Fußabwärts – Das Meer beginnt hier

Als im Frühjahr noch gar nicht daran zu denken war, in freien Gewässern zu schwimmen, las ich auf Facebook von der Elbschwimmstaffel. Diese Aktion wurde im Rahmen des Wissenschaftsjahres 2016*17 geplant. Die Wissenschaftsjahre sind eine Initiative des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) gemeinsam mit Wissenschaft im Dialog (WiD). Ziel ist ein Dialog, zwischen Forschung und Gesellschaft. Das Thema 2016 und 2017 ist die Meeresforschung.

Im Rahmen der Elbschwimmstaffel sollte nun die Elbe von Bad Schandau (bei Dresden) bis Geesthacht (bei Hamburg) in ingesamt 19 Etappen (575km) quasi fast bis zum Meer durchschwommen werden. Die Teilnahmebedingungen waren Volljährigkeit und das Bronzeabzeichen im Schwimmen. Beides trifft auch mich zu, also meldete ich mich für die 14. Etappe von Tangermünde bis Sandau am Freitag dem 7.7.17 an. Die Etappen sind eingeteilt in eine am Vormittag und eine am Nachmittag. Für jeden angemeldeten Schwimmer sind 2km vorgesehen. Man darf mehr angeben und ist dann ggf. Ersatzschwimmer für Ausfälle. Wegen der Anfahrt von über 200km entschied ich mich für den Nachmittag.

Im Vorfeld wurde ich bestens per Mail über den Ablauf informiert, z.B. dass ich auf das Floß nur 2kg Gepäck nehmen kann, die dann aber nicht abgewogen wurden. Ursprünglich sollten wir um 11:30 in Sandau beim Treffpunkt sein aber einen Tag vorher bekamen wir einen Anruf, dass 13:30 völlig reicht. Wegen des G20 fuhr ich trotzdem am Freitag früh schon um 7 Uhr mit Kindern und Babysitter los.

Wir waren einige Stunden zu früh, spazierten noch an der Elbe und gingen in Havelberg essen.

Am Treffpunkt stellte ich fest, dass meine Entscheidung sehr früh loszufahren richtig gewesen war, ein Schwimmer hatte es nicht geschafft, weil er aus Hamburg nicht rauskam. Zufällig wurden wir so die erste reine Frauengruppe. Zwei der Mitschwimmerinnen waren durchtrainierte Triathletinnen, außerdem war noch Bärbel dabei, die mit Mitte 60 regelmäßig bei Master-Schwimmwettbewerben mitmacht. Meike und ich aus Hamburg schwimmen gern im Freibad oder wenn es geht im offenen Gewässer. Selbstverständlich bekam ich ehrfürchtige Minderwertigkeitskomplexe. Aber die T-Shirts waren toll und der Stoff schön weich.

Mit dem Bus fuhren wir nach Arneburg, wo die Vormittagsgruppe ankommen würde. Wir fünf Schwimmerinnen wurden auf die beiden Hausflöße eingeteilt. Auf denen jeweils ein Bootsführer, eine Koordinatorin und ein Fotofograf bzw. eine Fotografin waren. Darüber hinaus gab es ein Boot der DLRG, dessen Team aus zwei Frauen und einem Mann bestand und ein wissenschaftliches Begleitboot, die MS Elbegrund. Bea erklärte uns, dass das Boot gut einen Kilometer vorausfahren würde, damit es beim Schwimmen nicht stört, es aber quasi die aktuellen Werte während unseres Schwimmens messen würde. Ich fand ja witzig als ich sagte: „Wisst Ihr Bescheid, nicht ins Wasser pischen.“ Der Pipi-Kacka-Humor meiner rheinländischen Heimat kam offenbar nicht ganz so gut an.

Wobei der Rhein ganz sicher seinen Anteil daran hat, dass ich überhaupt mitgemacht habe. Ich habe mich immer gefragt, warum niemand im Rhein schwimmt, wie gefährlich die Strömung und wie dreckig der Fluss wirklich ist. Überhaupt habe ich bis zum 7. Juli nie in einem größeren Fluß geschwommen und das obwohl meine Umgebung immer von Flüssen geprägt war. Die Inde in Kornelimünster, die Rur in Heinsberg, der Tennessee-River in Savannah, der Arno in Florenz, der Rhein in Köln und die Elbe in Hamburg. In keinem dieser Flüsse war ich jemals geschwommen oder zufällig reingefallen.

Gegen 15:30 legten unsere Flöße und das Boot des DLRG ab. Die Strecke vor uns belief sich auf gut 12km, so dass wir alle etwas mehr als 2km schwimmen durften. Unsere Koordinatorin erzählte uns, dass sie im Laufe der Staffel die Schwimmzeiten stark hatten anpassen müssen. Die Schwimmer waren alle viel schneller als sie erwartet hatten. Diverse Leistungsschwimmer, Triathleten, Seedurchquerer und Marathonschwimmer hatten sich angemeldet und pflügten in rasender Geschwindigkeit durch den Fluß.

Jetzt waren wir dran. Der konkrete Ablauf war so, dass die schwimmende Person nur vom Rettungsboot begleitet wurde. Die Flöße ließen sich fast 500m hinter dem Schwimmer durch das Wasser treiben. So hatte man als Schwimmer das Gefühl, fast allein im Fluß zu sein. In den gut zwei Stunden, die wir abwechselnd schwammen, kamen genau zwei Motorboote an uns vorbei und am Ufer standen vereinzelt ein paar Angler oder Familien, die am Elbstrand plantschten. Ansonsten war es still, sonnig, langsam und wunderschön.

Überraschend schnell wurde ich gefragt, ob ich bereit sei. Wir sollten einen Paketsprung ins Wasser machen, um uns nicht zu verletzen. Paketsprung ist das feinere Wort für Arschbombe. Ich ließ mich langsam ins Wasser gleiten, reinzuspringen traute ich mich. Das Wasser war silbrig-schwarz und wir hatten vorher noch über Welse gesprochen, von denen ich Dank Tier- und Landschaftsdokus im Nachmittagsfernsehen einen klaren optischen Eindruck hatte und die ich nicht unbedingt treffen wollte. Dann schwamm ich los.

Das Wasser war mit 21 Grad angenehm warm. Die Sicht war eher schlecht. Wie ein gelblicher Vorhang schmiegte sich der Fluß um mich herum. Ich war froh, mich für den Badeanzug und nicht den Neoprenanzug oder Neoprenshorty entschieden zu haben. So konnte ich das Wasser viel besser fühlen. Auf dem Floß hatte ich erfahren, dass die Fließgeschwindigkeit bei 3km/h liegt, man diese aber nicht direkt merkt, sondern nur wundert, warum sich die Landschaft so schnell ändert. Ich merkte die Strömung auch nur, weil ich viel weniger Kraftanstrengung in den Beinen brauchte. Selbst mit einem leichten Beinschlag kam ich zügig voran. Das Wasser selbst war köstlich. Ganz süß und weich und fast geruchsfrei. Anders als bei Wasser in Seen, roch in der Elbe nichts moderig.

Eine Herausforderung war es, nicht im Zickzack zu schwimmen. Wir sollten in der Mitte des Flusses bleiben, aber unweigerlich schob einen die Strömung und die schlechte Sicht mal nach rechts und mal nach links ans Ufer. Die Orientierung am Rettungsboot half mir am meisten. Ein bisschen absurd, wenn man bedenkt, dass ich den ganzen Fluß für mich hatte und nichtmal in der Lage war, eine gerade Linie zu schwimmen. Ich wollte 2km kraulen und dann die letzten 100-200m Brustschwimmen und den Blick nach vorn genießen. Aber bevor es dazu kam, wurde ich raugewunken. In wohl nicht mal 30 Minuten – es wurden keine Zeiten gemessen und ich hatte meine Schwimmuhr auch nicht dabei – war ich mehr als zweitausend Meter durch den Fluß geschwommen.

Euphorisch und glückselig ließ ich mich ins Boot hieven und zum Floß bringen. Bärbel sprang als letzte in die Elbe und zog wie eine Kraftmaschine durchs Wasser. Sogar als es stürmisch und wellig wurde, wirkte es nicht wie eine Herausforderung für sie.

In Sandau wurden wir mit Wasserfontänen, einer Delegation der örtlichen Honoratioren und Neptun empfangen. Außerdem bekamen wir eine Medallie von der Elbschwimmstaffel, eine Urkunde und einen kleinen Pokal aus Sandau. Selbst zum Essen auf dem kleinen Fest wurden wir eingeladen.

Wir fuhren trotzdem bald los, durch wunderschöne Alleen, an einsamen Bauernhöfen und traumhaften Landschaften vorbei in Richtung Berlin. Ich hatte die Elbe ein Stück hin zum Meer begleitet und sie hat mich dabei ganz wunderbar getragen.

Ich kann das Videotagebuch zu den einzelnen Etappen übrigens nur wärmstens empfehlen und auch sonst finde ich die Seite des Wissenschaftsjahres schön gemacht. Außerdem war ich schwer beeindruckt, von der professionellen und hervorragenden Organisation. Die gesamte Crew inkl. der Rettungsschwimmer war zudem auch noch unglaublich liebenswürdig, hilfsbereit und gut gelaunt. Vielen Dank für alles!

12 Kommentare, twittern, sharen, plussen

  1. Danke für deinen Bericht, Journelle. Ich kann das so gut nachvollziehen, hab vieles genauso empfunden. Paketsprung war bei mir nicht. Ich durfte ne Leiter runter. Und auf dem DLRG-Boot ne Leiter wieder hoch.

  2. Seid längerem folge ich dir schon hier auf dem Blog und bewundere deinen Mut zum Schwimmen in offenen Gewässern. Ich bin der unregelmäßige eine Stunde Hallen- oder Freibadschwimmer (jetzt kommt der Grund diesmal hier zu schreiben) in allen Schwimmbädern in Aachen und dem Kreis Heinsberg. Lieblings-Freibad: Aachen Hangeweiher. Lieblings-hallenbad: Aachen Osthalle und Schwimmbad Waldfeucht Haaren.
    Wir sind sehr oft am Rursee. Kannst du mir einen Tipp geben wie ich meine Panik in Seen ablegen kann? Vor Angst in tiefen dunklen Gewässern kriegen ich irgendwann einen Herzinfarkt.
    Ganz liebe Grüße aus der Provinz Kathrin

    Schön das man sich in der Pampa doch verstanden fühlt
    https://landlebenblog.org/2017/07/09/es-lebe-die-blase/

  3. Hach, die Bäder kenne ich auch alle. Wobei ich Waldfeucht-Haaren nie so mochte. Gegen die Panik habe ich leider keine Tipps. Ich habe zwar auch Angst vor Tiefe aber nur wenn ich auch tauchen muss, wenn ich über die Tiefe schwimme geht es. Vielleicht hilft es nicht allein zu schwimmen oder sich im Rahmen eines Freiwasserwettbewerbs sicher zu fühlen.

  4. Schreib bloß weiter!
    Es ist eine Freude dich zu lesen

    (Und wenn du mal in der Hauptstadt von den ersten zwei Buchstaben bist, ruf huhu!)

  5. In Basel wird fleissig im Rhein geschwommen, es gibt sogar jährlichen denn offiziellen „Rheinschwumm“!
    https://www.slrg.ch/de/nw/sektionen/basel/rheinschwimmen/basler-rheinschwimmen.html

    Im Sommer bei gutem Wetter wirkt die Stadt wie ein Freibad und der Rhein ist voller bunter Wickelfische. Die kann man am Einstieg mit seinen Klamotten, Handtuch usw. füllen und trocken im Wickelfisch mitnehmen auf der Reise den Rhein abwärts. Nicht unbedingt anstrengendes Schwimmen, aber ein Erlebnis!

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