Gegenwartsschwimmen

Während ich im September 2017 in Hever 2,5km durch wunderschöne südenglische Landschaften schwamm, fragte ich mich, warum ich mich nicht für die kürzere Strecke von einer Meile entschieden hatte. Ich kämpfte mit der Kälte des Wassers und mit meinem neuen Neoprenanzug. Es dauerte fast 800m bis ich endlich in meinen Schwimmrhythmus fand. Am Ende kam ich gut und zufrieden an, aber ich nahm mir vor, mich im nächsten Sommer für mindestens eine kürzere Strecke anzumelden, einfach um das Schwimmen entspannt zu genießen, und nicht meine Grenzen zu testen.

Anfang des Jahres meldete ich mich für diverse Wettbewerbe an, keiner davon eine entspannte kurze Strecke. Warum auch, ich fühlte mich stark und kräftig und bis Juni würde ich genug Zeit zum trainieren haben. Nachdem ich 2016 mit 1km begonnen hatte, 2017 die 2,5km in einer guten Stunde schaffte, wollte ich mich 2018 mit 3,8km langsam an die ersehnten 5km heranpirschen.

2018 sollte das Jahr werden, in dem ich mich auf das Schwimmen konzentrieren würde. Ich erstellte auf Instagram ein Zweitaccount schwimmschoen, um mir zu beweisen, dass ich durchaus in der Lage bin, mich thematisch festzulegen. Und ich gründete eine Facebook-Gruppe Gesellschaft für schönes Schwimmen, um mich mit anderen Schwimm- und Wasserbegeisterten auszutauschen.

Kurz darauf bekam ich erst einen furchtbar klingenden Husten und dann eine heftige Nebenhöhlenentzündung, die trotz eines bunten Strauß an Medikation chronisch wurde. Mittlerweile habe ich eine Behandlung gefunden, die tatsächlich zu helfen scheint, aber meine ganzen Pläne sind dahin. Erst gerade bin ich bei einem Wettbewerb über zwei Meilen nicht angetreten. Ich merkte, wie ich Angst hatte, vor dem kalten Wasser und vor meinem Körper und seiner aktuellen Unzuverlässigkeit.

Seit Anfang Mai gehe ich zwar wieder regelmäßig ins Wasser aber schwimme selten mehr als 1,5km. Ich stagniere und ich hasse dieses Gefühl. Während meine Schwimmtimeline ein Wasserabenteuer nach dem anderen erlebt, eine Herausforderung nach der anderen meistert, fühle ich mich als wäre das Seepferdchen für mich Aufgabe genug. Zwar fuhr ich nicht zum Wettbewerb aber stattdessen bot sich die Gelegenheit, nach Hampstead Heath zum Kenwood Ladies Pond zu gehen.

Der Weg zum Teich führt einmal quer durch den Hamstead Heath Park. Ich liebe die Weitläufigkeit des Geländes, so als wäre man wirklich in einem Wald. Bei meinem ersten Besuch war ich noch genervt davon, dass der Weg zum Bad so lang und hügelig war, mittlerweile gehört er zum Pond wie das dunkle Wasser und die kalte Dusche danach.

Trotz des warmen Wetters in diesem Jahr, war das Wasser im Pond frisch. Ich hatte meine Schwimmbrille zwar mit, schwamm dann doch ohne. Etwa zwanzig Frauen waren auf dem Gelände aber selbst wenn es hundert wären, würde der Ort immernoch diese Ruhe und Gelassenheit ausstrahlen. Kaum war ich ins Wasser gegleitet – selbst überrascht davon, dass ich nicht reingepumpst war, wie es zu mir passen würde – merkte ich wie ich ruhig wurde. Der Frust der letzten Monate schwamm sich einfach weg.

Direkt neben mir dümpelten diverse Entenfamilien, wir nickten uns zu. Im Wasser lagen sie höher als ich, was sie wie mich zu amüsieren schien. Die anderen Frauen schwammen ähnlich gemächlich wie ich. Niemanden ging es hier um die beste Technik, um eine besonders gute Zeit oder bemerkenswertes Durchhaltevermögen. Ehrgeiz ist nur wichtig, wenn man ein zukünftiges Ziel vor Augen hat. Das Schwimmen im Ladies Pond ist aber auf die Gegenwart angelegt. Die Zukunft verschwimmt im kalten, schwarzen Wasser.

Der Druck fiel langsam von mir ab, ich muss nicht den Ärmelkanal durchschwimmen. Es ist ausreichend, das Schwimmen zu lieben. Wenn mein Körper wieder Lust hat, suche ich mir vielleicht wieder eine Herausforderung. Bis dahin werde ich versuchen herauszufinden, was mir wirklich am Schwimmen Freude bereitet und nicht nur das machen, wovon ich denke, dass ich es brauche und toll finde.

2 Kommentare, twittern, sharen, plussen

  1. Danke für deinen Text, Journelle. Ich stagniere nur, halte höchstens meine 2 k pro 55 Minuten und habe Lampenfieber wegen des einzigen Wettbewerbs, an dem ich 2018 teilnehmen werde: Müritzschwimmen, kurze Strecke. Ich werde versuchen es zu genießen.

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