Das ästhetische Empfinden lässt sich also beeinflussen. Es kann sich entsprechend wandeln zu einer Akzeptanz der Vielfalt bei Körpern, Figuren, Farben und Formen. Dank vieler direkter digitaler Kanäle, werden dafür nicht mehr die im Wandel langsamen klassischen Medien gebraucht.

Dank all der Informationen und ihres Rückhalt beschloss ich, endlich nach meinen Bedürfnissen zu essen und mich gleichzeitig nicht wegen meiner Optik einzuschränken. Ich verlor einiges an Eitelkeit und gewann an Gewicht. Das Internet hatte mich nachhaltig dick gemacht.

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  1. Beziehst du die gesundheitlichen Aspekte eigentlich auf Präadipositas oder auch auf Adipositas oder beides?

    Beeindruckt hatte mich vor einiger Zeit ein Zahlen im Guardian aus einem lesenswerten Artikel:

    „across a nine-year study of 176,000 obese people, 98.3% of the men and 97.8% of the women failed to return to a healthy weight. Once extreme overeating begins, it appears to be almost impossible to stop.“
    http://www.theguardian.com/commentisfree/2015/aug/11/obesity-incurable-disease-cameron-punishing-sufferers

    Das hat noch mal mein Verständnis verbessert für die schwierige Situation in der gerade adipöse Menschen stecken und das Druck im Ergebnis wohl sehr wenig bringen wird.

    Nur beim Fazit daraus war ich mir, ausser das Vorsorge wirklich wichtig ist, noch nicht so klar? Vielleicht könnte da dann dein Credo, lieber Dick und Glücklich zu sein und sein zu lassen, gut passen?

  2. Mhm was heißt dick das liegt ja immer im Auge des Betrachters uns solange es einem selber gut geht sollte man auch nichts ändern. Jedoch sollte man sich nichts einreden und vielleicht doch hin und wieder auf die Waage steigen und Chips, Cola ect. einfach mal weg lassen. Seinen Po von der Couch heben und mal einen Sparziergang machen.

  3. Ha, das geht natürlich nicht, dass jemand einfach so mit seinem/ihrem Körper zufrieden ist, obwohl dieser nicht den derzeit gültigen Schönheitsidealen entspricht! Wo kommen wir denn da hin? Wenn man schon dick ist, muss man sich wenigstens auch mit Abnehmprogrammen quälen und entsprechenden Selbsthass kultivieren. Bringt zwar auch nix, weil Diäten ja fast nie funktionieren, aber damit kann man die Gesellschaft immerhin mitleidig-gnädig stimmen. Und das zählt ja wohl mehr als die eigene Gesundheit und Zufriedenheit, oder?

  4. Pingback: Menopause, oder Warum ich keinen Sehnsuchtstext schreiben kann | Au fil des mots

  5. Hallo! Ich habe gerade den Vortrag auf der Republica gesehen, da ich deinen Vortrag letztes Jahr übers Fremdgehen schon sehr amüsant und lehrreich fand. Mit Fremdgehen hab ich nix am Hut, aber Übergewicht – da kann ich was zu sagen, wobei das etwas untertrieben ist – in Wirklichkeit ist es wahrscheinlich eine never ending story. Ich habe einfach seltsame Essgewohnheiten: Teller muss leer sein, der Magen muss schon etwas kneifen und langsames Essen kommt nicht in die Tüte – und das seit immer. Trotzdem habe ich eine ganz andere Erfahrung gemacht als du. Mein Körper war vielleicht mal in Teenyzeiten ein Problem, aber seitdem ich ausgewachsen bin einfach kein großes Thema mehr. Mir war schon klar, dass 112 Kilo auf 177cm vielleicht etwas viel sind aber ich hatte einfach kein großes Augenmerk darauf, habe Frauen verachtet, die sich ihr Körperbild in der Cosmo holen und darüber gelacht, wenn jemand sich nicht an den Baggersee traut, weil er irgendwo eine Delle hatte. Darüber lache ich immer noch, aber durch das Internet ist mein Körper und sein Übergewicht wieder ein Thema geworden. Ich dachte, dass ich keine Chance habe gegen Hungerstoffwechsel, Setpoint, Genetik, Gewohnheiten, deswegen habe ich mich erst gar nicht mit Abnehmen beschäftigt. Diäten machen Dick, weiß doch jeder. Jedenfalls bin ich über fefes blog auf die Seite von Nadja Hermann aka „erzählmirnix“ aufmerksam geworden. Klar kann man für jede Theorie Studien finden, aber Frau Hermann ist scheinbar eine der wenigen, die sich diese Studien auch mal durchgelesen haben. Ich will jetzt hier keinen Werbetext für ihr Buch verfassen und ich will auch niemanden in irgendwas reinquatschen, der glücklich mit Körper und Gesundheit ist. Für mich war das einfach wirklich interessant meine Thesen bezüglich Gewicht mal komplett auf den Kopf zu stellen und zu schauen was herauskommt. Im Endeffekt hat mich das Internet von meiner Adipositas befreit. Ich sage „befreit“ nicht weil ich ein Gesundheitsapostel bin, sondern weil es irgendwie schöner ist im dritten Stock noch Luft zu haben. Die Fat Acceptance Bewegung hat meiner Meinung gute Anteile, aber leider gibt es auch dort Leute, die meinen andere Körpertypen „zurückdiskriminieren“ zu dürfen und Menschen, die dann doch abnehmen wollen Fatphobia vorzuwerfen…so ganz stimmig ist das nicht.

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