Ich spiele nicht mit Kleidung

Bei Gesprächen über dramatische Familiengeschichten oder tragische Kindheiten werde ich immer ungewöhnlich still.

Ich kann zu dem Thema nichts beitragen. Meine Familie ist zwar etwas eigenwillig aber im Grunde ein lauter und freundlicher Haufen mit fröhlich-cholerischen Sprengseln. Es gibt nur eine einzige Sache, bei der ich wirklich rebelliert habe und anders geworden bin als meine Mutter: ich bin ein Kleidungsspießer.

Noch heute erwische ich meine Mutter ab und an, wie sie mich verblüfft und traurig anschaut und dabei wahrscheinlich denkt: “Warum trägt mein Kind nur so unglaublich langweilige Klamotten?”

Manchmal möchte ich mich dann mit einer Tasse Kaffee neben sie setzen und ihr sagen, dass sie nichts dafür kann, dass ich den Weg der spießigen Kleidung einfach gehen musste.

Anfang der 80er Jahre wurde ich eingeschult und viele Frauen trugen in New York, Paris und London eigenwillige Kleidung. Das galt aber nicht für eine kleine Ortschaft in der Voreifel.

Meine Mutter ging zu dieser Zeit mit besonderer Vorliebe auf Flohmärkte und kaufte dort alte Kleider. Das kleine Ankleidezimmer war vollgestopft mit Kleidern aus den 30er, 40er und 50er Jahren.

Zugegebenermaßen waren sie rückblickend sehr schön und vor allem äußerst vorteilhaft geschnitten. Außerdem hatten sie einen sehr eigenen, schönen Duft, nicht nach Mottenkugeln oder muffig wie es heute in Second-Hand-Läden riecht, sondern eher wie ein sonnendurchfluteter frisch gebohnerter Hausflur.

Die Mütter meiner Freundinnen trugen Hosen und T-Shirts.

Ich habe meine Mutter nie in der Öffentlichkeit in Hosen gesehen, nur zu Hause trägt sie bei der Hausarbeit Leggings und T-Shirt. Ihr Kleiderschrank könnte es mit dem von Imelda Marcos aufnehmen, aber ich würde eines meiner Kinder darauf verwetten, dass niemand darin eine Jeans finden würde.

Wie dem auch sei, ich hätte es toll gefunden, wenn meine Mutter Jeans getragen hätte oder wenigstens einen BH unter dem Kleid.

Überhaupt Unterwäsche. Wenn meine Mutter uns besucht, legt sie immer unsere Wäsche zusammen. Zuweilen wasche ich vorher extra viel, weil sie die Sachen so ordentlich faltet und weil es für mich ein wenig wie Urlaub ist, wenn sie das übernimmt. Heimlich beobachte ich sie dann immer wie sie den Kopf schüttelt, wenn sie meine weißen Baumwollschlüpfer zusammenlegt.

Ich bin durchaus im Besitz schöner Unterwäsche, aber ich mag meine weißen, warmen, gut sitzenden Schlüppis. Mir wird es nie in den Kopf gehen, warum man sich freiwillig einen String kaufen kann. Würde man die Logik des Strings auf eine Brille anwenden, würden die Bügel so geformt sein, dass sie in die Ohrmuschel stechen.

Wenn meine Mutter also im Unterwäscheberg eine schwarze oder rote hübsche Unterhose entdeckt und feststellt, dass wenigstens meine BHs allgemeinen ästhetischen Standards entsprechen, merke ich immer wie sie tief durchatmet und etwas entspannt. Das ist dann immer der Moment in der ihre Hoffnung aufkeimt, dass ich doch einen modebewussten Kern haben könnte. Ich möchte ihr diese Illusion nur ungern nehmen.

Zum Ende meiner Grundschulzeit zogen wir ins Niederrheinische. In ein 1000-Seelendorf mit der letzten Tankstelle vor der holländischen Grenze. Meine Mutter organisierte den Umbau unseres Hauses und stellte sich den Nachbarn vor.

Zu diesem Zeitpunkt trug meine Mutter ihre Lockenpracht in gepflegtem Lila. Ferner war sie von den alten Kleidern umgestiegen auf enge Oberteile und exaltierte Röcke.

Die Nachbarn waren irritiert und pressten das was sie sahen in ihre Realität. So wurde sich im Dorf erzählt, dass der Herr Doktor seine Frau verlassen hätte und nun mit einem Punk ins neue Haus ziehen würde.

Bis dahin hatten meine Mutter und ich einen relativ entspannten Weg gefunden, unsere Kleidungsgeschmäcker miteinander zu verbinden. Bis in die Grundschule hinein nähte sie mir schöne altmodisch wirkende Kleider oder kaufte alte franzöische Leinennachthemden, die sie für mich kürzte. Ich sah also oft aus, wie aus einem impressionistischen Gemälde, fand das aber auch selbst sehr schön.

Natürlich trug ich auch Hosen und Shirts wie meine Freunde, nur bei Overalls (zu moppelig, also ich, nicht der Overall) und Clogs (zu gefährlich) legte sie ihr Veto ein.

Mit der Pubertät und dem ländlichen Umfeld wurde das immer schwerer. Auf dem Gymnasium trugen meine Freunde Markenklamotten von Mexx, Esprit und Benetton. Allein aus politischen Gründen – die großen Ketten machen die kleinen Läden kaputt – und weil die Klamotten spießig sind, wurde dort nicht eingekauft.

Glücklicherweise machte zu diesem Zeitpunkt eine der ersten Filialen von H&M in Köln auf. Ohne H&M wäre meine Pubertät die Hölle gewesen. Denn dort durfte ich einkaufen. Hier wurden politische Gründe ausgesetzt, denn H&M war günstig.

Wahrscheinlich aufgrund ihrer protestantischen Herkunft kann meine Mutter ihre Sammelwut für Kleidung nur in Verbindung mit einer ebenso großen Leidenschaft für Sonderangebote ausleben.

Zu meinem 12. Geburtstag schenkte mir meine Mutter endlich ein heißersehntes Bustier. Wahrscheinlich waren eher die Brüste heißersehnt aber so lange die auf sie warten ließen, musste halt ein Bustier her.

Das Bustier das ich auspackte, war lila und rosa gestreift. Dazu gab es eine passende Unterhose und eine passende Leggings.

Ich rang um Fassung und fragte meine Mutter, ob sie diesen Scheiß wieder im Ausverkauf gekauft hätte. Als sie bejahte, brach ich heulend zusammen. Noch heute kaufe ich sehr ungern Sonderangebote und nur die adrett herausgeputzten Outletcenter lassen auch mich auf Schnäppchenjagd gehen.

(Meiner Meinung nach war meine Mutter der Ausschlag dafür, dass sich nur 15 km vom Haus meiner Eltern entfernt, ein riesiges Outletcenter angesiedelt hat.)

Abgesehen von H&M nahm mich meine Mutter auch in ihre Läden mit. So kaufte ich unter anderem (mit 14 Jahren) in einem Geschäft ein, dessen Hauptkundschaft aus Prostituierten bestand. Ich fand dort – selbstverständlich heruntergesetzt – eine schöne Jeans und ein T-Shirt mit Pailetten.

Mit den Jahren änderte sich der Stil meiner Mutter leicht. Die Haare wurden Henna-Rot und die Kleidung “eleganter”. Für Außenstehenden sind das Feinheiten, für mich waren es Meilensteine. Langsam fand ich die Kleidung meiner Mutter besser.

Ich trug weiterhin gern Jeans und mein Taschengeld zu Benetton und Esprit. Meine Mutter hielt sich zurück, konnte aber manchmal nicht mit ansehen, dass ich meine hübsche jugendliche Figur mit unvorteilhafter Kleidung verschandelte.

Ab und an versuchte sie mir Kleider und Röcke schmackhaft zu machen. Dafür kaufte sie mir dann runtergesetzte Designerkleidung, die ich in meiner Markenaffinität nur schwer zurückweisen konnte. Der Versace-Rock war damit eine Win-Win-Situation für uns beide.

Oder sie jubelte mir Accessoires unter. Bei Schuhen, Taschen oder Schmuck werde ich hemmungslos. Da sind mir auch Farben wie Giftgrün oder Orange egal.

Aggressiv wurde ich nur, wenn meine Mutter anfing an mir rumzuzuppeln.

Meine Mutter liebt es, an ihrer Kleidung rumzumodulieren. Beherzt nimmt sie eine Schere, um sich den Ausschnitt zurecht zu schneiden. Die Füße der Strumpfhosen – gern grün, lila, wild gemustert, halt alles was der Wolford-Ausverkauf so hergibt – werden grundsätzlich abgeschnitten weil sie stören und die Strumpfhosen so länger halten.

Oder sie trägt mehrere Lagen Röcke, die sie dann, mittels komplexer Konstruktionen, auf verschiedenen Höhen rafft. Die Röcke von Cancan-Tänzerinnen sind dageben vorevolutionär.

Wenn sie an mir rumfingerte, um meine Kleidung auch zu raffen oder zu schneiden, habe ich mich auf den Boden geschmissen und so laut geschrien, bis mein sehr adrett und zurückhaltend gekleideter Vater oder mein ausgleichender Bruder mir zur Hilfe gekommen sind.

Zugegebernmaßen hat mir das Wissen meiner Mutter geholfen, wenn ich Karnevalskostüme für mich geschnitten, getackert und mit der Heißklebepistole bearbeitet habe.

Mit dem Auszug und dem Ende der Pubertät hatte sich meine Mutter möglicherweise erhofft, dass ich doch noch den Weg zu etwas extravaganterer Kleidung finde.

Mein Weg war ein anderer, ich zog nach Hamburg und falle dort allein schon dadurch auf, dass ich gelbe Schuhe, farbstarke Taschen und keine dunkelblauen engen Hosen trage.

Und ihr bleibt die Hoffnung auf die nächste Generation. Vielleicht kann sie in 13 Jahren die Kleider meiner Tochter raffen und sie zu gelb-grünen Leggings überreden.

Bis dahin hoffe ich, dass sie mir bald wieder ein schönes Paar Schuhe aus dem Ausverkauf mitbringt, gern von Prada oder Miu Miu.

11 Kommentare, 5 Tweets, sharen, 1 Plusone

  1. ******************KOMMENTAROMAT**********************
    Wen interessiert das?
    *****************/KOMMENTAROMAT**********************

  2. Mich interessiert das!!!! Das ist eine ganz tolle Mutter-Tochter-Kleider-Geschichte, und wunderbar erzählt.
    Man könnte direkt einen knallbunten Cartoon draus machen…..oder gleich einen Film…. oder am besten beides!
    So.

  3. Sehr schöne Betrachtung, musste ich doch an meine eigene Mutter denken, die allerdings eher konservativ in ihrem Forties-, Fifties- und Sixties-Geschmack war und ich das glatte Gegenteil. Deine Mutter kennt wahrscheinlich noch nicht Gudrun Sjödén, da gibt’s bunte, geschmackvolle Sachen im folklroristisch angehauchten Posthippie-Look. Schön bunt und sehr schöne Farben, Leggins und bequeme Schuhe inklusive. Da gibt’s auch Ausverkauf-Wochen, wo sie Schnäppchen machen kann.

    Guckst Du hier: http://www.gudrunsjoeden.de/Fruehling–40098d.html

    Grüße aus Hamburch!

  4. Pingback: Welche Blogs ich lese und warum: Stil wie in Mode | Journelle

  5. ich fands großartig zu lesen und hab stellenweise sehr mitgelitten :)….und beim lesen dachte ich so eigentlich war deine mutter ihrer zeit voraus….das klingt doch abolut nach der momentanen DIY, ich näh mir meine sachen selbst oder trage “vintage” bewegung………
    schöne grüße!

  6. Pingback: Biedermeier 2.0 | Journelle

  7. hab das grade meiner tochter vorgelesen und die hat sehr gelacht.ich auch.ich bin nämlich so eine mutter und das kind hat das grade bestätigt.ich hoffe übrigens auch auf die enkel…..

  8. Hallo Journelle.
    Wunderbar, ganz genial geschrieben.
    Vielen Dank fürs Teilen und Einblick haben lassen…
    LG lajulitschka

  9. Pingback: Der gemeinsame Nenner der Vielfalt | Journelle

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