Swim Challenge Cascais

Einmal im Jahr gehe ich für ein paar Tage Wellen reiten. Oder besser: ich nehme Unterricht, versuche mich auf dem Brett zu halten oder im besten Fall ein paar Sekunden darauf zu stehen. Bei der Terminwahl in diesem Jahr recherchierte ich in der Openwaterpedia, ob nicht zufällig zur gleichen Zeit auch ein Freiwasserschwimmwettbewerb in Portugal stattfindet. So stieß ich auf den Swim Challenge Cascais, nach eigenen Aussagen der größte Freiwasserschwimmwettbewerb in Portugal.

Angeboten wurden die Strecken 1.9km (offen), 3.8km (offen) und eine Meile (nur für bestimmte Schwimmer). Zudem gab es noch zwei Kinderwettbewerbe (200m und 400m). Ich modifizierte meine geplanten Reisetermine ein wenig – der Mann überredete mich, lieber die Termine zu verschieben, als bis zum nächsten Jahr zu warten – und meldete mich für die 1.9km für eine Startgebühr von 15€ an.

Da ich mich im Juli schon angemeldet hatte, nutzte ich den Urlaub im August am Mittelmeer, um zu trainieren. Morgens gegen 8 Uhr stieg ich ins klare und spiegelglatte Mittelmeer. Ich hatte mir zuvor Trainingsflossen gekauft. Hauptgrund war meine Angst vor dem offenen Meer gewesen. Mit Flossen – so meine Überlegung – würde ich viel schneller vor möglichen Quallen oder Raubfischen flüchten können. Dass ich auf giftige Quallen und Raubfische stoßen würde war genauso unrealistisch, wie der Glaube daran, mit den Flossen schneller als ein Hai zu sein. Aber als psychologischer Trick funktionierte es. Ich ging ins Wasser, schwamm 30-40 Meter raus aufs Meer und dann ca. 400 m an der Küste entlang und zurück. Je nach Laune schwamm ich das Stück ein zweites Mal, dann oft ohne Flossen. Ich konnte immer gut auf den 3-10 Meter tiefen Grund sehen. Nach einigen Bädern wusste ich, wo ich die roten kleinen Fische treffen würde, wo die Verankerungen diverser Bojen lagen, ich fand eine Gartentür aus Metall, die auf dem Grund des Bodens lag und wusste, an welchen Stellen das Seegras besonders gut wächst.

Als ich nach dem Urlaub wieder in der Alsterschwimmhalle trainierte, bemerkte ich, wie stark sich mein Beinschlag durch die Trainingsflossen verbessert hatte. Das Schwimmen fiel mir plötzlich deutlich leichter, jetzt wo meine Beine mehr Kraftarbeit übernahmen. Ich trainierte jetzt gezielt, 2km am Stück zu schwimmen. Ich brauchte dafür 51-54 Minuten. Ich wusste, dass dies nur eine mittelmäßige Zeit war aber ich wusste auch, dass ich es gut schaffen und problemlos ankommen würde.

In Portugal fielen kurzfristig meine beiden Surfstunden am ersten Tag aus. Ich nutzte die Gelegenheit und fuhr nach Cascais. Die Registrierung würde morgens von 7 bis 9 45 stattfinden, da wollte ich ungefährt wissen, wie lange ich mit dem Auto von Baleal brauchen würde. Die Strandpromenade von Cascais und Estoril erinnerte mich an die Côte d’Azur. Viele teure Hotel, viele schöne Menschen, viele Bars, Cafés und Restaurants.
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Am Praia da Duquesa war aber nichts vom Swim Challenge zu sehen, keine Plakate, keine Fahnen (jedes Surfschule, jedes Café hatte eine Werbefahne aufgestellt), keine Absperrungen. Ich suchte das Veranstaltungsbüro, einfach nur um sicher zu gehen, dass es die Veranstaltung auch geben würde. Als ich das Büro fand, schrieb ich dem Mann, dass jemand von meinen 15€ wenigstens eine Fahne gekauft hatte und ich die Hoffnung noch nicht aufgeben würde.

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Als nächstes wollte ich das Wasser testen, um zu entscheiden, ob ich mit Badeanzug oder Swimshorty schwimmen würde. Warum gibt es an großen Stadt-Stränden keine Spinde, die man mieten kann, um seine Wertsachen abzulegen? Wenn ich alleine reise, kann ich nie lange und konzentriert im Meer schwimmen gehen, da meine ganzen Sachen unbeaufsichtigt am Strand liegen. In Cascais fand ich ein wunderbares Becken.

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Es war eine kleine Bucht, die durch eine Wand (unterhalb der Wasseroberfläche) vom Meer getrennt war. Auf der Wand waren schmale Stangen eingelassen, die optisch die Grenze markierten. Über diese Wand schwappte das Meer, trotzdem fühlte man sich im Becken kuschelig-geschützt. Außerdem konnte ich meine Sachen auf eine der Treppen stellen, wo sie sicher vor dem Wasser waren. Vom Meer aus konnte ich jederzeit nachschauen, ob mein Rucksack noch da war. Das Wasser war sehr kalt. Nachher googelt ich und stellte fest, dass die Temperatur bei 18 Grad lag. Ich entschied mich, am nächsten Tag den Shorty zu tragen. Obwohl der Pool geschützt war, merkte ich die Wellenkraft des Atlantiks. Ich musste an Lynne Cox denken, die in ihrem „Open Water Swimming Manual“ schrieb:

„You are immediately lifted by the water, bounced by the waves, and massaged by the movement of your body through the water.“

Die Sicht unter Wasser war auch nicht vergleichbar mit dem sizilianischen Mittelmeer, ich konnte maximal einen Meter weit sehen. Ab und zu sah ich kleine Fische und kleine Plastikteile an mir vorbei schwimmen. Ich begann mich, auf den nächsten Tag zu freuen aber bekam auch Angst, ob ich die Strecke im kalten, salzigen Meer wirklich schaffen würde.

Am nächsten Morgen fuhr ich durch eine wunderschöne Nebellandschaft nach Cascais. Die Registrierung lief schnell und unkompliziert.
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Überhaupt war die gesamte Veranstaltung sehr gut organisiert, die freiwilligen Helfer waren alle ausgesprochen nett und es gab immer jemanden der im Notfall auf englisch aushelfen konnte. Mittlerweile sah ich auch die Bojen. Anders als in Hamburg gab es wirklich nur drei einzelne große Bojen und dann ein Zweierpaar durch das man zum Ziel schwamm.

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Um 8 30 hatte bereits der 3.8km Wettbewerb begonnen, bzw. er begann verspätet gegen 9 Uhr und war für mich beruhigend. Menschen, die ins Wasser gingen und wieder rauskamen, alles lief nach Plan. Ich besorgte mir ein leichtes Frühstück ging zum Strand, wurde mit meiner Nummer beschriftet und zog mich um.

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Meine Sachen konnte ich abgeben aber ich hatte noch einen Zettel in der Hand. Damit würde ich nach der Einweisung meinen Chip erhalten. Mit dem Zettel in der Hand ging ich ins Wasser. Ich wollte mich an die Kälte gewöhnen und wäre gern ein paar Züge geschwommen. Das ging aber wegen des Papiers nicht. So tauchte ich hockend ein, während ich den Zettel aus dem Wasser hielt. Andere Schwimmer wärmten sich mit schnellen Kraulzügen und ausgedehnten Runden auf. Die meisten waren in Begleitung, entweder ihrer Familien oder ihrer Trainingsgruppe. Ich wurde immer eingeschüchterter. Mit 174 Schwimmern, war alles viel größer aber die Vielfalt meines ersten Wettbewerbs gab es hier nicht. Die meisten Schwimmer trugen Ganzkörperneoprenanzüge, wirkten sehr trainiert und professionell. Wahrscheinlich würden sie nach dem Wettbewerb quer durchs Land nach Hause radeln oder laufen. Der Frauenanteil lag bei weniger als einem Viertel. Es gab ein paar dickere Frauen aber wir gehörten zur Minderheit. Ich wollte nicht die dicke Frau sein, die als Letzte in Ziel kommt. Der Wettbewerb sollte um 10 30 starten. Das Briefing begann kurz vor 11.

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Uns wurde gezeigt, dass wir zwei Runden (bzw. Rechtecke) um die Bojen drehen sollten. Nach der ersten Runde sollten wir ein kurzes Stück über den Strand laufen und dann wieder für die zweite Runde ins Wasser eintauchen. Die Unterweisung war auf Portugiesisch, das ich etwas verstehen kann, wenn ich mich konzentriere. Am Ende wurde gefragt, ob jemand eine englische Übersetzung braucht. Ich überlegte noch, als alle losgingen, um ihre Chips zu holen und ins Starterfeld zu gehen. Eine Portugiesin in Badeanzug fragte mich auf perfektem Englisch, ob ich noch Hilfe bräuchte. Ich fragte nach ein paar Dingen, bei denen ich mir nicht sicher war, ob ich sie richtig verstanden hatte. Sie war die einzige Mitbewerberin, mit der ich sprach. Ich stand irgendwo in der Mitte als es los ging und wir alle zum Meer liefen.

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Das Meer fühlte sich schön an und ich freute mich. Ich fühlte mich fit und ausgeschlafen und wollte losschwimmen. Obwohl der Platz viel größer war als in der Dove-Elbe ging es in Cascais deutlich aggressiver zu. Ständig hatte ich Beine und Arme auf meinem Körper. Ich war froh, dass mich niemand unter Wasser drückte, sondern nur schwimmend anrempelte. Ich ließ mich nach hinten fallen und versuchte, an den Rand des Schwimmfeldes zu gelangen. Offensichtlich war ich hier eine der wenigen, denen es um den Spaß am Schwimmen im offenen Meer ging.

Hinter der ersten Boje hatten sich die ambitionierten Kämpfer abgesetzt und ich fand eine Rinne in der ich versuchte, meinen Rhythmus zu finden. Die Orientierung klappte schon deutlich besser als beim ersten Mal. Ich atme am liebsten nach rechts, hatte aber in den letzten Monaten trainiert, auch nach links zu atmen und beim Kraulen zwischendurch nach vorn zu schauen, um die Orientierung zu behalten. All das half mir zwar aber dennoch wechselte ich öfter ins Brustschwimmen. Ich fühle mich in der Brustlage einfach am sichersten. Aber immerhin wechselte ich dieses Mal seltener und schwamm lange Strecken in der Kraullage. Ich brauche einfach noch mehr Selbstbewusstsein, ein bewussteres Atmen und die Sicherheit auch wirklich geradeaus schwimmen zu können. Ferner stellte ich fest, dass man sich keinesfalls an anderen Schwimmern orientieren durfte, den meisten fehlte selbst die Orientierung. Einige wurden von den Helfern in Kanus und auf Paddelsurfbrettern wieder in die Schranken gewiesen.

Am längsten und anstrengensten war der Weg von Boje eins zu Boje zwei, der Weg zum Strand war kurzweilig. Den Weg durch die beiden Zielbojen konnte man nicht verfehlen. Ich kam gut aus dem Wasser, lief über den Strand, überholte sogar eine Schwimmerin und brach dann im Wasser fast zusammen. Das Laufen hatte mich völlig rausgebracht. Hatte ich mich im Wasser noch gut gefühlt, hoffte ich nun, es überhaupt bis zur nächsten Boje zu schaffen. Meine Ehrfurcht vor Triathleten wuchs ins unermessliche. Mit ruhigen Brustzügen schaffte ich es zur Boje und zurück in ein schönes und entspanntes schwimmen. Der Weg zu Boje zwei war nicht nur der längste, sondern auch der welligste. Je weiter ich aus der Bucht schwamm, desto stärker merkte ich, dass ich wirklich in einem Ozean war. Die Wellen schaukelten mich und mir gefiel das sehr. An mir schwamm ein großer Fisch vorbei und ich bekam Hunger und dachte daran, dass ich so einen Fisch gern mit Kartoffeln und Sauce essen würde. Nach der zweiten Boje merkte ich, dass ich mich noch sehr fit fühlte. Ich überholte ein paar Schwimmer und zählte die Züge. Nach der Ziel-Doppelboje dauerte es doch noch ganz schön lange bis zum Strand. Angekommen ging ich langsam zum Ziel. Die Helferinnen am Ziel feuerten mich an und meinten ich solle mal hin machen. Außerdem sollte ich für das Foto lächeln. Noch sind die Bilder nicht online, aber ich weiß auch nicht, ob ich das sehen will. Ich bekam eine Flasche Wasser und eine Medaille. Als ich mich bückte, um den Chip, vom Fuß abzumachen, fiel ich fast hin. Routiniert – ich war offenbar nicht die erste – hielt mich eine Frau aus der Crew fest und nahm gleichzeitig den Chip ab.

Ich duschte mich ab, holte meinen Rucksack, setze mich auf eine Liege und machte Sieger-Fotos mit Selbstauslöser.

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Angezogen wartete ich auf die Ergebnisse, die an die Tür des Wettkampfbüros gepinnt wurden. Mit einer Zeit von 52:34 Minuten wurde ich 147. von 174 Schwimmern beziehungsweise 34. von 42 Frauen. Ich wäre gern unter 50 Minuten geschwommen aber ich freute mich, dass ich es geschafft hatte.

Ich aß zu Mittag und fuhr zurück in mein kleines beschauliches Baleal voller Vorfreude auf meine Surfstunden am Abend.

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4 Kommentare, twittern, sharen, plussen

  1. Schöner Bericht! Ich habe 2014 an der Swim Challenge Cascais teilgenommen, und hatte dieses Jahr überlegt, wieder hinzufahren. Danke für Deine Eindrücke, und Glückwunsch!

  2. Respekt! Ich bin in offenem Wasser Megaängstlich und kraulen…reden wir nicht davon. Ich habe nur „Grundstufe“ im Schwimmunterricht geschafft. Danke für den tollen Bericht!
    liebe Grüße
    anja

  3. Pingback: Post von @heibie – S01E10 – Jemand schreibt einen Kommentar … – chez @heibie

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