Verdorben bis ins Schokoladentörtchen

Neulich habe ich ein kleines Experiment gemacht. Ich hatte ein paar Freundinnen mit Kindern zu Besuch. Im Laufe des Gesprächs habe ich bewusst drei Themen eingebracht.

Erst lies ich beiläufig verlauten, dass ich Atheistin sei. Das Gespräch über Urlaub in Dänemark wurde nicht einmal unterbrochen. Wahrscheinlich hätte ich mehr Aufmerksamkeit erregt, wenn ich gesagt hätte, dass ich gleich meine Bibel zur allgemeinen Diskussion raushole.

Im Verlauf des Nachmittags brachte ich das Gespräch darauf, dass ich in meiner wilden Zeit vor Ehemann und Kindern den ein oder anderen One-Night-Stand hatte, was ehrlich gesagt völlig übertrieben ist, aber für ein Experiment kann man ja auch mal die Wahrheit etwas dehnen.

Zwei Paar Augenbrauen wurden hochgezogen und eine Mutter sah mich etwas verträumt lächelnd an und meinte, bei ihr sei es genauso gewesen. Danach wechselte das Thema gleich wieder zu „Gute Grundschulen in Deiner Umgebung“.

Nach zwei Tassen Kaffee und drei Wutanfällen – die Kinder nicht die Mütter – erzählte ich, dass ich am Vorabend beim Fernsehen eine ganze Tafel Schokolade allein (!) gegessen hätte.

Damit hatte ich die Aufmerksamkeit aller anwesenden Damen. Schreckgeweitete Augen starrten mich an. Nachdem die erste Schockstarre vorbei war, fassten sich alle Mütter an die Bäuche und prüften, ob bei ihnen noch alles schlank sei. Dann redeten alle durcheinander und berichteten davon, wann sie das letzte Mal so viel Schokolade auf einmal gegessen hätten.

Bei den meisten war es während der letzten Schwangerschaft oder als Teenager. Als sie abends gingen schauten sie mir noch ein letztes Mal mitleidig auf meinen Bauch.

Mein kleines Experiment bewies mir, wovon ich ohnehin schon ausgegangen war. Dank der Aufklärung, der 68er, des Feminismus und wer sich sonst noch mehr oder weniger für gedankliche Freiheit zuständig fühlte, können wir heute glauben was wir wollen und Schuldgefühle und Sex stehen wenn überhaupt nur noch miteinander in Zusammenhang, wenn man fremdgeht.

Wirkliche Schuld empfinden wir nur noch beim Essen.

Sowohl bei mir selbst als auch in meinem Umfeld (digital wie analog) stelle ich die absurdesten Essgewohnheiten fest. So esse ich beispielsweise seit mehr als einem halben Jahr nur drei Mahlzeiten, wobei ich abends auf Kohlenhydrate verzichte. Ich erhoffe mir so, abzunehmen oder wenigstens mein Gewicht zu halten (funktioniert so mittel).

Die Frage nach meiner geistigen Gesundheit ist in Hinblick auf mein Essverhalten durchaus berechtigt. Ich tröste mich aber immer damit, dass die anderen noch verrückter sind.

Wie dem auch sei, ich finde Essen spannend und die Vorstellung abzunehmen – ganz einfach dabei super gesund und total natürlich – finde ich auch faszinierend (geistige Gesundheit siehe oben).

In letzter Zeit habe ich mich also mit raw foodism und auch detox diets beschäftigt. Außerdem habe ich, unabhängig von diesen Nahrungskonzepten, noch mal in Frage gestellt, ob wir wirklich so viel Milch- und Fleischprodukte zu uns nehmen sollen, wie wir es tun.

Aber jedes Mal wenn ich etwas zu Ernährungskonzepten las, hatte ich ein komisches Gefühl. So wie wenn man jemanden trifft, der total nett ist aber irgendwas stimmt mit dem nicht, man kann es nur nicht in Worte fassen.

Mit diesem Jemand meine ich die attraktiven und schlanken Ernährungsexperten, die zwar nicht einmal wissen, wie man einen Kohlrabi verarbeitet , aber die einem Schönheit, Schlankheit und ewige Gesundheit versprechen. Dafür muss man nur so essen, wie es im Buch steht.

Die Nummer kenne ich und sie ist sehr alt. Denn wenn man an Gott glaubt und sich darüber hinaus gut benimmt, kommt man ins Paradis. Mephisto ist jetzt ein Schokotörtchen, was zugegebenermaßen deutlich profaner ist als die alte Version. Auch die Buchtitel waren damals besser „1. Buch Mose“ vs. „Crazy sexy diet“.

Genauso wie bei Glaubensdiskussionen wird auch immer gleich das große Bild gemalt. Fleisch essen ist respektlos und eine Manifestation der zerstörerischen Dominanz des Menschen. Außerdem verursacht unser Fleisch- und Fischkonsum jede erdenkliche Umweltkatastrophe (ok, in Fukushima war es das Erdbeben und der Tsunami aber trotzdem).

In der Steinzeit – in der wir körperlich noch leben – gab es auch nur grünes Gemüse (ja klar, Kohlrabi in der afrikanischen Steppe aus der wir alle kommen) und Nüsse. Sobald ich mir was brate, lebe ich gegen meinen Körper.

Nur diese oder jene Ernährungsweise kann Schönheit, Schlankheit und Gesundheit garantieren alles andere führt zur sofortigen Verfaulung aller Organe und der Haut.

Meine Gastmutter in den USA war sehr religiös. Wie ich im Laufe des Jahres rausfand, war sie es nicht weil sie Halt und Sinn im Glauben fand, sondern weil sie Angst hatte. Angst davor, dass sie in die Hölle kommt, wenn sie nicht an Gott glaubt.

Angst ist ein großartiges Mittel um Menschen Dinge tun zu lassen, die ihnen eigentlich nicht gefallen.

Die Angst dick zu sein, betrifft fast alle und auch nicht nur Frauen. Fett ist das Synonym für verantwortungslos, undiszipliniert, ungesund, asozial und träge. Alles Dinge vor denen wir panische Angst haben, die wir nicht sein wollen.

Denn über dicke Menschen wird gelacht, sie finden (angeblich) keine Partner, sie werden wahrscheinlich nie Schauspieler oder Fernsehmoderator und auch sonst sollen schöne (und) schlanke Menschen allgemein mehr Erfolg im Leben haben.

Absurderweise ist diese Angst vor allem auf das Gewicht bezogen. Es wird nicht gefragt, ob eine füllige oder dicke Person womöglich gesund, sportlich oder attraktiv ist, einzig zählt der BMI und die Kleidergröße.

Also lassen wir uns von dieser Angst leiten und denken gar nicht mehr klar.

Nehmen wir mal an, ich würde es mögen, wenn man mir beim Sex an den Haaren zieht. Das kann durchaus dazu führen, dass ich das ein oder andere Haar während des Aktes verliere (und dadurch entstellt werde). Das hielte mich aber nicht davon ab, es zu tun und auch sonst würde mir wohl niemand raten, ein paar Haare meinem sexuellen Genuss vorzuziehen.

Ganz anders beim Essen. Ein köstliches Schokotörtchen mit flüssigem Kern führt wahrscheinlich zu einem höheren Fettanteil in meinem Körper. Genau das hält mich davon ab, es zu mir zu nehmen. Auch 90% meines Umfeldes würden mir davon abraten mit dem Hinweis auf körperliche Entstellung durch Schokogenuss.

Das klingt absurd, das ist absurd aber entspricht der Realität.

Es wird Zeit, dass ich Ernährungsatheistin werde. Da ich hungrig und mit einem Glas grünen Tee am Schreibtisch sitze, wird es wohl noch eine Weile dauern, aber wütend und genervt bin ich schon.

17 Kommentare, twittern, sharen, plussen

  1. Sehr gut getroffen, das erklärt auch den zeitgenössischen Missbrauch des Wortes „sündigen“ für genussorientiertes Essen.
    „Frauen wollen nur zwei Dinge: Essen und Abnehmen“ (aus einem Tweet) – Ernährungsatheismus ist wirklich der einzige Ausweg.

  2. Das mit der Schuld geht offensichtlich beim Einkaufen los. Der Typ des Shoppingpuritaners ist ja gesellschaftlich überhaupt nicht mehr zu übersehen. Kauft sich frei im Bioladen, spart sich selig durch Ignorieren von Amazon. Quasireligiös ist noch milde ausgedrückt.

  3. „Die Angst dick zu sein, betrifft fast alle und auch nicht nur Frauen. Fett ist das Synonym für verantwortungslos, undiszipliniert, ungesund, asozial und träge. Alles Dinge vor denen wir panische Angst haben, die wir nicht sein wollen.“

    Stimmt wohl. Ich bin schon dick, muss also keine Angst haben es zu werden. Und da ich nicht verantwortungslos, undiszipliniert, ungesund, asozial oder träge bin, ist alles bestens. Wie sagt schon Sabine Asgodom: „Das Leben ist zu kurz für Knäckebrot“ (und mir schmeckt das auch nicht). Schokotörtchen sind da schon wesentlich leckerer.
    Das Wort Ernährungsatheistin muss ich mir aber merken :)

  4. Pingback: Gelesen und gemerkt am 19.1.2012 « just another weblog :: fine bloggin' since 2001

  5. Ich verneige mich in tiefster Dankbarkeit! Endlich hat es jemand auf den Punkt gebracht!!!

    Wo, wie, wann und mit wem man gevögelt hat – schnuppe – aber das kleine Schokofest um Mitternacht ( da sollte man ja schon längst nichts mehr anschauen ) sorgt für ungläublige und betroffene Augen …

  6. Pingback: ohne schlechtes gewissen | frauniepi

  7. Hall, mein Name ist Mee und manchmal esse ich eine ganze Tafel Schokolade auf einmal. Letztens hab ich sogar eine gekauft, einzig für den Zweck sie an dem Abend noch zu essen. Und wenn ich dann doch mal ein schlechtes Gewissen habe, dann denke ich einfach an meinen ehemaligen Geschichtslehrer der unserer Klasse einmal predigte „Eine Tafel )dunkle Schokolade) täglich, das geht schon in Ordnung.“. Der Mann war sehr klug, der musste es wissen.
    Lästig sind allerdings Kommentare wie „Du als Ernährungswissenschaftlerin, *du* müsstest das doch eigentlich besser wissen!“

  8. Pingback: » Wirkliche Schuld empfinden wir nur noch beim Ess … Nachtwächter-Blah

  9. Trotz oder gerade wegen dem vorherrschenden Schlankheitswahn und dem daraus folgenden Schuldempfinden (wegen der Optik, nicht wegen der Gesundheit). Recht einseitig dieser Artikel. Am Übergewicht als Krankheits- und Folgeschäden-Ursache ist schon was dran!
    z.B. hier mal lesen http://www.netdoktor.de/Krankheiten/Uebergewicht-bei-Kindern/Wissen/Uebergewicht-Koerperliche-Folg-6756.html aber wer Google nutzen kann wird noch mehr finden.

    Es geht auch nicht darum jede so genannte „Sünde“ zu vermeiden – nur – fressen wie besessen ist einfach ungesund und das meist nicht unmittelbar!
    Es ist auch jedem selbst überlassen ungesund zu Leben – nur – dann braucht man sich auch nicht wundern, wenn man dann im fortschreitenden Alter (oft schon Mitte, Ende der 40er) auf einmal allerlei Probleme bekommt.

  10. Vielen Dank für die vielen Kommentare. Ich plane dann mal eine Chips- und Schokoladen-Party auf der jeder seine eigenen Tüte bzw. Schachtel bekommt.

    (@Mr. Who: In diesem Blogpost ging es nicht darum, das Thema von vielen Seiten zu beleuchten, sondern eine Polemik zu schreiben, darüber, dass wahnsinnig viele Menschen ihr Essverhalten wie eine Religion ausüben. Ferner halte ich den Netdoktor nicht für eine seriöse Quelle zum Thema Übergewicht. Soweit ich mich auskenne, gibt es eine Vielzahl sehr unterschiedlicher wissenschaftlicher Studien zum Thema Fett und Gesundheit, die sich auch gern wiederlegen. Und Du hast Recht, Ende der 40er hatten wir in Deutschland viele Probleme.)

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