Oh boy!

Vor einigen Tagen starb Hugh Hefner und als ich davon las, kam mir eigentlich nur in den Sinn, dass er ganz schön hohes Alter erreicht hatte. Trotz meines großen Interesses an Sexualität und Pornografie, haben mir die Bilder im Playboy nie irgendwas gegeben. Weder träumte ich davon, selbst mal nackt mit Weichzeichner und total niedlich und sauber-nackt fotografiert zu werden noch fand ich das in irgendeiner Form als Zuschauerin interessant. Jedes Mal wenn ich das Magazin in die Hand bekam und durchblätterte fand ich es langweilig. Ähnlich ging es mir mit Hugh Hefner. Für mich war er ein alter Mann im Schlafanzug, der nicht mein Typ ist und offensichtlich einen sehr eng eingegrenzten Frauengeschmack hat.

Nach seinem Tod las ich von Leuten, die Hefner als sexuellen Befreier feierten. Mir kam das etwas komisch vor. Frauen nackt zu fotografieren und immer nur Frauen unter 30 Jahren als Geschlechtspartnerin auszuwählen, schien mir nicht sonderlich befreit oder gar innovativ.

Ich stieß aber auch auf andere Texte. Zum Beispiel auf einen von Suzanne Moore, der Hefner gedroht hatte, sie zu verklagen, weil sie ihn als Zuhälter bezeichnet hatte. Julie Bindel bezeichnet Hefner in ihrem Text als Sexualtäter und Jessica Valenti legt dar, wie Hefner nicht die sexuelle Revolution startete, sondern davon profitierte. Susan Brownmiller bezeichnet ihn sogar als ihren Feind.

Mein Bild von Hefner entwickelte sich von egal zu „das muss schon ein sehr großes Arschloch“ gewesen sein. Im Playboy die Bilder einer nackt posierenden 10jährigen Brooke Shields zu drucken, ist meiner Meinung nach Kinderpornografie. Viele Berichte von den Frauen, die bei ihm gelebt haben, zeichnen ebenfalls das Bild eines äußerst unangenehmen Menschen. Kurzum: kaum hatte ich mich ein wenig mit dem Thema beschäftigt, fragte ich mich welcher Mensch mit einem funktionierenden Verstand könnte auf die Idee kommen, dass Hefner irgendwas Gutes für die sexuelle Revolution und/oder Frauen gemacht haben könnte.

Dann las ich ein Interview mit Camille Paglia. Jede Antwort in diesem Interview passt so gut in unsere Zeit, in der wir uns ständig fragen: „Das kann der/die doch nicht wirklich so gesagt haben und schon gar nicht wirklich glauben?!“. Jede Idiotie wird mit einer Inbrunst rausposaunt, so als wäre Nachdenken, Durchdenken und Reflektieren ein unnötiger Zeitvertreib.

Camille Paglia ist Professorin und Autorin und zugegebenermaßen wohl auch umstritten. Wie viel zu viele Leute scheint sie sich in der Rolle des reaktionären Enfant Terribles ganz wohlig zu fühlen.

Hefner reimagined the American male as a connoisseur in the continental manner, a man who enjoyed all the fine pleasures of life, including sex. Hefner brilliantly put sex into a continuum of appreciative response to jazz, to art, to ideas, to fine food. This was something brand new. Enjoying fine cuisine had always been considered unmanly in America. Hefner updated and revitalized the image of the British gentleman, a man of leisure who is deft at conversation — in which American men have never distinguished themselves — and the art of seduction, which was a sport refined by the French.

Nach dem was ich über Hefner gelesen habe, gab es wohl das Ritual, dass er in seinem Schlafzimmer auf verschiedenen Bildschirmen Pornos schaute, während seine Freundinnen entweder ihn oder sich gegenseitig „befriedigten“. Paglia selbst sagt, sie war nie auf einer seiner Partys gewesen aber meiner Meinung nach lebt sie eine ganz andere Fantasie, als die, die Hugh Hefner gelebt hat. Nach einem Wochenplan mit meinen Mitbewohnerinnen knutschen, während sich der einzige Kerl im Raum Pornos anschaut, ist nicht das was ich mir unter dem Sexleben mit einem Connaisseur vorstelle. Übrigens, die Frauen in der Mansion durften wohl keine Kohlenhydrate zu sich nehmen, soviel zu Thema „fine dining“.

Frage: What do you think about the fact that Trump’s childhood hero and model of sophisticated American masculinity was Hefner?

Antwort: Before the election, I kept pointing out that the mainstream media based in Manhattan, particularly The New York Times, was hopelessly off in the way it was simplistically viewing Trump as a classic troglodyte misogynist. I certainly saw in Trump the entire Playboy aesthetic, including the glitzy world of casinos and beauty pageants. It’s a long passé world of confident male privilege that preceded the birth of second-wave feminism. There is no doubt that Trump strongly identified with it as he was growing up. It seems to be truly his worldview.

But it is categorically not a world of unwilling women. Nor is it driven by masculine abuse. It’s a world of show girls, of flamboyant femaleness, a certain kind of strutting style that has its own intoxicating sexual allure — which most young people attending elite colleges today have had no contact with whatever.

Hat sie das wirklich gesagt? Ich möchte nicht tausende Argumente vorbringen, warum Trump sehr wohl ein Sexist ist, dazu wird und wurde aber schon viel geschrieben. Vielmehr frage ich mich, warum habe ich es nie genossen, wenn „Gentlemen“ mir an den Arsch gegriffen haben? Schließlich hat das ja nichts mit Misogynie oder Mechanismen zur strukturellen Unterdrückung von Frauen zu tun. Frauen zu hübschen Tanzaffen zu machen ist zum einen nach wie vor Realität und zum anderen nichts, auf das ich nicht auch gut verzichten könnte. Man sollte sagen, was für ein großes Glück es ist, dass junge Menschen in einem Elitecollege so einem Mist nicht mehr ausgesetzt sind. Aber ich glaube ohnehin, dass Paglia hier mal wieder in einer eigenen Fantasie fernab der Realtät schwelgt. Womöglich fände sie eine stilvolle Sexparty mit Tänzerinnen in Federboas, die in Pools springen super. Aber wie so viele Sexfantasien funktionieren sie nur, so lange man erregt ist. Danach und davor muss man einfach versuchen, mit seinen Mitmenschen klar zu kommen. Außerhalb des sexuellen Kontextes hat ein kleines Patschehändchen eben keinen Grund an den Po zu greifen.

The unhappy truth is that the more the sexes have blended, the less each sex is interested in the other. So we’re now in a period of sexual boredom and inertia, complaint and dissatisfaction, which is one of the main reasons young men have gone over to pornography. Porn has become a necessary escape by the sexual imagination from the banality of our everyday lives, where the sexes are now routinely mixed in the workplace.

Wie soll ich es Paglia sagen? Auch 2017 haben Menschen noch Sex, nicht wenige davon sogar vielfältigen, spannenden, guten, befriedigenden und oft auch mit wechselnden Partnern. Mich würde wirklich interessieren, welche Studie sie ihrer Aussage zugrunde legt. Außerdem ist mir an der Antwort etwas unklar: Warum nutzen heute nur junge Männern Pornografie? Hugh Hefner war über 90 als er starb. Er hat über Dekaden Pornografie hergestellt und unter die Leute gebracht. Hat also Hefner in den 50ern schon erkannt, dass Frauen nun auch arbeiten gehen und den Männern keine andere Lösung bleibt, als sich in die Welt der Pornografie zu flüchten? Ist er für Paglia der Urvater männlichen Eskapismus?

And American women don’t know what they want any longer. In general, French women — the educated, middle-class French women, I mean — seem to have a feminine composure, a distinct sense of themselves as women, which I think women in America have gradually lost as they have won job equality in our high-pressure career system.

An dieser Antwort mag ich den Elitismus (nicht die dumme französische Frau, sondern nur die studierte Französin) und die Tatsache, dass Paglia wohl nicht so oft in Europa war. Dann wüsste sie, dass Französinnen sehr viel arbeiten und selbst mit Kindern sehr schnell und fast immer in Vollzeit in ihren Job zurückkehren. Ihre Männer müssten also unentwegt in Pornos fliehen, weil Frauen und Männer in Frankreich ständig und routiniert am Arbeitsplatz aufeinandertreffen.

We can see that what has completely vanished is what Hefner espoused and represented — the art of seduction, where a man, behaving in a courtly, polite and respectful manner, pursues a woman and gives her the time and the grace and the space to make a decision of consent or not.

Nach allem was ich über Hefner gelesen habe, läuft mir ein kalter Schauer über den Rücken, wenn ich mir vorstelle, dass er mich verführen will. Aber abgesehen von der Person Hefner, nichts von dem was ich im Playboy jemals gelesen habe, schien mir auf das Verführen von Frauen ausgelegt. Verführung hat doch damit zu tun, jemanden sein Begehren zu zeigen, rauszufinden ob es auf Gegenseitigkeit beruht und in einem zweiten Schritt sich gegenseitig einen ekstatischen Spaß zu bereiten. Aber eine Poolparty mit wenigen Männern und vielen Frauen mit Hasenohren hat doch so viel mit Verführung zu tun wie eine Bahnhofstoilette mit einem Boudoir.

What possible romance or intrigue or sexual mystique could survive such a vulgar and debased environment as today’s residential campus social life?

Man könnte meinen, Paglia würde über die Playboy Mansion sprechen aber sie meint tatsächlich das aktuelle Collegeleben. Ich lache hart.

Yes. Women’s sexual responses are notoriously slower than men’s. Truly sophisticated seducers knew that women have to be courted and that women love an ambiance, setting a stage.

Es mag sein, dass es Menschen gibt, die mehr oder weniger Zeit, mehr oder weniger Intimität benötigen, um sich sexuell zu begeistern. Aber ich kann es einfach nicht mehr hören, wenn dieses Verhalten geschlechtsspezifisch zugeordnet wird. Es ist totaler Blödsinn.

Young women are being taught that men have all the power and have used it throughout history to oppress women. Women don’t seem to realize how much power they have to crush men! Strong women have always known how to control men.

Das ultimative Argument gegen jede Form von Gleichberechtigung und Feminismus. Frauen sind manipulativen, damit haben sie ohnehin schon die Weltmacht müssen sie nun gar nicht offiziell einfordern. Nope, Danke, den vergifteten Trank weise ich zurück und fordere Gleichberechtigung. Ich möchte mir Gleichberechtigung nicht erschleichen, sie steht mir zu.

And it’s kind of a double whammy — when women are able to produce movies that bring in big bucks on the international stage, that’s when woman directors will get more chances. But women can certainly cut their teeth by making really important, low-budget films. I want to see them! Show us. Show us the quality of your mind and your work, okay? At a certain point, it’s counterproductive when you’re claiming that someone else always has to open doors for you.

Das nächste große Argument. Der Markt wird es schon richten, wenn die Welt Werke (Filme, Bücher usw) von Frauen sehen will, dann gäbe es einen Markt dafür. Frauen sollen nicht weinen, sondern einfach mal machen, wenn sie scheitern ist nicht das System, sondern sind sie selbst verantwortlich. Katharina Herrmann hat hierzu einen ganz großartigen Text über Frauen in der Literatur geschrieben. Den kann man genauso gut auf die Filmbranche anwenden und sie widerlegt jede einzelne Silbe Paglias.

There are all kinds of complex currents in men’s relationship to women that feminism refuses to acknowledge. The main one is men’s often very unstable or ambivalent relationship with their mothers.

Oh dear. Was für ein Männerbild und diese Annahme, dass Männer nicht in der Lage sein können, ihr Leben selbstverantwortlich zu leben. Meiner Tochter werde ich übrigens den Tipp geben, um Männer, die ihre Probleme auf andere abwälzen, einen sehr großen Bogen zu machen.

I think feminism is wildly wrong when it portrays men as the oppressor, when in fact men, as I have argued in my books, are always struggling for identity against the enormous power of women.

Sagte er, während er seine Frau verprügelte.

So furchtbar das Interview mit Camille Paglia ist, so wunderbar fasst es auch zusammen, was derzeit schief läuft. Die Forderungen nach Gleichberechtigung werden auf perfide Art und Weise ausgehebelt. Der Mann wird als doppeltes Opfer darstellt. Auf der einen Ebene als Opfer der ohnehin starken und manipulativen Frau und zum anderen als Oper der neuen Struktur, die ihn ihn abstumpfen lässt und zum portosüchtigen Monster macht. Die Frau leidet angeblich darunter, weil der Mann sich nicht mehr fest binden möchte und weil die Sexualität zwischen Frau und Mann zu Fastfood verkommt.

Das Problem ist, dass Männer wie Frauen Menschen sind. Damit einher geht die Tatsache, dass beide Geschlechter für ihr Verhalten verantwortlich sind. Die Mutter als Ausrede für schlechtes Verhalten heranzuziehen zeigt, eine fehlende geistige Reife und Faulheit. Das sind dann keine Connaisseure oder Verführer, sondern Männern die ganz offenbar ihr Leben nicht im Griff haben. Vielen Dank gehen Sie weiter, von mir bekommen sein weder Verständnis noch Mitleid.

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  1. „Nach seinem Tod las ich von Leuten, die Hefner als sexuellen Befreier feierten. Mir kam das etwas komisch vor. Frauen nackt zu fotografieren und immer nur Frauen unter 30 Jahren als Geschlechtspartnerin auszuwählen, schien mir nicht sonderlich befreit oder gar innovativ.“

    Mal nur dazu: Frau könnte in Betracht ziehen, dass Playboy zwar nicht auf Frauen, aber durchaus auf Männer „sexuell befreiend“ wirkte. Du kannst es dir vielleicht nicht vorstellen, aber noch in den 60gern galt Sex vielen damals Erwachsenen und Älteren als „etwas Schmutziges“. Das hatten auch Männer massiv verinnerlicht und litten durchaus an Selbstverachtung wegen ihres Verlangens danach.

    In diesem Umfeld wirkte Playboy befreiend, da hier die voyeuristische Lust an weiblicher Nacktheit auf eine vergleichsweise „seriöse Weise“ zelebriert wurde (=etwas, für das sich Mann nicht schämen muss) – und nicht als „schweinischer Trieb“ gebashed.

  2. Ein Blogger, mit dem ich mich vor vielen Jahren mal im Netz verbunden habe, arbeitet inzwischen beim deutschen Playboy, ich würde sagen, er ist Ende 20. Aus seiner Präsenz bei Facebook spricht seit Jahren, dass er sich in genau diesem Licht sieht. Natürlich sieht er sich nicht als Sexist, wenn er ständig mit leicht bekleideten Frauen posiert – Fotos aus denen ganz klar ein Machtgefälle ersichtlich ist. Er begreift sich als Lebemann, genau wie Paglia das beschreibt. Ich bin mir sehr sicher, dass diese Männer der Meinung sind, sie würden Frauen respektieren, weil sie sie vermutlich nicht vergewaltigen würden. Aber sie gehen ganz natürlich davon aus, dass diese sich ihrer „femininen“ Rolle entsprechend verhalten. Immer wieder postete diese Person auf Facebook Selbstrechtfertigungen und warf Journalistinnen, die den Playboy kritisierten, vor, sie wüssten nicht Bescheid. Auch nach dem Tod von Hefner. Irgendwann habe ich es nicht mehr ausgehalten und ihn entfreundet. Aber es zeigte mir sehr genau auf, welches Gedankengut dahintersteckt und es ist widerwärtig.

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