Re:publica 17, Tag 3

Aufgrund einer Empfehlung hörte ich mir zunächst Maciej Ceglowskis „Notes from an Emergency“ an. Ceglowski ist sehr klug und sehr unterhaltsam. Im Grunde sagt er, dass sich die großen Firmeninhaber des Silicon Valleys lieber mit ihrer eigenen Unsterblichkeit beschäftigen, als an den wirklichen Problemen und Gefahren dieser Welt zu arbeiten. Sie nutzen ihre Möglichkeiten, ihr Geld und ihre Reichweite nicht und das hält er für fahrlässig. Sein Lösungsansatz ist, auf die Mitarbeiter und die technischen Spezialisten einzuwirken und außerdem „regulation, regulation, regulation“.
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Ich blieb dann einfach bei Stage 1 sitzen und schaute mir Lisa Winter und Joanne Pransky an: „A robot psychistrist and a battle-robot builder walk into a bar – and talk“. Winter saß vor Ort und Parnsky war über ein iPad auf einem kleinen Segway dazugeschaltet. Ich mochte das, weil es mich an The Good Wife erinnert, wo auch immer so ein iPadsegway durch das Büro fährt. Winter ist ganz wunderbar. Sie baute schon als Kind Kampfroboter und ich habe meinem Sohn – mit dem ich parallel chattete – gleich den Link zu ihrem YouTube-Channel geschickt.
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Später am Nachmittag schaute ich mir „Is Freedom the most expensive word? A journey to North Korea“ an. Maja Pelevic hatte in Nordkorea mit dem Handy unerlaubt gefilmt und unterhielt sich mit Renata Avila über unsere mediale Wahrnehmung von Nordkorea. Ich fand das Gespräch sehr interessant auch wenn mir an manchen Stellen der rote Faden fehlte. Ihr Kernaspekt – so schien mir – war aber, dass sie unsere Sicht auf Nordkorea kritisierten. Wir wissen so wenig über Nordkorea dass eine fundierte Kritik eigentlich nicht möglich ist. Ich mochte Pelevics Anmerkung über die rasante Veränderung in Osteuropa. Dort wurde von einem Tag auf dem anderen den Leuten gesagt: „Alles was du bisher geglaubt hast, ist falsch, hier ist das neue richtige System, pass Dich an.“ Ich finde das einen wirklich spannenden Aspekt, glaube aber eine andere Form des Panels und womöglich ein anderes Beispiel hätte das deutlicher machen können. Gleichwohl war ich sehr irritiert, als mitten im Panel Simon Menner, der Speaker der nächsten Session, etwas für mich Unverständliches in den Raum rief. Wie ich später akustisch verstehen konnte, kritisierte er angebliche Vergleiche der Situation in Deutschland und Nordkorea, die Pelevic und Avila gezogen hätten. Dies hatte ich z.B. gar nicht so verstanden. Alles in allem wirkte es wie ein gespielte Twitterperformance in der ein aufgebrachter Mann, zwei Frauen, die im Gespräch sind, die Welt erklärt und den ganzen Diskurs unhöflich stört. Insofern passte das dann als Negativbeispiel sehr gut zum diesjährigen Motto #loveoutloud.

Ich hatte danach wenig Lust mir Menners Vortrag anzuhören und suchte mir lieber einen guten Platz für Felix Schwenzels „Update: Die Kunst des Liebens“. Ich fürchte, ich bin bei Schwenzel immer voreingenommen. Wahrscheinlich würde ich mich auch königlich amüsieren, wenn er einfach nur 30 Minuten aus Brehms Tierleben vorlesen würde. Trotzdem bin ich überzeugt davon, dass der Vortrag wirklich ganz besonders gut war. Er schloss den insgesamt pastoral-mahnenden Ton dieser re:publica mit freundlich-fröhlicher aber auch ernsthafter ironischer Brechnung ab. Er versinnbildlicht für mich, wie ich mir wünsche, dass wir mit den aktuellen Themen und Krisen umgehen. Ernst aber nicht ängstlich, lustig aber nicht höhnisch, ausgelassen aber nicht rücksichtslos.
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Alles in allem fand ich überdurchschnittlich viele Vorträge in diesem Jahr inspirierend und begeisternd. Es hat Spaß gemacht, der Kopf ist voll und nächstes Jahr treffen wir uns wahrscheinlich wieder.

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  1. Als jemand, der erst vor 4 Wochen durch Nordkorea gereist ist, und etwas mehr gesehen hat, als die von Maja Pelevics gezeigte Stadtrundfahrt durch Pjöngjang, kann ich die von vielen verschiedenen Menschen vorgetragene Kritik in der Session sehr gut nachvollziehen. Man kann doch nicht die propagandistisch aufgewertete Vorzeigestadt Pjöngjang mit 3 Millionen Einwohnern zeigen und als Beispielhaft für NK darstellen, wenn der Rest des Landes mit 21 Millionen Einwohnern komplett anders aussieht: Das ländliche NK hat keine Hochhäuser, keine Autos und zum Teil nicht einmal Traktoren. Die Leute dort bestellen ihre kargen Felder von Hand, leiden unter Hunger und extremer Armut (und unter fast vollständigen Telekommunikations- und Reise-Verboten). Pelevic hat eine Stadtrundfahrt durch die reichste Stadt des Landes gemacht und glaubt jetzt Nordkorea verstanden zu haben. Selbst ihre Behauptung, sie habe „unerlaubt“ aus dem Fenster ihres Busses gefilmt ist Gedöns. Natürlich ist es erlaubt in Pjöngjang aus dem Bus heraus zu filmen. Lediglich das Filmen und Fotografieren von Schwerstarbeitern und Militärs ist nicht erlaubt, aber das, was sie da gefilmt hatte, wird niemand in NK beanstanden. In unserer kleinen Gruppe und in allen anderen touristischen Gruppen, war das Filmen nahezu überall und jederzeit erlaubt (abgesehen von der genannten Einschränkungen).
    Ich habe mich sehr über den Vortrag geärgert, und noch mehr darüber, dass Pelevic auf viele kritische Anmerkungen in der Session (die meisten wurden sehr höflich vorgetragen) nicht geantwortet hat.

    Dabei hätte sie tatsächlich sehr viel interessantes über ihr Heimatland Serbien erzählen können, und wäre ohne den Nordkorea-Vergleich (die leben ja ganz normal da, es gibt keine nervigen Reklametafeln, die Krankenversicherung ist (für die Elite des Landes) kostenlos) glaubwürdiger gewesen.
    Diese Chance hat sie verpasst.

  2. Ich kann die Kritik am Vortrag durchaus nachvollziehen.
    Gleichwohl habe ich die Äußerungen von Pelevic und Avila nicht in der beschrieben Absolutheit verstanden. So oder so fand ich die Form der Wortmeldung unmöglich. Insbesondere in Anbetracht der Tatsache, dass das Thema der Konferenz der respektvolle Umgang miteinander und eine neue/bessere Diskussionskultur war.

  3. Menner war mir bereits in einer anderen Session in einer für mich zu offensiven Art aufgefallen. Nicht ohne seinen Hinweis auf seinen eigenen Vortrag hat dort er zwar einen validen Punkt gebracht, seine Art war allerdings auch hier störend. Bei Pelevic und Avila fand ich außerdem bezeichnend, dass ein Mann ihren Vortrag einfach unterbricht. Inhaltlich was Manniac oben sagt, hätten sie sicher auch andere Länder gefunden (Beitrittsverhandlungen bzw Kriterien zur Aufnahme der ehemal. jugoslawischer Länder zur EU oder Osterweiterung EU), ihre These so wie ich sie verstanden habe, darzulegen.
    Danke nochmals für Deine Session, ich habe mich über die kurze Begegnung sehr gefreut und werde deinen Hinweis auf das Narrativ des positiven (Weltstadt)jeföhls in Kölle in meinen allgemeinen Argumentationsgebrauch übernehmen – natürlich mit Quellenverweis :)
    Auf den angenehm vollen Kopf und nächstes Jahr!

  4. Ich habe mich auch gefreut und ich freue mich sehr, dass Dir mein Vortrag gefallen hat. Inhaltlich stimme ich Dir und Manniac auch überein. Interessant, dass Menner schon bei einer anderen Session mit dieser unangenehmen Art auffiel.

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