Von verlorenen Fäden und guten Süchten

Während der frühen Adoleszenz verbrachte ich viel Zeit mit meiner Freundin Sonja. Sonja war buchsüchtig. Ich habe vorher aber auch seitdem keine Person kennengelernt, die so viele Bücher gelesen hat. Sie las eigentlich immer. Das machte mir nicht so viel aus, weil ich auch gern viel las und weil wir meisten bei ihr zu Hause waren.

Sie hatte nämlich drei Geschwister, zwei Katzen und auch die Haushälterin und die Mutter waren sehr nett. Regelmäßig kam Besuch und es gab viele Süßigkeiten. Wenn ich also nicht mehr lesen mochte, amüsierte ich mich andersweitig.

Unsere Freundschaft litt also nicht unter ihrer Buchsucht und auch die Eltern störten sich nicht allzu sehr daran, dass ihre Tochter am literarischen Tropf hing, solange sie beim Essen die Lektüre weglegte. War die Haushälterin da, durfte sie allerdings auch während des Essens lesen.

Ihre Lehrer waren natürlich auch sehr beeindruckt und soweit ich weiß – unser Kontakt verlor sich aus verschiedenen undramatischen Gründen in der späten Adoleszenz – machte sie einen guten Schulabschluss, lebte mehrere Jahre im Ausland und ist heute Ärztin und mehrfache Mutter.

Sonjas Buchsucht hatte also keinen negativen Einfluss auf ihr gesellschaftliches Leben.

Neulich saß ich – bekennend internetsüchtig – auf dem Spielplatz, die Kinder spielten ruhig und entspannt und ich nutzte die Zeit, um auf meinem Handy meiner neuesten Leidenschaft zu fröhnen und Quote.fm zu durchstöbern.

Es war unglaublich, welche bösen Blicke mich trafen. Hätte ich dort mit einem dicken russischen Roman gesessen, die Situation wäre eine andere gewesen aber so blickten mich die Mütter kopfschüttelnd an.

„Tz, diese Mütter, die immer auf ihren Smartphones rumspielen, dem Jugendamt sollte man das melden!“

Ich erwartete jeden Moment, dass mir jemand eine Plastikschaufel über den Kopf zieht.

Es wundert mich immer wieder, wie – besonders von Eltern – Medienkonsum je nach Medium ganz unterschiedlich bewertet wird. Und wenn es direkt ihre Kinder betrifft, würden sie am liebsten alles ab- und ausschalten. Lediglich bei Büchern bekommen sie einen verklärten Blick, wenn die Kleinen konzentriert Feuerwehr- oder Ponyliteratur studieren.

Auch ich glaube, dass es einen Unterschied gibt, ob man sein Kind stundenlang vor den Fernseher oder ein Tablet-PC setzt oder ob es sich mehrere Bücher anschaut oder diese vorgelesen bekommt.

Allen gemein aber ist, dass es sich um Medien handelt. Und Medien ermöglichen einem, sich in andere Welten zu begeben. Ich meine mit Welten nicht unbedingt Mittelerde, sondern einfach eine andere Perspektive als die eigene.

Diese kann man in „Sam der Feuerwehrmann“ genauso finden wie in der „Pipi Langstrumpf“, in Haruki Murakamis „Wilde Schafsjagd“, genauso wie im „Tatort“ oder einer animierten „Wimmelbuch-App“, auf einem Bild von Rembrandt genauso wie auf einem Foto von Robert Mapplethorpe, von den verschieden Online-Lebenswelten mal ganz abgesehen.

Erzählte Geschichten, Bilder, Bücher, Theater, Kinofilme, Fotografien, Radio, Fernsehen, Magazine, Blogs usw. funktionieren, weil es uns Spaß macht, uns darauf einzulassen und weil wir uns automatisch mental in die Situation begeben, uns für sie interessieren und mehr darüber erfahren/lernen möchten. Das ist eine großartige Fähigkeit und wir sollten dafür dankbar sein und sie sinnvoll nutzen anstatt uns über gute und schlechte Medien zu streiten.

Etwas unfreiwillig habe ich auch mit meinen Kindern experimentiert. Als ich anfing wieder zu arbeiten hatte ich anfangs – bis ich um 7 Uhr das Haus verließ – meine Ruhe. Während ich für die Familie das Frühstück machte, schaute ich das Morgenmagazin. Irgendwann fingen die Kinder an, mit mir aufzustehen. Ohnehin nicht ganz glücklich mit der Situation beschloss ich, nicht auch noch auf meine morgendliche Ration Nachrichten zu verzichten.

Meine Tochter interessiert sich grundsätzlich nicht für Fernsehen, aber mein Sohn fand das alles sehr spannend. Im Rahmen unseres gemeinsamen Fernsehens setzte er sich mit Themen auseinander, die sein Leben sonst weniger betreffen.

Er lernte, dass Schiffe umkippen können, weil sie sich durch Felsen ein Leck gerissen haben, er kennt sich nun hervorragend mit den europäischen Wetterströmungen aus und kann in Ansätzen erklären, was ein Tsunami und eine tektonische Platte ist. Ihm gehen morgens jedenfalls weder Fragen noch Gesprächthemen aus.

Medien sind nicht schlecht, verantwortlich ist man nur für ihre Nutzung. Und wenn Mediensucht bedeutet, dass ich mich für die Perspektive anderer Leute begeistere, dass ich Dinge außerhalb meines alltäglichen Radius kennenlerne, dann kann ich mir wesentlich Dramatischeres vorstellen.

Und wenn ich gedanklich nicht so abgedriftet wäre, stünde hier ein Blogeintrag über meine Begeisterung für Quote.fm.

6 Kommentare, twittern, sharen, plussen

  1. Die Ansichten bzgl. Medien kenne ich. Mir wird auch immer vorgeworfen, dass ich so lange im Internet bin, obwohl ich da hauptsächlich Nachrichten und interessante Blogeinträge zu allerlei für mich interessanten Themen. Aber mach dir nichts draus – Jeder verfällt mal einem Medium und wird süchtig und selbst Bücher sind nicht immer das Beste…
    und den Eintrag zu Quote.fm hätte ich auch gerne!
    Grüße,
    Shira

  2. Die Buchsucht war ja auch mal was ganz Böses, verdarb vor allem den jungen Frauen den Geist, die Träumerei und das Sich-Verlieren in Romanen war gesundheitsgefährdend, weckte unrealistische Erwartungen an die Ehe und so weiter und so fort.

    Ich warte also darauf, dass die Internetsucht den gleichen Weg geht wie die „Lesesucht“.

  3. Pingback: Link(s) vom 27. März 2012 » e13.de

  4. ich würde mich als ähnlich buchsüchtig beschreiben, wie deine schuldfreundin sonja. Ein familiennachmittag (wenn ich mal zuhause bin), sieht so aus, das oma, mutter, tochter einträchtig auf dem sofa hocken und lesen. ich lese beim laufen und warten, in ÖPNV, beim baden… überall. Daran hat sich noch nie einer gestört, tatsächlich wurde auf mich aufgepasst – tw. von wildfremden – die mich vor löchern in strassen und ähnlichem warnten und ein freundlich besorgtes, ich solle auf die strasse gucken, wenn ich sie überquere.

    lese ich auf meinem ipad sind diese reaktionen komplett anders: trotzdem ich jetzt ü30 bin, wurde ich mit „diese jugend heutzutage“-gerede gerade zu überschüttet. ob ich das nicht zu hause tun könnte, warum ich andere damit belästige (dabei macht mein ipad nicht ein geräusch) – sitzen diese und älteren generation (ab 30+) dann neben mir und sehen, dass ich lese und ja sogar „umblättern“ kann, wandelt sich dass dann wieder in – achtung überraschung- technikinteresse und lauter fragen, dass ich mich tw. schon belästigt fühle, weil eigentlich will ich ja lesen.

    es kommt nicht mal auf die tatsächliche tätigkeit an, es geht um den ruf – das Image des ganzen. und sobald es elektronisch ist, muss es schlecht sein, es sei denn, man kann es 1:1 auf etwas bekanntes mappen… und lesen wird i.wie nie kritisiert… eine merkwürdige tatsache… es sei denn man liest comics oder so.. dann i.wie doch…

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