Neutral ist die Seife

In der 6. Klasse bin ich mal auf ein Kind aus der Parallelklasse zugegangen und habe gefragt: “Bist Du ein Junge oder ein Mädchen?”

Eine Woche lang habe ich die große Pause damit verbracht, Indizien für das eine oder andere Geschlecht zu finden. Meine Klassenkameraden konnten mir auch nicht helfen und so ging ich fragen. Anja war ein Mädchen und nicht sonderlich glücklich über meine Frage.

Sicherlich hatten die Eltern von Anja eher über den praktischen Nutzen einer Kurzhaarfrisur nachgedacht, als über geschlechtsneutrale Erziehung.

In der aktuellen Nido gibt es allerdings einen Artikel über Geschlechtsneutralisierung nicht aus praktischen, sondern eher ideologischen Gründen.

Darin wird die Schwedin Malin Björns mit ihrem Kind Charlie vorgestellt. Sie verrät niemanden das Geschlecht ihres Kindes, um es ohne Geschlechterrolle aufwachsen zu lassen. Im Anschluss an den Bericht folgt ein Interview mit Marianne Grabrucker und ihrer Tochter Annemarie Grabrucker. Frau Grabrucker hat in den 80ern ebenfalls versucht, ihre Tochter geschlechtsneutral zu erziehen.

Da ich der Meinung bin, dass im Grund alle Eltern an ihren Kindern rumexperimentieren

– “wie gedeiht mein Kind ohne Fleisch”, “bei uns gibt es nur Plastikspielzeug”, “meine Kinder werden ausschließlich von Ralph Lauren eingekleidet”, “bei uns gibt es nur handgemachte Watteengel”, “wir feiern nur Hinduistische Feiertage”, “ich lasse eine Webcam laufen, so dass jeder 24 Stunden Familienleben sehen kann” -

möchte ich die Ansätze von Frau Malin Björn oder Marianne Grabrucker nicht verurteilen. Ich glaube, es gibt Schlimmeres als eine geschlechtsneutrale Erziehung.

Das ändert aber nichts daran, dass ich das Konzept grundsätzlich bescheuert und kontraproduktiv finde.

Sowohl Frau Grabrucker als auch Frau Björns möchten, dass ihre Kindern möglichst frei von Geschlechterzwängen aufzuwachsen. Malin Björn:

“Wichtig ist, dass ich meinem Kind verständlich machen kann, dass es mehr gibt als das (Geschlecht). Dass es die Wahl hat – egal, ob bei der Kleidung, beim Sport oder in der Schule.”

Grundsätzlich kann ich diesem Satz 100% zustimmen. Aber warum muss ich dafür geschlechtsneutral erziehen?

Würde man den Gedanken konsequent weiterentwickeln müsste das doch heißen, dass man allen Kindern eine Uniform anziehen, die Haare rasieren und eine Maske aufsetzten müsste, denn nur ist wirklich gewährleistet, dass nichts Äußerliches den Blick auf den Charakter einer Person behindert.

Ein weiterer Aspekt stört mich an dem Ansatz der geschlechtsneutralen Erziehung: Das Bild der Weiblichkeit.

Beide Frauen sprechen darüber, dass in unserer Gesellschaft Weiblichkeit negativ bzw. Männlichkeit positiv besetzt ist.

“Waren Sie froh, wenn sie erklärte, ein Junge zu sein?
Marianne Grabrucker: Im Gegenteil: Ich war entsetzt. Weil sie das nur im Kontext von “besser, toller, schneller” sagte.”

Wenn man aus der Tatsache, dass Männlichkeit als etwas sehr Positives gesehen wird, folgert, dass man sein Kind besser neutral erzieht, spielt man das Spiel nicht nur mit, man pervertiert es gar.

Viel naheliegender, sinnvoller und freudvoller erscheint mir, dem Kind – egal ob Mädchen, Junge oder Zwitter – zu vermitteln, dass sein Geschecht toll ist und es gleichzeitig (unabhängig vom Geschlecht) erreichen kann, was es möchte.

Letztlich darf man auch nicht vergessen, dass ein Kind bei der Geburt eine bereits bestehende Gesellschaft vorfindet. Um in dieser zurecht zu kommen oder auch um sie ggf. zum Besseren hin zu verändern, muss es die Gesellschaft, die Codes, die Subtexte kennen und verstehen.

So gesehen musste Trapattoni bei seinen schlechten Sprachkenntnissen als Trainer des FC Bayern scheitern. Die Vorstellung eines Geschlechts-Trapattonis ist für ein Kind sicherlich nur mäßig amüsant.

Und überhaupt, wer kommt eigentlich auf die Idee, etwas so schönes, spannendes, interessantes und vor allem essentielles wie das Geschlecht einfach mal für nichtig zu erklären?

Der Fehler liegt woanders, nicht zwischen den Beinen.

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  1. Wie funktioniert denn geschlechtslose Partizipation in der Schule? Geht das Kind mal aufs Jungen- und mal aufs Mädchenklo? Wechselt es jede Woche die Umkleidekabinen beim Sport? Kann mir nicht so recht vorstellen, wie das in unserer Gesellschaft (auch rechtlich gesehen) funktionieren soll.

  2. @Michaela: Danke.

    @Paula: Frau Grabrucker hat das wohl nur bis zum 3. Lebensjahr gemacht, wie Malin Björn zukünftig vorgehen möchte, ist mir auch nicht klar, das Kind ist aber auch erst um die 2 Jahre alt.

  3. Meine Eltern haben mich nicht so erzogen als hätte ich kein Geschlecht aber so als würde es nicht weiter wichtig sein. Man muss einem ja auch sagen auf welches Klo man besser geht wenn’s kein Theater geben soll und auf’s im stehen Pinkeln geht man auch besser ein wenn man das Badezimmer putzt.

    Ich habe z.B. Regina Regenbogen Puppen bekommen, einfach weil ich sie wollte, ohne das sie es mir hätten ausreden wollen. Ich bin schon als kleiner Junge ein absoluter Sci-Fi & Fantasy Fan gewesen und Regina trägt einen Gürtel aus dem auf Knopfdruck DER Regenbogen geschossen kommt. Und über den kann sie dann blitzschnell reiten verdammt!

    Mir selbst war es scheißegal das das Mädchenspielzeug war, die Farben war’n geil.

    Ich hatte auch einen Kinderherd und Lego und He-Man-Figuren.

    Geschlecht jenseits von Stereotypen ist möglich. Die Stereotypen werden ja nur drauf gesetzt und die sollte man vermeiden.

  4. Hallo Zusammen,

    Interessante Ansichtsweise, ich war von dem Beitrag in der … sehr angetan und habe noch viel darüber nachgedacht.
    Vieles stimmt aber, es fängt mit den Farben an und geht über zu Eigenschaften die einem Geschlecht zu bzw. abgesprochen werden.
    Aktuelles Beispiel: In Schulen wird die Farbe Rot für Deutsch, die Farbe Blau für Mathematik. Natürlich ist die Wahl der Farben willkürlich, nur assoziiert man Blau mit männlich und Rot mit weiblich.
    Meine Tochter steht auf Pink und Prinzessinen”mist”, was ich als blauliebendes und eher jungenspielzeug bevorzugendes “Kind” schwierig finde. Selbst in Disneyfilmen werden die Klischees manifestiert, Männer als Helden, Frauen als “Schönheiten mit viel Brust und pinken Kleidern” dargestellt.

    Ich finde irgendwo muss man da anfangen die Gesellschaft zu “öffnen”, der Artikel gefällt mir!

  5. ich hab das neulich von einer kanadierin gelesen und hab mich gefragt, wozu es gut sein soll.
    ich kann mich nicht erinnern meinem 3,5 jährigen sohn schon mal gesagt zu haben, daß er ein junge und kein mädchen ist. er hat noch nie gefragt. er trägt pink und hat ne puppe. die allerdings ist männlich, weil ich mal was anderes wollte.
    was ich ihm nicht kaufe sind typische mädchenshirts mit glitzer, hello kitty etc drauf. würde er sie allerdings wollen, kann er sie gern auch haben.
    stereotype sind langweilig und lassen keinen spielraum. mir wäre es viel wichtiger dem kind beizubringen sich in seiner/ihrer haut wohl zu fühlen und offen für alles zu sein.

  6. Pingback: Das rosa Ei in der Familie | Journelle

  7. Pingback: Danke #aufschrei | Journelle

  8. Liebe Journelle,

    du hast dich offensichtlich noch nicht weitergehend mit Feminismus beschäftigt.
    Das ist schade, denn der Artikel über Charlies geschlechtsneutrale Erziehung hat dich ja zum Nachdenken angeregt und du hast dich gefragt, was das für dieses Kind bedeutet.
    Ich möchte dir ein unglaublich faszinierendes Buch ans Herz legen: “Die Töchter Egalias” von Gerd Brantenberg. Ohne gehobenen Zeigefinger stellt sie ganz deutlich unsere gesellschaftlichen Verhältnisse in Bezug auf Geschlechterrollen dar.

    Ich würde mich freuen, bald von die einen neuen Artikel zum Thema geschlechtsneutrale Erziehung zu lesen – allerdings nach der empfohlenen Lektüre!
    Viel Spaß dabei.

    PS.: Das Buch ist leider vergriffen und kann nur noch gebraucht gekauft werden.

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