Das ist kein Feminismus, das ist Scheiß-Werbung

H&M hat für die Herbstsaison ein Video produziert und alle überschlagen sich mit Euphorie. Endlich wird die dicke, dünne, androgyne, haarige und multiethnische Frau gehuldigt, endlich bekennt sich auch H&M zum Feminismus, zur Selbstliebe und einem facettenreicheren Frauenbild.

What the fuck. Das ist kein feministisches Manifest, das ist Werbung. Ich habe selbst auch schon Werbung verlinkt, die ich tolle fand und auch ich hätte dem Clip gern euphorisch zugejubelt. Aber H&M für einen Clip zu loben, der mal nicht total beliebig und trivial ist und kein beknacktes Frauen- und Körperbild transportiert, ist als würde man Blatter dafür loben, nur die Hälfte an Schmiergeldern angenommen zu haben.

Während im Clip also in den ersten Sekunden eine dralle Frau in Unterwäsche durchs Bild läuft, schließt H&M fröhlich die Plus-Size Abteilungen in diversen Filialen. Vor kurzem erst versuchte ich, in Hamburg in der Filiale Jungfernstieg, eine Jeans in meiner großen Größe zu kaufen. Die Abteilung gab es nicht mehr. Auf meine Twitter-Nachfrage hin wurde ich auf den Filialenfinder auf der Website hingewiesen, der auf dem Handy aber nicht funktioniert. Was doof ist, wenn man beim Shopping kein WLAN-fähiges Laptop dabei hat.

image
An diesem Tag bestellte ich online zum letzten Mal zwei Paar Jeans bei H&M und suche jetzt nach gut passenden Alternativen.

Als Antwort auf meinen Eintrag bei Facebook wurde mir erklärt, dass ich mit der App auch auf dem Handy Filialen mit Plus Size raussuchen kann. Ich habe das mal probiert. Leider gibt es keinen entsprechenden Filter.

image

Entweder hat H&M in jeder Filiale nun auch Kleidung für Frauen mit Größe 44/46 und drüber oder sie haben diese Größen nun komplett rausgenommen, möchten dies aber nicht so klar kommunizieren. Letzteres ist mein Verdacht. Immerhin kann man noch online große Größen bestellen. Fakt ist, H&M hat in New York City alle großen Größen aus den Geschäften genommen. Das ist umso absurder, als dass die durchschnittliche Amerikanerin Größe 46/48 trägt. Ich kann mir für diese Strategie nur zwei Gründe vorstellen:

1) H&M ist nicht am Verkauf ihrer Ware an möglichst viele Menschen interessiert. Wenn ich online einkaufe, bin ich viel preisbewusster als im Geschäft. Besonders interessant ist die Verkaufsverweigerung wenn man in Betracht zieht, dass H&M schon lange nicht mehr konkurrenzlos ist. Möglicherweise glauben die entsprechenden Manager mit weniger verkaufter Ware mehr Gewinn zu machen. Das wäre dann mal eine interessante antikapitalistische Strategie.

2) H&M hat Angst, ihr Image zu verlieren, wenn sich auf einmal viele dicke Menschen in ihren Filialen rumtreiben und ihre Kleidung tragen. In diesem Fall müsste das Image mehr Wert sein, als 30% mehr verkaufte Ware (Schätzwert von mir).

Was auch immer hinter der Verweigerung von H&M steht, dicken und fetten Menschen Kleidung zu verkaufen, der Werbespot wirkt in diesem Licht wie eine höhnische und bösartige Verarschung.

H&M entdeckt den Feminismus also nur für Frauen bis Größe 44 und auch nur für Mädchen mit einem schmalen Körperbau. Meine sehr schlanke Tochter passt hervorragend in die „Jungs-Kleidung“ Größe 124 aber die Röhrenjeans und knappen T-Shirts der „Mädchen-Kleidung“ Größe 124 sitzen eng und unbequem. Was für eine verkackte Form von Feminismus ist das bitteschön, wenn schon 6jährigen das Gefühl vermittelt wird, dass sie zu breit und zu kräftig für ihre Kleidung sind? Was für kranke Idioten mit Lolita-Fantasien entscheiden bei H&M darüber, in was für einen Schnitt ein 6jähriges Mädchen passt? Das ist kein Feminismus, das ist frühkindliche Prägung für ein schlechtes Körpergefühlt. Interessanterweise passen die Kindersachen in der gleichen Größe bei C&A deutlich besser.

Und bei all der Euphorie, dass jetzt auch H&M entdeckt, dass Feminismus Trending Topic ist, vergessen wir nur zu schnell, für was für einen kleinen Kreis diese Emanzipation gilt. Nämlich nur für die Frau der reichen, westlichen Welt. Einen Dreck geben wir und gibt H&M für die Näherinnen, die dafür sorgen, dass wir die Stoff gewordenen Coolness des Feminismus an unseren hippen normschönen Körper tragen. Sehr schön hat Josefine Schummeck dazu geschrieben: Liebes H&M, auch mit langen Achselhaaren gewinnst du mich nicht zurück

Alles in allem hat mir der Clip nochmal vor Augen geführt, warum H&M scheiße ist und warum ich keinesfalls mehr dort einkaufen sollte, weder analog noch digital.

11 Kommentare, twittern, sharen, plussen

  1. Bei dem verlinkten Artikel musste ich mir an dieser Stelle „Nicht mehr typische Models laufen durch den 72-Sekünder, sondern Frauen aus dem Alltag“ an den Kopf greifen, denn spätestens beim Auftauchen von Lauren Hutton müsste eigentlich jedem, der den Spot sich richtig angeschaut hat, klarwerden, dass hier keine x-beliebigen 08/15-People wie du und ich gefilmt wurden, sondern geschminkte und gestylte Models. Mit der Realität hat diese Werbung für mich ebensowenig zu tun wie damals die Aktion „ohne Models“ der Zeitschrift Brigitte.

  2. Das Thema Kleidung bleibt schwierig.
    Was jedoch, wenn deine Finanzen dir und deiner Familie gar nichts anderes erlauben, obwohl du „Bescheid“ weißt, wie die Dinge entstehen und auf wessen Kosten produziert wird?
    Wenn du am Land lebst, wo es kaum secondhand Wäre gibt und online Ware ( tolle Ökoware vor allem für Kinder gut gebraucht zu kriegen) auch zu teuer ist?
    Ganz ehrlich, in manchen Lebenssituationen bleibt der Intellekt zurück und es geht nur um Grundversorgung. Traurig, aber für mich seit vielen Jahren Realität. In dem Fall dann bald vielleicht auch mit einem Hosenproblem mehr.

  3. Pingback: Hm (ha), etwas ketzerisch gefragt: Warum wolltest Du dann dort überhaupt kaufen? In Deinem Text kommt es schon ein wenig so rüber, als wäre Näherinnen

  4. Ha, Menschen mit Übergrößen sind doch alle Dumm und Faul, die will man doch nicht als Kundschaft, oder?
    Es könnte am Ende noch ansteckend sein…

    Schon die Kleidung für Babys/Kleinkinder ist bei H&M häufig sehr sehr schmal geschnitten. Ich habe mich schon mehrmals darüber geärgert, dass anscheinend schon die (ganz) kleinen Mädchen (sehr) dünn zu sein haben.
    Ich kaufe für die Kinder hauptsächlich 2nd Hand und auf Flohmärkten, da trifft man dann natürlich auch die H&M Sachen.
    Für mich selber habe ich in Hamburg noch keinen tollen Laden gefunden, der Hosen in großen Größen führt.
    Meine einzige Jeans habe ich mir bei Navabi bestellt. Wenn man da auf nen Sale wartet gehts auch mit den Preisen. Ansonsten halt BonPrix, obwohl viele Teile meines Erachtens nach da unsäglich geschnitten sind und auch von der Qualität her eher nicht überzeugen. Aber das kann man bei günstigen Sachen auch nicht erwarten.
    Es ist wirklich schwierig Übergröße und kleinen Geldbeutel unter einen Hut zu bekommen. Wenn man dann noch ethisch und ökologisch einkaufen möchte hat man verloren.

    P.S. Ich mag deinen Blog <3

  5. Das ist doch irgendwie typisch…Prahlen groß damit rum,wie „tolerant“ sie doch sind,zeigen im Videos Frauen,die nicht der „Norm“ entsprechen (die es in Wirklichkeit ja gar nicht gibt)…Und in Wirklichkeit sieht’s ganz anders aus,da tun sie genau das Gegenteil.Typisch Mensch!Genau das sieht man überall.Deswegen „sollte“ man vielleicht etwas skeptischer sein,wenn Menschen nur labern und rumprahlen,wenn man nicht verarscht werden will.
    Menschen,die wirklich offen und tolerant etc sind,labern nicht groß rum,sondern setzen es um!Also nicht täuschen lassen…

  6. Pingback: Woanders – Der Wirtschaftsteil |

  7. Pingback: Der Wirtschaftsteil - GLS Bank-Blog

  8. „Was für eine verkackte Form von Feminismus ist das bitteschön, wenn schon 6jährigen das Gefühl vermittelt wird, dass sie zu breit und zu kräftig für ihre Kleidung sind?“

    Was spricht denn dagegen bei Kindern passende Klamotten zu kaufen, egal was für eine Zahl drauf steht? Das Problem für mich sind nicht mehr oder weniger eng geschnittene Klamotten, sondern dieses Beharren auf Größe X als das einzig normale.

  9. Lustig find ich den Moment im Video, wo sich die dürre Blonde die Jeans aufmacht, um Pommes zu genießen. Das sagt doch auch alles!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Sie möchten einen Kommentar hinterlassen, wissen aber nicht, was sie schreiben sollen? Dann nutzen Sie den KOMMENTAROMAT! Ein Klick auf einen der Buttons unten trägt automatisch die gewählte Reaktion in das Kommentarfeld ein. Sie müssen nur noch die Pflichtfelder „Name“ und „E-Mail“ ausfüllen und den Kommentar abschicken