Keine Ekstase im Patriarchat

Nach der Lektüre zählte ich vierzehn Eselsohren. Bei keinem Buch habe ich in diesem Jahr während des Lesens so oft „genau“, „jep“ und „aha“ vor mich hergemurmelt.

2014 wurde ein Interview von Theresa Bäuerlein mit Ilan Stephanie (damals wurde ihr Name, glaube ich, noch nicht genannt) in meine Timeline gespült und ich las es voller Begeisterung. Endlich mal ein Gespräch, in dem keine Dämonisierung der Prostitution stattfand, ein Gespräch nicht über sondern mit einer (ehemaligen) Sexarbeiterin.

Diesen Herbst erschien nun Lieb und Teuer von Ilan Stephanie in Zusammenarbeit mit Theresa Bäuerlein. Es geht um die Erfahrungen von Stephani, die sie sammelte, als sie zwei Jahre in einem Berliner Puff arbeitete.

Wer an einer Wichsvorlage interessiert ist, sollte das Buch nicht kaufen. Die Details aus dem Puffalltag – im Fall von Stephani übrigens ein sehr angenehmer Arbeitsplatz – sind interessant und spannend aber enthalten keine Spuren von schwülstiger Erotik. Meist werden Handtücher zusammengefaltet und Gespräche geführt.

Unbedingt lesen sollten all diejenigen das Buch, die Prostitution mit Zwangsprostitution gleichsetzen und diejenigen, die die Prostition ganz oder „nur“ für die Freier verbieten möchten. Stephani analysiert diese Themen, recherchiert Studien, setzt sich mit dem neuen ProsSchG auseinander und kommt zu überraschenden, wichtigen und spannenden Schlussfolgerungen. Sie verortet die Prostitution nicht abseits unserer Gesellschaft, sondern als immanenter Teil der Gesellschaft:

Heute kann ich keinen prinzipiellen Unterschied mehr sehen zwischen einer Hure und einer Nicht-Hure. Mir scheint, dass der Puff nur ein beliebiges Setting ist […]. Es ist ein Kampf mit dem unerfüllbaren Diktat, wie eine „richtige Frau“ auszusehen hat, wie sie leben und denken und handeln muss. Wir sollen schön sein, aber bescheiden. Belesen und schweigsam, freundlich und aufregend, selbstbewusst, aber keineswegs unangenehm, wir sollen moderne Frauen sein mit tollen Karrieren, tollen Kindern und im Bett alles andere als müde.

Stephani sieht die Prostitution durchaus sehr kritisch. In Anbetracht der Tatsache, dass Prostitution aber Bestandteil unserer patriarchisch strukturierten Gesellschaft ist, bringt es gar nichts, an dieser Stellschraube zu drehen. Verschärfte Gesetzte, machen es den Frauen nur noch schwerer, in Notfällen Hilfe zu bekommen und ihrer Arbeit in einem sicheren Umfeld nachzugehen. Nur mit einer Veränderung unserer Gesellschaft und unserer Sexualität wird es Prostitution nicht mehr geben.

Gerade in Hinblick auf die Sexualität von Frauen und Männern fand ich dieses Buch unglaublich erhellend. Die Analyse weiblicher Sexualität, die so stark von der männlichen Wahrnehmung abhängt, fand ich in ihrer Klarheit grandios:

Und woraus besteht dieses „weibliche“ Kopfkino im Kern? Es besteht darauf, eine sexuelle Wirkung auf ein Außen zu haben. „Ich fühle mich sexuell, weil ein Mann mich begehrt.“ […] Frauen lernen von klein auf, sich über ihren sexuellen Wert für Männer zu definieren. Sie lernen, sich selbst nur über einen Umweg zu erregen, nämlich über die sexuelle Erregung des Mannes, die sie ausgelöst haben.

Fast noch spannender aber fand ich was Stephani über männliche Sexualität schreibt. Oft habe ich festgestellt, dass es eine große Diskrepanz gibt, zwischen dem was männliche Sexualität sein soll und dem, was sie oft ist beziehungsweise was manchmal durchschillert. Damit meine ich, dass Männer eben keine sexgeilen Rammel-Roboter sind, sondern sehr wohl ein großes Bedürfnis nach Nähe, Intimität, Verbindlichkeit und Zärtlichkeit haben. Häufig fällt es ihnen aber noch schwerer als Frauen, darüber zu sprechen oder es zu leben:

Männliche Lust – hörbare, zelebrierte, ausgedehnte männliche Lust taucht im Puff ebenso selten auf wie überall sonst auch. […] Der Bezug von Männern zu Sex, zu Erotik, zu Körpern und Haut ist begabt, kraftvoll zu sein und poetisch, voller Ehrfurcht und Sorgfalt, voller Zärtlichkeit und Solz. Und ich lernte: Das wissen die Männer selbst nicht mehr. Ja, sie missverstehen und übersehen sich selbst sexuell ebenso wie sie ihre Frau nicht sehen. Ich glaube, dass diese erlernte sexuelle Erlebnisarmut ein Schlüsselmoment im Verständnis der männlichen Sexualität ist.

Während der Lektüre des Buchs sah ich immer wieder meine Theorie bestätigt, dass die Männer von einer egalitären Gesellschaft mit sexuell freien Frauen mindestens genauso profitieren würden wie Frauen. Die Macht, die ihnen das Patriarchat gibt, ist im Grunde eine Zwangsjacke. Sie haben diese Macht nur, solange sie alles „weibliche“ weit von sich weisen. Der Verlust ihrer Männlichkeit geht einher mit dem Verlust ihrer Macht. Die Angst ihre Macht zu verlieren, schränkt sie in ihrem Leben und in ihrer Sexualität allerdings stark ein:

Haben Männer Konsequenzen zu befürchten, wenn sie sich verächtlich und sadistisch äußern? Kaum. Wir sind empört, aber wir entschuldigen sie gleichzeitig damit, dass sie biologisch nicht anders können. […] Haben Männer Konsequenzen zu fürchten wenn sie weich werden, wenn sie ihre Freunde umarmen, wenn sei weinen wollen oder gestehen, dass sie das mit dem Sex und den Titten und dem Ficken überbewertet finden und anstrengend? Oh ja. Wir verhöhnen sie, wir verachten sie […].

Eigentlich möchte ich dieses Buch allen Menschen auf den Nachtisch legen. Es gab durchaus Stellen an denen ich nicht ganz folgen konnte und die mir zu esoterisch waren. Die 264 Seiten sind aber so voll mit klugen Gedanken, Ideen und Schlussfolgerungen, dass dies kaum ins Gewicht fiel. Mir gefiel auch, dass das Buch einen nicht hängen lässt. Es geht sehr konkret darum, wie wir die Gesellschaft verändern können und welche Rolle die Sexualität dabei spielt. Wenn wir die (sexuelle) Ekstase wollen, müssen wir uns von den aktuellen Machtverhältnissen und den uns darin zugewiesenen Rollen trennen. Aber einen besseren Anreiz für Veränderung kann es doch kaum geben.

9 Kommentare, twittern, sharen, plussen

  1. Danke für deinen Artikel und deine Empfehlung. Mich spricht das total an, vor allem, weil das genau eins der Themen ist, zu dem ich mir noch keine Meinung bilden konnte, vor allem aber auch durch das Fehlen guter Grundlagen. Habe mir das Buch gleich bestellt und bin gespannt! :)

  2. Danke, das ist eine sehr interessante Empfehlung. Ich werde das Buch lesen. Aber ich werde es nicht bei amazon bestellen. Überall, aber nicht bei diesen Ausbeutern.

  3. Ja, ich habe es als Geschenk auch zwei mal beim örtlichen Buchhändler gekauft. Der Amazon-Link war am einfachsten aber er hat keine wirtschaftlichen Vorteile für mich.

  4. Pingback: Fremde Federn: Keine Ekstase im Patriarchat | sunflower22a

  5. Danke für die Besprechung! Seit ich ein Teenie war, interessiere ich mich für das Thema Prostitution und Sex, der Artikel vom Krautreporter war damals das, wonach ich so lange gesucht hatte: reflektiert und er brachte mich diesem „Mysterium“ endlich ein bisschen näher, denn selbst ausprobieren gab es für mich nicht (mit meinem ersten Freund verheiratet, drei Kinder). Ich brenne darauf, dieses Buch zu lesen und möchte in meiner Bücherei fragen, ob sie es bestellen. Mal sehen ;))

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