Jens Spahn plant in der nächsten Legislaturperiode Geburten

Als ich 10 Jahre alt war, zog ich mit meinen Eltern von Aachen aufs Land. Meine Mutter hatte für uns einen schönen alten Bauernhof gefunden und umgebaut. Wichtig bei der Suche nach einem Haus war die Distanz zum Arbeitsplatz meines Vaters gewesen. Er musste innerhalb von wenigen Minuten im Krankenhaus sein können. Zwei Wochen im Monat hatte mein Vater Hintergrunddienst. Abends, nachts und am Wochenende trug er dann immer sein Krankenhaustelefon oder später sein Handy mit sich. Wenn es Komplikationen gab, rief man ihn an und egal ob er gerade schlief, mit uns zu Abend aß, fern sah oder im Garten saß, innerhalb von kürzester Zeit saß er im Auto und fuhr los. Mehr als 20 Jahre war mein Vater Chefarzt der Gynäkologie eines städtischen Krankenhauses. Um die unfreundlichen Arbeitszeiten und den Stress, der mit akuten Krankheiten und Komplikationen einhergeht, mitzumachen, muss man seinen Job wirklich mögen. Das gilt im übrigen für das gesamte Krankenhauspersonal, das oft nicht mal besonders gut bezahlt wird.

In den 90er Jahren fand ein Wandel in den Krankenhäusern statt. Die Ausgaben im Gesundheitssektor wurden in Frage gestellt und die flächendeckende Gesundheitsversorgung war nicht mehr der Hauptfokus. Mein Vater wusste, dass seine Station geschlossen werden könnte, wenn am Ende des Jahres nicht genug Entbindungen gezählt wurden. Als mein Vater anfing, gab es im Landkreis mit 250.000 Menschen auf 627,99 km2 ingesamt drei Krankenhäuser mit Entbindungsstationen, heute sind es nur noch zwei. Die nächste Station, die auf Neonatologie spezialisiert ist, liegt 50km entfernt im Klinikum einer größeren Stadt. In einigen Teilen des Kreises fahren einige Mütter lieber in eine niederländische Nachbarstadt, weil das schneller ist, als die 20 minütige Fahrt zum nächsten deutschen Krankenhaus im Kreis.

Daran musste ich heute denken, als ich einen Text von Mother Hood e.V. las. Am 18. August hatten sich am Wahlkampfstand der CDU in Worms Dr. Pia Müller und Daniela Koch mit Jens Spahn über die aktuellen Probleme in der Geburtshilfe (Kreißsaalschließungen, Personalmangel in den Kliniken, große Lücken in der Hebammenversorgung) unterhalten. Als ich heute den Bericht – in Form eines offenen Briefs – über das Gespräch las, wusste ich nicht, ob ich lachen oder weinen soll.

Jens Spahn sollte sich mit dem Thema Gesundheit und medizinische Versorgung eigentlich ganz gut auskennen. Zwischen 2009 und 2015 war er Gesundheitspolitischer Sprecher der CDU/CDU-Bundestagsfraktion. Er schreibt:

„(Ich) konnte in dieser Funktion einige wichtige Reformen mitgestalten. Wichtig ist, dass wir den Patienten in den Mittelpunkt stellen, oftmals sind die Diskussionen in diesem zentralen Politikfeld leider sehr abstrakt.“

In dem offenen Brief, der sich auf drei Aussagen von Spahn im Laufe des Gesprächs bezieht, klingt das ganz anders. Hier möchte ich kurz auf Spahns Reaktion auf Twitter hinweisen. Dort schreibt er, dass seine Äußerungen aus dem Zusammenhang gerissen worden seien und wohl auch aus dem Gedächtnis falsch zitiert wurden.

Interessant wäre, wenn Jens Spahn seine Postionen zu dem Thema nochmal selbst darstellen würden. Bis jetzt ist das nicht passiert. Ich gehe daher erstmal davon aus, dass Pia Müller und Daniela Koch seine Aussagen richtig wiedergegeben haben.

„Die Politik kann nicht verantwortlich für eine flächendeckende Versorgung mit Geburtshilfe sein. Kliniken sind unabhängig und müssen wirtschaftlich arbeiten.“

Jens Spahn ist offensichtlich ein sehr großer Freund neoliberaler Ansätze. Zunächst wurde die Krankenversorgung durch politische Entscheidungen privatisiert und jetzt wird die Verantwortung dafür zurückgewiesen. In Spahns Welt entscheidet der Markt über die Gesundheit und das Wohl der Menschen. Was für ein abwegiger Gedanke es ihm scheint, dass Politik im Sinne der Menschen eines Landes handeln könnte. Die Wirtschaftlichkeit eines Krankenhausbetriebs steht für Spahn über der Gesundheit der Menschen.

Ich frage mich, ob der Spahn, der sich gegen Fahrverbote ausspricht, auch folgendes sagen würde:

„Die Politik kann nicht verantwortlich für ein flächendeckendes Straßennetz sein. Straßen sind unabhängig und müssen wirtschaftlich arbeiten.“

Aber im Umgang mit Menschen ist einem Spahn vor allem wichtig, dass er seinen Kaffee in Landessprache bestellen kann. Immerhin erläutert er im Gespräch wohl auch, warum die Politik nicht für eine flächendeckende Versorgung mit Geburtshilfe verantwortlich sein möchte:

„Wissen Sie, was es kostet, eine flächendeckende [wohnortnahe] Versorgung aufrecht zu erhalten?“

Eine gute Versorgung von schwangeren Frauen und ihren Babys ist einfach zu teuer. Dafür müssen wir Verständnis haben. Für Herrn Spahn stehen die Patientinnen/Menschen genau so lange im Mittelpunkt bis es Geld kostet, dann steht der Markt im Mittelpunkt. Es scheint mir, als hätte Jens Spahn überhaupt kein Interesse an Menschen. Es geht ihm nicht darum, dieses Land lebenswerter oder sozialer zu machen. Er möchte schlicht kein Geld für die Menschen ausgeben, die ihn wählen, lächelt aber freundlich dabei und kämpft gegen Fahrverbote.

Aber man sollte nichts mit Bosheit erklären, das man nicht auch mit Dummheit begründen kann. Ein weiteres Zitat von Spahn lässt vermuten, dass er einfach keine Ahnung hat von dem, was er tut (er war ja mal gesundheitspolitischer Sprecher).

„Eine Geburt passiert ja nicht plötzlich und auch nicht alle zwei Wochen. Da kann man schon mal bereit sein weiter zu fahren.“

Wo anfangen?

Mein Vater lebte in der Nähe des Krankenhauses, weil Zeit ein essentieller Faktor bei einer Geburt sein kann. Wenn etwas schief läuft, ist das für alle Beteiligten eine sehr große Scheiße. Zeitliche Verzögerungen haben fatale Folgen. Wenn das Kind auch nur kurze Zeit unter Sauerstoffmangel leidet, kann es sein ganzen Leben lang davon beeinflusst sein. Blutungen bei der Mutter sind ebenfalls nicht zu unterschätzen und können – wenn nicht zeitnah behandelt – zum Tod führen. Es hat seinen Grund, weshalb es Zeiten gab, in denen viele Mütter und auch viele Kinder unter der Geburt gestorben sind.

Ich habe zwei Kinder geboren und durfte im Rahmen dieser Erlebnisse einen Großteil der medizinischen Geburtshilfepalette kennenlernen. Mein Sohn kam nach 24 Stunden per Kaiserschnitt zur Welt, meine Tochter kam auch Dank der Hilfe einer großartigen Beleghebamme spontan und rasant im CTG-Zimmer zur Welt. In beiden Fällen war ich froh, in Hamburg zu leben und mit dem Taxi nur ein paar Minuten zum Krankenhaus fahren zu müssen.

Für Menschen wie Spahn möchte ich kurz beschreiben, wie sich eine Geburt anfühlt: wie Fisting ohne Gleitcreme während man eine heftige Magen-Darm-Grippe hat und zwar über Stunden. Die Chuzpe zu haben, einer werdenden Mutter zu sagen, dass sie bereit sein soll etwas weiter zu fahren, ist in Anbetracht dessen, was sie ohnehin unter der Geburt durchmachen muss, so unsäglich dämlich, zynisch und dumm, dass ich Spahn gern meine Plazenta als Gruß aus der Küche servieren möchte. Wie soll eine Schwangere denn unter Wehen einige Kilometer Auto fahren? Was ist wenn der Partner auf der Arbeit ist und sie allein zu Hause ist? Soll sie einfach mal mit dem Taxi 50km zum nächsten Krankenhaus fahren unter Wehen? Der Taxifahrer wird sich bedanken, wenn die Fruchtblase platzt oder die Presswehen einsetzen, von Komplikationen möchte ich gar nicht erst sprechen. Und selbst wenn es die Möglichkeit eines Krankentransports geben sollte, dieser ersetzt nicht die Möglichkeiten in der Geburtshilfe. Was ist, wenn es dem Baby nicht gut geht? Schon mal mit einem Baby, das wegen Sauerstoffmangel blau anläuft eine größere Strecke im Auto gefahren?

Aber wie gesagt, wahrscheinlich ist Spahn gar nicht böse, sondern nur unwissend und inkompetent. Antje Schrupp schrieb hierzu auf Facebook:

Andererseits ist es kein Wunder, dass Parteien über Probleme, für die sie keine Lösung haben, auch nicht reden. Da ist es fast schon nett von Jens Spahn, dass er so unbekümmert einfach ausspricht, was in diesen Köpfen Sache ist.

Die Themen Carearbeit, Familie, Frauen und Kinder zählen nach wie vor zum „Gedöns“. Aussagen wie diese zeigen, dass diese Themen als irrelevant angesehen werden. So als würden die Wählerstimmen von den betroffenen Menschen gar nicht zählen. Jens Spahn lebt in einer Welt, in der das Thema Gesundheit für Mütter und Kinder egal ist. Verletzungen, Traumata, Tod und bleibende Schäden werden hingenommen, weil ja nunmal kein Geld da ist und die Politik angeblich überhaupt nicht dafür verantwortlich ist.

Aber das ist die Politik. Ich erwarte, dass Familienpolitik auch beinhaltet, das Wohl von Frauen und Kindern unter der Geburt zu berücksichtigen. Oder um es mit Spahns (leicht abgewandelten Worten) zu sagen:

„Wie merkwürdig und auch fremd im eigenen Land dürften sich die fühlen, die wie meine Eltern nie sicher gebären konnten: Sie kommen in ihre Hauptstadt und lernen das erste Mal flächendeckende Versorgung mit Geburtshilfe kennen.“

Originalzitat

Nachtrag vom 2.9.2017: Jens Spahn hat mit einem Brief an Mother Hood e.V. reagiert. Ich hoffe, dass die darin erwähnten Pläne und Maßnahmen umgesetzt und erfolgreich sein werden.

4 Kommentare, twittern, sharen, plussen

  1. Der richtige Start ins Leben ist soo ungeheuer wichtig!! Geht da etwas schief, hat das Auswirkungen auf das
    ganze weitere Leben.
    Es sollte alles dafür getan werden, daß
    dieser Start unter optimalen Bedingungen startfinden kann. Unsere Hebammen und Mütter brauchen die größtmögliche Unterstützung!!

  2. „Eine Geburt passiert ja nicht plötzlich und auch nicht alle zwei Wochen. Da kann man schon mal bereit sein weiter zu fahren.“

    => Was für ein [ich verzichte hier auf justiziable Benennungen].
    Mein 2. Kind kam ziemlich blitzartig. Einen Teil der Wehen verbrachte ich Montagmorgen im Berufsverkehrsstau. Hätte ich weiter weg fahren müssen, hätte ich das Kind auf dem Beifahrersitz im Auto bekommen müssen.
    Super. Weil man ja die Länge einer Geburt so gut planen kann, nicht wahr?

  3. Vielen Dank für diesen Artikel, gut formuliert und inhaltlich so was von richtig!!!

    Ich frage mich immer, wieso in diesen Fällen (Aufgeben von Geburtsstationen oder Notaufnahmen, was dann euphemistisch „Zusammenlegung“ genannt wird, Streichen von sozialen Diensten, Größere Schulklassen) das Arbeitsplatzargument nie eine Rolle spielt, bei der Automobilindustrie aber immer.

    Es kann ja eigentlich nicht daran liegen, dass diese Arbeitsplätze hauptsächlich Frauenarbeitsplätze sind, denn in Deutschland gibt es ja das Frauenwahlrecht. Oder doch?

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