Es war nie so einfach, die Welt zu retten

In meinem kuscheligen Leben hatte ich nur sehr selten Jahre existenzielle Angst. Ich glaubte mich in einer sicheren Welt, die auch Terroranschläge (woanders) nicht wirklich erschütterte. Seit langem mal wieder panisch wurde ich, seitdem viele flüchtende Menschen nach Deutschland kommen.

Aus zwei Gründen:

Zum einen weil die Flucht dieser Menschen zeigt, dass meine Sicherheit und Freiheit örtlich sehr eingeschränkt ist. Ich lebe in einer analogen Filterbubble und bis jetzt konnte ich Berichte über moderne Sklaverei in Ländern, aus denen ich Kleidung und technische Geräte beziehe, verdrängen. Ich konnte auch verdrängen, dass unsere Reichtum zu einem erheblichen Teil darauf basiert, dass wir aktiv dafür sorgen, dass andere Länder nie den Frieden und die Möglichkeiten haben werden, eine Wirtschaft aufzubauen, die die Grundlage für ein lebenswertes Dasein schafft. Nun aber kommen Menschen zu uns und meine Blase ist geplatzt. Wenn ich an meiner Filterblase festhalten möchte, müsste ich in letzter Konsequenz dafür stimmen, Menschen an der Grenze durch Waffen von meinem Land fernzuhalten. Das möchte ich nicht. Und nach den ersten Momenten der Sorge, da ich ja nun aus meiner kuschligen Höhle gefallen war, konnte ich auch die Chance erkennen. Wenn wir es mit unseren freiheitlichen Werten ernst meinen, dann müssen wir die Grenzen öffnen und helfen. Noch nie war es so einfach, die Welt zu retten. Wir müssen nicht einmal nach Afrika reisen. Es reicht aus, sich im eigenen Land wie ein anständiger Mensch zu verhalten und denen, die zu uns kommen, das gleiche Recht auf Selbstbestimmung und Entwicklung zuzubilligen, das wir so vehement für uns einfordern. In Deutschland geboren zu sein ist Zufall, kein Verdienst.

Die eine Panik konnte ich also schnell umdeuten und darin eine Chance für mich und mein Land sehen. Die andere Panik resultiert aus dem Hass und der Missgunst in unserer Gesellschaft. Sie manifestiert sich überall. Bei Politikern, die das Rückgrat einer Qualle und den moralischen Kompass eines Charles Manson haben, in den Medien, die unabhängig von ihrer Position, Ressentiments schüren statt sich reflektiert und vernünftig zu äußern, in den täglichen Diskussionen mit Menschen um mich herum, in Postings und in Kommentaren.

Meine friedliche und freiheitliche Welt ist zerborsten. Nicht weil Menschen mit anderem kulturellen Hintergrund zu uns kommen, sondern vor allem weil es in meinem Land so viele Menschen gibt, die alles humane aus ihrem Geist gestrichen haben und zu Geschöpfen des Hasses, der Missgunst und der Bösartigkeit werden.

Das Traurige ist, dass diese Leute – die ich nach wie vor für eine Minderheit halte – so laut sind und so viel Aufmerksamkeit bekommen. Sie sind quasi das Problemkind in der Klasse. Sie überstrahlen mit ihrem Geschrei und Gezeter all die anderen. Und wie die Problemkinder in der Schule sind sie am Ende wohl auch nur selbst ein Opfer. Das aber berechtigt sie nicht, den politischen Kurs in unserem Land zu bestimmen oder sich als die Stimme des Volks zu glorifizieren. Ich fürchte, es gibt nur einen Weg. Wir müssen uns klar gegen sie positionieren, ohne sie auszustoßen. Die Vernunft ist leise und meist nicht polemisch. Ich fürchte wir müssen laut werden, mehr Kommentare widerlegen, erschreckende Diskussionen führen, besonnen bleiben und keinen Zweifel daran lassen, wofür wir stehen. Es ist Kräfte zährend und so erschütternd immer wieder in den Abbiss des Hasses zu blicken. Aber wie gesagt, es war noch nie so einfach, die Welt zu retten, direkt bei uns zu Hause.

12 Kommentare, twittern, 26 Facebook Shares, 3 Plusones

  1. Volle Unterstützung. Neulich las ich, dass sich derzeit rund drei Millionen Menschen in Deutschland für Flüchtlinge engagieren. Drei Millionen. Was hört man von denen? Wenig. Die haben halt weder Zeit noch Nerv, auf die Strasse zu gehen und gegen den Hass anzubrüllen. Aber ich glaube auch, viele müssen viel lauter werden. Schau mal bei twitter unter #sichzeigennichtschweigen, da könnte man eine gute Bloggeraktion draus machen. Vielleicht wäre das eine Möglichkeit von vielen.

  2. Mehr Kommentare widerlegen, erschreckende Diskussionen führen, dahin gehen, wo’s weh tut…ich versuche das, auf einschlägigen Seiten, ertrage es aber nie lange (meine verdammte Dünnhäutigkeit).

    Danke, Friederike, für den Hashtag. Den schaue ich mir an.

  3. Wer mit dem goldenen Löffel im Mund geboren wurde hat gut weltfremd fordern „noch mehr Flüchtlinge aufnehmen, nur nicht bei mir im Stadtviertel.“

    Macht kaputt was euch kaputt macht.

  4. Woraus ziehen Sie den Schluß, hier sei irgendwer mit dem goldenen Löffel im Mund geboren? Aber völlig unabhängig davon, halte ich nicht einen goldenen Löffel, sondern einen guten moralischen Kompass unabhängig von Herkunft oder sozialen Status, für ausschlaggebend. Wenn wir wirklich eine humanitäre und zivilisierte Gesellschaft sein wollen, dann gehört es dazu, Bedürftigen zu helfen. Im übrigen sollte jedem Hilfe zukommen. Das heißt, dass ich beispielsweise auch der Meinung bin, dass es innerhalb unserer Gesellschaft wichtig ist, Armut und wirtschaftliche Ungerechtigkeit zu bekämpfen. Aber das Leid der einen mit dem Leid der anderen aufzuwiegeln ist ein erbärmliches Argument.

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  7. Es gibt einen weiteren Grund zur Panik, den man nicht übersehen darf:

    Europa wird angegriffen, durch einen russische Propagandafeldzug, der unglaubliche nationalistische Tendenzen zutage fördert. Putins Ziel in Deutschland ist offenbar, die freien Medien und die gewählte Regierung unter anderem mit dem Einsatz von Hetztrollen im Internet zu diskreditieren und so eine europafeindliche und russlandfreundliche Stimmung zu befördern. Auf den Pegidademos wehen seit Beginn deutsch russische Fahnen und sprechen russische oder putinfreundliche Redner, deutsche Medien werden verjagt oder angepöbelt, aber RT streamt live, Pegida fordert „ein Ende der Kriegstreiberei gegen Russland“ und beschimpft die freien Medien als Lügenpresse. Der russische Aussenminister und das russische Fernsehen schüren Stimmung gegen Flüchtlinge massiv, mit gefälschten O-Tönen so dass sich russischsprachigen Bürgerinnen und Bürgern der Eindruck vermittelt, Deitschland sei durch die Flüchtlingspolitik ausser Kontrolle.

    Dies ist für mich ein grosser Grund zur Panik, es ist ein Angriff von aussen, den man nicht so leicht abwehren kann und der politisch bereits Wirkung zeigt.

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