Winterlicher Frauenteich

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„Ich frage mich: Sind sie als Freundinnen hergekommen oder haben sie sich im Teich angefreundet? Wie lange sind sie schon in dem eiskalten Wasser? Werde ich je eine Freundin haben, die mit mir in eiskalten Teichen schwimmt?“

(Leanne Shapton, Bahnen ziehen)

Im Spätsommer schenkte mir meine Mutter Bahnen ziehen von Leanne Shapton. Die Frau des Sohnes der besten Freundin meiner Mutter hatte es ihr für mich empfohlen und ich bin ihr unglaublich dankbar dafür. Das Buch ist ein poetischer Schatz. Ich wollte jede Seite streicheln und las extra langsam und mit vielen Pausen, um es nicht zu schnell durchzulesen. Shapton erzählt in Bahnen ziehen unter anderem von diversen Schwimmorten, die sie besucht hat. Im Kapitel „Wäsche“ schreibt sie über den Hampstead Heath Ladies‘ Pond. Ich habe gleich nach dem Teich gegoogelt und als sich abzeichnete, dass mein Mann und ich im November nach London reisen würden, beschloss ich, den Ladies Pond zu besuchen.

Der Teich liegt in einem großen Park. Der Pond ist ganzjährig geöffnet und fast täglich werden die aktuellen Wasser-Temperaturen online aktualisiert. Besorgt sah ich, dass das Wasser Anfang November nur noch 7-8 Grad hatte. Ich gehe zwar regelmäßig schwimmen aber der Pool ist 26-27 Grad warm. In Cascais lag die Meeres-Temperatur bei immerhin 18 Grad und fühlte sich trotzdem sehr kalt an. Ich hatte gelesen, dass man sich am besten an kalte Wassertemperaturen gewöhnt, wenn man nach dem Sommer einfach nicht aufhört, in freien und ungewärmten Gewässern zu schwimmen.

Allerdings schwimme ich nicht allein in unbeaufsichtigten, offenen Gewässern und ich habe auch keine Freunde, die meine Begeisterung fürs Schwimmen in dieser Form teilen. Etwas unsicher überlegte ich immer wieder mein Vorhaben zu stornieren und statt dessen ein paar Bahnen im Londoner Olympiapool zu ziehen. Außerdem nahm ich meinen Neoprenanzug mit. Vielleicht würde ich mich mit ihm eher ins Wasser trauen.

Am Tag unserer Abreise nahm ich am Vormittag die Overgroundbahn. Wegen Reparaturarbeiten konnte ich zwei Stationen fahren und musste dann in einen Schienenersatzverkehr umsteigen. Ich hatte mich bei der Suche verzettelt und den Bus gerade verpasst. Zwei Männer zeigten mir die richtige Bushaltestelle und trösteten mich, dass der nächste Bus in 15 Minuten käme.

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Im kalten Nieselregen brach mein Handy zusammen. Der Bus kam pünktlich und mein Handy wärmte sich auf, so dass ich die Distanz zwischen Bus und Hampstead Heath auf der Karte verfolgen konnte. Die Fahrt durch den Londoner Norden dauerte ewig. Ich überlegte abzubrechen und mit der nächsten aktiven Undergroundlinie zurück ins Hotel zu fahren. In einigen Stunden ging unser Flug und ich hatte keine Ahnung wie ich zeitnah wieder zurück kommen sollte. Der Mann schrieb, er würde mir ein Taxi bezahlen ich solle jetzt keinesfalls die Mission abbrechen. Ich blieb also im Bus sitzen, der wiederum ganz andere Probleme hatte. Laut Busfahrer war das Fahrzeug nämlich nicht für die Straßen im Norden Londons geeignet, weil es zu tief lag. Dies führte dazu, dass der Bus bei jedem Drempel und jedem Loch in der Straße aufsetzte. Das Aufsetzen war so stark, dass ich befürchtete, dass die gesamte Front abfallen und auf den engen Straßen liegen bleiben würde. Außer mir schien niemand besorgt zu sein, nachdem der Busfahrer versichert hatte, dass die Aufsetzer kein Problem darstellen.

In Hampstead Heath stieg ich aus. Ich befand mich nun in einem sehr lieblichen Stadtteil und machte mich auf dem Weg zum Park.

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Anhand der im Park aushängenden Karte stellte ich fest, dass der Ladies Pond noch einen ordentlichen Fußmarsch entfernt war. Außerdem sah ich, dass er – anders als der Herrenteich – etwas versteckt lag. Eiligen Schrittes lief ich durch den Park.

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Als ich am Herrenteich vorbei kam, sah ich einen Schwimmer im Wasser. Ich bereitete mich auf eine sehr einsame Zeit im Teich vor. Am Tor zum Frauenteich kamen mir allerdings gleich eine Frau und ihre Teenagertochter entgegen. Ich trat durch das Tor.

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Einige Meter weiter standen zwei Automaten, die wie Parkuhren funktionierten. Hier zahlte ich den Eintritt von 2 Pfund. Dann sah ich den Teich.

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Das Wasser war dunkel und voller Laub. Ich sah niemanden schwimmen. Dafür gefiel mir das Ponton auf dem mehrere kleine Hütten standen. Ein Hinweisschild teilte mir mit, dass ich nicht nackt ins Wasser gehen dürfe. In der Tat hatte ich es für möglich gehalten, dass Frauen in einem Frauenteich nackt baden. Aber so war es mir auch Recht. Ich folgte den Stimmen und stand auf einmal in einer nach oben hin offenen Umkleide. Die Frau neben mir bestätigte, dass ich mir einen Haken suchen könne und mir um meine Sachen keine Sorgen machen solle. Sie hatte einen Badeanzug an, ihre Haut war feuerrot und sie zog gerade Handschuhe und Schuhe aus Neopren aus. Sie erzählte, dass ein Badeanzug völlig ausreicht aber Schuhe und Handschuhe bei der Kälte etwas helfen würden. Ich sagte, dass ich das zum ersten Mal machen würde, es ein Traum von mir wäre und ich sehr gespannt sei. Sie wünschte mir viel Spaß und viel Glück.

Im Badeanzug ging ich zum Teich.
Auf einem Schild war die aktuellen Wassertemperatur angegeben: 7 Grad. Immerhin regnete es nicht mehr. In einem kleinen Raum auf dem Ponton saßen zwei Rettungsschwimmer und beobachteten den Teich (und mich). Vom Ponton führen drei Leitern ins Wasser. Zwei direkt nebeneinander und eine einige Meter entfernt. Eine junge Frau schwamm die Strecke zwischen den entfernten Leitern, schaute mich lächelnd an und meinte, sie würde es heute nur von einer Leiter zur nächsten schaffen. Ich stieg im Badeanzug ins Wasser und während ich noch dachte „Ist ja gar nicht so schlimm“ stand ich mit krebsrotem Körper wieder auf dem Ponton. Die Rettungsschwimmer beobachteten mich. Ich wärmte mich auf und stieg dann wieder ins Wasser. Dieses Mal schwamm ich einige Züge bis zu einem Rettungs-Surfbrett dass im Wasser ankerte. Ich war mir nicht sicher, ob durch das kalte Wasser eher meine Atmung oder eher mein Herz aussetzen würde. Eine Ente schwamm an mir vorbei und sah mich freundlich-mitleidig an. Dann stand ich wieder auf dem Ponton und wärmte mich auf. Die Rettungsschwimmer hatten mich weiterhin im Blick. Eine große, sehnige Frau von etwa 60 Jahren hüpfte über den Ponton, stieg ins Wasser und kraulte quer durch den Teich zu dort ankernden Ringen. Schwer beeindruckt sah ich ihr zu.

Genauso zügig und lässig aber dieses Mal in Brustlage schwamm sie auf mich zu. Wir kamen ins Gespräch und sie meinte, dass ein winterlicher Einstieg ins Kaltwasserschwimmen nicht optimal wäre. Ich erzählte, dass ich in Hamburg leider keine Möglichkeit hätte, sicher in offenen Gewässern zu schwimmen. Sie empfahl mir, es nicht zu übertreiben und wenn ich die Distanz zwischen den entfernten Leitern schwimmen möchte, sollte ich langsam schwimmen fast gleiten und dabei tief ausatmen. Es wären gut acht Züge. Sie schwamm weiter und ich brach auf zur „weit“ entfernten Leiter. Ich versuchte zu gleiten. Mein Rumpf fühlte sich eigentlich ganz gut an, mein Herz und meine Lunge hatten nicht mehr so viel Panik aber dafür fühlten sich Arme, Hände, Beine und Füße wie kalte Betonklötze an. Ich erreichte die Leiter, stieg zufrieden aus dem Wasser und beschloss, es dabei zu belassen.

Hinter dem offenen Umkleideraum gab es einen geschlossenen Raum mit Duschen und ebenfalls Möglichkeiten zum umziehen. Vier Frauen unterschiedlichsten Alters unterhielten sich und lachten als würden sie sich schon lange kennen. Die furchtlose Wasserfrau, mit der ich mich unterhalten hatte, war auch fertig und duschte sich neben mir. Das Wasser aus der Dusche war nur marginal wärmer als das Wasser im See. Ich wusch trotzdem Körper und Haare. Dabei unterhielt ich mich weiter mit der Frau. Sie hatte vor einigen Monaten den Rettungsschwimmer gemacht und arbeitete ehrenamtlich beim Ladies Pond. Es war offensichtlich, dass sie diesen Ort liebte und ich konnte sie verstehen. Ich fragte sie, ob sie häufig Leute aus dem Wasser holen müssten aber sie meinte, die Hauptaufgabe der Lifeguards wäre eher Prävention.

Ich ging wieder raus und zog mich an. Zwei Frauen – eine jung und eine alt – mit dicken Jacken und Wollmützen traten ein. Sie grüßten freundlich und unterhielten sich dann weiter über eine Weihnachtsfeier. Als die Jüngere meinte, sie wäre schon zwei Wochen nicht mehr schwimmen gewesen und würde sich gar nicht richtig trauen, begann die Ältere zu singen. Das Lied war nicht schön oder wurde nicht schön gesungen aber es handelte von Freunden die einander Mut machen (hätte also auch ein Kölner Karnevalslied sein können). Die Frauen gingen zum See und ich schaute in den Himmel. Ich fühlte mich sehr aufgehoben.

Es gab keinen Föhn und so zog ich die Kapuze über den Kopf und ging los.

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Auf dem Ponton stieg gerade eine Schwimmerin aus dem Wasser, zwei anderen begrüßten Sie mit einem lauten Geburtstagsständchen. Ich schaute nochmal auf den Teich und genoß diese besondere Leichtigkeit und Zufriedenheit, bevor ich mich auf den Weg zum Hotel und dann zum Flughafen machte.

Ein kleiner Film von Hanna Aqvilin über das Winterschwimmen in Hampstead Heath.

11 Kommentare, twittern, sharen, 2 Plusones

  1. Wie schön. Der Ladies‘ Pond ist auch einer meiner Träume, allerdings muss ich mich erst einmal wieder überwinden, nach London zu fahren. Ich mag die Stadt leider nicht sehr.

  2. Huh, ein Traum! Und nur für Frauen!
    Ich würde auch gern nach Ende des Sommers weiter im Freien schwimmen, hätte hier in Leipzig auch Gelegenheit, aber ebenso wie du möchte ich das nicht allein. „Eisbaden“ gibt es hier …

  3. Pingback: Schwimminski | croco

  4. Pingback: Freibad? In Luxemburg Stadt? Nicht so richtig! - joel.lu

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